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Samstag, 17. Juni 2023

Erich von Mendelssohn: Im Traume wandte sich mein Geist zurück. . .

 



Im Traume wandte sich mein Geist zurück,
Er sah und faßte tief, was längst vergangen,
Und alte Bilder, alte Worte klangen
Geheimnisvoll von längst versunknem Glück.

Dies schaute ich: ein weites Trümmerfeld
In einer klaren, reinen Winternacht,
Und über uns der Sterne Silberpracht
Mild lächelnd dieser wirren Klippenwelt.

An deiner Seite ging ich schweigend hin,
Dann blieb ich stehn und küßte dir dein Haar,
Dein stiller Zauber freute meinen Sinn.

Versunken ist die Zeit und jenes Land —
Ich weiß nicht, wo und wann es war,
Als wir so lange gingen Hand in Hand.

Aus: Erich von Mendelssohn Bilder und Farben, Privatdruck in 150 Exemplaren, erschienen Weihnachten 1911, geschrieben in den Jahren 1904-11

Erich von Mendelssohn, geboren am 18. Juli 1887 in Dorpat, war Schriftsteller, Dichter und Übersetzer, er übersetzte Werke vor allem aus dem Isländischen, Dänischen und Schwedischen. Befreundet war er mit den späteren Schriftstellern Bruno Frank und Wilhelm Speyer, als er im Landerziehungsheim Haubinda in Thüringen des Reformpädagogen Paul Geheeb Schüler war. Die Erlebnisse in Haubinda verarbeitete Mendelssohn in seinem 1913 geschriebenen letzten Roman „Nacht und Tag“.

Mit dem Jenaer Verleger Eugen Diederichs unternahm er im Juli–August 1910 eine zweite Islandreise, die offensichtlich Diederichs zur Veröffentlichung der Sammlung Thule (Thule – Altnordische Dichtung und Prosa) inspirierte, einer Buchreihe, die die nordischen Sagen und Mythen erstmals in deutscher Sprache publizierte. Von Mendelssohn trug zu dieser Reihe die 1912 im Band 13 veröffentlichten „Grönländer und Färinger Geschichten“ bei. 1913 veröffentlichte der Leipziger Insel-Verlag Mendelssohns „Die Saga vom Freysgoden Hrafnkel.“

Er starb am 17. Juni 1913 in Helsingör an einer Lungenentzündung.

Das Foto zeigt Erich von Mendelssohn 1909; Monacensia, Literaturarchiv und Bibliothek München

Montag, 17. Juli 2017

Erich von Mendelssohn: Die Nacht / An der Esja



Die Nacht

Im grenzenlosen, weiten Weltenäther —
Ganz unten, kaum erkennbar, eine kleine Kugel
Schwebt unsre Erde mit dem Mond —
In dunkelvioletter Ferne
Die Sterne, aneinander nur gefesselt
Durch feine, spinnwebgleiche Fäden —
Und eine Silberkugel sinkt
Mit leisem Leuchten langsam durch den Raum.
Berührt sie eine jener Saiten
Erklingt ein wundersamer Ton —


An der Esja

Und Nebelschleier zogen durch die Nacht –
Die Pferde gehen langsam ihren Gang –
Noch nicht am Ziel, wie ist der Weg so lang.
Kalt flackernd zeigt das Nordlicht seine Pracht.

Ein Lichtlein zeigt, daß dort ein Bauer wacht.
Sein Hof liegt traulich an dem Felsenhang.
Tief unter uns ein schrill zerrißner Klang:
Es ist das Meer, das einsam weint und lacht.

Wie lange werden wir noch weiter reiten
Auf schmalem Pfade in der großen Stille?
Erstorben ist in uns der eigne Wille,

Wir lassen unsre Pferde weiter schreiten
Und wiegen uns in gleichem Takt mit ihnen.
Sie müssen uns als kluge Führer dienen.

Erich von Mendelssohn, geboren am 18. Juli 1887 in Dorpat, war Schriftsteller, Dichter und Übersetzer, er übersetzte Werke vor allem aus dem Isländischen, Dänischen und Schwedischen. Er starb am 17. Juni 1913 in Helsingör an einer Lungenentzündung.