Else
Lasker-Schüler (1869 - 1945), aus: Hebräische
Balladen Zweite vermehrte Auflage A. R. Meyer Verlag Berlin-Wilmersdorf 1914
Else
Lasker-Schüler als Gast in Prag
Gedämpft
brennen die Lampen in dem wunderheimlichen schmalen Saal mit den weissen
Stühlen, den vielen Nischen, in denen weiche Kanapes die Wand entlang lehnen,
den geschliffenen Spiegeln in der Holzverkleidung und den interessanten Bildern
eines jungen Prager Malers. Das blaue Licht der Luster steht auf Halbmast. Fahl
ist es im Raum, wie wenn die Helle langsam sterben wollte. Nur auf dem Podium
grelles Licht.
Man steht
in Gruppen umher und plaudert. Viel junge Leute sind da. Studenten, denen
ungestüme Jugend und Ideale, nach denen man sich heiss läuft, aus den Augen
leuchten. Ein paar Leute, denen Vorträge hören Sport bedeutet. Literaten der
neuesten Strömungen. Die alte Schule streikt offensichtlich. Der Gegenwart, dem
tanzenden Jubeln des Jungseins, dem Rhythmus der neuen Zeit verschliesst sie
Herz und Ohr. Wenigstens soweit es Verse sind, die anders klingen, anderes zu
sagen wissen als noch vor wenigen Jahren. Sie bleiben zu Hause. Was ficht die
Zeit sie an! Das Genie ist ewig und zeitlos, und das Talent lebt ein kurzes
Leben.
Damen in
kleinen und noch kleineren Hüten. Mit einem ahnungsvollen Verstehen manche,
voll Neugierde andere auf die Frau, der man nachsagt, dass sie Pfadfinderin sei
auf Wegen, die bis heute der Mann allein gegangen, von der man die drolligsten
oder besser tollsten Dinge zu erzählen weiss, und die sogar am Tage des
Vortrages mit der Polizei ein kleines Recontre gehabt. (Sie sang den Mond an und
die Sterne, spät nachts im Angesicht der alten ehrwürdigen Niklaskirche.
Stellte sich in eine Nische, in der sonst nur Heilige stehen. Aber ihre
tiefempfundene Andacht und ihrer Seele warmer Glaube hat keinen Passierschein
auf Erden. Wenigstens keinen im Angesicht des Gotteshauses, im Angesicht der
strahlenden Augen, die er hinabsendet zu den Menschen. Denn die Andacht hat
ihre ganz bestimmten Formeln und Vorschriften, ganz so wie die Verse
eigentlich, wenn es mit rechten Dingen zuginge in dieser Welt.)
Halb neun
schlägt es, aber noch immer liegt sie im Künstlerzimmer auf der Ottomane und
mag nicht kommen. Blättert in den Gedichtbänden. Schwankt. Weiss nicht was die
wählen soll. Die Freunde machen Vorschläge. Das Publikum klatscht. Und endlich
kommt sie herein. In einem Kleid, das des Himmels Blau trägt und zeitlos ist.
Wie ein
trotziger Knabe steht sie oben. Hinter dem Pult. Nur den Kopf sieht man und den
schlanken Hals. Die kurzen braunen Locken der Pagenfrisur rahmen ein merkwürdig
interessantes Gesicht ein. Das einer russischen Nihilistin gehören kann. Oder
einem Propheten. Noch eine kurze Pause – dann beginnt sie zu lesen. Mit halbem
Mund, die eine Seite ist bewegungslos. Und mit jedem Wort baut sie eine neue
Welt auf, gibt den Bildern, die im Lesen manchmal unklar grau erschienen, Helle
und Leuchtkraft, gibt ihnen Leuchtkraft, gibt ihnen Tiefe. Gibt ihnen Klang und
Farbe.
Aus ihrem
Peter Hille-Buch liest sie Skizzen, die uns in eine fremde Welt führen, in
einen weiten Schacht wo dunkle Quellen rauschend singen. Liest aus den
»Hebräischen Balladen« und die halbvergessenen Legenden stehen auf in
dunkelsatter Farbenpracht. Dann lässt sie einen Fakir seine Sprüche sagen, wie
ein Lied singt sie sie hinaus in den Saal, mit tönender Stimme. Und der Stein am
Finger, der die Farbe wechselt mit dem Himmel, scheint zu sprühen, färbt sich
purpurn, wie die Stadt, von der sie erzählt, im Blute schwimmt.
Atemlos
horchen alle. Wie unter einem Bann. Die Augen ihrer jungen Freunde- und
Bewundererschar brennen ihr entgegen. Demut und Verehrung liegt in ihnen.
Verehrung für die Frau, der sich der Stolz zugesellt, zu ihr aufsehen zu
dürfen. Ihr zu folgen auf den dunklen Wegen ihrer Phantasie, der sie als Flamme
ihr zuckendes Herz voranträgt.
Und spät,
spät nachts durch meine Träume schon, zittern noch ihre verzweifelt-jubelnden
Worte: tanze, meine späte Liebe, tanze! durch alle meine Nerven.
Marie
Holzer (Prag), aus: Die
Aktion. Jg. 3, Nr. 21 vom 21. Mai 1913.
Else
Lasker-Schüler hatte am 5. April 1913 in Prag auf Einladung des »Klubs
deutscher Künstlerinnen« gelesen.
Marie
Holzer (geb. Rosenzweig; geboren am 11.
Januar 1874 in Czernowitz; gestorben am 5.
Juni 1924 in Innsbruck), Schriftstellerin und Publizistin. Sie
war mit dem Armeeoffizier Josef Holzer verheiratet, mit dem sie zunächst in
Prag, später in Innsbruck lebte, wo sie sich für die Sozialdemokratische
Arbeiterpartei Österreichs engagierte. Nach einer langjährigen gewalttätigen
Ehe wurde Marie Holzer von ihrem Ehemann ermordet.
Nachtrag: „Und spät, spät nachts durch meine Träume
schon, zittern noch ihre verzweifelt-jubelnden Worte: tanze, meine späte Liebe,
tanze! durch alle meine Nerven.“, die Worte, mit denen Marie Holzer ihren
Bericht enden lässt, sind aus folgendem Gedicht:
(. . . und
wieder packt mich Traurigkeit: Ich wollte. einfach aus Neugierde, wissen, wer
Helene Herrmann war, „die ewige
Studentin“. Sie war Lehrerin und Literaturwissenschaftlerin, geboren 9. 4. 1877
in Berlin, ermordet am 10. Juli 1944 in den Gaskammern von Auschwitz Birkenau.
Wie oft stoße ich bei meinen Recherchen über die Dichterinnen und Dichter der
Zeit von 1895 bis 1945 auf solche und ähnliche Aussagen)
Das Bild
ist von Franz von Stuck (1863 - 1928)