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Mittwoch, 20. September 2023

Hedwig Lachmann: Schwermut / Am Morgen / Heimweh

 



Schwermut

Mir ist, wie wenn in einer Sommernacht
Die Menschen schweigsam in den Lauben sitzen.
Die Luft ist schwer. Ein Wolkenhimmel dacht
Sich über ihnen. Und die Fernen blitzen.

Sie fragen in die Höh: Kommt wohl ein Sturm?
Und legen spät sich und bekümmert schlafen.
Und lauschen oft gepresst, ob nicht vom Turm
Ihr Ohr im Halbschlaf Glockenklänge trafen.


Am Morgen

Dem Wanderwolkenspiele folg´ ich nach.
Ein Sonnenstreifen drüben an der Mauer
Verlischt und leuchtet auf zu kurzer Dauer
Und schnelle Schatten fliegen übers Dach.

Wie hängt mein Blick an all der bunten Hast!
In der Sekunde tausendfach geboren
Und wieder tausendfach zurückverloren
Und nie und nirgends diesem Wirbel Rast.

O wüchse mir inmitten aller Flucht
Und flatterndem verfrühten Blütenregen
- Für mein Geschick ein noch verschlossner Segen -
In zarter Knospenhülle eine Frucht.


Heimweh

O wüßt ich meiner Sehnsucht einen Fergen,
Dass er ihr eine sanfte Fährte weise!
So kehrt sie mir zurück aus hohen Bergen,
Todmatt vom Flug und fast erstarrt im Eise.

Ich wollte, dass ein leichter Kahn mich führe
Den Strom entlang in ebene Gelände,
Und dass ich dort durch eine niedre Türe
In einem stillen Hause Eingang fände.

Und drinnen nur von abendlichen Kerzen
Ein mildes Dämmerlicht am eignen Herde.
Ein warmer Raum, ein Kind an meinem Herzen,
Und eine Seele mein auf dieser Erde.

Aus: Im Bilde, Gedichte, auch Nachdichtungen von Hedwig Lachmann, Verlegt bei Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig 1902

Hedwig Lachmann, geboren am 29. August 1865 in Stolp, Pommern; gestorben 21. Februar 1918 in Krumbach), Dichterin und Übersetzerin von unter anderem Edgar Allan Poe und Oscar Wilde. Ihrem zukünftigen Ehemann, dem Anarchisten Gustav Landauer begegnete Lachmann zum ersten Mal 1899 bei einer Lesung im Haus von Richard Dehmel. Richard Dehmels Kriegsbegeisterung beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 führte jedoch dazu, dass Lachmann ihm die Freundschaft aufkündigte.

Im März 1903 ließ sich Gustav Landauer von seiner ersten Ehefrau scheiden, um Hedwig Lachmann im Mai 1903 zu heiraten. Am 21. Februar des Jahres 1918 starb Hedwig Lachmann an einer Lungenentzündung.

Gustav Landauer kritisierte als Pazifist den Eintritt Deutschlands in den Ersten Weltkrieg scharf. Während der Novemberrevolution 1918/19 und unmittelbar danach war er an einflussreicher Stelle an der Münchner Räterepublik im April 1919 beteiligt. Nach deren gewaltsamer Niederschlagung wurde er von antirepublikanischen Freikorps-Soldaten am 2. Mai 1919 in der Haft ermordet.

Das Bildnis der Dichterin ist von Julie Wolfthorn, geboren am 8. Januar 1864 in Thorn, Westpreußen; gestorben am 29. Dezember 1944 im KZ Theresienstadt) war eine deutsche Malerin, Zeichnerin und Grafikerin der Moderne. Als Jüdin wurde sie ein Opfer der Shoa. Bis auf wenige Bilder in den Depots deutscher Museen galt ihr umfangreiches Werk lange Zeit als verschollen und wurde erst Anfang 2000 wiederentdeckt.

Montag, 1. Mai 2023

Gustav Landauer: An meine Frau

 



An meine Frau

Mögest du mir´s nicht verargen,
Was du hast, verlierst du nicht.
Sieh, die Liebe kann nicht kargen,
Sie ist Fülle, keine Pflicht.
Meiner Jugendjahre Gabe,
Meine ganze Leidenschaft,
Was ich je gegeben habe,
Geb´ ich noch mit ganzer Kraft.
Kamst mit deinen Jugendjahren,
Gabst dein ganzes Herz mir hin,
Und ich hab´ es oft erfahren,
Dass du meine Trösterin.
Mit einander, an einander
Tragen menschlich wir das Leid
Treu verbunden, auch selbander
Stunden wir in manchen Streit.
Was uns trennt kann uns nicht scheiden. . .

Gustav Landauer, aus seinem Tagebuch, 6. März 1899, VbR Unipress, Göttingen 2017.

Gustav Landauer, geboren am 7. April 1870 in Karlsruhe; gestorben am 2. Mai 1919 in München-Stadelheim, Schriftsteller, Übersetzer, Anarchist, sein wichtigster Einfluss war Peter Kropotkin.

Als Pazifist kritisierte er den Ersten Weltkrieg scharf. Während der Novemberrevolution 1918/19 und unmittelbar danach war er an einflussreicher Stelle an der Münchner Räterepublik vom 7. bis zum 13. April 1919 beteiligt. Nach deren gewaltsamer Niederschlagung wurde er von antirepublikanischen Freikorps-Soldaten in der Haft ermordet.

Das Portrait von ihm ist von Julie Wolfthorn, die 1864 geborene Malerin wurde am 29. Dezember 1944 im KZ Theresienstadt ermordet.