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Mittwoch, 22. Januar 2025

Else Lasker-Schüler: Ballade

 



Ballade

Aus dem Sauerländischen

Er hat sich in ein verteufeltes Weib vergafft.
    In sing Schwester!

Wie ein lauerndes Katzentier
kauerte sie vor einer Tür
    und leckte am Geld seiner Schwielen.

Im Wirtshaus bei wildem Zechgelag´
saß er und sie und zechten am Tag
    mit rohen Gesellen.

Und aus dem roten, lodernden Saft
stieg er, ein Riese, aus zwergenhaft
    verkümmerten Gesellen.

Und ihm war, als blickte er meilenweit,
und sie schlürfte den Wahn seiner Trunkenheit
    und lachte!

Und eine Krone von Felsgestein
von golddurchadertem Felsgestein,
    wuchs ihm aus seinem Kopf.

Und die Säufer kreischten über den Spaß:
„Gott verdamm mich, ich bin der Santanas!“
    Und der Wein sprühte Feuer der Hölle.

Und die Stürme brausten wie Weltuntergang,
und die Bäume brannten am Bergeshang,
    es sang die Blutschande. . .

Und sie holten ihn um die Dämmerzeit,
und die Gassenkinder schrie´n vor Freud´
    und bewarfen ihn mit Unrat.

Seitdem spukt es in dieser Nacht,
und Geister erscheinen in dieser Nacht,
    und die frommen Leute beten. -

Sie schmückte mit Trauer ihren Leib,
und der reiche Schankwirt nahm sie zum Weib,
    gelockt vom Sumpf ihrer Tränen.

- Und mit der schweren Rotsucht im Blut
wankt um die stöhnende Dämmerglut
    gespenstisch durch die Gassen,

wie leidender Frevel,
wie das frevelnde Leid,
    überaltert dem lässigen Leben.

Und er sieht die Weiber so eigen an,
und sie fürchten sich vor dem Stillen Mann
    mit dem Totenkopf.

Else Lasker-Schüler, geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld, gestorben am 22. 1. 1945 in Jerusalem, aus: Lieder aus dem Rinnstein, gesammelt von Hans Ostwald, Karl Henckell & Co, Berlin 1903

Das Bild ist von Ernst Stoehr (1860 - 1917)

Montag, 9. September 2024

Else Lasker-Schüler: Marianne von Werefkin

 



Marianne von Werefkin

Ihrem Santos

Marianne steht schon in den Morgenstunden,
Perlenborden grüngelbrote um den Hals gewunden
An dem Autokarren mit den anderen Kunden
Und kauft Kirschen, die ihr ganz besonders munden.

Marianne kleidet sich so ungezwungen
Und ihr Temperament macht Ehre allen Straßenjungen.
Doch auf ihres Herzens Balalaika,
Ist das süße Liebeslied noch nicht verklungen.

Mariannes heiße Bilder offenbaren
In der bunten Wildnatur die Tänze der Tartaren.
Zwischen Schellen in der Troika
Naht ein Brautpaar,
Das sich auf der Zauberleinwand „gerad´“ gefunden.

Else Lasker-Schüler (1869 - 1945), aus dem Nachlass

»Marianne von Wereffkin« (»Marianne steht schon in den Morgenstunden«) • Manuskript: The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive (Arc. Ms. Var. 501, 2:52). Das Gedicht ist im Spätsommer 1935 in Ascona entstanden.

Marianne von Werefkin, geboren am 10. September 1860 in Tula, Russisches Kaiserreich; gestorben am 6. Februar 1938 in Ascona, Schweiz), Malerin. Im Jahr 1907 entstanden ihre ersten expressionistischen Gemälde. Sie war Mitbegründerin der Neuen Künstlervereinigung München, der unter anderem auch Gabriele Münter, Wassily Kandinsky und Franz Marc angehörten, bevor sie den Blauen Reiter gründeten. 1814 musste sie als Russin in die Schweiz emigrieren. Dort beteiligte sie sich auch an den Aktionen des Cabaret Voltaire. 1918 zog sie nach Ascona, wo sie 1938 verstarb.

Es gibt noch ein zweites Gedicht mit dem Titel Marianne von Werefkin aus dem Nachlass von Else Lasker-Schüler, das anlässlich des Todes der Malerin geschrieben wurde:

Marianne von Werefkin

Der großen Malerin
„betet für sie“ . . . So stand es in der Traueranzeige.

Marianne spielt mit den Farben Rußlands malen:
Hellgrün, rosa, weiß;
Das Kobaltblau, ihr innigster Spielgefährte.

Marianne von Werefkin -
Ich nannte sie den adeligen Straßenjungen
Schon früher in der Russenstadt, im ganzen Umkreis
Den Streich gepachtet.

Ihren Vater, der Verweser Alexanders,
Trug sie im Medaillon um ihren Hals.
Marianne malte ihn - achtjährig war sie erst:
„Es fiel vom Himmel eine Meisterin.“

Goldene Saat wächst auf ihrer Landschaft,
Wenn gottgefällig sich ein Bauernvolk
Im Kreise um die reiche Ernte freut.
Man hört vom Turm Geläut, malte sie den Sonntag.

Mariannes Bilder sind Geschöpfe,
Sie atmen und voll Leben strömen sie.
Und wie ein Meer und wie ein Wald
Bergen sie auch tiefsten Frieden in sich.

Mariannens Seele und ihr unbändiges Herz
Spielen gern zusammen Freud und Leid.
Genau wie sie die Melancholie
Hinmalt in zwitschernden Farbentönen.

»Marianne von Wereffkin« (»Marianne spielt mit den Farben Rußlands malen«) • Typoskript: The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive (Arc. Ms. Var. 501, 2:67). Weiteres Typoskript: The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive (Arc. Ms. Var. 501, 2:68). Widmung: »Der heimgegangenen grossen Malerin zum Andenken.«

Das Bild ist ein Selbstportrait der Malerin, das 1910 entstanden ist.

Donnerstag, 2. November 2023

Georg Trakl: Im Winter, Else Lasker-Schüler: Georg Trakl

 



Im Winter

Der Acker leuchtet weiß und kalt.
Der Himmel ist einsam und ungeheuer.
Dohlen kreisen über dem Weiher
Und Jäger steigen nieder vom Wald.

Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt.
Ein Feuerschein huscht aus den Hütten.
Bisweilen schellt sehr fern ein Schlitten
Und langsam steigt der graue Mond.

Ein Wild verblutet sanft am Rain
Und Raben plätschern in blutigen Gossen.
Das Rohr bebt gelb und aufgeschossen.
Frost, Rauch, ein Schritt im leeren Hain.

Georg Trakl, aus: Gedichte, 1. Auflage, Kurt Wolff Verlag Leipzig, 1913

Am 3. Februar 1887 wurde Georg Trakl in Salzburg geboren, am 3. November 1914 starb der Dichter. Trakl wurde als Militärapotheker einberufen und begab sich angesichts der Gräuel, welcher er an der Front teilhaftig wurde, in den Freitod. Else Lasker–Schüler widmete ihm zwei Gedichte, eines davon:

Georg Trakl

Seine Augen standen ganz fern.
Er war als Knabe einmal schon im Himmel.

Darum kamen seine Worte hervor
Auf blauen und weißen Wolken.
Wir stritten über Religion,

Aber immer wie zwei Spielgefährten,

Und bereiteten Gott von Mund zu Mund.
Im Anfang war dass Wort.

Des Dichters Herz, eine feste Burg,
Seine Gedichte: Singende Thesen.

Er war wohl Martin Luther.

Seine dreifaltige Seele trug er in der Hand,
Als er in den heiligen Krieg zog.

- Dann wusste ich, er war gestorben -
Sein Schatten weilte unbegreiflich

Auf dem Abend meines Zimmers.

Else Lasker-Schüler, aus: Gesammelte Gedichte, Verlag der weißen Bücher, Leipzig 1917

Das zweite ist das kürzeste Werk, welches die Dichterin jemals schrieb: 

Georg Trakl

Georg Trakl erlag im Krieg von eigener Hand gefällt.
So einsam war er in der Welt. Ich hatt ihn lieb.

„Er ist der Schwermütigste von Allen. Auf jedem Vers, den er schrieb, liegt jene tiefste, hoffnungsloseste, süßeste Melancholie – jene Melancholie, die zu müde, zu schwer ist, um in eigenen Worten noch zu sprechen, die in Musik und in Farben zerfließt. Sein Lebenswerk, seine gesamte Dichtung ist eigentlich keine Kunst mehr. Es ist ein unterbrochenes, verworren-süßes Lied von seiner untröstbaren, von seiner tiefen, tiefen Schwermut. Die paar Dinge, die er lieb hatte auf Erden, kehren immer wieder in seiner Dichtung: die paar Farben – purpurn, braun, blau – die flötende Amsel, die schmale dunkeläugige Gestalt der Schwester, die er Karfreitagskind nannte, und das Süßeste von allen: die Knabengestalt mit den modenen Augen und der hyazinthenen Stimme – Elis.

. . .

Ein Orgelchoral erfüllte ihn mit Gottes Schauern. Aber in dunkler Höhle verbrachte er seine Tage, log und stahl und verbarg sich, ein flammender Wolf, vor dem Antlitz der Mutter. Mit purpurner Stirne ging er ins Moor, und Gottes Zorn züchtigte seine metallenen Schultern.

Wer solche Sätze schrieb, steht außerhalb.“

Aus: Klaus Mann - Über Georg Trakl, Weltbühne 2. Oktober 1924

Das Bild ist von Pekka Halonen (1895 - 1933)

Montag, 5. Juni 2023

Peter Baum: Die Rosen glühn / Weltfremd / Eiserne Brücken. . ., Else Lasker-Schüler: Peter Baum

 



Die Rosen glühn
                                                    
Die Rosen glühn so abendrot,
Die blauen Wipfel stehn geneigt
Vorm Hauch, der überm Dämmer geigt,
Die Rosen glühn so abendrot.

Dort, wo die Sonne niederging,
Noch ihre Totenfackel steht
Auf Gräsern, die der Wind zerweht,
Dort, wo die Sonne niederging.

Es schwebt ein schwarzer Schmetterling,
Wie eine Seele anzusehn,
Der möchte in die Fackel wehn,
Dort, wo die Sonne niederging.


Weltfremd

Tief ist die Sonne schon hinabgeloht.
Ein letztes Blinken überm Villendache!
Der Mond steht überm Sumpfe – scharlachrot,
Als stiege er aus einer blut’gen Lache.
Kein Windhauch geht, die Luft ist still und schwül,
Ein Nachen dämmert regungslos im Teiche.
Darüber schattet eine mächtige Eiche
Und spiegelt schwarz sich in dem Wasserpfühl.

Seltsame Stille! Als ein Kind ich war,
Nannt’ ich dich Heimat, und in Knabenjahren
Bin oft ich, wenn die Sonne müde war,
Im Abendglanze auf dem Teich gefahren;
Nun droht so geisterhaft mir tote Zeit,
Vergebens will ich altes Leben fassen –.
Nur mit dem Sphinxgesicht, dem toten, blassen,
Schaut kalt und fremd mich an die Einsamkeit.

Peter Baum, aus Gott - Und die Träume (1902) in Gesammelte Werke, Band 1, Ernst Rowohlt Verlag 1920

Eiserne Brücken, durch die Luft getragen,
Sind in der Nacht mit Lichtern ausgeschlagen.
Und der du Feind im fremden Graben stehst,
Im stillen Schnee in gleichen Träumen wehst.
Fremd zwischen Völkern, die sich mordend hassen,
Sind Menschen wir, die bei den Stirnen fassen.
Und über Schlangen, die die Tode schwingen,
Erhebt sich schweigend von uns gleiches Singen.

Peter Baum, aus: Schützengrabenverse. Verlag Der Sturm, Berlin 1916


Peter Baum

Er war des Tannenbaums Urenkel,
Unter dem die Herren zu Elberfeld Gericht hielten.

Und freute sich an jedes glitzernd Wort
Und ließ sich feierlich plündern.

Dann leuchteten die beiden Saphire
In seinem fürstlichen Gesicht.

Immer drängte ich, wenn ich krank lag,
„Peter Baum soll kommen!!“

Kam er, war Weihnachten –
Ein Honigkuchen wurde dann mein Herz.

Wie konnten wir uns freuen!
Beide ganz egal.

Und oft bewachte er
Im Sessel schmausend meinen Schlummer.

Rote und gelbe Cyllaxbonbons aß er so gern;
Oft eine ganze Schüssel leer.

Nun schlummert unser lieber Pitter
Schon ewige Nächte lang.

„Wenn ich Euch alle glücklich erst
Im Himmel hätte –“

Sagte einmal gläubig zu den Söhnen
Seine Mutter.

Nun ist der Peter fern bewahrt
Im Himmel.

Und um des Dichters Riesenleib auf dem Soldatenkirchhof
Wächst sanft die Erde pietätvoll.

Else Lasker-Schüler, aus: Gesammelte Gedichte, Verlag der weißen Blätter, Leipzig 1917

Peter Baum (* 30. September 1869 in Elberfeld; † 6. Juni 1916 bei Keckau/Riga)

In Berlin gehörte er von 1892 bis zur Auflösung des Dichtervereins 1898 dem „Tunnel über der Spree“ an. Seit 1898 stand Baum in Verbindung zum Autorenkreis um Peter Hille. Eine Freundschaft verband ihn mit Herwarth Walden, an dessen Zeitschrift „Der Sturm“ er mitwirkte. Baum war Mitglied der lebensreformerischen Vereinigung „Die Kommenden“ und stand der „Neuen Gemeinschaft“ nahe. Er galt als engster Vertrauter von Else Lasker-Schüler. Nach der Scheidung seiner ersten Ehe mit Johanna Mathilde Stivarius im Jahre 1913 war er mit der Künstlerin Jenny Boese verheiratet. Peter Baum, der sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges als Freiwilliger gemeldet hatte, „fiel“ 1916 im Baltikum.

In der Reihe Versensporn -  Heft für lyrische Reize, Edition Poesie schmeckt gut,  ist das Heft Nr. 15 dem Dichter gewidmet. 

Spuk

Und der Große im weißen Bart nimmt den Knaben auf seinen Schoß und lehrt ihn mit Namen nennen die Wunder der Luft – die Vögel, die dicht an den grauen Wolkenwäldern dahingleiten, und all die anderen Tiere, die man fängt und jagt. Und er lehrt ihn mit Namen nennen die Sträucher, die ihre Finger zusammenschließen, wenn ein Wind kommt und die Schmetterlinge, die morgens ihre Kelche ausbreiten, wie kleine auffliegende Himmel.

Und dann baut er dem Knaben noch eine Welt über dieser Erde auf – eine Welt, die aus Klängen und Buchstaben, über unsere Flüsse und Wälder hinweg – ein Riesenbau – in die Luft steigt.

Und Hans lernt und fasst mit seinem morgenjungen und doch geschlechteralten Hirn alles, was ihm verwandt ist und lässt alles Fremde wieder fortfliegen, wie Vögel aus der flachen Hand.

Manchmal sieht ihn der Alte bekümmert an: Wir sind altes Geschlecht. Wir mögen uns nicht mehr mühen. – – –

Hans wird das ganze Leben – die Wälder, Felsen, Flüsse und Kinder – zum Märchen, er selbst zum Zauberer.

Aus: Peter Baum: Spuk. Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Berlin 1905

Montag, 22. Mai 2023

Max Herrmann-Neiße: Schweigen mit Dir

 



Schweigen mit Dir

Schweigen mit Dir: das ist ein schönes Schwingen
Von Engelsfittichen und Gottes Kleid
Und süß. Unsagbar sanftes Geigenklingen
Verweht von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Schweigen mit Dir: das ist verschwistert Schweifen
Auf weißen Wegen und geliebtem Pfad
Und Fühlen, wie sich Blut zu Blute reifen
Und ranken will aus segensreicher Saat.

Schweigen mit Dir: das ist der Schwalben Schwirren
Um abendliche Türme sonnensatt
Und wonnig-wissen, wenn wir uns verirren,
Uns blüht gemeinsam doch die Ruhestatt.

Schweigen mit Dir: das ist aus Schwachsein Schwellen
Zu immer größrer Fülle, Form und Frucht,
Ist Wärme von Kaminen, Hut in hellen,
Verstohlnen Stuben, Bad in blauer Bucht.

Schweigen mit Dir: so sicher singt das Sehnen
Von Seele sich zu Seele wunderbar -
Ich weiß mein Haupt in deinem Schoße lehnen
Und deine Hände streicheln hold mein Haar!

Max Herrmann-Neisse, aus: Die weißen Blätter, Juli 1915

Max Herrmann-Neiße, geboren am 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; gestorben am 8. April 1941 in London, Deutscher Dichter, von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben, in dem er 1941, wurzellos, starb.

„Er ist der grüne Heinrich, und alle glauben es, wenn ich das sage. »O ja, er ist der grüne Heinrich.« Seine Augen sind grün, sein Haar ein geschorener grüner Wiesenfleck; seine Eidechsennase – immer schlängelt sie sich. Und sein grüner Primanermund schwellt noch an vor Erwartung. Und seine Seele ist grün und tief, ein heller Schilfteich, man kann daraus Schachtelhalme, Leuchtkäfer, Jesusblumen und gesprenkelte Blätter fürs Herbarium sammeln. In seinem Dachzimmer, ich nehme an, er wohnt mit seinem Lenlein schräg unterm Hutrand des Hauses, leben sicher viel Kreaturen in Gläsern, Kröten, Fische, Quabben – und in Spiritus die Paradiesschlange zu sehen! Und noch lauter Großknabendinge. Lenlein, die Grünheinrichfrau ist eigentlich ein Heiligenmädchen, betet den grünen Heinrich an. Der ist ganz klein, trägt einen Hügel auf dem Rücken, so daß man ihn erst, wenn man mit ihm reden will, besteigen muß und es viel schwieriger fällt, zu ihm zu gelangen wie zu Menschen, die alltäglich in die Höhe, manche nach unten, aufgeschossen sind. Grünheinrichs Mutter hat gerne Märchen gelesen, und ihr Sohn kam in ihrer Traumwelt zur Welt; ihre Augen mögen wie bei Kindern groß geglänzt haben, als auf einmal der grüne Heinrich in ihren Händen lag mit einem Stern in der Schläfe, wie ihn nur Dichtern von Gott selbst verliehen wird. Der grüne Heinrich ist ein Dichter, und seine Gedichte sind große pietätvolle Wanduhren, schlagen herrlich, wenn er sie vorträgt.“

Else Lasker-Schüler (1869 - 1945) über Max Herrmann-Neiße, aus: Essays, verlegt bei Paul Cassierer, Berlin 1920

Das Foto des Dichters ist von dem Fotografen Max Glauer (1867 - 1935)

Freitag, 19. Mai 2023

Else Lasker-Schüler: Fritz Lederer

 

Fritz Lederer: Frühstückspause, Aquarell


Fritz Lederer

Man braucht nicht erst ins Riesengebirge reisen -
Neuschnee zu sehen;
Fritz Lederer malt ihn auf jedem Bilde.

Er ist der Sohn Rübezahls
Aus Stein und Bergklee gestaltet.

Man muß sich schon warm anziehn,
Gefütterte Schuhe nicht vergessen,
Wenn man in sein Atelier steigt;

Und nicht frieren will beim Betrachten
Seiner schneienden Landschaften
In hölzernen Rahmen.

Lederers Schöpfung - jede - eine weiße Welt!

Wenn man den Maler schon von ferne sieht
Weiß man, der kann was.

Denn nur vom Wesen künstlerischer Reinheit
Fällt so weiße Seele.

Er läßt sie glitzern, zaubert Sonnenröte,
Und goldendunkeln, still bedacht,
Vom Mond.

Er malt und schminkt nicht
Er zeichnet leuchtendweiß und hinkt nicht
Und macht nicht Moden auf der Leinwand mit.

Kunst ist eine Welt aus Blut.
Und keine Bühne, auf der man sich versucht.
Die Kunst ist Gottes und nicht degenerierbar.

Und es weißzeugen von der echten Pracht
Die wundervollen Schneegefilde
Unsers jungen Rübezahls:
Fritz Lederers.

Else Lasker-Schüler (1869 - 1945), aus dem Nachlass


Fritz Lederer, geboren am 22. April 1878 in Königsberg an der Eger, Österreich-Ungarn; gestorben am 19. Mai 1949 in Cheb, Tschechoslowakei) war Landschaftsmaler, Radierer und Holzschneider. Seit 1908 lebte er in Berlin.1919 radierte er „Die Krone des Malik“ für Else Lasker-Schülers Malik. Auch war er bei vielen Filmen von 1920 bis 1924 als Filmarchitekt tätig.

Selbstbildnis 1911


Fritz Lederer beteiligte sich an mehreren Ausstellungen, bis er 1938 nach Prag emigrierte, wo er seine letzten Aquarelle malte. Am 18. August 1944 wurde er mit dem Transport F23 in das Ghetto Theresienstadt verbracht. Er überlebte dies dank seiner Frau im schweizerischen Exil.

1946 erschien als erste Veröffentlichung der Kynsperg Press in einer Auflage von fünfzig Stück eine Serie von 24 Blättern unter dem Titel „The Eruw of Theresienstadt“ (Der Eruv von Theresienstadt). Davon einige Beispiel unten. In den letzten Lebensjahren war Lederer infolge des grünen Stars am Schaffen gehindert. Er starb nach einer Operation am 19. Mai 1949 in Cheb.








Samstag, 4. März 2023

Rudolf Leonhard: Die Landschaft des Malers Franz Marc / Else Lasker-Schüler: Franz Marc

 



Die Landschaft des Malers Franz Marc

Wie treib ich unbehelligt von den Schweren
sinkender Nacht, und schweige! Ich empfinde
den weichen Fernendruck der neuen Winde:
an Ufern brüllt es auf aus niedern braunen Herden.

Aus schwarz von Rauch umstobenen Bahnhöfen,
erhellt als schon das Tor des Paradieses,
erstehn zu Wolken, stoßen, schreien Möwen.
Ich zittre vor dem Huschen eines Wiesels -

Zu Ungeheuern ausgeweitet, bauen Arbeitskähne
die Horizonte meines Kupferbootes.
Dicht schließt die Luft, nur Schatten sind die Schwäne,
blau im Gesang des Friedens und des weiten Todes.

Was jagt vorbei: flammendes Pferd? gefleckter
       Schatten eines Hundes?
Süße Erinnerung des Tages und vergeßnen Lasters -
da überweht die Muskeln meines Mundes
Geruch der Tiefe, fauliger Hauch des Wassers.

Entrückt der Zeit, zerstoben schon die Stunden
schwerfarbig hin. Und aber kommt gewohntes
Anschaun blutender Nacht im Licht des schweren Mondes.

Rudolf Leonhard, geboren am 27. Oktober 1889 in Lissa, gestorben am 19. Dezember 1953 in Ostberlin, aus: Die weißen Blätter, Februar 1916, einen Monat vor dem Tod von Franz Marc

Franz Marc

Der blaue Reiter ist gefallen, ein Großbiblischer, an dem der Duft Edens hing. Über die Landschaft warf er einen blauen Schatten. Er war der, welcher die Tiere noch reden hörte; und er verklärte ihre unverstandenen Seelen. Immer erinnerte mich der blaue Reiter aus dem Kriege daran: es genügt nicht alleine, zu den Menschen gütig zu sein und was du namentlich an den Pferden, da sie unbeschreiblich auf dem Schlachtfeld leiden müssen, gutes tust, tust du mir.

Er ist gefallen. Seinen Riesenkörper tragen große Engel zu Gott, der hält seine blaue Seele, eine leuchtende Fahne, in seiner Hand. Ich denke an eine Geschichte im Talmud, die mir ein Priester erzählte: wie Gott mit den Menschen vor dem zerstörten Tempel stand und weinte. Denn wo der blaue Reiter ging, schenkte er Himmel. So viele Vögel fliegen durch die Nacht, sie können noch Wind und Atem spielen, aber wir wissen nichts mehr hier unten davon, wir können uns nur noch zerhacken oder gleichgültig aneinander vorbeigehen. In dieser Nüchternheit erhebt sich drohend eine unermeßliche Blutmühle, und wir Völker alle werden bald zermahlen sein. Schreiten immerfort über wartende Erde. Der blaue Reiter ist angelangt; er war noch zu jung zu sterben.

Else Lasker Schüler (1869 - 1945), aus: Franz Marc, in Gesammelte Gedichte, Verlag der weißen Bücher, Leipzig 1917

Franz Marc, geboren am 8. Februar 1880 in München; „gefallen“ am 4. März 1916 in Braquis bei Verdun, Frankreich. Er gilt als einer der bedeutendsten Maler des Expressionismus in Deutschland. Neben Wassily Kandinsky war er Mitbegründer der Redaktionsgemeinschaft Der Blaue Reiter, die am 18. Dezember 1911 ihre erste Ausstellung in München eröffnete.

Das Bild: Franz Marc, 
Tierschicksale (Die Bäume zeigten ihre Ringe, die Tiere ihre Adern), 1913

Freitag, 10. Februar 2023

Else Lasker-Schüler: Es rauscht durch unseren Schlaf. . .

 



Es rauscht durch unseren Schlaf
Ein feines Wehen wie Seide,
Wie pochendes Erblühen
Über uns beide.

Und ich werde heimwärts
Von deinen Armen getragen,
durch verzauberte Märchen,
durch verschüttete Sagen.

Und mein Dornenlächeln spielt
Mit deinen urtiefen Zügen,
Und es kommen die Erden
Sich an uns zu schmiegen.

Es rauscht durch unseren Schlaf
Ein feines Wehen wie Seide -
Der weltalte Traum
Segnet uns beide.

Else Lasker Schüler (geboren am 11. 2. 1869, gestorben am 22. 1. 1945), aus: Der siebente Tag, Gedichte von Else Lasker-Schüler, Verlag des Vereins für Kunst, Berlin 1905. Das Foto zeigt die Dichterin im Jahre 1907.

Dienstag, 24. Januar 2023

Paul Zech - Oh wundersame Zeit. . . / Der Tag / Else Lasker-Schüler: Paul Zech

 



Oh wundersame Zeit des Lichtgeschehens!
Der Wald ganz tief in Silberblau getaucht.
Und märchenseltsam, so wie hingehaucht
Im Zwielichtschein des leisen Nachtverwehens.

Wie Rätsel stehn die stumpfbeglänzten Bäume.
Der Weg fast wesenlos du ohne Ziel.
Und durch das vage Blätterschattenspiel
Flutet der Duftstrom blauer Veilchenträume.

Wie bist du keusch, o Wald, im Morgenfrieden.
Noch nie betretne Pfade geht mein Fuß.
Ich fühle mich ganz erdenabgeschieden.

Und Winde reden auf mich ein wie Geigen.
Und wie von Mädchenlippen einen Kuß,
So schlürf ich in mich Licht und Duft und Schweigen.

Paul Zech, die beiden ersten Gedichte von sechs aus seinem ersten veröffentlichten Gedichtband „Waldpastelle“, Lyrisches Flugblatt, Verlag A. R. Meyer, Berlin 1910

Der Tag

Die Nacht lang standen beide Fenster auf. . .
Es weht mich an, ich muß die Lider heben -:
schon wieder bin ich einem Tag gegeben,
an ein Erleben unbefragt verkauft.

Es greift ein Strahl, es langt ein Baum nach mir,
in meinem Ohr versammelt sich die Straße
und um den Körper spannen sich die Maße
des Anzugs; angezogen stürzt das Tier

zurück auf alle Viere. Losgelassen!
Und doch auf einen Pfeifenschrei dressiert,
ummauert von dem herrischen Geviert

der Stadt mit täglich durchmarschierten Gassen.
Die Pfeife gellt -; Fabrik wird Wolke, Bach und Wald,
und noch dein Herz zum Fluch geballt.

Paul Zech, aus: Der feurige Busch, Musarion Verlag München, 1919

Paul Zech, geboren am 19. Februar 1881 in Briesen (Westpreußen), gestorben am 7. September 1946 in Buenos Aires, bevor er aus dem Exil nach Deutschland zurück kehren konnte. Ab 1904 veröffentlichte er Gedichte in lokalen Zeitschriften, 1909 trat er in Briefkontakt mit Else Lasker-Schüler. Durch sie wurden ihm Publikationsmöglichkeiten in der von Else Lasker-Schülers Ehemann Herwarth Walden herausgegebener Zeitschrift Der Sturm eröffnet. 1912 konnte er Gedichte in der ersten lyrischen Anthologie „Der Kondor“, heraus gegeben von Kurt Hiller, unterbringen. Erfolgreich wurde er mit einem Band Nachdichtungen: „Die Balladen und lasterhaften Lieder des Herrn Francois Villon“. 1933 emigrierte er nach Argentinien, wo er am 7. September 1946 in Buenos Aires verstarb.

Paul Zech

Sing Groatvatter woar dat verwunschene Bäuerlein
Aus Grimm sinne Märchens.

Der Enkelsonn ist ein Dichter.
Paul Zech schreibt mit der Axt seine Verse.
Man kann sie in die Hand nehmen,

So hart sind die.
Sein Vers wird zum Geschick
Und zum murrenden Volk.

Er läßt Qualm durch sein Herz dringen;
Ein düsterer Beter.

Aber seine Kristallaugen blicken
Unzählige Male den Morgen der Welt.

Else Lasker-Schüler (1869 - 1945), aus: Gesammelte Gedichte, Verlag der Weißen Bücher, Leipzig 1917

Das Bild ist von der am 17. Februar 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch.

Paul Leppin: Feier / Else Lasker-Schüler: Der alte Tempel in Prag / Otto Pick: Paul Leppin

 


Feier

Im Garten meiner Seele
Da ist es wunderbar,
Da gehn meine weißen Träume
Mit Chrysanthemen im Haar.

Im Garten meiner Seele
Da singen sie märchentief
Von der großen Sehnsucht der Liebe,
Die jahrelang in mir schlief.

Und leise wandelt der Abend
Wie eine verwunschene Frau
Mit großen, verträumten Augen -
Die Fernen leuchten blau. -

Durch's stille Land geht leise
Die Liebe und winkt mit der Hand,
Sie trägt einen goldenen Gürtel
Wie flammenden Sonnenbrand. -

In mir ist ein heiliges Singen,
Es tönt tief wundersam
Von der großen Sehnsucht der Seele,
Von der Liebe, die endlich kam. -

Paul Leppin (Geboren am 27. 11. 1878 in Prag, gestorben ebenda am 10. 4. 1945), aus: Glocken die im Dunkeln rufen Gedichte, Schafstein & Co. Verlag in Köln 1903

Paul Leppin entstammte ärmlichen Verhältnissen. Zwar besuchte er das Gymnasium bis zur Matura, war danach jedoch gezwungen, eine Stelle bei der Prager Post- und Telegrafendirektion anzunehmen. Er war bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung im Jahre 1928 als Beamter tätig. Neben dieser bürgerlichen Existenz begann er früh mit dem Schreiben. Um die Jahrhundertwende galt Leppin, der u. a. mit Victor Hadwiger, Gustav Meyrink, Richard Dehmel und Else Lasker-Schüler befreundet war, als einer der Protagonisten der literarischen Bewegung „Jung-Prag“ und pflegte auch enge Beziehungen zu tschechischen Autoren. Nach dem deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei im Jahre 1939 wurde er von der Gestapo verhaftet und erlitt nach der Freilassung einen Schlaganfall. (Wiki)

Der alte Tempel in Prag

(Paul Leppin, dem Dichter, gewidmet.)

Tausend Jahre zählt der alte Tempel schon in Prag,
Staubfällig und ergraut ist längst sein Ruhetag,
Und die alten Väter schlossen seine Gitter.

Ihre Söhne ziehen nun in die Schlacht.
Der zerborstene Synagogenstern erwacht
Und er segnet seine jungen Judenritter.

Wie ein Glückstern über Böhmens Judenstadt,
Ganz aus Gold wie nur der Himmel Sterne hat:
Hinter seinem Glanze beten wieder Mütter.

Else Lasker-Schüler (1869 - 1945)

Paul Leppin

Einsam, hager, vorgebeugt
Geht der Dichter durch die Straßen
Seiner Stadt, die sonder Maßen
Von der Macht der Träume zeugt.

Träumer sehn sie unberührt,
Ahnung überlebt das Neue,
Dieses Dichters Traumestreue
Ward vom Wandel nicht verführt.

Troubadour des alten Prag,
Das wir fürder lieben sollen,
Preist er aus dem übervollen
Sehnsuchtsherzen Traum und Tag.

Otto Pick (1887 - 1940)

Paul Leppin, der Leidende, auch physisch von einer in jener Zeit unheilbaren Krankheit Verzehrte, der von Grund aus Unheimliche, hatte doch auch eine gesellige Seite in seiner Natur, etwas geheimnisvoll Clowneskes, ja Koboldhaftes. Wie Wedekind spielte er die Laute und sang dazu die von ihm selbst gedichteten, boshaften und gar nicht salonfähigen Bänkellieder. Im Kreis des „Vereins bildender Künstler” blieb keiner verschont. [...] Ich sehe Leppin noch, süffisant lächelnd, im Lehnstuhl sitzen, das bebänderte Instrument vor sich. Ich höre seine heisere Stimme, die fast tonlos war - ein zerbrochener Scherben.

Max Brod (1884 - 1968), in Prager Kreis, 1966

Samstag, 10. Dezember 2022

Senna Hoy: Ich traure. . . / Luzifer

 



Senna Hoy, (eigentlich Johannes Holzmann; geboren 30. Oktober 1882 in Tuchel; gestorben 28. April 1914 in Meschtscherskoje bei Moskau) Anarchist und Schriftsteller.

Senna Hoy entstammte einer wohlhabenden jüdischen Familie; sein Vater war Lehrer. Als Jugendlicher bewegte er sich im Umkreis der Theosophischen Gesellschaft und der SPD, brach jedoch spätestens 1902 mit diesen Strömungen. Er nahm das Pseudonym Senna Hoy an (von Else Lasker-Schüler als Ananym aus seinem Vornamen gebildet) und gründete 1904 – gefördert und mitfinanziert durch seinen Freund Otto Buek – die anarchistische Zeitschrift Kampf. In ihr setzte er sich nicht nur für eine Vielzahl tagespolitischer Themen ein, sondern trat auch ein für die Abschaffung des Paragrafen 175 und damit für die Legalisierung der Homosexualität ein. Er war Mitbegründer des Bundes für Menschenrechte und bis 1905 dessen Präsident.

Wichtige Mitarbeiter von Der Kampf waren unter anderen Else Lasker-Schüler, Erich Mühsam, Franz Pfemfert; Herwarth Walden und Paul Scheerbart. 1905 wurde die Zeitschrift verboten, worauf Senna Hoy in die Schweiz ging, wo er an der Zeitschrift Der Weckruf mitarbeitete. 1906 wurde er in Zürich verhaftet. 1907 ging er nach Russland, um dort politisch zu wirken, wurde jedoch schon im selben Jahr dort inhaftiert und zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Pfemfert, Lasker-Schüler und andere setzten sich erfolglos für seine Freilassung ein. Er starb 31-jährig am 28. April 1914 in der Irrenabteilung des Gefängnisses Meschtscherskoje bei Moskau. (Wiki)

Ich traure (Moskau 1914), aus: Das Aktionsbuch, Berlin 1917

Luzifer aus: Ohne Herrschaft, Literarisches Beiblatt des ‚Wohlstand für Alle‘, März 1914



Else Lasker-Schüler (1869  -  1945), aus dem Nachlass


Montag, 7. Februar 2022

Else Lasker-Schüler: Weltende

 


Else Lasker-Schüler (1869  -  1945), aus: Der Siebente Tag, Gedichte, Verlag des Vereins für Kunst, Berlin-Charlottenburg 1905   

Das Bild ist von Mikalojus Konstantinas Čiurlionis (1875  -  1911)

Else Lasker-Schüler: Dann

 

 

 

Else Lasker-Schüler (1869  -  1945), aus: Gesammelte Gedichte, 1917.

Herwarth Walden begann eine Reihe von Vertonungen der zeitgenössischen Lyrik mit den drei Gedichten Dann, Vergeltung und Verdammnis von Else Lasker-Schüler. Aus der musikalisch-literarischen Zusammenarbeit wurde 1903 eine fruchtbare, wenn auch nicht unkomplizierte Künstlerehe. Else Lasker-Schüler war auch die Erfinderin des Künstlernamens Herwarth Walden, wobei wohl der amerikanische Anarchist und Kulturkritiker Henry Thoreau (Concord 1817–1862) Pate gestanden hat, dessen Buch „Walden oder das Leben in Wäldern“ damals weltweit großen Einfluss auf das kapitalismuskritische Denken hatte und um 1900 erstmals in deutscher Übersetzung erschienen war. 

Das Bild ist von Odilon Redon (1840  -  1916)

Hier eine Aufnahme der Vertonung des Gedichtes mit SaeJoung Choi, Sopran und  Ingo Dannhorn, Klavier:

Herwarth Walden: Erlöst

 


Herwarth Walden, aus: Der Sturm, Jahrgang 14, Nr. 6, 1. Juni 1923

Herwarth Walden (eigentlich Georg Lewin; geboren am 16. September 1878 in Berlin; gestorben  am 31. Oktober 1941 bei Saratow) war ein deutscher Schriftsteller, Verleger, Galerist, Musiker und Komponist. Walden war einer der wichtigsten Förderer der deutschen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts Er gründete 1910 die Zeitschrift Der Sturm, die bis 1932 bestand. Ab 1912 betrieb er die Sturm-Galerie; unter seiner Leitung fand 1913 die Ausstellung des Ersten Deutschen Herbstsalons in Berlin statt. 

Am 30. November 1903 heirateten Georg Lewin und Else Lasker-Schüler. Die Ehe wurde 1912 geschieden. Auf Anregung von Else Lasker-Schülers wählte Lewin „Herwarth Walden“ als Pseudonym, in Anlehnung an Henry Thoreaus Roman Walden; or, Life in the Woods (1854).

Angesichts des aufziehenden Nationalsozialismus verließ er mit der Übersetzerin Ellen Bork im Jahr 1932 Deutschland und ging nach Moskau, wo sie heirateten. Er arbeitete dort als Lehrer und Publizist. Seine Sympathien für die Avantgarde weckten allerdings im Stalinismus schnell das Misstrauen der sowjetischen Regierung. 1933 kam die Tochter Sina Walden zur Welt.

1941 wurde Walden inhaftiert. Seine Frau und Tochter suchten Zuflucht bei der deutschen Botschaft und kehrten anschließend nach Berlin zurück. Walden starb am 31. Oktober des Jahres 1941 in einem sowjetischen Gefängnis bei Saratow. Die Feststellung seines Todeszeitpunktes erhielt Sina Walden erst 1966 nach einem Besuch in Moskau

Das Bild ist von Umberto Boccioni (1882  -  1916)


 

Sonntag, 6. Februar 2022

Else Lasker-Schüler: Versöhnung / Nachklänge, Marie Holzer: Else Lasker-Schüler als Gast in Prag

 


Else Lasker-Schüler (1869  -  1945), aus: Hebräische Balladen Zweite vermehrte Auflage A. R. Meyer Verlag Berlin-Wilmersdorf 1914


 

Else Lasker-Schüler als Gast in Prag

Gedämpft brennen die Lampen in dem wunderheimlichen schmalen Saal mit den weissen Stühlen, den vielen Nischen, in denen weiche Kanapes die Wand entlang lehnen, den geschliffenen Spiegeln in der Holzverkleidung und den interessanten Bildern eines jungen Prager Malers. Das blaue Licht der Luster steht auf Halbmast. Fahl ist es im Raum, wie wenn die Helle langsam sterben wollte. Nur auf dem Podium grelles Licht.

Man steht in Gruppen umher und plaudert. Viel junge Leute sind da. Studenten, denen ungestüme Jugend und Ideale, nach denen man sich heiss läuft, aus den Augen leuchten. Ein paar Leute, denen Vorträge hören Sport bedeutet. Literaten der neuesten Strömungen. Die alte Schule streikt offensichtlich. Der Gegenwart, dem tanzenden Jubeln des Jungseins, dem Rhythmus der neuen Zeit verschliesst sie Herz und Ohr. Wenigstens soweit es Verse sind, die anders klingen, anderes zu sagen wissen als noch vor wenigen Jahren. Sie bleiben zu Hause. Was ficht die Zeit sie an! Das Genie ist ewig und zeitlos, und das Talent lebt ein kurzes Leben. 

Damen in kleinen und noch kleineren Hüten. Mit einem ahnungsvollen Verstehen manche, voll Neugierde andere auf die Frau, der man nachsagt, dass sie Pfadfinderin sei auf Wegen, die bis heute der Mann allein gegangen, von der man die drolligsten oder besser tollsten Dinge zu erzählen weiss, und die sogar am Tage des Vortrages mit der Polizei ein kleines Recontre gehabt. (Sie sang den Mond an und die Sterne, spät nachts im Angesicht der alten ehrwürdigen Niklaskirche. Stellte sich in eine Nische, in der sonst nur Heilige stehen. Aber ihre tiefempfundene Andacht und ihrer Seele warmer Glaube hat keinen Passierschein auf Erden. Wenigstens keinen im Angesicht des Gotteshauses, im Angesicht der strahlenden Augen, die er hinabsendet zu den Menschen. Denn die Andacht hat ihre ganz bestimmten Formeln und Vorschriften, ganz so wie die Verse eigentlich, wenn es mit rechten Dingen zuginge in dieser Welt.)

Halb neun schlägt es, aber noch immer liegt sie im Künstlerzimmer auf der Ottomane und mag nicht kommen. Blättert in den Gedichtbänden. Schwankt. Weiss nicht was die wählen soll. Die Freunde machen Vorschläge. Das Publikum klatscht. Und endlich kommt sie herein. In einem Kleid, das des Himmels Blau trägt und zeitlos ist.

Wie ein trotziger Knabe steht sie oben. Hinter dem Pult. Nur den Kopf sieht man und den schlanken Hals. Die kurzen braunen Locken der Pagenfrisur rahmen ein merkwürdig interessantes Gesicht ein. Das einer russischen Nihilistin gehören kann. Oder einem Propheten. Noch eine kurze Pause – dann beginnt sie zu lesen. Mit halbem Mund, die eine Seite ist bewegungslos. Und mit jedem Wort baut sie eine neue Welt auf, gibt den Bildern, die im Lesen manchmal unklar grau erschienen, Helle und Leuchtkraft, gibt ihnen Leuchtkraft, gibt ihnen Tiefe. Gibt ihnen Klang und Farbe.

Aus ihrem Peter Hille-Buch liest sie Skizzen, die uns in eine fremde Welt führen, in einen weiten Schacht wo dunkle Quellen rauschend singen. Liest aus den »Hebräischen Balladen« und die halbvergessenen Legenden stehen auf in dunkelsatter Farbenpracht. Dann lässt sie einen Fakir seine Sprüche sagen, wie ein Lied singt sie sie hinaus in den Saal, mit tönender Stimme. Und der Stein am Finger, der die Farbe wechselt mit dem Himmel, scheint zu sprühen, färbt sich purpurn, wie die Stadt, von der sie erzählt, im Blute schwimmt.

Atemlos horchen alle. Wie unter einem Bann. Die Augen ihrer jungen Freunde- und Bewundererschar brennen ihr entgegen. Demut und Verehrung liegt in ihnen. Verehrung für die Frau, der sich der Stolz zugesellt, zu ihr aufsehen zu dürfen. Ihr zu folgen auf den dunklen Wegen ihrer Phantasie, der sie als Flamme ihr zuckendes Herz voranträgt.

Und spät, spät nachts durch meine Träume schon, zittern noch ihre verzweifelt-jubelnden Worte: tanze, meine späte Liebe, tanze! durch alle meine Nerven.

Marie Holzer (Prag), aus: Die Aktion. Jg. 3, Nr. 21 vom 21. Mai 1913.

Else Lasker-Schüler hatte am 5. April 1913 in Prag auf Einladung des »Klubs deutscher Künstlerinnen« gelesen.

Marie Holzer (geb. Rosenzweig; geboren am 11. Januar 1874 in Czernowitz; gestorben am  5. Juni 1924 in Innsbruck), Schriftstellerin und Publizistin. Sie war mit dem Armeeoffizier Josef Holzer verheiratet, mit dem sie zunächst in Prag, später in Innsbruck lebte, wo sie sich für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs engagierte. Nach einer langjährigen gewalttätigen Ehe wurde Marie Holzer von ihrem Ehemann ermordet.

Nachtrag: „Und spät, spät nachts durch meine Träume schon, zittern noch ihre verzweifelt-jubelnden Worte: tanze, meine späte Liebe, tanze! durch alle meine Nerven.“, die Worte, mit denen Marie Holzer ihren Bericht enden lässt, sind aus folgendem Gedicht:

 


(. . . und wieder packt mich Traurigkeit: Ich wollte. einfach aus Neugierde, wissen, wer Helene Herrmann war,  „die ewige Studentin“. Sie war Lehrerin und Literaturwissenschaftlerin, geboren 9. 4. 1877 in Berlin, ermordet am 10. Juli 1944 in den Gaskammern von Auschwitz Birkenau. Wie oft stoße ich bei meinen Recherchen über die Dichterinnen und Dichter der Zeit von 1895 bis 1945 auf solche und ähnliche Aussagen)

Das Bild ist von Franz von Stuck (1863  -  1928)

Samstag, 22. Januar 2022

Else Lasker-Schüler: Melodie

 


Else Lasker-Schüler (geboren am 11. Februar 1869, gestorben am 22. Januar 1945 in Jerusalem), aus: Styx, Berlin 1902

Das Bild zeigt das Deckblatt für Die gesammelten Gedichte, Verlag der Weißen Bücher, Berlin 1917

Freitag, 21. Januar 2022