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Montag, 23. Juni 2025

Emmy Hennings: Verlorenes Paradies

 



Verlorenes Paradies

I

Einmal deuteten unsere Prisma-Augen den Regenbogen.
Offenbarten Gott, der über Bergeskurven ging im Abendfrieden.
Sahen die Engel in den tiefen Tälern leuchten.
Wir verstanden das Murmeln der Geister in den Goldquellen
Und erwiderten die Schneeflockensprache, die aus der Höhe sank.
Wir lugten hell durch die sieben Schleier der Himmel,
Unsere Zärtlichkeit belauschte die keimende Saat,
Blütenverliebt fiel von unseren Lippen das Lob des Schöpfers
Im Namen aller Wälder. . .
Der Morgen sang im Lied der Lerche,
Die frühe Stunde brachte der Sonne den Dank,
Noch im Sinken waren wir lächelnde Osterkinder.

II

Alle lebenden Wesen trugen die süße Bürgschaft der Verkündigung.
Das Tier war unser freundlich Geschwister, demütig und lieb.
O Spielen in den Schlehdornhecken mit Zaunkönig und Schäfchen!
Das Lamm war Kind und neigte schüchtern den Kopf,
Wenn wir vorübergehend grüßten:
„O du weißes Bekenntnis der Menschheit!“
Dann lächelten die braunen Pferde so treu verträumt,
Und in ihren warmen Augen winkte weiches Wünschen.
Da beschützten wir die zarte Hingebung aller Wesen.
Der Mensch, ein Hirtenlied, sang der Sanftmut süße Macht.
Die Welt war Gottes Gruß und Weide.
Des Schlafes grüner Abhang Thron und Traum der ruhenden Natur.

III

Im Nachtschatten aber wuchs der Baum der Erkenntnis.
Kein Tag lieh Licht seiner Irrwischschönheit.
Zwielicht war ihm gegeben zur Versuchung.
Der heimliche Baum, in düsterer Pracht, lockte zweifelumwoben:
„Ihr werdet sein wie Gott.“
Da bezauberten schon die Früchte, lügenrot, ein lohend giftig Züngeln,
Und in verschwiegener Dämmerung ging lüstern das Bedenken durch die Welt.
Da fiel der Sinn, mit ihm versank der Garten Eden.

IV

Jetzt hast du, Menschenkind, dein Glück versagt.
O Suchersehnsucht, warum hast du „Warum“ gefragt.
Die Sonnen grübeln nicht „Woher, wohin?“
Wir tiefen Gräber suchen überall und immer Sinn.
Wir rechnen Tage, und vermessen uns,
Wir sagen Sage und versagen uns.
Wir suchen Wahrheit und versuchen uns.
Wir sind Gedicht und siebenfacher Wahn,
Wir hohen Sternendeuter unsrer Sternenbahn.

Emmy Hennings, aus: Helle Nacht, Gedichte, verlegt bei Erich Reiss, Berlin 1922

Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, Dichterin, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich.

„Niemals hat die Dichterin auf der Sonnenseite gelebt und es leicht gehabt, vielleicht hat sie es auch niemals ernstlich sich gewünscht. Sie lebt lieber unter den Kämpfenden, Armen, Bedrückten, sie liebt die Leidenden, sie fühlt für die Verfolgten und Rechtlosen. Sie bejaht das Leben auch in seiner Härte und Grausamkeit und liebt die Menschen bis in alle Verirrung und Not hinein.“ Hermann Hesse über Emmy Hennings

Das Bild „Das Paradies“ ist von Augusto Giacometti (1877 - 1947)

Mittwoch, 18. Dezember 2024

Emmy Hennings: Ich lebe im Vielleicht / Ach, was soll mir all Bekennen. . .

 


Ich lebe im Vielleicht

Ich lebe im „Vielleicht“,
Bin eine stumme Frage
Und alles ist mir Sage,
Soweit Gedanke reicht.
O komm, geliebtes Schweigen,
Und hüll mich zärtlich ein.
Wird alles anders sein,
Will ich mich tiefer neigen.

Emmy Hennings

Ach, was soll mir all Bekennen,
Schönes Schweigen, hüll mich ein.
Trunken in mir selber brennen,
Will ich Rausch und Säule sein.
Wort und Namen – wozu nennen?
Nicht mehr hören, nicht mehr sehn,
Wenn des Lebens bunte Chöre
Klingend mir vorüberwehn.
Nur die Siegel mögen brennen
Tief in meiner Seele Grund.
Daß ich Katakombe wäre,
Flamme, Gold und Gottesmund . . .

Emmy Hennings, aus: Emmy Ball-Hennings: Hugo Ball - Sein Leben in Briefen und Gedichten; Mit einem Vorwort von Hermann Hesse; S. Fischer Verlag Berlin 1930
Hennings, Emmy, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, Dichterin, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich. „Ich habe eine Aversion gegen den Dadaismus gehabt. Es waren mir zu viele Leute entzückt davon.“

„Niemals hat die Dichterin auf der Sonnenseite gelebt und es leicht gehabt, vielleicht hat sie es auch niemals ernstlich sich gewünscht. Sie lebt lieber unter den Kämpfenden, Armen, Bedrückten, sie liebt die Leidenden, sie fühlt für die Verfolgten und Rechtlosen. Sie bejaht das Leben auch in seiner Härte und Grausamkeit und liebt die Menschen bis in alle Verirrung und Not hinein.“ Hermann Hesse über Emmy Hennings

„Zu einer Zeit, im Jahre 1915, als weder ich noch Tzara, noch Arp mir ihm zusammen waren, als Ball mit seiner Frau Emmy Hennings, als Refraktaer, unter dem Druck der Schweizer Fremdengesetze, ohne Geld und Nahrung muehselig existierte, wurde das Cabaret Voltaire gegruendet. Weder Arp noch ich noch gar Tzara gruendeten das Cabaret Voltaire, sondern Ball mit seiner Frau Emmy Hennings. . . . Emmy Hennings´ Einfluss war still, aber trotz seiner Unbemerktheit ausserordentlich stark.“

Aus: Richard Huelsenbeck, „Autobiographie“ (um 1953), Typoskript im Nachlass.
Das Bild ist von Marianne von Werefkin (1860 - 1938)

Donnerstag, 28. Dezember 2023

Emmy Hennings: Gefängnis

 



Gefängnis

I

Am Seil der Hoffnung ziehn wir uns zu Tode.
Beneidet auf Gefängnishöfen sind die Raben.
Oft zucken unsre nie geküssten Lippen.
Ohnmächtige Einsamkeit, du bist erhaben.
Da draußen liegt die Welt, da rauscht das Leben.
Da dürfen Menschen gehn, wohin sie wollen.
Einmal gehörten wir doch auch zu denen,
Und jetzt sind wir vergessen und verschollen.
Nachts träumen wir Wunder auf schmalen Pritschen,
Tags gehn wir einher gleich scheuen Tieren.
Wir lugen traurig durchs Eisengitter
Und haben nichts mehr zu verlieren
Als unser Leben, das Gott uns gab.
Der Tod nur liegt in unsrer Hand.
Die Freiheit kann uns niemand nehmen:
Zu gehen in das unbekannte Land.


II

Im Süden rauscht das Wasser Seide.
Wir wohnen in den schmalen Zellen.
durchs Gitter dringt in kleinen Wellen
Die Sehnsucht nach der fernen Heide.

Mein Taschentuch hat grünen Saum.
Ein gelbes Feld ist in der Mitte.
Und auf und ab sechs kleine Schritte. . .
Mein Taschentuch - mein grüner Baum.


III

Es war in der heiligen Weihenacht,
Ich lag in stiller Zelle.
In überirdischer Helle
Der Stern von Bethlehem hielt wacht.

„Vom Himmel hoch, da komm ich her“
Es läuten alle Glocken.
Im Sträflingskleid auf Socken:
„Ich bring euch gute neue Mär.“

Emmy Hennings, aus: Helle Nacht, Gedichte, verlegt bei Erich Reiss, Berlin 1922

Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, Dichterin, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich. 1914 war sie wegen Diebstahls und Verdachts auf Beihilfe zur Fahnenflucht für mehrere Monate in einem Münchner Gefängnis inhaftiert.

Dienstag, 5. September 2023

Emmy Hennings: In jedem Lichte hoff ich Dich zu lernen. . .



In jedem Lichte hoff ich Dich zu lernen.
Ich weine, um Dir nah zu sein.
Und abends späh ich nach den Sternen
Und glaube Schein von Deinem Schein.

Ich bin das Kind in dunkler Fensterstufe
Und sage mir ein klein Gebet:
Hörst Du es auch, wie ich Dich rufe?
Und dann sinkt sachte der Komet.

Fällt in den See und rauscht so leise.
Ach, an den Fernen hab ich mich versehn.
Ein blindes Licht singt seine Weise
Und willenlose Zweige wehn. . .

Am dunklen Himmel kreisen Sterne
Sie wandern leise um die Ruh.
Es wacht der Fremdling in der Ferne
Hört einem Brunnenliede zu. . .

Emmy Hennings, aus: Emmy Ball-Hennings: Hugo Ball - Sein Leben in Briefen und Gedichten; Mit einem Vorwort von Hermann Hesse; S. Fischer Verlag Berlin 1930

Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich.

Samstag, 19. August 2023

Emmy Hennings: Sie feierten ein Fest. . .

 



Sie feierten ein Fest und niemand wusste es.
Es war vorüber, als sie es empfanden.
Sie trauerten um einen Schmerz, den sie nicht kannten
Und bluteten an einer unbewussten Wunde.
Sie trugen Masken, die sie selbst nicht sahen
Und waren so einander tief verborgen.
Was sich im Traum gelöst, versiegelte der Morgen.
Und ein Vergessen stand auf ihrem Munde.
So blieb ihr Dasein stummes Rätselspiel.
Und ihre Sehnsucht ward zu einer Sage.
Verschlungen blühten sie hoch überm Tage
In einem, ihnen selbst, geheimen Bunde.

Emmy Hennings, aus: Emmy Ball-Hennings: Hugo Ball - Sein Leben in Briefen und Gedichten; Mit einem Vorwort von Hermann Hesse; S. Fischer Verlag Berlin 1930

Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich.

Das Bild ist von Josef Eberz (1880 - 1942)

Mittwoch, 9. August 2023

Emmy Hennings: Ich lag in einem Schlafe. . .

 



Ich lag in einem Schlafe. . .

Ich lag in einem Schlafe.
Mir träumte wohl bergetief.
Ich sank von Stille zu Stille,
Als eine Stimme mich rief.

Sie war das Lied ohne Worte,
Die liebe lange Nacht,
Führt mich von Pforte zu Pforte
Zu neuem Schlaf erwacht.

Bald schlaf ich wohl noch süßer,
Als ich schon einmal schlief.
Ich sah ein Licht im Dunkeln,
Da jene Stimme mich rief. . .

Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, Dichterin, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich.

Aus: Emmy Ball-Hennings: Hugo Ball - Sein Leben in Briefen und Gedichten; Mit einem Vorwort von Hermann Hesse; S. Fischer Verlag Berlin 1930

„Niemals hat die Dichterin auf der Sonnenseite gelebt und es leicht gehabt, vielleicht hat sie es auch niemals ernstlich sich gewünscht. Sie lebt lieber unter den Kämpfenden, Armen, Bedrückten, sie liebt die Leidenden, sie fühlt für die Verfolgten und Rechtlosen. Sie bejaht das Leben auch in seiner Härte und Grausamkeit und liebt die Menschen bis in alle Verirrung und Not hinein.“ Hermann Hesse über Emmy Hennings

Das Bild ist von Odilon Redon (1840 – 1916)

Samstag, 22. Juli 2023

Emmy Hennings: Gedichte aus dem Simplicissimus

 



Es ist ein Lächeln. . .

Es ist ein Lächeln in den Untergängen.
Die Sonne schmiegt sich in die Einsamkeit.
Der Abend ist erfüllt von Klängen.
Hingebung träumt die Dunkelheit.

Das ist die Zeit der leisen Wachen.
Das ist die tiefste aller Stunden:
Die hohe Luft will sich entfachen,
Und selig brennen meine Wunden.

Jetzt gib mir, Nacht, die letzte Kunde,
O, lass mich sein das stille Lauschen.
Lass hangen mich am unsichtbaren Munde,
An deinem Stummsein mich berauschen.

Du lösest leicht die schweren Tage.
Du bist der Sanftmut milde Macht,
Du weicher Mantel, ferne Sage,
Umhülle mich, geliebte Nacht.

Aus: Simplicissimus Heft 3 1926


Sieh, die Nacht. . .

Sieh, die Nacht trägt an der Stirne
Funkelndes Geschmeide.
Weiße Horizonte flammen
Licht an ihrem Kleide.

Alle Uhren bleiben stehen,
Alle Winde ruhen.
Die Verstorbenen singen leise
In den dunklen Truhen.

Doch die da am Leben hangen
Nippen an den Krügen,
Und es schwingen ihre Lippen
Sich zu hohen Flügen.

Bis sie in der Feierstunde
Glühendem Versinken
Lautlos von den Klippen stürzen,
Um das Meer zu trinken. . .

Aus: Simplicissimus Heft 34 1929, die Zeichnung von Rudolf Sieck (1877 - 1957) war diesem Gedicht vorangestellt.


Wanderung

Noch halten wir uns an den Händen.
Zeit schimmert hell in lichten Reihen.
Sieh, es will leise Lilien schneien;
Die Herzen wollen sich verschwenden.

Jetzt bist du ich, und ich bin du.
Der Weg ist uns ein weißer Traum.
Wir spielen, wandern immerzu,
Vertauschen uns am fernen Saum.

Und einst wird sein ein zart verwehen.
Dann will ich sinken in dein Angesicht,
Lächeln in dir, mein stilles Untergehen.
Es spielt um uns das helle Licht.

Aus: Simplicissimus Heft 51 1926, auch im Heft 52, 1928 mit der Überschrift Kleines Liebeslied


Türmen sich Tage

Jetzt geh ich soviel Gassen auf und ab.
Türmen sich Tage, türmt sich das Grab.
Mein Grab wird groß, mein Grab wird weit,
Umfängt mich Todeshügel der Vergänglichkeit.

Und immer träum ich doch im Tanzen, tanz in Träumen.
Und blüh im Raume - und verwelk in Räumen.
Meine Augen sind ein Sehn und ein Versehn.
Meine Haare sind ein Wehn und ein Verwehn.

Meine Hände sind ein Halten und ein Fallen,
Meine Worte sind ein Schrei und ein Verhallen.
Und ach, meine Tage sind ein Versinken,
Die Frühe will schon dem Abend winken.

Meine Rosen glühn, wenn grauer Himmel schneit.
Mein junger Morgen träumt in weicher Dunkelheit. . .
Und habe so viel Zärtlichkeit verhaucht in viel Ohren.
Wo singt wohl Lust, die ich versang? So tief verloren?

Wo schwebt mein Sein, mein süß Verlieben?
Wo ist mein Lieben nun, in dich hineingeliebt, geblieben?
Im Gruß liegt Abschied - Im Anfang Ende
Und nur die Sehnsucht leuchtet durch alle Wände.

Aus: Simplicissimus, Heft 3 1925


Blaue Lilien

Blaue Lilien leise singen
Märchen aus dem Wunderland.
Und die Seele will durchdringen
Zartes, schleierloses Band.

Alle Blumen liebend lauschen
Auf den einen Herzensschlag.
Sagenhafte Bäume rauschen
Hoch in meinen Frühlingstag.

Geh ich träumend durch die Tiefen,
Erdgeboren, helles Licht,
Alle Sonnen, die mich riefen,
sinken in mein Angesicht.

Seligkeit, fall in die Seele.
Sieh mich stumm in deiner Macht.
Letzte Ohnmacht dir erwähle,
Überlicht und Augenwacht.

Aus: Simplicissimus, Heft 8 1925


Die Heiligen sind. . .

Die Heiligen sind Sommernachmittage.
Die Worte wehen weiche Flocken.
Das Schäfchen mit den Seidelocken
Ist schimmernd helle, fromme Sage.

Verstand ich doch, o süß Vertrauen,
Da Menschliches mich nicht verstand,
Hindurchgeliebt durch jede Wand,
Durch jeden Schleier deinen Grund zu schauen.

O, du Genosse der Verwunschenheit,
Komm zu mir in den fernsten Traum,
Und uns umblüht der Märchenbaum,
Die Blume aus der Ewigkeit.

Aus: Simplicissimus Heft 39 1925

Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, Dichterin, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich.

Der Simplicissimus war eine satirische Wochenzeitschrift, die von 1896 bis 1944 erschien. 

Donnerstag, 26. Januar 2023

Emmy Hennings: Schwester

 



Schwester

Es gab eine Zeit, da liefen wir verkappt durch die Straßen.
Versuchte man zu glauben unseren falschen Locken?
Wem machten wir Konzessionen, wenn wir mit hohen
Absätzen durch die Glühlichtnächte stelzten?
Die Männer, unsere entblößten Schultern betrachtend,
wurden gerührt oder frech.
Die Gleichgültigkeit der Männer traf uns gleich einem Dolchstoß
Mitten ins Herz,
Wenn wir verhüllte Lieder sangen: Kann ich dafür, daß ich so bin? -
Die ehrbare Gattin incognito lächelte vielsagend und eindeutig
Ihrem Galan zu.
Und flüsternd hinter den Kulissen, träumten Schwestern wir:
Das Kind der Gattin im Himmelbett.
Oh, unerreichbare, unbegreifliche Mutter. . .
Die mitgenommene Frau im Publikum
Zog sich angewidert und selig in ihren weichen Pelz zurück.
Und immer freigiebiger wurden wir,
Und lieferten lachend Schultern und Schenkel.
Das lachende Gesicht weinte:
Es zieht mich stets zum Manne hin. . .
Und zitternd für das blutarme Kindlein im Waisenhause
Schlugen wir den Saltomortale -
Es rauschte der Vorhang! -

Oh, Schwester, all unsre höfliche Kunst schien bei den Blasierten
Umsonst, verfehlt.
Besiegt sahen wir auf unsere Lackschuhspitzen.
- Oh, unsere durchsichtigen Strümpfe - sie waren so
durchsichtig und billig.
Wer merkte den zierlichen Kniff, wer war so willig?
Versottene Kavaliere mit versottenen Witzen.

Und weinten wir uns im Morgengrauen die geschminkten
Larven vom Gesicht,
Entblätterten wir uns,
Sanken uns die bunten Seidenfahnen von den Lenden,
Standen nackt wir weinend am Fenster,
Oh, Sehnsucht mit erhobenen Händen,
Fielen verstört wir ins Bett -
Doch wir schliefen nicht.
Und in durchtanzten Nächten, verschlafenen Tagen
Vergaßen wir das Sonnenlicht.
So ging das Leben an uns vorbei:
Rausch und Sang, Tag und Nacht, und Einerlei.

Und von allen, die du geliebt und geneppt,
Schwesterlein, wer hat dein verschüttetes Herz wohl entdeckt?
Wer sah dein unsichtbares Leid
Unter deinem Flitter- Panzerkleid?

Schwester, ich kenne die Angst, die dir aus den Augen springt,
Wenn du dir eines Tages zurufen wirst:
Ich hasse vergebens!
Ich kenne die grelle Flackerangst:
Ich liebte vergebens!
Dies ist die Stunde, in der du nicht einschlafen darfst.
Du bist nicht müde, nie warst du lebendiger.
Ich reiße dich zu mir!
Du darfst nicht sterben, bevor ich dir gesagt habe:
Es war nicht vergebens.
Wenn ich dir alles gesagt habe, wirst du den Schlaf
Vergessen haben, und du wirst leben, oh, so viel Leben!
Du bist am anderen Ufer
Und hinter dir stürzt die Brücke ein.
Sodom und Gomorrha verbrennen.
Was gewesen, war Gang über die gefährliche Brücke.
Vergiss nicht:
Wir kennen doch Wege und Umwege,
Aber den Ausweg, Schwester, kennen wir nicht.
Vergiss nie, daß es keinen Ausweg gibt.
Ein Irrgarten ist unser Leben mit vielen Spiegeln.
Sieh dein Spiegelbild, und denke nicht, es sei eine andere.
Sieh in den treuen Spiegel deiner Seele, und wirf das Katzengold von dir.
Sieh in den Spiegel, und du wirst mit jedem Tag
ein Stückchen Schimmer ablegen.
Und eines Tages wirst du sein:
Die enthronte Königin.
Die Schleppe deines Königsmantels fegte durch den Gassenkot.

Die Begierde des Mannes hat deine Herrlichkeit verbrannt.
Und wirst du rufen: Wo ist meine Macht?
Ich bin die Königin der Freude?!
Oh, Schwester, die Freude starb, und dein Reich ging dir
Verloren.
Deine Nachtschattenaugen irren suchend durch die großen Städte.
Die Städte sind leer - du wirst niemanden finden.
Und am späten Abend wirst du dich an eine Mauer lehnen
Du wirst sagen: Meine Welt ist gestorben.
Und die letzte Sehnsucht nach falschem Glück
Wird dir entgleiten wie dir dein roter Seidenmantel
Von den Schultern fällt.

Wenn dir die letzte Illusion entschwindet:
Die neue Welt liegt neu vor deinen Augen.
Die Jungfräulichkeit der Dinge sei dir Sehnsucht.
Schwester, der Anfang liegt in dir.
Das A und O.
Dem immer wiederkehrenden Anfang gilt all unser Streben!
Wir sind bereit, zu jeder Stunde neu beginnen!
Wir leben und sterben in einem Atemzug!
Das immerwährende Streben nach dem Gelöstsein!
Schweben
Zwischen Tod und Leben!
Bereit sind wir, zu fliegen in die Höhe,
Bereit sind wir, zu stürzen in die Tiefe.
Leben und Tod sind Eines.
Wir kennen nur noch eine Mischung:
Der Tod vermischt sich mit dem Leben.
Wir sind ewig auf dem Sprunge.
Wir stehen auf der Barrikade unseres Herzens!
Wir haben alles empfangen: wir sind bereit, alles zu geben.
Wir verschwenden uns.
Schwester, dein Herz in den Händen schleudere es in ein
Flammenmeer!
Wir werfen unsere Unendlichkeit der kleinen Erde zu.
Die graziöseste Verneigung vom höchsten Podium.
Schwester, so unberechenbar bist du in deiner Liebe!
Tollkühn und waghalsig sind wir:
Der Salto Mortale ist unser Beruf.
Geheiligt und wild wagen wir das letzte Abenteuer.

Was warten wir auf den letzten Sprung?
Nichts hält uns mehr.
Frei sind wir und kennen keine Hindernisse.
Ein Anlauf!
Das Sprungbrett wankt!
O Schwester! Du!
So himmelhoch springt mein Leben,
stürzt mein Verlangen,
Dir, Erde, zu!
Am ersten, am goldenen Morgen
Begrüßen wir die jüngste Erde!
Weihen wir der geheiligten Erde den Morgengruß!
Der Regenbogen der Versöhnung leuchtet in den Wolken.

Emmy Hennings (1885  -  1948) (Ascona 1917, nicht veröffentlicht), Aus: Emmy Hennings Dada, 

Hg. Nicola Behrmann, Christa Baumberger. Zürich 2015.


Niemals hat die Dichterin auf der Sonnenseite gelebt und es leicht gehabt, vielleicht hat sie es auch niemals ernstlich sich gewünscht. Sie lebt lieber unter den Kämpfenden, Armen, Bedrückten, sie liebt die Leidenden, sie fühlt für die Verfolgten und Rechtlosen. Sie bejaht das Leben auch in seiner Härte und Grausamkeit und liebt die Menschen bis in alle Verirrung und Not hinein.“ Hermann Hesse über Emmy Hennings

Mittwoch, 25. Januar 2023

Emmy Hennings, Hugo Ball: Emmy an Hugo; Hugo an Emmy

 


An Emmy

Sag mir …
Sag mir, daß Du Dich im Föhnwind sehnst
Und daß Du trauern würdest,
Wenn ich ginge.
Sag mir, daß diese Tage schön sind
Und daß Du weinen wirst,
Wenn ich nicht singe …

Sag mir, daß Du dem Leben gut bist.
Sag meiner Stimme, daß sie nie verwehe …
Und daß Du heiter und voll frohen Mut bist
Auch wenn ich lange Zeit Dich nicht mehr sehe.

Sag mir, daß ich ein töricht Kind bin
Und streichle mich wie eine junge Meise.
Sag mir, daß ich zu Dir zurückfind',
Auch wenn die Nächte dunkel sind,
Durch die ich reise …

Hugo Ball

Emmy an Hugo

Ich bin das Kind mit suchendem Gesicht,
Das sich verlor in Deines Mantel Weiten.
Ich lächle Deines Wesens Dunkelheiten,
So eingehüllt in Dir sag ich vom Licht.

Ich bin die kleine Unscheinbare,
Die sich verirrt in Gassen fand,
Die sich verlor ins wunderbare,
In Dir, Du Lied der jungen Jahre,
Das stets in meiner Seele stand.

Laß ruhen mich in Harfendämmerungen
Und träumen Deinen schönsten Stern,
Und wenn das letzte Licht versungen,
Dann sterb ich gern …

Für Hugo (von Emmy)

Die Heiligen sind Sommernachmittage
Die Worte wehen weiche Flocken,
Das Schäfchen mit den Seidelocken
Ist schimmernd helle, fromme Sage.

Verstand ich doch – oh, süß Vertrauen,
– Da menschliches mich nicht verstand -
Hindurchgeliebt durch jede Wand,
Durch jeden Schleier deinen Grund zu schauen.

Oh, du Genosse der Verwunschenheit,
Komm zu mir in den fernsten Traum.
Sieh, uns umblüht der Märchenbaum,
Die Blume aus der Ewigkeit …

Sonette von Hugo

I

Dreimal gepriesen sei mit tiefem Neigen
Dein Tag, o Herr, der mich in Zärtlichkeit
So ganz gehüllt hat und so eingeschneit,
Daß ich die Stille suche, um zu schweigen.

Es gab die lieblichste der Engelsgeigen
Mir bis ins Nachtgelände das Geleit.
Zum Tränenhimmel Deiner Seligkeit
Sah ich die weißen Prozessionen steigen.

Im Dreischritt aus den grünen Grüften hoben
Sich Füße, die vom Rebensaft gerötet
Es schimmerte das Herz, das sie getötet.

Und das sie nun mit Blütenzweigen loben
Um schwarzer Tyrus-Kreuze glomm das Feuer
Der Liebe und der wehen Abenteuer.

II

An lichtgewobener Kette muß ich hängen
Aus hohen Himmeln in das trübe Leben
Genötigt leise hin und her zu schweben,
Weil sanfte Ätherwellen mich bedrängen.

Man haucht mich an mit Worten und mit Klängen
Und schon will meine Flügelwage beben,
Um die Erschütterungen aufzuheben
Dreh ich mich in den ewigen Gesängen.

So sieht man wohl in frommen Kemenaten
Aus Watte und aus Werg an einem Faden
Die Geistestaube schweben im Geviert.

Sie lauschet über Kerzen und Gebeten
Den sieben Gaben und den scheuen Reden,
Dieweil ein Krönlein ihre Haube ziert.

III

(Orpheus)

Oh, königlicher Geist, dem aus den Grüften
Die Leoparden folgten und Delphine
Im Tiergeschlecht sahst Du die Menschenmiene
Gegrüßt von allen Brüdern in den Lüften.

Die Leier eingestemmt in junge Hüften
So standest Du umbrandet auf der Bühne.
Vom Tode trunken summte deine kühne,
Berauschte Stimme mit den Blumendüften.

Du kamst aus einer Welt, in der das Grauen
Die Marter überbot, da war dein Herz
Zerronnen erst und dann erstarrt zu Erz.

Durch jede Sehnsucht drang dein liebend Schauen
Es führten dich die Vögel und die Fische
Im Jubelchor zum höchsten Göttertische.

IV

Entrückt und nah, belebend und doch Schein
So seh ich, Liebste, Dich vor mir errichtet
Ein Umriß, der vor meinen Blicken flüchtet
Und dem es doch bestimmt ist, Bild zu sein.

Die Hände haben längst darauf verzichtet
Zu fassen nach Gestalt von Fleisch und Bein.
Genug zu wissen, daß Du Brot und Wein
Und zartes Feuer bist, das mich belichtet.

Die Augen werden einst in Moder fallen.
Was war ich ohne Dich? Ein irres Lallen
Ein Dunkel und ein Rausch der Bitternisse.

Laß wehen durch mein Wort die lichten Küsse,
Laß sinken in mein dämmerndes Gedicht
Vom Brunnenrande her Dein Angesicht.

V

Schmücke Dich, Liebste, der Abend naht,
Winde Dir Ketten ins leuchtende Haar.
Siehe, die Sonne will sich verneigen,
Tiefer noch will sich die Stille verschweigen,
Kerze brennt am Altar.

Wisse, die Seele liebt sich zu verschwenden
Brennende Feier und wehe Musik.
Leiser noch will ihr Geheimnis lallen,
Goldener Tropfen zögerndes Fallen
Ist ihr unsägliches Glück.

* * *

Hülle Dich, Liebste, in weiße Gewänder,
Ehe die Saite zerspringt.
Lächle im Saale der Engel und Rosen,
Laß Dir die kindliche Stirne kosen,
Ehe das Echo verklingt.

Sei mir ein Fest und ein zärtliches Wunder,
Milder noch blühe Dein Schein.
Wenn wir die magischen Worte tauschen,
Geht durch die Seele ein Flügelrauschen,
Dem wir uns weihn.

Schmücke Dich, Liebste, oh, süßes Verwehen,
Bald ist der Sommer verklungen.
Über den Hügeln welken die Kränze,
Doch in die Höhen der himmlischen Tänze
Sind wir entrückt und verschlungen …

Aus: Emmy Ball-Hennings: Hugo Ball - Sein Leben in Briefen und Gedichten; Mit einem Vorwort von Hermann Hesse; S. Fischer Verlag Berlin 1930

Samstag, 29. Januar 2022

Emmy Hennings: An Hugo geschickt

 


 

Emmy Hennings (1885 – 1948) Aus: Hugo Ball - Sein Leben in Briefen und Gedichten. Mit einem Vorwort von Hermann Hesse, S. Fischer Verlag Berlin 1930

Das Bild ist von dem Maler Albert Müller (1897 – 1926)

 

Sonntag, 23. Januar 2022

Emmy Hennings: Noch halten wir uns an den Händen. . .

 


Emmy Hennings (1885 - 1948)

Aus: Emmy Hennings - Hugo Ball. Sein Leben in Briefen und Gedichten. Mit einem Vorwort von Hermann Hesse. Fischer, Berlin 1930

Das Bild ist von Paul Balluriau (1860 - 1917)

 

Montag, 17. Januar 2022

Franziska Stoecklin, Emmy Hennings: Meine tiefsten Trunkenheiten. . .

 


Franziska Stoecklin, aus: Die singende Muschel, 1925


Emmy Hennings, aus Helle Nacht, E. Reiß, 1922

Franziska Stoecklin, geboren am 11.9.1894 Basel, gestorben am 1.9.1931 ebendort. 1920 hatte sie einen ersten Gedichtband veröffentlicht. Es folgten zwei Bände mit lyrischer Prosa und 1925 ein weiterer Gedichtband Die singende Muschel.

Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, Dichterin, Heilige und Hure, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich.

Das Foto zeigt die beiden Dichterinnen, die befreundet waren, links Emmy Hennings, rechts Franziska Stoecklin.

 

Emmy Hennings: Für Hugo (von Emmy)

 

Aus: Emmy Ball-Hennings (17. Januar 1885  -  10, August 1948):  Hugo Ball  -  Sein Leben in Briefen und Gedichten; Mit einem Vorwort von Hermann Hesse; S. Fischer Verlag Berlin 1930

 


Emmy Hennings: Die nicht wissen. . .


Aus: Emmy Hennings (17. Januar 1885  -  10, August 1948): „Gedichte“ Herausgegeben und kommentiert von Nicola Behrmann und Simone Sumpf.. Mit einem Nachwort von Nicola Behrmann. Wallstein-Verlag, Göttingen 2020

Das Bild ist von Marianne von Werefkin (1860  -  1938)

Samstag, 10. August 2019

Emmy Hennings: Tänzerin / Ich bin so vielfach in den Nächten. . .




Tänzerin

Dir ist als ob ich schon gezeichnet wäre
Und auf der Totenliste stünde.
Es hält mich ab von mancher Sünde.
Wie langsam ich am Leben zehre.

Und ängstlich sind oft meine Schritte,
Mein Herz hat einen kranken Schlag
Und schwächer wird's mit jedem Tag.
Ein Todesengel steht in meines Zimmers Mitte.

Doch tanz ich bis zur Atemnot.
Bald werde ich im Grabe liegen
Und niemand wird sich an mich schmiegen.
Ach, küssen will ich bis zum Tod.

* * * 


Ich bin so vielfach in den Nächten.
Ich steige aus den dunklen Schächten.
Wie bunt entfaltet sich mein Anderssein.

So selbstverloren in dem Grunde,
Nachtwache ich, bin Traumesrunde
und Wunder aus dem Heiligenschrein.

Und öffnen sich mir alle Pforten,
bin ich nicht da, bin ich nicht dorten?
Bin ich entstiegen einem Märchenbuch?

Vielleicht geht ein Gedicht in ferne Weiten.
Vielleicht verwehen meine Vielfachheiten,
ein einsam flatternd, blasses Fahnentuch.

Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, Dichterin, Heilige und Hure, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich. „Ich habe eine Aversion gegen den Dadaismus gehabt. Es waren mir zu viele Leute entzückt davon.“

„Niemals hat die Dichterin auf der Sonnenseite gelebt und es leicht gehabt, vielleicht hat sie es auch niemals ernstlich sich gewünscht. Sie lebt lieber unter den Kämpfenden, Armen, Bedrückten, sie liebt die Leidenden, sie fühlt für die Verfolgten und Rechtlosen. Sie bejaht das Leben auch in seiner Härte und Grausamkeit und liebt die Menschen bis in alle Verirrung und Not hinein.“

Hermann Hesse über Emmy Hennings


            

Donnerstag, 17. Januar 2019

Emmy Hennings: Kindheit / Die kleine Gasse am Abend; Hugo Ball: An Emmy

Hanns Bolz (1885 - 1918): Portrait Emmy Hennings, 1911


Kindheit


Mein Jugendhimmel - eine Glocke aus Glas.
Wir trugen Florentinerhüte.
Auf Kinderhände fiel Kirschenblühte,
Schneeflocken fielen weich und naß.

Die Berge Jütlands und blaue Heide,
und in Vaters Hof fielen manchmal die Sterne.
Da erzählte der Seemann von einer Taverne
Und bunten Mädchen in leuchtender Seide.

„Na Mädel, willst du mit? Sag ja!“
Matrose gab mir einen Kuß,
„Weil heute ich noch reisen muß.“
Schön sind die Mädchen von Batravia. . .


Die kleine Gasse am Abend

Bunte Mädchen lugen aus schmalen Fenstern.
Der Mond wirft geisterhaftes Licht;
Aus blauem Schatten ragt grelles Gesicht,
In der Halle wimmelt es von Gespenstern.

Ein Droschkenkutscher hält sein Pferd umschlungen,
Und himmelhohe Liebe rauscht im Blut
Und die Rosen verkauft die kleine Rut
- In Montana in Banden wird gesungen. . .

O, das Klavier tut, was es kann.
Gewiß, man spielt nicht schön, doch laut.
Ein Schlafbursche umarmt eine fremde Braut,
Schwört ewige Treue so dann und wann.


Hugo Ball: An Emmy

Sag mir …
Sag mir, daß Du Dich im Föhnwind sehnst
Und daß Du trauern würdest,
Wenn ich ginge.
Sag mir, daß diese Tage schön sind
Und daß Du weinen wirst,
Wenn ich nicht singe …

Sag mir, daß Du dem Leben gut bist.
Sag meiner Stimme, daß sie nie verwehe …
Und daß Du heiter und voll frohen Mut bist
Auch wenn ich lange Zeit Dich nicht mehr sehe.

Sag mir, daß ich ein töricht Kind bin
Und streichle mich wie eine junge Meise.
Sag mir, daß ich zu Dir zurückfind',
Auch wenn die Nächte dunkel sind,
Durch die ich reise …

Emmy Hennings , geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano.

Hugo Ball, geboren am 22. Februar 1886 in Pirmasens; gestorben am 14. September 1927 in Sant’Abbondio-Gentilino (Schweiz)