Ich möchte in diesem Blog Werke von Dichterinnen und Dichtern einstellen, welche mir bei meinen Streifzügen durch die Welt der Poesie begegnet sind, und die mir gefielen. So wird dies ein ganz persönliches Kompendium, von dem ich mir dennoch erhoffe, dass es auch anderen Menschen Freude macht. Also, viel Spaß beim Stöbern wünscht Dingefinder Jörg Krüger.
Ich möchte in Nacht mich bergen, Nackt und scheu, Und um die Glieder Dunkelheit decken Und warmen Glanz. . . Ich möchte weit hinter die Hügel der Erde wandern - Tief hinter die gleitenden Meere, Vorbei den singenden Winden. . . Dort treff ich die stillen Sterne, Die tragen den Raum durch die Zeit Und wohnen am Tod des Seins, Und zwischen ihnen sind graue, Einsame Dinge. . . Welke Bewegung vielleicht Von Welten, die lange verwesten - Verlorener Laut - Wer will das wissen. . . Mein blinder Traum wacht fern den Wünschen der Erde.
Alfred Lichtenstein, aus: Gesammelte Gedichte. Zürich 1962
Alfred Lichtenstein (* 23. August 1889 in Wilmersdorf b. Berlin; † 25. September 1914 bei Vermandovillers, Somme, Frankreich),ein Dichter, den auch leider viel zu früh Krieg und Tod holte.
Das Bild ist von Mikalojus Konstantinas Čiurlionis (1875 - 1911)
Am 20. Februar 1911 erschien die erste Nummer der Aktion mit dem Untertitel „Zeitschrift für freiheitliche Politik und Literatur“:
Revolutionsball der Aktion
I.
Blutrot inmitten ragt die Guillotine und wirft ihr Rotsein strahlenförmig aus wie eine Palme schattige Baldachine, und alle Lichter färbt sie rot im Haus.
Rot spiegelt sie die Jakobinermützen, die Mäntel der Banditen, das Gewirr nackender Glieder, die wie Schlangen blitzen, der Schultern und der Brüste Perlgeflirr.
Rot springt ihr Blutgesang, die Marsaillaise, unter das Volk, sie tanzen Mann und Weib verschlungen ineinander heiss und böse, sich stossend wild mit ihrem Unterleib.
II.
Wie munter treibe ich im bunten Meer. Bin ich der Tintenfisch? ich weiss es nicht. - Dies violette Wesen blickt so sehr. Ganz nackt ist jener Jüdin Angesicht,
sie hebt ein Bein, das schimmert im Trikot, viel irdischer als die Natur es schuf. Dort steuert einer irr und qualenfroh, das ist gewiss ein Dichter von Beruf.
Jünglinge schleudern Augen schleierlos und schwarz wie Sammet brüsk von Weib zu Weib, siegreiche Mädchen, bis zur Hüfte bloss üben den wundervollen Schlangenleib.
III.
Inzwischen steht an eine Wand gelehnt ein würdiger Gast, dem jedes Barthaar fehlt, die Augen, an des Geistes Werk gewöhnt, blicken aus schwarzer Brille tief beseelt.
Als dächte er, des Wissens dürren Sand färbt doch die Liebe nur mit Blüten bunt, so hebt er langsam eine Mädchenhand und führt sie stumm andächtig an den Mund.
Und wie er leicht hineinbiss, war es mir, als wenn er einem seltnen Vogel glich, und eine innre Stimme wuchs in mir und rief: Das ist der Intellekterich!
IV.
Ach, wie berauschend wird das Farbenspiel. Die grüne Nacht der Seiden, dunkelrot von Sternen überfunkelt, im Gefühl von süssem Schweben zwischen Tag und Tod
Und Prächte östlicher Kulturen glühn dazwischen auf, kostbar gewirktes Gold, versunk´nes Violett und fremdes Grün, das ist in Arabesken aufgerollt.
O, wie das schwimmt in einem Meer von Licht und Worten - manchmal springt ein Laut heraus, just hör´ ich eine Stimme, welche spricht: Ich geh doch heute nicht mit Dir nach Haus!
V.
Ist das der letzte Tanz? Zwischen den Paaren kann man schon viel vom glatten Boden sehn, sie stürmen drüber hin wie Janitscharen, es ist ein grosses Stampfen und Gedröhn.
Blutrot inmitten ragt die Guillotine und wirft ihr Rotsein strahlenförmig aus. Auf ihrem Treppenbau sitzt Messaline vom Tanzen müde und sie ruht sich aus.
Ihr Kopf liegt weit zurück, die Augen blicken unter den Lidern unbeweglich fort. Der Leib schwingt leise und die Lippen zücken Erkenntnisse, die schildert nie ein Wort.
Franz Luft, aus: Die Aktion, Heft Nr. 8 1913
Nach dem Ball
Die Nacht kriecht in die Keller muffig matt. Glanzkleider torkeln durch der Strassen Schutt. Gesichter sind verschimmelt und kaputt. Kühl brennt der blaue Morgen auf die Stadt.
Wie bald Musik und Tanz und Gier zerrann. . . Es riecht nach Sonne. Und der Tag beginnt Mit Schienenwagen, Pferden, Schrei und Wind. Ein Mann streicht einen Herrenrumpf grau an.
Alltag und Arbeit staubt die Menschen ein. Familien fressen stumm ihr Mittagsmahl. Durch einen Schädel schwingt noch oft ein Saal, Viel dumpfe Sehnsucht und ein Seidenbein.
Alfred Lichtenstein, aus: Die Aktion, Heft Nr. 8 1913 (direkt unter obigen Gedicht)
Die Aktion war eine von Franz Pfemfert von 1911 bis 1932 herausgegebene literarische und politische Zeitschrift, die dem Expressionismus zum Durchbruch verhalf und für eine undogmatische linke Politik stand. Anfangs erschien Die Aktion wöchentlich, ab 1919 vierzehntäglich, ab 1926 nur noch unregelmäßig. Durch den Kontakt zu Hiller und dessen Freunden im Neuen Club, die unter der Bezeichnung Neopathetisches Cabaret Leseabende mit expressionistischen Künstlern organisierten, wurde Die Aktion rasch zum führenden Organ der neuen Richtung.
Ab 1913 erschienen mehrere Sonderhefte, die nur Lyrik enthielten. Ab 1914 nahm der Anteil der grafischen Arbeiten zu, wobei besonders ausdrucksstarke Holzschnitte das Erscheinungsbild der Zeitschrift prägten. In der ersten Nummer umriss Franz Pfemfert das Ziel der Aktion wie folgt:
„Die Aktion tritt, ohne sich auf den Boden einer bestimmten politischen Partei zu stellen, für die Idee der Großen Deutschen Linken ein. Die Aktion will den imposanten Gedanken einer ‚Organisierung der Intelligenz‘ fördern und dem lange verpönten Wort ‚Kulturkampf‘ […] wieder zu seinem alten Glanze verhelfen. In den Dingen der Kunst und Literatur sucht Die Aktion ein Gegengewicht zu bilden zu der traurigen Gewohnheit der pseudoliberalen Presse, neuere Regungen lediglich vom Geschäftsstandpunkt aus zu bewerten, also sie totzuschweigen.“
Bereits 1914, noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, wurde die Zeitschrift erstmals beschlagnahmt. Mit Ausbruch des Krieges im August 1914 verschärfte sich die Situation noch, da jetzt eine schärfere Zensur galt. Pfemfert beschloss deshalb, ab sofort nur noch literarische Texte zu veröffentlichen, um so ein vollständiges Verbot des Heftes zu vermeiden. Erstaunlicherweise gelang dies, und das obwohl Pfempfert in Rubriken wie Ich schneide die Zeit aus hetzerische Artikel aus anderen Zeitungen geschickt montierte, und in einer Briefkastenrubrik Künstler und Intellektuelle, die den Krieg unterstützten, scharf angriff. Auch die literarischen Veröffentlichungen setzte er geschickt im Sinne des Antimilitarismus ein, indem er zum Beispiel Gedichte von der Front veröffentlichte, . . . Neben wirtschaftlichen und politischen Gründen hat wohl auch Franz Pfemferts sich ab Ende der 1920er Jahre verschlechternder Gesundheitszustand dazu geführt, dass Die Aktion schließlich einging. !933 ging Franz Pfempfert ins Exil, er starb am 26. Mai 1954 in Mexiko. (Wiki)
So viele Jahre sucht ich dich, Maria - In Gärten, Stuben, Städten und Gebirgen, in Buden, Dirnen, in Theaterschulen, in Krankenbetten und in Irrenzimmern, in Küchenmädchen, Schreien, Frühlingsfeiern, in allen Wettern und in allen Tagen, in Kaffeehäusern, Müttern, Tänzerinnen - Ich fand dich nicht in Kneipen, Kinobildern, Musiklokalen, Sommerdampferfahrten. . Wer sagt die Qual, wenn ich in Nacht auf Straßen nach dir zum toten Himmel schrie -
Nächstes Lied:
Der dich so sucht, Maria, wird ganz grau. Der dich so sucht, verliert Gesicht und Bein. Zerfällt im Herzen. Blut und Traum entweicht. Käm ich zur Ruh. . Wär ich in deiner Hand. . O, nähmst du mich in deine Augen auf. .
Hohes Lied:
Maria du - daran zu denken, wie ich dich empfand. . Der schwere Kopf versinkt - Meer nur und Mond - Meermond und Wind und Welt -
Um deine weiße Haut der weiße Sand, Maria - Dein Haar. . Dein Lächeln. . Rings ist Meer und Not und Ruf und Sehnsucht und ein sanftes Glück -
All dieses Singen, das so müde macht. . Kommt nicht der Himmel wie ein Mutterlied zur Stirn des Kindes hin und hin zu uns -
Trauriges Lied:
Jetzt geh ich wieder zwischen Tagen, Tieren. Gestein und tausend Augen und Getön - der Fremdeste. Ich musste dich verlieren. . Dein Hurenleib, Maria, war so schön -
Jetzt such ich wieder zwischen Tagen, Tieren, Gestein und Lärm vergeblich deine Spur. Jetzt weiß ich auch: ich mußte dich verlieren. . ich fand nicht dich - dein Name war es nur -
Letztes Lied
Komm nur, mein Regen. . fall mir ins Gesicht - Gelbe Laternen. . werft die Häuser um - Heile und glatte Wege will ich nicht.
So ist es schön. . nur im Laternenschein. . Maria. . dunkler Regen ringsherum - So geht´s sich gut. Ich möchte bei dir sein.
Was sind mir Berge und das flache Land - Was Städte mir und bunter Nacht Hypnose - Zurück zum Meer. . Zurück zum Sternenstrand.
Du bist nicht ganz Maria, die ich suchte. Doch bist auch du Maria - Grenzenlose. . Geliebte. . Törin. . sehnsüchtig Verfluchte. .
Alfred Lichtenstein, aus: Die Aktion, 4. Oktober 1913 (* 23. August 1889 in Wilmersdorf b. Berlin; † 25. September 1914 bei Vermandovillers, Somme, Frankreich), Dichter, den auch leider viel zu früh Krieg und Tod holte.
Das Foto ist von mir, aufgenommen im Waldviertel in Österreich.
Messe für die Dichter
(Inspiriert vom Requiem für die Gefallenen Europas von Yvan Goll. 1917)
Sie wurden erschossen, begingen Selbstmord oder starben an
Seuchen: Rund 600 Künstler aus ganz Europa kamen im Ersten Weltkrieg um.
Der erste
Weltkrieg lockte zahlreiche Freiwillige an die Front, vor allem Städter und
Vertreter gebildeter oder höherer Gesellschaftsschichten.
Gerade die Bewegung des Expressionismus ist dafür bekannt, dass einige Dichter
aus diesem Grund das expressionistische Jahrzehnt nicht überlebten.
Alfred Lichtenstein (*1889) war bereits 1913 einjährig Freiwilliger und
somit von Anfang an am Weltkrieg beteiligt und starb 1914. Der
Hauptmann August Stramm (*1874) hätte die Möglichkeit gehabt, von der
Front wieder zurückzukehren, fühlte sich aber seinen Kameraden gegenüber
verpflichtet und starb 1915 als Bataillonskommandeur. Auch Ernst Wilhelm
Lotz (*1890) war bereits vor dem Weltkrieg Offizier. Er starb 1914 mit
eisernem Kreuz im Schützengraben. Georg Trakl (*1887) wurde als
Militärapotheker einberufen, erlitt einen Nervenzusammenbruch und beging 1914
Selbstmord. Ernst Stadler (*1883) wurde als Reserveoffizier 1914 von
einer Granate getötet. Während die bislang Genannten vor allem als Lyriker
berühmt sind, steht Reinhard Sorge (*1892) in der führenden Reihe der
Dramatiker des Expressionismus. Seine freiwillige Meldung wurde zunächst nicht
angenommen, später dann doch, er starb 1916 auf dem Verbandsplatz.
Aus derselben Generation entstammte Gustav Sack (*1885), den man
nicht unbedingt dem Expressionismus zurechnet. Er verweigerte zuerst den
Kriegsdienst, wurde aber dann doch eingezogen, um 1916 als Leutnant der Reserve
zu fallen. Auch mehr oder weniger dem Expressionismus nahe war Heinrich
Lautensack (*1889), der 1917 vom Kriegsdienst entlassen wurde und 1919 in
geistiger Umnachtung in einer Nervenheilanstalt starb. Walter
Flex (*1887) dokumentierte seine Kriegsbegeisterung in dem einstmals
vielgelesenen Roman Der Wanderer zwischen beiden Welten, in dem er seine
Zeit mit der Bibel an der Front besingt. Er wurde zwar 1917 von dort abberufen,
um an einer Publikation mitzuarbeiten, wünschte aber, in den Kampf
zurückzukehren und starb 1917 im Lazarett. Franz Janowitz (*1892)
begann auch als einjährig Freiwilliger, um 1917 im Spital sein Ende zu finden.
Hans
Leybold, Johann Peter Baum, Hans Ehrenbaum-Degele, Gerrit Engelke, Walter Ferl,
Wilhelm Runge sind weitere Namen, stellvertretend für viele, aus vielen
Nationen. Die Auswahl ist sehr subjektiv, ich möchte damit meinem Gedenken an
diese Dichter Raum geben. Es ist auch eine Mahnung: Krieg war noch nie eine
Lösung.
Musik: Jean Roger-Ducasse - 6 Préludes No. 1. Très
nonchalant / Prelude II for Piano
Hart stoßen sich die Wände in den Straßen ...
Hart stoßen sich die Wände in den Straßen,
Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,
Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht
Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen.
Wir sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind,
Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten,
Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind,
Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten.
Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und
Poren,
Es müssten Pantherinnen sein, gefährlich zart,
In einem wild gekochten Fieberland geboren.
Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.
Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht
kennen.
Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt.
Wir leuchten leise. – Doch wir könnten brennen.
Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.
Aus: Ernst Wilhelm Lotz, Wolkenüberflaggt,
Gedichte, in der Reihe Der jüngste Tag, Band 36, Kurt Wolff Verlag, Leipzig
1917
Ernst Wilhelm Lotz wurde geboren am 6. Februar 1890 in Culm an der Weichsel,
Westpreußen; er „fiel“ als Kriegsfreiwilliger am 26. September 1914 bei
Bouconville, Frankreich. Er war Lyriker und Übersetzer, unter anderem
übersetzte er Gedichte von Arthur Rimbaud und Paul Verlaine.
Musik:
Gustav Holst - Ode to Death 1919verarbeitete
Holst seine Einsicht in die Sinnlosigkeit des Krieges in der Ode to
Death in Gedenken an Musikerkollegen und Freunde wie den jungen
Komponisten Cecil Coles, die auf dem Schlachtfeld umgekommen waren.Er wurde geboren am 21. September 1874 in Cheltenham;
gestorben am 25. Mai 1934 in London
In deinem Zimmer
In deinem Zimmer fand ich meine Stätte.
In deinem Zimmer weiß ich, wer ich bin.
Ich liege tagelang in deinem Bette
Und schmiege meinen Körper an dich hin.
Ich fühle Tage wechseln und Kalender
Am Laken, das uns frisch bereitet liegt.
Ich staune manchmal still am Bettgeländer,
Wie himmlisch lachend man die Zeit besiegt.
Bisweilen steigt aus fernen Straßen unten
Ein Ton zu unserm Federwolkenraum,
Den schlingen wir verschlafen in die bunten
Gobelins, gewirkt aus Küssen, Liebe, Traum.
Ernst Wilhelm Lotz
Abschied (II)
Vorm Sterben mache ich noch mein Gedicht.
Still, Kameraden, stört mich nicht.
Wir ziehn zum Krieg. Der Tod ist unser Kitt.
O, heulte mir doch die Geliebte nit.
Was liegt an mir. Ich gehe gerne ein.
Die Mutter weint. Man muß aus Eisen sein.
Die Sonne fällt zum Horizont hinab.
Bald wirft man mich ins milde Massengrab.
Am Himmel brennt das brave Abendrot.
Vielleicht bin ich in dreizehn Tagen tot.
„Der einzige Trost ist: traurig sein. Wenn die Traurigkeit
in Verzweiflung ausartet, soll man grotesk werden. Man soll spaßeshalber weiter
leben. Soll versuchen, in der Erkenntnis, dass das Dasein aus lauter brutalen,
hundsgemeinen Scherzen besteht, Erhebung zu finden.“
Alfred Lichtenstein
Alfred
Lichtenstein, geboren am 23. August 1889 in Wilmersdorf bei Berlin; „gefallen“
am 25. September 1914 bei Vermandovillers, Somme, Frankreich), ein Dichter,
den auch leider viel zu früh Krieg und Tod holte.
Grodek (1914)
Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldenen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düster hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch Stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldenem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme der Geistes
nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungeborenen Enkel.
Am 3. November 1914 starb der Dichter Georg Trakl.
Trakl wurde als Militärapotheker einberufen und begab sich angesichts der
Gräuel, welcher er an der Front teilhaftig wurde, in den Freitod. Sein Gedicht
„Grodek“ entstand wenige Tage vor seinem Tod.Grodek ist wohl Trakls letztes
Gedicht und wurde kurz nach seinem Tod in der Zeitschrift Der
Brenner veröffentlicht
Musik: White Noise, The Visitation, LP An Electric Storm 1969
Claude Debussy -Noël des enfants qui n'ont plus de maison
Weihnachten
für Kinder, die kein Zuhause mehr haben, ein Weihnachtslied ,
für Gesang und Klavier, komponiert im Dezember 1915 von Claude
Debussy, Autor des Textes und der Melodie , und im folgenden Jahr
in Paris von Auguste Durand veröffentlicht
. Das mitten im ersten Weltkrieg entstandene Lied ist
eine Verurteilung der Besetzung Frankreichs durch
Deutschland. Dieses Stück ist das letzte Lied, das er
komponieren wird.
„Nous
n’avons plus de maisons !
Les ennemis ont tout pris, tout pris, tout pris,
Jusqu’à notre petit lits!
Ils ont brûlé l’école et notre maître aussi,
Ils ont brûlé l’église et monsieur Jésus-Christ,
Et le vieux pauvre qui n’a pas pu s’en aller!
Nous n’avons plus de maisons! Les ennemis ont tout pris, tout pris, tout pris,
Jusqu’à notre petit lit. »
Sehnsucht
Fieber rauscht in meinen Adern,
Glut stürzt Bergstrom zwischen
Felsenstein
Nach Deinen Augen tasten meine Hände
Auf Deinen Mund glüht Sonne heiße
Spiele
Ich lechze sehr nach Deiner Lippen
Tau,
nach schwarzem Glanz aus Deinen
fragen Augen,
dem Duft vom Haar und Deiner weißen
Hand
Im Wogen Deiner Brüste bin ich süß
Stumm wird mir Mund
Die Hand verkrampft
Starr wird mir Blick
Bald
Würgt mich die Schlacht
Kurt Striepe
Musik: Der Komponist Heinz
Winbeck legte Trakls Gedicht Grodek seiner 3.
Sinfonie Grodek (1987/88) zugrunde. Das rund 60-minütige Werk, 1988
uraufgeführt, ist für Altstimme, Sprecher und großes Orchester geschrieben I.
Presto isterico, Christel Borchers Orchestra: Deutsches Symphonie-Orchester
Berlin Leitung: Mathias Husmann.
Nun liegt
er hingebreitet auf der grünen Erde. Ich streichle Deine blonden Haare. Du
junger, junger Mensch, der Du zu Gott Dich aufrankst. Du Gläubiger in Kunst.
Schon blühte sie aus Deiner Brust. Weich leg ich meine Hand auf Deine
Knabenstirn. Im Himmel aller Kunst wird Deine zarte Blume leuchten. Im
Kinderland der Gläubigen wird man sie lieben. Und wenn Du fielst, noch steh
ich. Neben Dir. Ein Stern zerspringt. Ich leuchte seinem Glanze.
Herwarth Walden: Aus seinem Nachruf auf Kurt
Striepe, Der Sturm, 15. Mai 1918
„Ich hatte
viel Vertrauen gehabt in das Höhere und das Geistige des Menschen. Da stand ich
auf einmal vor der rauhen Wirklichkeit. Nicht Kunst, nicht Liebe, nicht
Weisheit, sondern Granaten, Granaten, Granaten.“
Theo van Doesburg, November 1914, Niederländischer Maler (1883-1931) Sein Werk wurde von den Nationalsozialisten als „Entartete Kunst“
gebrandmarkt.
Loretto
Einen Tag
lang in Stille untergehen!
Einen Tag lang den Kopf in Blumen kühlen
und die Hände fallen lassen
und träumen: diesen schwarzsamtnen, singenden Traum:
Einen Tag lang nicht töten.
Edlef
Köppen(1893-1939)
Edlef Köppen
wurde mehrfach verwundet, unter anderem erlitt er Verätzungen durch
Giftgas und eine Lungenquetschung infolge einer Verschüttung, die ihn
lebenslang gesundheitlich beeinträchtigte. Im Verlauf des Krieges entwickelte
Köppen sich zum überzeugten Pazifisten und weigerte sich schließlich
im September 1918 weiterzukämpfen, was seine zwangsweise Internierung in einer
psychiatrischen Klinik in Mainz zur Folge hatte.
Musik:
„Vor dem Einschlafen“, Rudi Stephan, aus Sieben Lieder für Singstimme und
Klavier (1913 / 14) Hinrich
Alpers · Rudi Stephan · Tehila Nini Goldstein
Rudolf
Stephan, geboren am 29. Juli 1887 in Worms; „gefallen“ am 29. September 1915 bei Tarnopol, Galizien, Österreich-Ungarn),
Komponist.
Dem
Andenken eines gefallenen Tondichters
Wir hatten
musiziert und schwiegen jetzt
Und starrten vor uns hin und lauschten leise
Dem Nachklang der von dir erdachten Weise,
Als hättest du dich still zu uns gesetzt:
Nicht als
ein Toter, blutend und zerfetzt,
Nein, wie du warst in unserm Freundeskreise,
Verliebt, verträumt, wie einer auf der Reise,
Den alles wundert und den nichts verletzt.
Wir sahen
deine braunen Augen wieder,
Die für das Große dieser Welt gefunkelt,
Und dachten, welch ein Schicksal sie verdunkelt:
Wildfremder Hass riss dich zur Grube nieder.
Wenn er
dich je gekannt, der dich erschossen,
Er hätte dich wie wir ins Herz geschlossen.
Herbert Eulenberg, geboren
am25.
Januar 1876 in Mülheim am Rhein; gestorben am 4.
September 1949 in Düsseldorf-Kaiserswerth), Schriftsteller und
kämpferischer Humanist. Dem Anpassungsdruck während der Zeit des
Nationalsozialismus widersetzte er sich erfolgreich.
Weltbürgers
Wanderlied
Ich habe
einen Freund!
Ich habe meinen Freund überall in der Welt!
Ueberall tanzende Schwestern,
Blankstirnene Brüder,
Mit glühendem Salut!
Von Grönland bis Kap Hoorn
Weiss ich meine Familie,
Und das ist ihr Zeichen:
Schlag' ich nur mit einem Worte an,
Rauscht aus rotem Mund
Sprudelnder Geist
Wie göttlicher Quell
Aus Mosis Felsen.
Sag' ich aber ein Wort der Liebe,
Da wölbt sich in lachenden Augen
Ein Doppelhimmel
Und leuchtet mich an!
Wiege und
Sarg,
Kleinlicher Nachbarn
Hölzerne Heiligtümer -
Auf dem Ozean, hafenlos,
Erdenlos, himmelfremd,
Lass ich sie schwimmen!
Und doch weiss ich:
Keine Gemeinde
Gönnte mir Irrendem
Sechs Fuss Erde
Zu meiner Gruft!
Aber ich segle mit Purpurwolken
Da und dorten.
Ueberall sind Menschen,
Die meiner warten:
Eine Frau, deren Herz aufstöhnt,
Ein Chef, der meine Arbeit braucht,
Ein Kranker, den ich rette -
Ich bin ein Mensch!
Ein guter, ein schlechter,
Wie man es wolle -
Was sollt' ich nicht aller
Menschen der Welt,
Guter und Schlechter,
Bruder mich heissen?
Iwan
Goll, aus: Requiem für
die Gefallenen von Europa, Kommissionsverlag von Rascher & Cie, Zürich –
Leipzig 1917
Yvan
Goll (auch Iwan oder Ivan Goll, eigentlich Isaac Lang;
geboren am 29. März 1891 in Saint-Dié, Frankreich; gestorben
am 27. Februar 1950 bei Paris) war
ein deutsch-französischer Dichter und der Ehemann der
deutsch-französischen Schriftstellerin und Journalistin Claire Goll. Als Pazifist vor
dem Wehrdienst fliehend, emigrierte er zu Beginn des Ersten
Weltkriegs 1914 in die Schweiz, wo er
in Zürich, Lausanne und Ascona lebte.
Musik: Aleksander
Wertyński singt Sergei Yesenin - Pismo k'damie (Letter to a Lady), 1929
Da svidanya
drug moj, da svidanya... (Goodbye, my friend, goodbye My love, you are in my
heart. It was preordained we should part And be reunited by and by. Goodbye: no
handshake to endure. Let's have no sadness — furrowed brow. There's nothing new
in dying now Though living is no newer....) -Sergei Aleksandrovich Yesenin.
I Have a
Rendezvous with Death von Alan Seeger, gesprochen von Pete Seger
I have a rendezvous with Death
At some disputed barricade,
When Spring comes back with rustling shade
And apple-blossoms fill the air—
I have a rendezvous with Death
When Spring brings back blue days and fair.
It may be he shall take my hand
And lead me into his dark land
And close my eyes and quench my breath—
It may be I shall pass him still. I have a rendezvous
with Death
On some scarred slope of battered hill,
When Spring comes round again this year
And the first meadow-flowers appear.
God knows ’twere better to be deep
Pillowed in silk and scented down,
Where love throbs out in blissful sleep,
Pulse nigh to pulse, and breath to breath,
Where hushed awakenings are dear... But I’ve a rendezvous
with Death
At midnight in some flaming town,
When Spring trips north again this year,
And I to my pledged word am true,
I shall not fail that rendezvous.
Alan
Seeger, geboren am 22. Juni 1888 in New York City, USA;
“gefallen” am 4. Juli 1916 in Belloy-en-Santerre, Frankreich)
war ein US-amerikanischer Dichter. Seegers Gedichte wurden 1917 posthum
unter dem Titel Poems veröffentlicht, darunter sein bekanntestes
Gedicht I Have a Rendezvous with Death.
Wildgänse
rauschen durch die Nacht
Mit schrillem Schrei nach Norden –
Unstäte Fahrt! Habt acht, habt acht!
Die Welt ist voller Morden.
Fahrt durch
die nachtdurchwogte Welt,
Graureisige Geschwader!
Fahlhelle zuckt, und Schlachtruf gellt,
Weit wallt und wogt der Hader.
Rausch’ zu,
fahr’ zu, du graues Heer!
Rauscht zu, fahrt zu nach Norden!
Fahrt ihr nach Süden übers Meer –
Was ist aus uns geworden!
Wir sind
wie ihr ein graues Heer
Und fahr’n in Kaisers Namen,
Und fahr’n wir ohne Wiederkehr,
Rauscht uns im Herbst ein Amen!
Walter
Flex, geboren am 6.
Juli 1887 in Eisenach; „gefallen“ als begeisterter
Kriegsfreiwilliger am 16.
Oktober 1917 bei Pöide (Peude) auf
der estnischen Insel Saaremaa (Ösel). Sein wohl
bekanntestes Gedicht, vertont zu einem „Volkslied“ geworden, stammt aus seinem
Roman „Wanderer zwischen den Welten“.
Zu den im
Video verwendeten Bildern:
Es sind
Gemälde zu sehen von: Augusto Giacometti, August Macke (Spielende Kinder im
Grünen), Umberto Boccioni, Joseph Sattler, Andrea Rausch (Fredelsloh), Federico
Armando Beltran, Hans Christiansen, Kuzma Petrov-Vodkin (Fantasia 1925), Odilon
Redon (2x), Wenzel Hablik (Crystal Utopias), Isaac Grünewald (In the world of fantasy),
Hans Christiansen, Erzsébet Korb, Edvard Munch (Liebespaar am Ufer), Harald
Slott-Møller, Heinrich Vogeler (Abschied 1898), Hermann Stenner (Kreuztragung 1913),
Alexandre Séon, Hans Baluschek (Krieg 1), (Krieg 2), Umberto Boccioni (States of Mind Those Who Go 1911), Félix Valloton
(Verdun), William Orpen – Zonnebeke, Umberto Boccioni(The city rises by 1910), Franz Marc (Kämpfende
Formen), Stanislaw Wyspiaski (Stas spiacy.1904), Ferdinand du Puigaudeau, John
Bauer, Edvard Munch (Der Kuss 1921), Felix Vallotton (Les intimités le mensonge),
Deckblatt von Der Sturm zum Tod von Kurt Striepe, Albin Egger-Lienz (Toter Soldat),
Albin Egger-Lienz (Finale), (Albin Egger-Lienz Leichenfeld II), Christopher Richard
Wynne Nevinson (Paths Of Glory 1917), Klemens Brosch (Schlummernder), Marianne
von Werefkin (House with Lantern), Legh Mulhall Kilpin (Gate of the Infinite), Walter
Gramatte (Der träumende Knabe - Ziganka), Foto Somme 1916, Foto Luretto 1915, William
Orpen, 4 Fotos Loretto 1915, Caspar David Friedrich (Novembersonne) und ein
weiteres Gemälde von ihm, Jan Mankes, Arthur Bowen Davies, Mikalojus
Konstantinas Čiurlionis, Károly Ferenczy (Orpheus 1894), Pekka Halonen, Hans
Thoma (Mondscheingeiger), Eugeniusz Zak (Landscape with a palace 1916), Georges
Lacombe (The ages of life 1892), Emile Friant (Gemeinschaft), Emile Friant (Discussion Politique 1889), Ignaty Nivinsky, Wandbild
in Bremen (Foto von mir), Heinrich Lefler, August Macke (Paradies, Ausschnitt), Plakat in Bremen (Foto von mir)
Zu den
Fotos:
Zu Beginn:
Ernst Wilhelm Lotz, Alfred Lichtenstein, Georg Tralö, Edlef Köppen, Rudi
Stephan, Yvan Goll
Zum
Abschluss: Alan Seeger, August Macke mit seiner Frau Elisabeth, Ernst Stadler, Franz
Janowitz, George Butterworth, Gerrit Engelke, Hans Leybold, Heinrich
Lautensack, Hermann Stenner, Kurd Adler, Reinhard Sorge, Peter Baum,
stellvertretend für so viele. . .
Alle Bilder
und Fotos sind gemeinfrei mit Ausnahme des Bildes von der Fredelsloher
Künstlerin Andrea Rausch, die 2016 verstarb. Die Nutzung erfolgt mit
frendlicher Genehmigung der Hedi Kupfer Stiftung als Nachlassverwalterin.
Dingefinders
LYRA: LYRAist die Abkürzung
für LYrikRAdio und bezieht sich auf die Audiospur. Die Bilder sind für YouTube
dazu gekommen. Das Projekt verfolgt keinerlei kommerzielle Zwecke, weder der
Blog (Dingeinders Lesebuch) noch der YouTube-Kanal sind monetarisiert. Die
Reihe wird fortgesetzt.
Alfred Lichtenstein: Gesammelte Gedichte. Zürich 1962
Alfred Lichtenstein (*
23. August 1889 in Wilmersdorf b. Berlin; † 25. September 1914
bei Vermandovillers, Somme, Frankreich),ein Dichter, den auch leider viel
zu früh Krieg und Tod holte.
Das Bild ist von Mikalojus Konstantinas Čiurlionis
(1875-1911)
Am 25. 9. 1914 starb der Dichter
Alfred Lichtenstein an der Westfront. Einer der vielen Dichter der
expressionistischen Generation, die in den Krieg zogen, teilweise freiwillig,
wie Ernst Wilhelm Lotz, der einen Tag später als Alfred Lichtenstein „fiel“,
teils widerwillig und voll Todesahnung, wie Lichtenstein.
Abschied
Wohl
war ganz schön, ein Jahr Soldat zu sein.
Doch schöner ist, sich wieder frei zu fühlen.
Es gab genug Verkommenheit und Pein
In diesen unbarmherzgen Menschenmühlen.
Sergeanten, Bretterwände, lebet wohl.
Lebt wohl, Kantinen, Marschkolonnenlieder.
Leichtherzig laß ich Stadt und Kapitol.
Der Kuno geht, der Kuno kommt nicht wieder.
Nun, Schicksal, treib mich, wohin dir gefällt.
Ich zerre nicht an meiner Zukunft Hüllen.
Ich hebe meine Augen in die Welt.
Ein Wind fängt an. Lokomotiven brüllen.
Abschied (II)
Vorm
Sterben mache ich noch mein Gedicht.
Still, Kameraden, stört mich nicht.
Wir ziehn zum Krieg. Der Tod ist unser Kitt.
O, heulte mir doch die Geliebte nit.
Was liegt an mir. Ich gehe gerne ein.
Die Mutter weint. Man muß aus Eisen
sein.
Die Sonne fällt zum Horizont hinab.
Bald wirft man mich ins milde Massengrab.
Am Himmel brennt das brave Abendrot.
Vielleicht bin ich in dreizehn Tagen tot.
„Der einzige Trost ist: traurig sein. Wenn die
Traurigkeit in Verzweiflung ausartet, soll man grotesk werden. Man soll
spaßeshalber weiter leben. Soll versuchen, in der Erkenntnis, dass das Dasein
aus lauter brutalen, hundsgemeinen Scherzen besteht, Erhebung zu finden.“