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Donnerstag, 14. September 2023

Rudolf Borchardt: Die September-Sonette

 



Die September-Sonette

I

Vom Tage nährt sich schon die Nacht verstohlen;
Schlaflose Stürme laufen in den Gärten
Und holen mich auf ihre blassen Fährten.
Ich binde mir die Flügel an die Sohlen
Und bin hinaus — (doch träum ich wohl). Mich holen
In ihre Reigen andere Gefährten —
Wo sah ich sie, die sich gleich Sternen mehrten
An heißen Abenden? — Ein Atemholen

Und alles hin, wie Duft. Ich bin ganz wach
Und weiß, ich geh, und sag: „Noch heute nur!"
Von Stunden ein verfließendes Gesind
Schwebt tönend fort durch Kammer, Tor und Flur.
Ich spüre vom erhobenen Gemach
Atmende Nacht und Bäume ohne Wind.


II

Atmende Nacht und Bäume ohne Wind
Verführen mich, an deinen Mund zu denken,
Und daß die Pferde, mich hinweg zu lenken,
Schon vor den Wagen angebunden sind;
Daß alles uns verließ, wie Wasser rinnt,
Daß von dem Lieblichsten, was wir uns schenken,
Nichts bleiben kann und weniges gedenken:
Blick, Lächeln, Hand und Wort und Angebind;

Und daß ich so einsam bekümmert liege,
Und dir so fern, wie du mir fern geblieben —
Die Silberdünste, die den Mond umflügeln,
Sind ihm so ferne nicht, als ich dir fliege,
So ferne Morgenrot nicht Morgenhügeln,
Als diese Lippen deinen, die sie lieben.

September 1901

Rudolf Borchardt, aus: Gedichte aus den Jahren 1898 - 1944

Rudolf Borchardt, geboren am 9. Juni 1877 in Königsberg; gestorben am 10. Januar 1945 in Trins bei Steinach in Tirol, Schriftsteller, Lyriker, Übersetzer

„Das lyrische Schaffen Rudolf Borchardts, der zunächst dem Georgekreis verbunden war, kann nur schwer bestimmten literarischen Strömungen seiner Zeit wie der Neuromantik oder dem Fin de siècle zugerechnet werden. Infolge selbstgewählter Isolation blieb er ein Solitär, ein poeta doctus mit höchstem Anspruch an sich und andere. Er wurde geprägt vom Studium der Altertumswissenschaft und durch die Dichtungen Georges und Hofmannsthals.“ (WiKi)


Das Bild ist von Félix Valloton (1865 . 1925)

Donnerstag, 15. Juni 2023

Rudolf Borchardt: Idyllische Elegie

 



Idyllische Elegie

Eine große trauervolle Stille
Füllt den Traumweg und den schönen Garten
Meine leicht und schweren Füße folgen
Ungesehen unsichtbaren Schritten

Einer hat das Gras mit seinem Fuße
Von dem toten Brunnen weggeschoben
Einer hat die Sohle
Auf den Marmorrand gesetzt. Von Rosenhecken
Ist ein Blatt gestreift und liegt und zittert.

Eine Hand hat von der grünen Höhle
Drin das Wasser fällt den Stein geschoben
(Eine Treppe windet sich hinunter
Wenn die schwere Platte sich gelüftet)

Unsichtbarer Fuß von Beet zu Beete
Ist durch alle Blumen hingelaufen
Rätselvoller Schritt geheimer Wandrer
Durch die Grotten durch die Taxushecken

Ist es der der von dem Blütenhause
Dieser Rose flammenhaften Becher
Fortgerissen
Deren dunkles Blut ein tiefes Zeichen
Ward wie Druck von Lippen eines Gottes

Hinter sich hat er die Tür des Hauses
Nicht ins Schloß gestoßen. Duft des Abends
Ist als wärs mit Gliedern wärs mit Locken
Hergeschwebt und haftet in den Wänden

Und so folg ich jeder seiner Spuren
Und das Herz schlägt mit in meinen Brüsten
Nebenan vermein ich ihn zu hören
Jedem Winkel geisterhaft vertraulich

Hier das Bette. Hier die weite Lampe
Hier der Maske wächsernes Gebilde
Gegen dem behauchten Spiegel über
Der der Blassen blassere Antwort zuwirft

Aber welch verwegne Hand oh Lampe
Hat Dein Öl verschüttet hingegossen
Welche Hand mißgönnt mir meine Nächte
Halb im Licht halb singend zu verweinen

Einsamkeit und Einsamkeit und Schweigen
Dringt von irgendwo ein dunkles rufen
Seh ich irgendwo in einem schwarzen
Spiegel-Wasser
Ein Gesicht in Tränen und erkenn ichs
Ist es meines war es eines andren

Weiß ich dieses nicht und fühl ein andres
Rätselhaftes Haus um Deine Schwelle
Die ein tot-entrückter Fuß betreten
Haucht ein bittrer Duft ein tränenloses
Letztes Schweigen schwankt und zieht von hinnen

Schöner ist Dein Garten Deine Rosen
Voller deine Nachtigall verworrner
Deine sieben Brunnen sprechen ewig einen Namen
Und Du sprichst ihn wieder

Ja ich fühle Dich und schaudre fühlend
Lust oh Duft geheimnisvoller Nähe
Um die Dinge schwebend an den Orten
Haftende wo Liebe ging und eintrat

Stand und lauschte und sich gern verweilte


Rudolf Borchardt, aus: Gedichte aus den Jahren 1898 - 1944

Rudolf Borchardt, geboren am 9. Juni 1877 in Königsberg; gestorben am 10. Januar 1945 in Trins bei Steinach in Tirol, Schriftsteller, Lyriker, Übersetzer

„Das lyrische Schaffen Rudolf Borchardts, der zunächst dem Georgekreis verbunden war, kann nur schwer bestimmten literarischen Strömungen seiner Zeit wie der Neuromantik oder dem Fin de siècle zugerechnet werden. Infolge selbstgewählter Isolation blieb er ein Solitär, ein poeta doctus mit höchstem Anspruch an sich und andere. Er wurde geprägt vom Studium der Altertumswissenschaft und durch die Dichtungen Georges und Hofmannsthals.“ (WiKi)

Aufmerksam wurde ich auf den Schriftsteller durch das Buch „Der leidenschaftliche Gärtner - Ein Gartenbuch“, das 1951 bei Arche in Zürich posthum erschien, und das 1987 in Hans Magnus Enzensbergers Reihe „Die Andere Bibliothek“ neu aufgelegt wurde. Ein Buch, das mich als Gärtner ebenso begeistert wie als Wortliebhaber. Staunend las ich in dem als Abschluss dieses Buches beigefügten »Katalog der Verkannten, Neuen, Verlorenen, Seltenen, Eigenen« über Pflanzen, deren Namen mir nicht im Entferntesten ein Begriff waren, und dieser leidenschaftliche Gärtner wusste über jede dieser pflanzlichen Kleinode genaue Kulturanweisungen zu geben. Zum Beispiel über die Michauxia tchihatcheffii, ein Glockenblumengewächs, über das eine Staudengärtnerei schreibt: „Riesige, weiße, türkenbundähnliche Blüten, wobei die Blütengröße durchaus schwanken können. Bester Standort ist an einer trockenen Hauswand oder im sonnigen Kiesgarten. Durch die relativ schwierige Anzucht bleibt das Angebot stets beschränkt!“

Das Bild ist von Constant Montald (1862 - 1944)

Donnerstag, 26. Januar 2023

Rudolf Borchardt: Nachklang

 


Nachklang

Ein Teil von dir ist allem beigemischt,
Was ich zu nächst gewahre und in der Ferne:
Ein Teil von meinem früheren Blick erlischt,
Seit ich in dir die Welt aufs neu erlerne,
Du lachst mir aus dem Glück der Morgensterne,
Und noch die Neblung, die sie nun verwischt,
Enthält an ihrem Rande dein Verschweben -
Schön ist der Alltag. Einfach ist das Leben:
Ein Teil von dir ist allem beigemischt.

Rudolf Borchardt (1877 - 1946)

Das Bild ist von Heinrich Vogeler (1872 - 1942)