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Montag, 28. August 2023

Wilhelm Holzamer: Unterwegs / Rückblick

 



Unterwegs

Bleischwer der Himmel
Über dem kalten Land.
Kahle Stoppelfelder,
wo wogend in der Sonne
goldenes Getreide stand.

Versteckt ein leises Rascheln
wie von wehendem Laub.
Starre, scharrende Hände
unter der harten Decke
von Frost und Staub.

Endlos alle Wege,
Luft und Erde leer.
Ich bin so allein und verlassen,
ich habe so weit noch zu wandern,
und kann nicht mehr.


Rückblick

Traumhaft seh ich, morgenlichtumflogen,
ferne meiner Heimat blauen Himmelsbogen.

Noch - im Wandern - darf ich nicht verweilen:
Alltags strenges Fordern, - und die Stunden eilen.

Doch - im Wandern - immer kehrt dies Winken:
ein verborgen Leuchten, wenn die Schatten sinken.

Dann auf Höhen fühl ich mich gezogen,
grüßend meines Friedens blauen Himmelsbogen.

Aus: Wilhelm Holzamer, Gedichte.
Aus dem Nachlaß hrsg. von Nina Mardon-Holzamer
Egon Fleischel & Co., Berlin 1912

Wilhelm Holzamer, geboren am 28. März 1870 in Nieder-Olm; gestorben am 28. August 1907 in Berlin.

„Wir brauchen das Neue und Weite, das Ziel des Ziellosen, die Unendlichkeit unbegrenzter Verwirklichungen immer neuer Erkenntnis- und Gefühlsaufklänge brauchen wir, in denen viele Dinge ein Recht haben, nebeneinander zu bestehen! Die neue Welt muß eine offene werden - die alte ist eine verschlossene.“ aus: Der Entgleiste, 1906

Das Bild ist von der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch

Mittwoch, 28. August 2019

Wilhelm Holzamer: Glück / Letzte Fahrt

Wilhelm Holzamer 1904


„Wir brauchen das Neue und Weite, das Ziel des Ziellosen, die Unendlichkeit unbegrenzter Verwirklichungen immer neuer Erkenntnis- und Gefühlsaufklänge brauchen wir, in denen viele Dinge ein Recht haben, nebeneinander zu bestehen! Die neue Welt muß eine offene werden - die alte ist eine verschlossene.“ aus: Der Entgleiste, 1906

Glück

Ein grünumranktes Fenster,
die Scheiben blind und blau,
den Blick auf stille Wälder
und grüne Tannenau.

Im Stübchen hingebreitet
hellichter Sonnenschein,
ein Tisch und drum zwei Stühle,
und du und ich allein.

Vom Garten hinterm Hause
der Kinder Lärm und Spiel;
ein Jubeln, wenn vom Baume
ein halbreif Äpflein fiel.

Das ist die Welt, die weite,
die ich mir treu behielt,
drin sich ein Herz dem andern
stets wieder neu befiehlt.


Letzte Fahrt

So hab' im Traum ich unser Boot gesehn
Rauschend durch die Wogen streichen,
Am Maste breit ein rotes Wimpel wehn,
Flatternd über zwei umschlungnen Leichen --
Und am Steuer sah ich Ihn, den bleichen
Lenker, wie er lächelnd auf uns schaute,
Da der Morgen freundlich uns mit seinem Kuß betaute.


Wilhelm Holzamer wurde am am 28. März 1870 in Nieder-Olm geboren; gestorben ist er am 28. August 1907 in Berlin an Herzversagen in Folge einer Diphtherie.

Donnerstag, 28. März 2019

Wilhelm Holzamer: Letzte Feier

Wilhelm Holzamer 1904


Letzte Feier

Wenn ich tot bin, sollst du mein Gedächtnis feiern,
froh mit Liedern und mit frischen Blumen,
froh mit tausend seligen Gedanken, nur nicht weinen sollst du, nur nicht traurig sein,
froh sein, daß ein Irrender den Hafen, daß ein Leidender den Frieden
und ein Suchender die Ruhe fand.

Wenn sie kommen, die mich schmähen wollen –
Und sie kommen, jetzt schon seh ich
dumpfen Trittes sie zur Urne ziehn,
wenn sie Steine dann auf meine Asche häufen,
Stein um Stein, bis sich ein Hügel wölbte,
leide nicht, - und lächle hellen Auges,
singe Lieder, die den Frühling feiern,
streue Blumen, die den Sommer krönen,
teile Früchte aus, die dir der Herbst gegeben.

Sieh die Wege, die ich ging, sie waren vorgezeichnet,
und ein Höheres schützt mich, das ich selbst nicht weiß,
und das mich ehren wird, bin ich ihm treu gewesen,
und war ich untreu, ewig meine Spur verlöscht.
Kommt der Winter dann, Geliebte, sollst du träumen,
Träume, die in meiner Seele glühten,
da mein Leben all ein starrer Frost war.

Wenn ich tot bin, sollst du mein Gedächtnis feiern,
und in Liedern will ich und in Blumen leben,
in der Menge Wüten und Verachtung –
und in deinen Träumen, wenn ich schlafe!

Wilhelm Holzamer (1870 - 1907)

Sein Schicksal vorausahnend nimmt er im Gedicht „Letzte Feier“ kurz vor seinem Tod von seiner Lebenspartnerin Nina Mardon Abschied.