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Montag, 10. Juli 2023

Franz Blei: Prolog zu einem Maskenspiel / Stummes Gespräch

 



Prolog zu einem Maskenspiel


In allen Dingen ist das selbe Leben,
und alle träumen wir den gleichen Traum.
An einem Webstuhl sitzen wir und weben
das graue Tuch von Zeit und Ding und Raum
und jedem ist die Täuschung eingegeben,
dass er seinen bunten Faden spinnt,
und glaubt, er leb und sterb ein eignes Leben,
da ich wie du und wir wie alle sind.
Doch Wort und Schweigen lügt uns auseinander
und macht dich fremd zu mir und mich zu dir,
macht den zum Arlekin, den zum Cassander,
zum Helden den, und den zum blöden Tier.
Wir wissen nicht und haben viele Worte,
wir suchen Licht und gehen in die Nacht,
ganz müde leidet´s uns an keinem Orte,
und wissen nicht, was uns so müde macht.
In eine Laune sind wir tief beschlossen,
und drücken fest die Maske vors Gesicht,
das Spiel geht ernst, und oft ist Blut geflossen,
und einer sagt ein rührendes Gedicht
von Scham und Scheu und Herzen wund gestoßen -
So spielt´s mit uns, wir aber spielen nicht.
Wir haben keinen Ort und keine Stunde
und nicht mehr Dauer als ein Traumgesicht,
wir sagen Schmerz und was ist unsre Wunde?
Wir sagen Lust und was ist unser Licht?


Stummes Gespräch

Hier ist der Schlüssel an der Tür
Schließ auf  Tritt ein  Was zögerst du?
Du warst so lange nicht bei mir,
da stand ich immer hier
und wartete.

Was hast du denn! Ach lass nur, lass!
Es ist ja tot  Ich trag es fort
Es ist schon ganz verwelkt und blass -
es ist dein letztes Wort.
Erkennst du´s noch?

Das hauste hier die ganze Zeit
und ließ mich vor der Türe stehn
des Wartens graue Ewigkeit.
Nun lass uns weiter gehen,
den letzten Weg.

Den Hügel noch, dann ists vorbei
Dann ist das Ruhen dein und mein.
O lächle noch! Bald ists vorbei,
und Stein und Licht und Wort und Schrei
hüllt schon der trübe Abend ein.
Was letzter Frage Antwort sei?
  -   Alles ist nichts.

Franz Blei, aus Drei Gedichte, in Hyperion, eine Zweimonatszeitschrift, herausgegeben von Franz Blei und Carl Sternheim, Viertes Heft 1908, Hans von Weber Verlag, München 1908

Franz Blei, geboren am 18. Januar 1871 in Wien; gestorben am 10. Juli 1942 im Exil in Westbury, New York, USA), Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber und Literaturkritiker.

Das Foto zeigt Franz Blei 1924, aufgenommen von Nini und Carry Hess.

Die Schwestern Nini (geb. 21. August 1884; gest. 1943 in Auschwitz) und Carry Hess (geb. 11. November 1889; gest. 1957 in Chur, Schweiz) zählten zu den bedeutendsten Lichtbildkünstlerinnen der Weimarer Republik. Wegen ihrer jüdischen Herkunft wurden die beiden Fotografinnen von den Nationalsozialisten verfolgt und ihr Werk und ihr Leben zerstört.

Dienstag, 24. Januar 2023

Franz Blei: Abend / Heimkehr


 

Abend

Für Paul Scheffer

Den blauen Berg des tiefen Himmels steigen
Des Lichtes brennende Pilger hinab.
Es wird die Nacht den Müden sich gütig zeigen,
Jedem gibt sie ein weiches Grab.
Beugt euch tiefer, tiefer noch müsst ihr euch neigen,
Ganz das Licht in das Dunkel der Demut beugen.

Die Trösterin umfängt mit kühlen Händen,
Es löscht ihr Kuss das Leuchtende aus.
Und steht euch auch das Herz in wehen Bränden,
Kühl umschließt euch ihr dunkles Haus.
Sieh, nun steht der Tag an des Weges Enden,
O dass wir brennende Pilger Ruhe fänden!

Heimkehr

Für Max Brod

Nun wird der Weg schon blühender und breiter,
Und was im weißen Winterschlaf befangen,
Das wacht nun auf uns ist mein Heimgeleiter
Und bald ist jeder Weg zu End gegangen.

Verschlummert ist das Wünschen und Verlangen
Und alles Trübe wird auf einmal heiter,
Mit hellen Schleiern ist das Grau verhangen,
Ich bin Streiter mehr und nur ein Schreiter.

Die Heimkehr zu mir selbst! O Kind, und Glück,
Und kleines Wort, und Streicheln einer Hand,
Sieh wie ich komme, bald bin ich zurück.

Die Heimkehr zu mir selbst...ein fremdres Land.
Ersah in meiner Fremde nie mein Blick,
Als Fremdes ich in dieser Heimat fand.

Franz Blei, geboren am 18. Januar 1871 in Wien; gestorben am 10. Juli 1942 im Exil in Westbury, New York, USA), Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber und Literaturkritiker.

Das Portrait des Schriftstellers ist von Egon Schiele (1890 - 1918) 

Franz Blei: Die Fragen

 


Die Fragen

Hast du die Rosen blühen sehen?“
Ich sah sie blühen und sah sie vergehen,
Ich sah ihre Blätter im Winde verwehen. . .
Was ist das Leben?

Hörst du meines Herzens Schlagen?“
Ich hört es, als wir beisammen lagen
Zum erstenmal. Nun laß mich fragen:
Was ist die Liebe?

Kaum ist es Tag, die Wolken weinen
Und mir will keine Sonne mehr scheinen.
Vorüber, verloren. Und dies frag ich keinen:
Was ist das Sterben?

Franz Blei (geboren am 18. Januar 1871 in Wien, gestorben am 10. Juli 1942 in Westbury, New York), Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber und Literaturkritiker.

Die Fragen, aus: Die Aktion Nr. 27, 1913, Lyrische Anthologie
Das Bild ist von Harald Sohlberg (1869 - 1935)




Dienstag, 1. Februar 2022

Nikodemus Schuster (Franz Blei): Es ist ein Feur. . .

 



Anmerkung des Verfassers: Dieses Gedicht dichtete ich für einen Gesangverein stark behaarter deutscher Männerbrüste  -  Baritonsolo mit Chor  -, den ich einmal im Vorbeifahren an einer sächsischen Station auf deren Peron furchtbar schön singen hörte. Ich versuchte, hingerissen, das Meine an dieser schönen nationalen, auch vom Kaiser hochgeschätzten Sache beizutragen und verfaßte dieses Baritonsolo mit Chor (Brummstimmen).

Für eine ähnliche Gelegenheit schrieb ich früher schon einmal dieses herzfrohe Singelied: 


Ich weiß, dieses Gedicht lehnt sich an das von Otto Erich Hartleben verfaßte und nach der Melodie: (ja, sie fällt mir nun gerade nicht ein, aber ich kann sie singen) zu singende schöne Lied an, aber das macht nichts:


(Melodie von Mendelsohn geht so: la la la la - a usw.) Es müßte überhaupt viel mehr in diesem Genre und Sinne für das deutsche Volk gedichtet werden, sagte S.M. unlängst bei einem Frühstück. N. S.

Aus: Die Aktion, 7. März 1914, Nikodemus Schuster ist eines der vielen Pseudonyme von Franz Blei (geboren am 18. Januar 1871 in Wien, gestorben am 10. Juli 1942 in Westbury, New York) Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber und Literaturkritiker.

Das Bild ist von Arthur Severn (1842 - 1931)