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Donnerstag, 5. September 2024

Ingeborg Lacour-Torrup: Nacht deckt die Erde

 



Nacht deckt die Erde

Kühne Berge kannten hart den Himmel
Tiefversunken talt das fromme Land
Meere schlagen wolkenhoch
Die Sterne wandern fern überhimmelfern vorüber

Mut steilt die Sehnsucht hoch und starrt beklommen
Ein blasser Kindertraum ruht tief vergessen
Wundweh zerschluchzt die Klage
Herz
Wir Armen
Die Zeiten wandern überhimmelfern vorüber.

*

Schmiegt die weiche Nacht in meine Hände
Lächelt Dunkel Sternendämmerauge
Blüht die weiche Nacht in meinen Händen
Duftet
Blüht
Dunkle Blüten schwebt die Nacht
Ich - sinke
Blüten senden dunkle Blicke
Decken mich
Ich sinke
Blüten steigen sternehoch
Ich
Ruhe
Fern
Versunken


Ingeborg Lacour-Torrup, aus: Der Sturm, Jahrgang 15, Nr. 3, September 1924

Ingeborg Torrup (oder Lacour-Torrup) war eine dänischstämmige Autorin, Schauspielerin und Tänzerin - in den frühen und mittleren 20er Jahren Mitarbeiterin an Herwarth Waldens Zeitschrift Der Sturm. Sie schreibt ihre Gedichte auf Deutsch. Über ihre Lebensdaten ist wenig bekannt. Sie wanderte in den Zwanzigerjahren wohl in die USA aus.

Ingeborg Torrup kehrt nach einem Deutschland-Aufenthalt, sie gastierte unter anderem am 3. 2. 1922 im Blüthnersaal in Berlin, im Sommer 1923 in die USA zurück, nach San Francisco. Dort arbeitet sie als Schauspielerin und Tänzerin. Später ist sie in New York ansässig. Bei ihrer Rückkehr 1923 gibt sie auf den Passagierlisten ihr Alter mit 24 an. Danach wäre sie 1899 geboren. 1929 hat sie in New York als Mitglied der Truppe von Walter Hampden versucht, sich das Leben zu nehmen. Walter Hampden (1879 - 1955) war ein bekannter Broadway-Schauspieler, zeitweise führte er mit dem Colonial Theatre sein eigenes Theater, das zwischen 1925 und 1931 auch nach ihm als Walter Hampden Theatre benannt war.

Auf einer Seite des Philadelphia Inquirer vom 23.5.1922 heißt es: Ingeborg Lacour-Torrup, Danish classical dancer, now appearing in Berlin, has been engaged to appear in this country.

Es sind auch Gedichte von ihr zu finden in: Hartmut Vollmer, "In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu Tod", Lyrik expressionistischer Dichterinnen, Herausgegeben von Hartmut Vollmer, Arche Verlag Zürich 1993

Das Bild ist von Emily Carr (1871 - 1945)

Sonntag, 17. Dezember 2023

Wilhelm Runge: Lieder

 



Lieder

Deine Augen ruhen auf mir
kaum kann ich sie tragen
Frieden
schenke deinen Händen
sie erheben sich bei deinen Worten
demütig
ein betend Volk
Wein
bis du in allen Adern
trunken finden die Gedanken nicht
herzaus herzein
tasten alle hin an deiner Stimme
den verwirrten Weg
entlanggeführt.

* * *

Nicht mehr wandern darf ich durch dein Antlitz
plötzlich falle ich in deiner Augen
tiefe Schlucht
alle Berge schlagen über mir zusammen
mit den Wellen deines Haars
wirf des Lachens Rettungsring
ganz dünn
ist meine Stimme
und wird zerreißen
meinen Wurzeln schließt die Hand dein Felsen
und des Auges Rose liegt gebrochen
du bist blauer Himmel
ich die Wolke
die sich fest an deinen Nacken klammert
sich nicht halten kann
und tausendfingrig
regenschreckt erdhin
den Wiesengrund
und dort hinsinkt himmellosgelöst auf ihr weiches Knie

* * *

Garnicht aufstehn mögen meine Augen
denn der Weg, den sie einst gingen
steht jetzt voller Widersprüche
Haben sie sich kaum erhoben
schlägt sie schon ein neu Geschehen
wie mit Ruten nieder.
Darum weichen sie hin nach der Heimat
allen fremden Worten aus
werden tief wie je ein Brunnen
und Erinnerung zerreißt den Spiegel
Tage tauchen auf
ganz maidurchdrungen
Primeln läuten durch das Wiesengrün
und das Flattern bunter Pfauenaugen
Blumen finden nicht mehr ihren Duft
ganz versunken in dem Rausch der Farben
Zweige zwitschern
grünhin summt das Gras
eine Spinne spinnt feinwunderwas
und die Bäume
schäkern mit den Tauben.

* * *

Eis den Weg entlang
knisternde Seide
sehnsuchtsvogelflüchtig
wangenheiß
jagt das Blut pulslang bis in die Sterne
Scholl' um Scholle
treibend Eis
Tannenwälder duften hoch
die Worte fallen
leishin wie Zapfen
moosgedämpft
und tief waldinnen
Kinderlacht das Herz
im Krippenschoß
wenn durch der Adern Zweige
wieder loht die Weihnachtszeit.

Wilhelm Runge, aus: Der Sturm, Nummer 21 - 22, 1 Februar 1916

Wilhelm Runge, geboren am 13.6.1894 Rützen/Schlesien, am 22.3.1918 bei Arras „gefallen“. In Schlesien aufgewachsen, ging Wilhelm Runge 1914 als Kriegsfreiwilliger an die Front. Vor Ypern wurde er im Nov. 1914 verwundet, 1915 kam er nach Berlin u. studierte Medizin. Dort schloss er sich dem »Sturm«- Kreis um Herwarth Walden an. Besonders eng befreundete er sich mit Georg Muche, damals Lehrer an der Kunstschule des »Sturm«, und dessen Braut Sophie van Leer. Im »Sturm« erschien fast seine gesamte Lyrik. Anlässlich seines frühen Todes schrieben Franz Richard Behrens, Kurt Heynicke u. Walter Mehring poetische Nachrufe; Muche widmete ihm ein Ölgemälde zum Gedächtnis. Das einzige Buch, der Gedichtband Das Denken träumt (Berlin 1918), wurde von Wilhelm Runge noch im Feld korrigiert, aber erst nach seinem Tod veröffentlicht.

Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)

Montag, 13. November 2023

Sophie van Leer, Wilhelm Runge: Lieder

 



Lieder

I

In meinem Blut
tanzt
Du

Säule
trägst Du mich
Wellen schlägst Du um mich her
Mantel aus Meer

Nacht singt Du
Traum träumt Du
Sinn sinnt Du
Fern
Du


II

In meine Schultern hülle ich Dich
und trage Dich zu mir

Ich wiege Dich im Kahne meines Bluts
und pflanze hoch die Wälder meiner Glieder
um Dich
ich bette Dich
in das rausche Gestrüpp meiner Locken


III

Wunde mich nicht
wende Dich nicht
weile
wölbe Dein Lauschen

Bieg Deine Glieder
beuge Dein Lächeln

Neige die Wange
in meinen Schoß

lausch meiner Sehnsucht
Rausche Rausche

Sophie van Leer, aus: Der Sturm, Nummer 2, 15. Mai 1916


Lieder

Undurchdringlich
ist mein Gedenken
wie eine Mauer
um dich her
ich bin
eine Brücke der Sehnsucht
über die Weiten
zu dir hin
darüber eilt mein banger Atem
der nur von deiner Liebe lebt
und meine Tränen fallen dir
zu Füßen


* * *

Deine Augen ruhen auf mir
kaum kann ich sie tragen
Frieden
schenke deinen Händen
sie erheben sich bei deinen Worten
demütig
ein betend Volk
Wein
bis du in allen Adern
trunken finden die Gedanken nicht
herzaus herzein
tasten alle hin an deiner Stimme
den verwirrten Weg
entlanggeführt.

Wilhelm Runge, aus: Der Sturm, Nummer 21 - 22, 1 Februar 1916

Sophie van Leer, geboren am 3. Februar 1892 in Amsterdam; gestorben am 3. Juni 1953 ebenda, Lyrikerin, 1915 ging sie dann nach Berlin, wo sie sich der Gruppe um Herwarth Walden anschloss. In deren Zeitschrift Der Sturm erschienen in den folgenden Jahren zahlreiche Lyrik- und Prosabeiträge van Leers. 1915 lernte sie bei einer Ausstellung den Maler Georg Muche kennen, in den sie sich stürmisch verliebte und mit dem sie sich verlobte. Die Beziehung zerbrach 1918. Gleichzeitig bestand allerdings eine Beziehung zu dem jungen Dichter Wilhelm Runge, der als Soldat an der Westfront kämpfte, und mit dem sie einen ausgedehnten Briefwechsel führte, der 2011 publiziert wurde. Während der Novemberrevolution wurde Sophie van Leer in München verhaftet und zum Tode verurteilt, kam aber einen Tag später bereits frei. Einem während der Inhaftierung abgelegten Gelübde folgend konvertierte sie zum Katholizismus und nahm dabei die Vornamen Francisca Maria an. (Wiki)

Wilhelm Runge, geboren am 13.6.1894 Rützen/Schlesien, am 22.3.1918 bei Arras „gefallen“. In Schlesien aufgewachsen, ging Wilhelm Runge 1914 als Kriegsfreiwilliger an die Front. Vor Ypern wurde er im Nov. 1914 verwundet, 1915 kam er nach Berlin u. studierte Medizin. Dort schloss er sich dem »Sturm«- Kreis um Herwarth Walden an. Besonders eng befreundete er sich mit Georg Muche, damals Lehrer an der Kunstschule des »Sturm«, und dessen Braut Sophie van Leer. Im »Sturm« erschien fast seine gesamte Lyrik. Anlässlich seines frühen Todes schrieben Franz Richard Behrens, Kurt Heynicke u. Walter Mehring poetische Nachrufe; Muche widmete ihm ein Ölgemälde zum Gedächtnis. Das einzige Buch, der Gedichtband Das Denken träumt (Berlin 1918), wurde von Wilhelm Runge noch im Feld korrigiert, aber erst nach seinem Tod veröffentlicht.

Das Bild ist von Otto Mueller (1874 - 1930)

Samstag, 28. Oktober 2023

Manfred Adam: Späte Oktobernacht

 



Späte Oktobernacht

Schließlich verlöschen die Straßenflammen,
Die noch vom letzten Abend stammen,
Und eine Stille wird ringsherum,
Als wären tausend Seelen beisammen
Und unterhielten sich stumm.

Aber der Mond mit unversehrten,
Ängstigend Überriesen Gestalt
Dringt noch, langsam, doch ohne Halt,
Und pflanzt auf den kahlen, kalten Asphalt
Fabelhafte Gärten.

Manfred Adam, aus: Der Sturm, Januar 1913

Das Bild ist von Jezef Pankiewicz (1866 - 1940)

Dienstag, 17. Oktober 2023

Arthur Kronfeld: Five 0´clock / Der Verlorene / Bekannte / Frühling

 



Five o´clock

Im braunen Lederzimmer Kirchenstühle,
Lastend, hager, violett gebeizte. . .
Fraisefarbnen Sammet strahlt der matt geheizte
Kamin, Reflexe zittern auf der Diele -

Wie deutsch ich mich in diesen Wänden fühle!
Ein Sentiment, das sonst zum Lächeln reizte,
Umhüllt mich: Der noch nie mit Pointen geizte,
Wird wohlig-bourgeois, streckt sich auf dem Pfühle

Des mütterlichen Sofas, ahnt den Segen
Von Häuslichkeit, Beruf und Kapital.
Die Paradoxe zaudern; halb verlegen

Nimmt er den Tee und fühlt durchaus sozial
Und spricht von Botticelli und vom Regen -
Und spürt die ewigen Werte der Moral.

Arthur Kronfeld, aus: Die Aktion, Nr. 9, 17. April 1911


Der Verlorene

Er taucht in Nacht. Die rotgeschwellten Lider
Schließen sich halb; fahl ist sein Blick und fern.
Fremdrot, verblutet, hohl erloschner Stern.
Ein Zucken kriecht ihn durch die müden Glieder.

„Lass mich. . . Und ruf Gestorbnes mir nicht wieder.“
Doch ich: „So treibt aus dem verdorrten Kern
Kein Same mehr? Opferst denn du dich gern
Zufriednem Hohn der Knirpse? - Er sieht nieder:

„Nein. . . Aber flutwärts treibt mein welkes Boot
Vor sattem Wind des Spottes, der nicht denkt.“
- „Doch di bist´s, dem im Watt die Leuchte loht!

Sei du es, der mit eignem Nerv es lenkt,
Lachend der Schäume, die umsonst gedroht!“
- Da weint er, zag und tot und grabversenkt. . .

Aus: Die Aktion, Nr. 13, 15. Mai 1911


Bekannte

Der fettig Lächelnde aus Oesterreich
Reicht zu jovialem Gruße mir die Hand.
Franziska lehnt zerrissen an der Wand ;
Hassblitzend mustert sie und geil und bleich
Mich und den fettigen Herrn aus Oesterreich.
Er stellt uns beide vor, und formgewandt
Verzieht er sich. Ich bin korrekt-galant,
Sie fassungslos. Ich werde plötzlich weich
Und sage leise: Zartes junges Tier,
Hast Du denn Angst? und Ekel?
Zieht Dich nicht 
Unter der Schwelle rassig fahle Gier
Dennoch hinüber in das heiße Licht?
Du schriebst mir . . . und doch Ekel? und vor mir ? —-
Sie senkt die Lider. Und ich schweige schlicht.

Aus: Der Sturm, Nummer 61, 29. April 1911


Frühling

Dick und sprachlos stehn zwei gelbe Rinder
Auf der grünen Wiese, wie zwei Flecke.
Hinter rosaweiß punktierter Hecke
Orgelt stramm, in schmutzigem Zylinder,
Ein Soldat gewesener Binder.
Und sein Rhesusfreund in greller Decke
Denkt zerfurcht dem ärgerlichen Zwecke
Dieses Orgelns nach und lockt die Kinder.
Alle stehn sie, rot und ungewaschen,
Glotzend, aufgeplustert, wie die Kröten;
Eins wagt nach dem Tierchen zag zu haschen.
Fette Töne purzeln, kollern, flöten?
Und ein milder Herr greift in die Taschen,
Interesselos, doch mit Erröten.

Aus: Der Sturm, Nummer 65, 10. Juni 1911

Arthur Kronfeld, geboren am 9. Januar 1886 in Berlin; gestorben am 16. Oktober 1941 in Moskau) war ein deutsch-russischer Psychotherapeut, Psychologe, Sexualwissenschaftler und Wissenschaftstheoretiker, sowie darüber hinaus auch politisch engagiert. Er war philosophisch geschult und hatte künstlerische Neigungen, war doppelt promoviert und wirkte zuletzt als Professor an der Charité der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin sowie im Moskauer Exil am „Neuropsychiatrischen Forschungsinstitut der UdSSR Pjotr B. Gannuschkin“, dem heutigen „Forschungsinstitut für Psychiatrie“. Dort nahm er sich, als der Einmarsch der deutschen Truppen drohte, unter ungeklärten Umständen zusammen mit seiner Frau Lydia das Leben.

Das Foto zeigt Arthur Kronfeld 1919

Freitag, 1. September 2023

August Stramm: Siede / Traum / Die Sterne klagen. . . / Kriegsgrab

 



Siede

Meine Schwäche hält sich mühsam
An den eigenen Händen
Mit meinen Kräften
Spielen deine Knöchel
Fangeball!
In deinem Schreiten knistert
Hin
Mein Denken
Und
Dir im Abgrund
Stirbt
Mein letztes Will!
Dein Hauch zerweht mich
Schreivoll in Verlangen
Kühl
Kränzt dein Tändeln
In das Haar
Sich
Lächelnd
Meine Qual!


Traum

Durch die Büsche winden Sterne
Augen tauchen blaken sinken
Flüstern plätschert
Blüten gehren
Dürfen spritzen
Schauer stürzen
Winde schnellen prellen schwellen
Tücher reißen
Fallen schrickt in tiefe Nacht

Aus: August Stramm „Du - Liebesgedichte“, Verlag Der Sturm, Berlin 1922


Die Sterne klagen
Der Windhauch raunt
Woher? Wohin?
Du du? Ich Du?

Aus: Die Haidebraut, Verlag Der Sturm, Berlin 1914


Kriegsgrab

Stäbe flehen kreuze Arme
Schrift zagt blasses Unbekannt
Blumen frechen Staube schüchtern
Flimmer
tränet
glast
Vergessen.

Aus: Der Sturm, Nr. 11/12, 1. u. 2. Septemberheft 1915

Am 1. September 1915 fiel der Dichter August Stramm beim Angriff auf russische Stellungen bei Horodec, heute Weißrussland. Geboren am 28. Juli 1874 in Münster, war er wegweisender Dichter und Dramatiker des Expressionismus durch damals unerhört neue Sprachexperimente. Einer der vielen Dichter der expressionistischen Generation, die aus diesem sinnlosen Krieg nicht zurück kamen.

Das Foto zeigt den Dichter 1915

Samstag, 5. August 2023

Isidor Quartner: Fülle

 



Fülle

Braun von Sonne
Füllt reifer Weizen meine hohle Hand.

Da mein Mund nun spricht,
Schaut alle Gottheit unter Bäumen
Und lächelt über das Leben.

Gottheit, die Hände beugend im Schoße:
Das ist die Fülle.
Aber die Menschen sind Speicher.

Du Kind mit der kleinen Garbe im Arme:
Wenn die Gottheit schaut,
Werden schwer die Ähren,
Des irdischen Blicke sind Schnitter und Erntewagen.

Du Kind mit der kleinen Garbe im Arme:
Krüge süßen Methes voll
Sind die dunklen Wolken
Hinter den goldenen Feldern.

Oh du Kind mit der kleinen Garbe im Arme!
Deine Augen sind groß:
Es blüht in ihnen ein lichtes Land mit silbernen Strömen,
An denen du ganz einsam sitzest und spielst.

Des Nachts,
Wenn die Sterne, Singende, wandeln die weiße Straße:
Manch einer stürzt da im rauschenden Korn
Und wird auf der Erde geboren.

Dann sitzest du, Kind, mit der kleinen Garbe im Arme,
In deinem nachtblauen Lande an silbernen Strömen
Und lächelst über das Leben.

Isidor Quartner, geboren 1891, „gefallen“ September 1915, aus: Der Sturm, Jahrgang 7, Nr 3, 15 Juni 1916

Das Bild ist von Vincent van Gogh (1853 - 1890)

Samstag, 15. Juli 2023

Wilhelm Runge: Abendlied


 

Abendlied

Ihre goldnen Harfensaiten
zieht die Sonne
leise aus dem Vogellied
und sie hält dann
mit der Hand der Wälder
ihr verträumtes Auge zu
wenn der Tag steht grün
im Bett der Felder
in die sternbesäte Ruh

Wilhelm Runge, aus: Der Sturm, Nummer 1, 15. April 1916

Wilhelm Runge, geboren am 13.6.1894 Rützen/Schlesien, am 22.3.1918 bei Arras „gefallen“. In Schlesien aufgewachsen, ging Wilhelm Runge 1914 als Kriegsfreiwilliger an die Front. Vor Ypern wurde er im Nov. 1914 verwundet, 1915 kam er nach Berlin u. studierte Medizin. Dort schloss er sich dem »Sturm«- Kreis um Herwarth Walden an. Besonders eng befreundete er sich mit Georg Muche, damals Lehrer an der Kunstschule des »Sturm«, und dessen Braut Sophie van Leer. Im »Sturm« erschien fast seine gesamte Lyrik. Anlässlich seines frühen Todes schrieben Franz Richard Behrens, Kurt Heynicke u. Walter Mehring poetische Nachrufe; Muche widmete ihm ein Ölgemälde zum Gedächtnis. Das einzige Buch, der Gedichtband Das Denken träumt (Berlin 1918), wurde von Wilhelm Runge noch im Feld korrigiert, aber erst nach seinem Tod veröffentlicht.

Das Bild ist von Joan Brull i Vinyoles (1863 - 1912)

Montag, 5. Juni 2023

Peter Baum: Die Rosen glühn / Weltfremd / Eiserne Brücken. . ., Else Lasker-Schüler: Peter Baum

 



Die Rosen glühn
                                                    
Die Rosen glühn so abendrot,
Die blauen Wipfel stehn geneigt
Vorm Hauch, der überm Dämmer geigt,
Die Rosen glühn so abendrot.

Dort, wo die Sonne niederging,
Noch ihre Totenfackel steht
Auf Gräsern, die der Wind zerweht,
Dort, wo die Sonne niederging.

Es schwebt ein schwarzer Schmetterling,
Wie eine Seele anzusehn,
Der möchte in die Fackel wehn,
Dort, wo die Sonne niederging.


Weltfremd

Tief ist die Sonne schon hinabgeloht.
Ein letztes Blinken überm Villendache!
Der Mond steht überm Sumpfe – scharlachrot,
Als stiege er aus einer blut’gen Lache.
Kein Windhauch geht, die Luft ist still und schwül,
Ein Nachen dämmert regungslos im Teiche.
Darüber schattet eine mächtige Eiche
Und spiegelt schwarz sich in dem Wasserpfühl.

Seltsame Stille! Als ein Kind ich war,
Nannt’ ich dich Heimat, und in Knabenjahren
Bin oft ich, wenn die Sonne müde war,
Im Abendglanze auf dem Teich gefahren;
Nun droht so geisterhaft mir tote Zeit,
Vergebens will ich altes Leben fassen –.
Nur mit dem Sphinxgesicht, dem toten, blassen,
Schaut kalt und fremd mich an die Einsamkeit.

Peter Baum, aus Gott - Und die Träume (1902) in Gesammelte Werke, Band 1, Ernst Rowohlt Verlag 1920

Eiserne Brücken, durch die Luft getragen,
Sind in der Nacht mit Lichtern ausgeschlagen.
Und der du Feind im fremden Graben stehst,
Im stillen Schnee in gleichen Träumen wehst.
Fremd zwischen Völkern, die sich mordend hassen,
Sind Menschen wir, die bei den Stirnen fassen.
Und über Schlangen, die die Tode schwingen,
Erhebt sich schweigend von uns gleiches Singen.

Peter Baum, aus: Schützengrabenverse. Verlag Der Sturm, Berlin 1916


Peter Baum

Er war des Tannenbaums Urenkel,
Unter dem die Herren zu Elberfeld Gericht hielten.

Und freute sich an jedes glitzernd Wort
Und ließ sich feierlich plündern.

Dann leuchteten die beiden Saphire
In seinem fürstlichen Gesicht.

Immer drängte ich, wenn ich krank lag,
„Peter Baum soll kommen!!“

Kam er, war Weihnachten –
Ein Honigkuchen wurde dann mein Herz.

Wie konnten wir uns freuen!
Beide ganz egal.

Und oft bewachte er
Im Sessel schmausend meinen Schlummer.

Rote und gelbe Cyllaxbonbons aß er so gern;
Oft eine ganze Schüssel leer.

Nun schlummert unser lieber Pitter
Schon ewige Nächte lang.

„Wenn ich Euch alle glücklich erst
Im Himmel hätte –“

Sagte einmal gläubig zu den Söhnen
Seine Mutter.

Nun ist der Peter fern bewahrt
Im Himmel.

Und um des Dichters Riesenleib auf dem Soldatenkirchhof
Wächst sanft die Erde pietätvoll.

Else Lasker-Schüler, aus: Gesammelte Gedichte, Verlag der weißen Blätter, Leipzig 1917

Peter Baum (* 30. September 1869 in Elberfeld; † 6. Juni 1916 bei Keckau/Riga)

In Berlin gehörte er von 1892 bis zur Auflösung des Dichtervereins 1898 dem „Tunnel über der Spree“ an. Seit 1898 stand Baum in Verbindung zum Autorenkreis um Peter Hille. Eine Freundschaft verband ihn mit Herwarth Walden, an dessen Zeitschrift „Der Sturm“ er mitwirkte. Baum war Mitglied der lebensreformerischen Vereinigung „Die Kommenden“ und stand der „Neuen Gemeinschaft“ nahe. Er galt als engster Vertrauter von Else Lasker-Schüler. Nach der Scheidung seiner ersten Ehe mit Johanna Mathilde Stivarius im Jahre 1913 war er mit der Künstlerin Jenny Boese verheiratet. Peter Baum, der sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges als Freiwilliger gemeldet hatte, „fiel“ 1916 im Baltikum.

In der Reihe Versensporn -  Heft für lyrische Reize, Edition Poesie schmeckt gut,  ist das Heft Nr. 15 dem Dichter gewidmet. 

Spuk

Und der Große im weißen Bart nimmt den Knaben auf seinen Schoß und lehrt ihn mit Namen nennen die Wunder der Luft – die Vögel, die dicht an den grauen Wolkenwäldern dahingleiten, und all die anderen Tiere, die man fängt und jagt. Und er lehrt ihn mit Namen nennen die Sträucher, die ihre Finger zusammenschließen, wenn ein Wind kommt und die Schmetterlinge, die morgens ihre Kelche ausbreiten, wie kleine auffliegende Himmel.

Und dann baut er dem Knaben noch eine Welt über dieser Erde auf – eine Welt, die aus Klängen und Buchstaben, über unsere Flüsse und Wälder hinweg – ein Riesenbau – in die Luft steigt.

Und Hans lernt und fasst mit seinem morgenjungen und doch geschlechteralten Hirn alles, was ihm verwandt ist und lässt alles Fremde wieder fortfliegen, wie Vögel aus der flachen Hand.

Manchmal sieht ihn der Alte bekümmert an: Wir sind altes Geschlecht. Wir mögen uns nicht mehr mühen. – – –

Hans wird das ganze Leben – die Wälder, Felsen, Flüsse und Kinder – zum Märchen, er selbst zum Zauberer.

Aus: Peter Baum: Spuk. Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Berlin 1905

Freitag, 26. Mai 2023

Hans Ehrenbaum-Degele: Gedicht


 
Gedicht

Willst du meinen Kreis betreten,
Musst du in die Tiefen lauschen,
Wo, umdämmert von Gebeten,
Meine roten Ströme rauschen,
In die Fernen musst du schauen,
Wolken deine Träume schenken;
Himmel müssen aus dir blauen,
Sonnen sich an deinem Licht
Golden tränken.

Hans Ehrenbaum-Degele, aus: Der Sturm 1912 / 13

Hans Ehrenbaum-Degele, geboren am 24. Juli 1889 in Berlin; gestorben am 28. Juli 1915 am Narew, Lyriker und Herausgeber. 1911 erschienen seine ersten Gedichte u. a. In Der Sturm (Hrsg. Herwarth Walden) und in Die Bücherei Maiandros (Hrsg. Alfred Richard Meyer) In den Jahren 1912 und 1913 trat er in Kurt Hillers Kabarett Gnu auf. Ab 1913 gab er zudem gemeinsam mit Robert Renato Schmidt, Ludwig Meidner und Paul Zech die Zeitschrift Das neue Pathos heraus. Kurt Erich Meurer widmete ihm und Paul Zech seinen 1913 erschienenen Gedichtband Jeder Tag hißt Fahnen. Vier Tage nach seinem 26. Geburtstag „fiel“ er 1915 an der Ostfront.

Das Bild ist von der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch, mit freundlicher Genehmigung der Hedi Kupfer Stiftung Fredelsloh als Nachlassverwalterin.

Freitag, 14. April 2023

Sophie van Leer, Wilhelm Runge: Lieder

 



In meinem Blut
tanzt
Du

Säule
trägst Du mich
Wellen schlägst Du um mich her
Mantel aus Meer

Nacht singt Du
Traum träumt Du
Sinn sinnt Du
Fern
Du

Sophie van Leer, aus: Lieder, Der Sturm, Nummer 2, 15. Mai 1916


Nicht mehr wandern darf ich durch dein Antlitz
plötzlich falle ich in deiner Augen
tiefe Schlucht
alle Berge schlagen über mir zusammen
mit den Wellen deines Haars
wirf des Lachens Rettungsring
ganz dünn
ist meine Stimme
und wird zerreißen
meinen Wurzeln schließt die Hand dein Felsen
und des Auges Rose liegt gebrochen
du bist blauer Himmel
ich die Wolke
die sich fest an deinen Nacken klammert
sich nicht halten kann
und tausendfingrig
regenschreckt erdhin
den Wiesengrund
und dort hinsinkt himmellosgelöst auf ihr weiches Knie

Wilhelm Runge, aus: Lieder, Der Sturm, Nummer 21 - 22, 1 Februar 1916


In meine Schultern hülle ich Dich
und trage Dich zu mir

Ich wiege Dich im Kahne meines Bluts
und pflanze hoch die Wälder meiner Glieder
um Dich
ich bette Dich
in das rausche Gestrüpp meiner Locken

Sophie van Leer, aus: Lieder, Der Sturm, Nummer 2, 15. Mai 1916


Garnicht aufstehn mögen meine Augen
denn der Weg, den sie einst gingen
steht jetzt voller Widersprüche
Haben sie sich kaum erhoben
schlägt sie schon ein neu Geschehen
wie mit Ruten nieder.
Darum weichen sie hin nach der Heimat
allen fremden Worten aus
werden tief wie je ein Brunnen
und Erinnerung zerreißt den Spiegel
Tage tauchen auf
ganz maidurchdrungen
Primeln läuten durch das Wiesengrün
und das Flattern bunter Pfauenaugen
Blumen finden nicht mehr ihren Duft
ganz versunken in dem Rausch der Farben
Zweige zwitschern
grünhin summt das Gras
eine Spinne spinnt feinwunderwas
und die Bäume
schäkern mit den Tauben.

Wilhelm Runge, aus: Lieder, Der Sturm, Nummer 21 - 22, 1 Februar 1916


Wunde mich nicht
wende Dich nicht
weile
wölbe Dein Lauschen

Bieg Deine Glieder
beuge Dein Lächeln

Neige die Wange
in meinen Schoß

lausch meiner Sehnsucht
Rausche Rausche

Sophie van Leer, aus: Lieder, Der Sturm, Nummer 2, 15. Mai 1916

Sophie van Leer, geboren am 3. Februar 1892 in Amsterdam; gestorben am 3. Juni 1953 ebenda, Lyrikerin, 1915 ging sie dann nach Berlin, wo sie sich der Gruppe um Herwarth Walden anschloss. In deren Zeitschrift Der Sturm erschienen in den folgenden Jahren zahlreiche Lyrik- und Prosabeiträge van Leers. 1915 lernte sie bei einer Ausstellung den Maler Georg Muche kennen, in den sie sich stürmisch verliebte und mit dem sie sich verlobte. Die Beziehung zerbrach 1918. Gleichzeitig bestand allerdings eine Beziehung zu dem jungen Dichter Wilhelm Runge, der als Soldat an der Westfront kämpfte, und mit dem sie einen ausgedehnten Briefwechsel führte, der 2011 publiziert wurde. Während der Novemberrevolution wurde Sophie van Leer in München verhaftet und zum Tode verurteilt, kam aber einen Tag später bereits frei. Einem während der Inhaftierung abgelegten Gelübde folgend konvertierte sie zum Katholizismus und nahm dabei die Vornamen Francisca Maria an. (Wiki)

Wilhelm Runge, geboren am 13.6.1894 Rützen/Schlesien, am 22.3.1918 bei Arras „gefallen“. In Schlesien aufgewachsen, ging Wilhelm Runge 1914 als Kriegsfreiwilliger an die Front. Vor Ypern wurde er im Nov. 1914 verwundet, 1915 kam er nach Berlin u. studierte Medizin. Dort schloss er sich dem »Sturm«- Kreis um Herwarth Walden an. Besonders eng befreundete er sich mit Georg Muche, damals Lehrer an der Kunstschule des »Sturm«, und dessen Braut Sophie van Leer. Im »Sturm« erschien fast seine gesamte Lyrik. Anlässlich seines frühen Todes schrieben Franz Richard Behrens, Kurt Heynicke u. Walter Mehring poetische Nachrufe; Muche widmete ihm ein Ölgemälde zum Gedächtnis. Das einzige Buch, der Gedichtband Das Denken träumt (Berlin 1918), wurde von Wilhelm Runge noch im Feld korrigiert, aber erst nach seinem Tod veröffentlicht.


Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)

Dienstag, 21. März 2023

Wilhelm Runge: Lieder

 



Lieder

I

Rosen nicken aus den Junistunden
trällern Sommerblau den Matten hin
mild aus tiefstem Herzen grünt die Heimat
ihre Lippen murmeln wälderschwer
überwelthin schwingt die sterne Zeit
Kinderwangenliebkinderwangengereiht
Krieg brüllt auf
Die wilden Blumen schrein
Sonne leckt Gestöhn aus allen Poren
Frieden holt den tiefen Atem ein
und der Nächte durchwühlte Locken
schmeicheln um der Seele zitternd Knie
Angst zerreißt der Sterne Himmelglanz
und der Abend drückt die Augen blind
einsam geigt
tief hinter Blut geduckt
ewger Kindheit wildumsehntes Glück
und der Sehnsucht über die Welt
hängende Herzen
schlagen

II

Das Denken träumt
Gelächter reimt die Straßen
zum Tanz des Blutes
schläfenaufundab
Die Adern blinzeln Frühling durch die Knospen
und schlürfen tief den schweren Himmel ein
Wind spielt der Augen froh geschwellte Segel
der Stirne Knoten löst vom Tode sich
weiß über Wiesen schnattern Dörfer hin
die Städte fauchen
und zankend zerrn die Pulse ihre Zügel
nur deine Seele spielt im Sternjasmin
Lieb-Brüderchen Maßloslieb-Schwesterlein

III

An der Wüste deiner Stirne welkt der frühen Winde Blüte
meiner Stimme Hand zerrt blutend deines Denkens Dorngestrüpp
Einsam scheuen Deine Augen
hängen müde ihre Zweige
und Dein Mund ist ein Boot
nachts
auf uferlosem Meer

Aus: Der Sturm 1916 / 1917

Wilhelm Runge, geboren am 13.6.1894 Rützen/Schlesien, am 22.3.1918 bei Arras „gefallen“. In Schlesien aufgewachsen, ging Wilhelm Runge 1914 als Kriegsfreiwilliger an die Front. Vor Ypern wurde er im Nov. 1914 verwundet, 1915 kam er nach Berlin u. studierte Medizin. Dort schloss er sich dem »Sturm«- Kreis um Herwarth Walden an. Besonders eng befreundete er sich mit Georg Muche, damals Lehrer an der Kunstschule des »Sturm«, und dessen Braut Sophie van Leer. Im »Sturm« erschien fast seine gesamte Lyrik. Anlässlich seines frühen Todes schrieben Franz Richard Behrens, Kurt Heynicke u. Walter Mehring poetische Nachrufe; Muche widmete ihm ein Ölgemälde zum Gedächtnis. Das einzige Buch, der Gedichtband Das Denken träumt (Berlin 1918), wurde von Wilhelm Runge noch im Feld korrigiert, aber erst nach seinem Tod veröffentlicht.


Freitag, 3. März 2023

Grete Tichauer: Flimmerndes Mädchen

 



Flimmerndes Mädchen

Als das ganze Zimmer voll Sternen war,
zog sie sich aus;
stand nackend und lachend
mitten drin da
in Sternen.

Oben haschten ihre Finger
den kleinsten nach;
größre flirrten und stiegen
um wiegende Glieder
Hüfte und Knie.

Silbern im Silber des Raumes;
in Sternen.

Sie tanzte des ersten Sterbens
klingenden Himmelstanz.

Grete Tichauer, aus: Der Sturm 1912 / 13

Margarete „Grete“ Fuchs (geb. Tichauer) wurde am 6. April 1893 in Breslau geboren. Am 4.März 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurde.

Das Bild ist von Léon Spilliaert (1881 - 1946)

Donnerstag, 26. Januar 2023

August Stramm: Spiel

 


Spiel

Deine Finger perlen
Und
Kollern Stoßen Necken Schmeicheln
Quälen Sinnen Schläfern Beben
Wogen um mich.
Die Kette reißt!
Dein Körper wächst empor!
Durch Lampenschimmer sinken deine Augen
Und schlürfen mich
Dämmern
Brausen!
Die Wände tauchen!
Raum!
Nur
Du!

Aus: August Stramm „Du - Liebesgedichte“, Verlag Der Sturm, Berlin 1922

Am 1. September 1915 fiel der Dichter August Stramm beim Angriff auf russische Stellungen bei Horodec, heute Weißrussland. Geboren am 28. Juli 1874 in Münster, war er wegweisender Dichter und Dramatiker des Expressionismus durch damals unerhört neue Sprachexperimente. Einer der vielen Dichter der expressionistischen Generation, die aus diesem sinnlosen Krieg nicht zurück kamen. 

Montag, 14. Februar 2022

Isidor Quartner: Heller Mittag

 


Isidor Quartner, aus: Der Sturm, Jahrgang 7, Nr 3, 15 Juni 1916, aus einer Gedichtauswahl anlässlich des Todes von Isidor Quartner

Das Bild ist von Odilion Redon (1840  -  1916)

Isidor Quartner: Sitz ich still am Ufer. . .

 


Isidor Quartner, aus: Der Sturm, Jahrgang 7, Nr 3, 15 Juni 1916, aus einer Gedichtauswahl anlässlich des Todes von Isidor Quartner

Das Bild ist von Nicholas Roerich (1874  -  1947)

Montag, 7. Februar 2022

Herwarth Walden: Erlöst

 


Herwarth Walden, aus: Der Sturm, Jahrgang 14, Nr. 6, 1. Juni 1923

Herwarth Walden (eigentlich Georg Lewin; geboren am 16. September 1878 in Berlin; gestorben  am 31. Oktober 1941 bei Saratow) war ein deutscher Schriftsteller, Verleger, Galerist, Musiker und Komponist. Walden war einer der wichtigsten Förderer der deutschen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts Er gründete 1910 die Zeitschrift Der Sturm, die bis 1932 bestand. Ab 1912 betrieb er die Sturm-Galerie; unter seiner Leitung fand 1913 die Ausstellung des Ersten Deutschen Herbstsalons in Berlin statt. 

Am 30. November 1903 heirateten Georg Lewin und Else Lasker-Schüler. Die Ehe wurde 1912 geschieden. Auf Anregung von Else Lasker-Schülers wählte Lewin „Herwarth Walden“ als Pseudonym, in Anlehnung an Henry Thoreaus Roman Walden; or, Life in the Woods (1854).

Angesichts des aufziehenden Nationalsozialismus verließ er mit der Übersetzerin Ellen Bork im Jahr 1932 Deutschland und ging nach Moskau, wo sie heirateten. Er arbeitete dort als Lehrer und Publizist. Seine Sympathien für die Avantgarde weckten allerdings im Stalinismus schnell das Misstrauen der sowjetischen Regierung. 1933 kam die Tochter Sina Walden zur Welt.

1941 wurde Walden inhaftiert. Seine Frau und Tochter suchten Zuflucht bei der deutschen Botschaft und kehrten anschließend nach Berlin zurück. Walden starb am 31. Oktober des Jahres 1941 in einem sowjetischen Gefängnis bei Saratow. Die Feststellung seines Todeszeitpunktes erhielt Sina Walden erst 1966 nach einem Besuch in Moskau

Das Bild ist von Umberto Boccioni (1882  -  1916)