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Donnerstag, 3. August 2023

Verse aus dem Schützengraben, von Max Pulver, Ludwig Bäumer, Egon Schiele, Theodor Rudy, Paul Kraft, Rudolf Fuchs

 


Verse aus dem Schützengraben  

Die Zeitschrift Die Aktion wurde Februar 1911 von Franz Pfempfert gegründet. Bereits 1914, noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, wurde die Zeitschrift erstmals beschlagnahmt. Mit Ausbruch des Krieges im August 1914 verschärfte sich die Situation noch, da jetzt eine schärfere Zensur galt. Franz Pfemfert, als Linker und Pazifist, beschloss deshalb, ab sofort nur noch literarische Texte zu veröffentlichen, um so ein vollständiges Verbot des Heftes zu vermeiden. Erstaunlicherweise gelang dies, und das obwohl Pfempfert in Rubriken wie „Ich schneide die Zeit aus“ hetzerische Artikel aus anderen Zeitungen geschickt montierte, und in einer Briefkastenrubrik Künstler und Intellektuelle, die den Krieg unterstützten, scharf angriff. Auch die literarischen Veröffentlichungen setzte er geschickt im Sinne des Antimilitarismus ein, indem er zum Beispiel regelmäßig Gedichte von der Front veröffentlichte, unter der Rubrik „Verse aus dem Schützengraben“

Das Bild ist von Hans Baluschek (1870 - 1935), aus dem Zyklus „Krieg“ von 1917


Verse

Im zarten Grau verflochtner Ulmenzweige
Verliert mein Blick sich zwischen fernen Giebeln
Biegsamer Äste, deren sanfte Berge
Der Rundung gleicht an fremden Tempelzwiebeln.
Dort hinter Zweiggeflecht und Blattgeäder
Fühlt sich mein banger Blick mit eins geborgen;
Dann stockt der wirre Gang der Feuerräder
In meinem Herzen, es wird still und Morgen.
Und alles Drängen ist dann wie geschlichtet,
Auf einen Kern ist alles Sein gerichtet
Und aller Wille strebt durch eine Kraft.
Wie eine Leier hell und rein gestimmt
Schwebt dann mein Selbst, bis es im All verschwimmt.

Max Pulver, aus: Die Aktion 1915


Lied der Dichter

Wird ein Sommer sein, an Kreuzen aufgerichtet,
Eselinnen über Purpur schreiten.
Angst des Weltalls wird zum Schwamm verdichtet,
Unsre stillen Lippen suchtumgleiten.
Und es werden immer nur die Kinder ernten,
Uns in ihre unermeßnen Hände liefern,
Daß wir ihre wundervollen nachtbesternten,
Süchte einer ungeahnten und als Himmel tiefern
Landschaft in die aufgetanen Munde reichen.

Wird einmal ein Frühling ohnegleichen
Wie ein Mord am Winter durch die Straßen ziehn,
Über unsre matten Augenhöhlen streichen,
Und sie müssen wieder wie im Anfang glühn.

Ludwig Bäumer, aus: Die Aktion 1916


Abendland

Ich habe Schaukelfelder durch winzige Zacken
zerschneiden gesehen
von tausenden verlierenden Punkten auf Gelb,
Spiegelteiche und weiche Wolken.
Neigend bogen sich die Berge und hüllten Lüfte
aus Schleiern ein.

Ich roch die Sonne.
Jetzt war der blaue Abend da,
sang und zeigte mir erst die Felder.
Einen blauen Berg umfloss noch roter Schein.
Ich war von all dem Vielduftigen umträumt.

Egon Schiele, aus: Die Aktion 1916


Vorfrühling

Dreimal hab das Zelt ich wohl zurückgeschlagen
Und hinausgelauscht in die Dämmerung.
Öde lag das Land mit seiner Hügel Schwung.
Und der Morgen blasste müd herauf, ein mürrisch Fragen. -
Im zerschossenen Walde pfeift ein Vögelein
Und mir ist, ein Ruch der Wiesen streife
Meinen Atem - - da in laue Luft ich greife.
Und die Sonne kommt in fremdem rotem Schein.

Theodor Rudy (Lebensdaten nicht bekannt), aus: Die Aktion 1917


Vor der Fahrt in die Heimat

Der Tag liegt vor mir, wo mein altes Leben aufersteht,
Ich fühle heute nichts als Glühn auf dem Gesicht.
Nichts als Verwirrung, die nach innen geht
Und bleiern hinschlägt über Lenz und Licht.

Der Tag liegt vor dir. Nun bist du bereit
Zu bohrenderem Aug in Herz und Hirn hinein,
Zu spähn und spannen in die nun versunkene Zeit
Und des gelebten Jahres Wind und Wein?

Bist du bereit? Was sagt der Prüfungsaugenblick?
Schwangst du dein Wollen vor? Glitt es zurück?
Bist du bereit? Und sagst, was dich befällt,
Da brausend dich erschlägt die vorige Welt?

Da jeder Ort, den deine Strophen singen,
Und jeder Tag, den du unendlich lebtest,
Da alle Liebes-Blicke, die du bebtest,
Vergoldeter in dir nun wiederklingen?

Sangst du dein letztes Lied? Die Seel´ verneint.
Da sie noch nicht die letzte Liebe weinte,
War auch das Lied, das Trän´ und Liebe einte,
Das letzte goldene nicht, daraus sie scheint.

Jedoch die Götter sind mir mild. Du fühlst
Sie auch den wirrsten Stunden angegliedert,
Und was dein Lied, dein seliges Lied erwidert,
Wenn du in seinen tausend Klängen wählst.

Jedoch die Götter sind mir mild, und wer dich hört,
Den darfst du auf ein anderes Lied vertrösten,
Auf jenes Lied des ganz und gar Erlösten,
Durch dessen Überschwang Gott selber fährt,

Durch dessen Donner die Ersehnte bricht,
Die über jeden deiner Blicke fällt -
Die glänzt aus jeden goldenen Waldes Licht
Und stellt dein Lied für ewig in die Welt.

Dies Lied, ein tönendes Unendliches,
Drin jedes Wort von deren Namen tönt,
Die mich mit der Unsterblichkeit versöhnt:
Bei mir und meinem Gott: ich singe es!!!

Paul Kraft, aus Die Aktion, 8. Januar 1916


Skizze zu einem Gedicht

Sieben Uhr abend und die Jahreszeit kühl - Der Park steht weiterhin leer - Auf dem Teiche zwischen Rosenwolken zieht ein Schwan - Unter einer Ulme (Ulmus campestris) ruht ein alter Mann aus - Ich setze mich neben ihn, um mir eine Weile die Gärtner zu betrachten, die mit gezähltem Schwung den feinen und blauen Blumen durchwobenen Rasen hinmähen -

Die Kappe auf der Bank, sitzt jener alte Mann barhaupt da - Eine wollene Decke schützt ihm die Füße vor Kälte - Er bewegt über einem ganz braunen, dicken Bande die Lippen - „Die drei Männer im Holzofen“ sagt er - Ein Holzschnitt zeigt Daniel und die drei Geheiligten - Es ist dunkel, ich kann den Spruch darunter nicht unerscheiden -

„Ob sie ihn dennoch segnen?“

„Wen?“ fragt er -

„Den Versucher -“

„Wofür ihn segnen?“ ruft er - „Sie verfluchen ihn!“

Es wird sehr rasch finster - Schon zittern Sterne auf - Ein Windstoß stäubt zwei Takte Musik in die Luft - Der alte Mann packt zusammen - „Ich habe“, sagt er, „auch drei Söhne im Feuer“ -

Sein Schatten gleitet das Wasser entlang -

Der Schwan folgt ihm

Rudolf Fuchs, aus: aus Die Aktion, 8. Januar 1916


Max Pulver, geboren am 6. Dezember 1889 in Bern; gestorben am 13. Juni 1952 in Zürich, Psychologe, Graphologe, Lyriker, Dramatiker und Erzähler. Bekannt wurde er als Graphologe mit seinen grundlegenden Werken Intelligenz im Schriftausdruck und Symbolik der Handschrift. Nach frühen literarischen Erfolgen gab Pulver seine dichterische Tätigkeit in den 1930er Jahren zu Gunsten der Graphologie weitestgehend auf.


Ludwig Bäumer, geboren am 1. September 1888 in Melle; gestorben am 28. August 1928 in Berlin lebte ab 1910 in der Künstlerkolonie Worpswede. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Unteroffizier teil, wandelte sich dann jedoch zum Kriegsgegner und war während der Novemberrevolution in Bremen als kommunistischer Politiker aktiv. Ende 1918 war er Delegierter auf dem Gründungsparteitag der KPD in Berlin. Im Januar 1919 wurde er Mitglied des Rates der Volksbeauftragten der Bremer Räterepublik. Bäumer wohnte bis 1922 weiter in Worpswede, schließlich als freier Schriftsteller in München und Berlin. Am 28. August 1928 nahm er sich in Berlin das Leben.

Egon Schiele, geboren am 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Österreich-Ungarn; gestorben am 31. Oktober 1918 in Wien, Maler des Expressionismus. Neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zählt er zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne.

Paul Kraft, geboren am 28. April 1896 in Magdeburg – Sudenburg, gestorben am 17. März 1922 in Berlin, Lyriker, erste Veröffentlichungen ab 1913 in der von Franz Pfempfert herausgegeben Zeitschrift Die Aktion. Durch Vermittlung von Franz Blei erscheint 1915 im Kurt Wolff Verlag in der Reihe „Der jüngste Tag“ sein Band Gedichte. Er stirbt am 17. März 1922 an den Folgen einer falsch behandelten Lungentuberkulose im Krankenhaus Neukölln in Berlin.

Rudolf Fuchs, geboren am 5. März 1890 in Poděbrady, Mittelböhmen, Österreich-Ungarn; gestorben am 17. Februar 1942 in London war deutsch-tschechoslowakischer Dichter und Übersetzer. Sein erster Gedichtband erschien 1913 in Heidelberg, bis zu seinem Tod im Exil in London, wo er bei einem Bombenangriff starb, sollten noch zwei weitere folgen. Sein letzter war "Gedichte aus Reigate", dessen erstes Gedicht die "Variationen nach Heinrich Heine" waren. Dass er ausgerechnet am Todestag des von ihm verehrten Dichters selber starb, und auch im Exil, wenn auch nicht in Paris, sondern in London, ist vielleicht eine Ironie der Geschichte. . .

Freitag, 24. Februar 2023

Verse aus dem Schützengraben von Kurd Adler, Albert Michel, Simon Kronberg, Hans Leybold, Ernst Angel, Wilhelm Stolzenburg, Ludwig Bäumer

 



Verse aus dem Schützengraben  

Die Zeitschrift Die Aktion wurde Februar 1911 von Franz Pfempfert gegründet. Bereits 1914, noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, wurde die Zeitschrift erstmals beschlagnahmt. Mit Ausbruch des Krieges im August 1914 verschärfte sich die Situation noch, da jetzt eine schärfere Zensur galt. Franz Pfemfert, als Linker und Pazifist, beschloss deshalb, ab sofort nur noch literarische Texte zu veröffentlichen, um so ein vollständiges Verbot des Heftes zu vermeiden. Erstaunlicherweise gelang dies, und das obwohl Pfempfert in Rubriken wie „Ich schneide die Zeit aus“ hetzerische Artikel aus anderen Zeitungen geschickt montierte, und in einer Briefkastenrubrik Künstler und Intellektuelle, die den Krieg unterstützten, scharf angriff. Auch die literarischen Veröffentlichungen setzte er geschickt im Sinne des Antimilitarismus ein, indem er zum Beispiel regelmäßig Gedichte von der Front veröffentlichte, unter der Rubrik „Verse aus dem Schützengraben“

Das Bild ist von Hans Baluschek (1870 - 1935), aus dem Zyklus „Krieg“ von 1917

Spätsommerabend

Und wieder diese große Müdigkeit,
ganz schwer und dumpf, wie die Betrunknen fallen.
Getaner Tag! Verwehte Schüsse knallen
spottpfeifend in die weiche Dunkelheit.

Der schlanke Nebel beugt sich übers Tal.
Fröstelnd in Mänteln gehen die Kanoniere.
Von Laub umgattert, wie geschmückte Tiere
stehn die Geschütze. Irgendwo blinkt Stahl.

Die gleiche Sehnsucht packt uns alle an;
still rauchen zwanzig abgegriffne Pfeifen:
Jetzt stirbt auch dieses Sommers großes Reifen
über die kahlen Felder drängt´s: Wann? Wann?

Noch einmal jagt des Herbstes buntes Wehn
das Blut. In sehr sentimentalen Tönen,
pfeift einer jenes Lied zwischen den Zähnen
„Vom Waldrand, wo die Heckenrosen stehn.“

Kurd Adler, aus: Die Aktion 1915

Wir Jungen

Wir wanken angestrengt,
gepeitscht, gehetzt, entzwei gerissen;
und möchten doch nicht Freude missen
und Licht und Tag. . .
Doch unser Herze trauert,
Wir wissen nicht, was uns bedrängt
und fürchten immer einen Schlag,
der irgendwo im Ungewissen lauert.

Albert Michel, aus: Die Aktion, 1915

Nacht

Totenlampen lauern
im Gewölbe Nacht -
Steinerne Mauern trauern
um Särge von Geräusch -
Verbranntes Lachen liegt in den Gassen.

Simon Kronberg, aus: Die Aktion 1916

Auf einer Feldpostkarte

Zerflossen alles
in wirren Schaum,

mein Hirn ein weiter
luftleerer Raum.

Von außen schlagen
die Hämmer drauf:

mein Schädel ist
ein Kirchturmknauf.

Hans Leybold, aus: Die Aktion 1914

Wir. . .

Wenn auch Erkenntnis uns zur Flucht getrieben,
Umkreisen wir einander ohne Ende.
Doch Felder, Städte, Menschen, Zeiten schieben
Sich wachsend zwischen die erhobenen Hände.

Doch unser zwangsgestählter Wille schlägt
Geheime Brücken nach erhöhten Zielen:
Wir haben unsre Waffen abgelegt,
Und lassen die Gehirne weiterspielen. . .

Ernst Angel, aus: Die Aktion 1915

Gefallene

Für Franz Pfempfert

Dieser barg verschämt den Leib
in der ersten krausen Ackerfurche.
Sein Leib, die Erde, sind schon eins.
Jener bäumte sich, erschrocken, auf,
Rettung fordernd aus dem steilen Himmel.
An seinem Ort grinst noch ein Hilferuf.
Viele warten (die man nur vergaß!)
auf Signale, die rufen sollen. . .
Einer blättert lockere Erde auf,
in die straffen Knie gesunken.
Dieser fällt mit Lachen sein Gewehr!
Manche sind verwundert, daß sie fielen,
solch ein Staunen ist in ihren Mienen;
diese schrecken uns bei Nacht.
Kinder liegen über starken Männern,
Bart und Locken, wunderlich verschlungen.
Oft liegt Hand auf Hand auf einem Herzen.

Wilhelm Stolzenburg, aus: Die Aktion 1915, Rubrik Dichtungen vom Schlachtfeld

Aus den jenseitigen Gedichten

Einmal werden wir unsere grauen Hände pflegen.
Einer dem andern, und mit gebogenem Rücken
Unsere Gesichter an eine Flamme drücken,
Die für andere zu warm ist, und uns wenig bewegen.

Wir werden Worte ausschaufeln, die uns einmal begehrten,
Und mit ihnen spielen wie mit Kindertotenköpfen -
Wir werden mühsame Atem schöpfen
Wie in den Augenblicken, wo wir verwehrten.

Um unsere Stühle wird eine Stille läuten
Unserer alten Feindschaft, und das Besinnen
Wird uns überwinden, und wir werden beginnen
Uns aus dem Gewesenen herauszudeuten. . .

. . . Eine Stunde geht um dein Gesicht,
Von deinen schlanken Fingern tröpfelt Schwere,
In blaue Dämmer taut die Atmosphäre,
Und Balken fallen langsam ins Gewicht.

Ludwig Bäumer, aus: Die Aktion 1915, Rubrik Dichtungen vom Schlachtfeld

Über Kurd Adlers Leben ist kaum etwas bekannt. Er kämpfte als Soldat im Ersten Weltkrieg und schilderte in seinen Gedichten die Welt der Schützengräben und die kurzen Momente von Glück, die die Soldaten bei Fronturlauben erlebten. Die Gedichte wurden von Franz Pfemfert in seiner Anthologie Die Aktions-Lyrik. 1914-1916 veröffentlicht; sie waren ab 1915 in Pfemferts Zeitschrift „Die Aktion“ erschienen (unter anderem Das Geschütz, Ruhe an der Front und Betrachten). 1918 erschien eine Sammlung der Gedichte. Kurd Adler wurde am 6. Juli 1916 bei Kampfhandlungen an der Westfront getötet.

Zu Albert Michel: Notiz in Die Aktion, 1915: „Albert Michel, zwanzigjährig, wurde, Ende Juni, als dienstpflichtiger Soldat, im Westen getötet.

Simon Kronberg, Schriftsteller und Dichter, geboren am 26. Juni 1891 in Wien; gestorben am 1. November 1947 in Haifa.

Hans Leybold wurde am 2. April 1892 in Frankfurt am Main geboren. Er wurde zu Beginn des Ersten Weltkrieges im Sommer 1914 eingezogen und schon bald vor Namur (Belgien) schwer verwundet. Drei Tage nach seiner Rückkehr zum Regiment erschoss er sich in der Nacht vom 7. zum 8. September.

Ernst Angel, Schriftsteller, Filmregisseur, Verleger und Psychoanalytiker, geboren am 11. August 1894, gestorben am 10. Januar 1986. Im Ersten Weltkrieg meldete er sich als Kriegsfreiwilliger. Durch seine Erlebnisse im Krieg gewendet schloss er sich Pazifisten wie Gustav Landauer an. Im Zusammenhang mit den Novemberpogromen 1938 wurde Angel in Berlin festgenommen und umgehend in das Konzentrationslager Sachsenhausen überführt. Er verbrachte rund fünf Wochen im KZ, am 15. Dezember 1938 wurde er entlassen. Diese Zeit veränderte das gesamte weitere Leben Angels radikal. Am 31. März 1939 konnte er Berlin in Richtung England verlassen. Anfang 1940 gelangte Angel schließlich nach New York.

Wilhelm Stolzenburg, geboren am 25. Dezember 1879 in Wetter/R. Er starb am 21. Februar 1938 in Essen. Von seinen „Umdichtungen chinesischer Lyrik“ abgesehen, veröffentlichte Stolzenburg lediglich vor dem Ersten Weltkrieg drei schmale Bücher mit zunächst neuromantischen Gedichten und zynischen Satiren, war jedoch seit 1914 Mitarbeiter an Franz Pfemferts Berliner „Aktion“ und anderen expressionistischen Zeitschriften.

Ludwig Bäumer, geboren am 1. September 1888 in Melle; gestorben am 28. August 1928 in Berlin lebte ab 1910 in der Künstlerkolonie Worpswede. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Unteroffizier teil, wandelte sich dann jedoch zum Kriegsgegner und war während der Novemberrevolution in Bremen als kommunistischer Politiker aktiv. Ende 1918 war er Delegierter auf dem Gründungsparteitag der KPD in Berlin. Im Januar 1919 wurde er Mitglied des Rates der Volksbeauftragten der Bremer Räterepublik. Bäumer wohnte bis 1922 weiter in Worpswede, schließlich als freier Schriftsteller in München und Berlin. Am 28. August 1928 nahm er sich in Berlin das Leben.

Mittwoch, 28. August 2019

Ludwig Bäumer: Dämmerung im Graben

Kurt Schwitters (1878 - 1948): Das "Bäumerbild"


Dämmerung im Graben

Wir sind längst mehr als dreimal verleugnet. In unsern Gebärden
Fielen alle Sehnsüchte zusammen, alle die waren
In unsern Müttern und Vätern. Wir stehn vor unsern Bahren
Und fangen Tode auf, damit wir zu Ende werden.

Denn das ist unser Sinn: Wir sind Kinder einer Zucht ohne das Sträuben
Von Kindern gegen ihre Zucht. Stärkelos! Wir haben die Augen
Die im eigenen Gehirn wühlen und Schmerzen saugen.
Wir sind längst mehr als dreimal verleugnet
Und müssen mehr als einen Gott betäuben.

Uns ist keine Wiederkehr gesegnet und unserm Weinen kein Amen
Zärtlicher Munde, die einmal vor Süße brachen.
Unsere Mütter versagten,
Die uns beklagten:
Wir staunen über die, die den Weg der Mütter kamen.

Und das verläßt uns nicht. — — Vielleicht wenn wir einmal wissen,
Daß wir Kinder des Irrtums sind und darum Unverzeihliche der Zeit,
Vielleicht dann ... Was? ... Stärkelos ... Ein Land bleicht weit,
Und viele fielen, und wir sehnen uns in reine Kissen.

(Bereitschaft 1. Februar 1916.)

Aus: 1914 - 1918, Eine Anthologie, Verlag der Wochenschrift Die Aktion (Franz Pfemfert, Herausgeber), Berlin-Wilmersdorf, 1916

Ludwig Bäumer, geboren am 1. September 1888 in Melle; gestorben am 28. August 1928 in Berlin lebte ab 1910 in der Künstlerkolonie Worpswede. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Unteroffizier teil, wandelte sich dann jedoch zum Kriegsgegner und war während der Novemberrevolution in Bremen als kommunistischer Politiker aktiv. Ende 1918 war er Delegierter auf dem Gründungsparteitag der KPD in Berlin. Im Januar 1919 wurde er Mitglied des Rates der Volksbeauftragten der Bremer Räterepublik.

Bäumer wohnte bis 1922 weiter in Worpswede, schließlich als freier Schriftsteller in München und Berlin. Am 28. August 1928 nahm er sich in Berlin das Leben.

Kurt Schwitters widmete ihm 1920 das "Bäumerbild"