Freitag, 5. Juni 2026

Leonie Spitzer: Oft weiß ich plötzlich: nichts ist von Bestand / Die Heilige

 



Oft weiß ich plötzlich: nichts ist von Bestand

Oft weiß ich, nichts ist von Bestand.
Ich fühle den Boden unter mir ein Meer,
das Morgen ist noch nicht, das Gestern ist nicht mehr,
das Heute ist ein schmaler Streifen Land,

der aufsteigt aus der ungewissen Flut
und sich erst bildet unter meinem Schreiten.
Mein Herz, das sonst so sicher in dir ruht,
fühlt bebend alles schwinden und entgleiten.


Die Heilige

Sie ging. Der Weg war steil, die Landschaft leer
und wie nach einem Brand.
Der Boden war zerrissen
wie von vielen Wunden.
Ihr Fuß war schwer
und fand
mit müdem, ungewissem
mühseligem Schritt durch das versteinte Land.
Doch ihre Augen wußten von dem Ziel
und jeder Zug
in ihrem Angesicht
war kraftgespannt.
Sie trug,
ob fröstelnd, dennoch schwebend, erdentbunden
der schmalen Schultern Gleichgewicht. -
Der Weg war steil. Sie kam
zu einem Baum, der unbelaubt
und einsam stand
und lehnte müd
die Stirn an ihn.
Da ging ein Beben durch den breiten Stamm.
Sie hob das Haupt
und sah: er war erblüht.
Und sie ging weiter, unter ihren Tritten
bemoosten sich die Steine, Veilchen sproßten,
aufatmend ging ein Hauch
von Frühlingsblumen durch die Wüste.
Und wo von fern ihr Auge grüßte,
öffneten Knospen sich an jedem Strauch.
Ihr Fuß war wund, doch federnd ihre Schritte,
nach ihrem Rhythmus klang
von Busch zu Busch der Vogelsang. -

Sie gab die Schönheit ihrer Kraft
dem ganzen Weg der Wanderschaft
ohne es selbst zu wissen.
Doch, wie sie siegend hob die blasse Stirn
zerriß die Sonne jäh der Wolken Wirrn
und leuchtend lag die Weite ihr zu Füßen.

*
Wie oft, sag, hast du mit dem Gott gerungen
der in dein Leben trat und nahm und nahm?
Kam
daher die Kraft, von der du ganz durchdrungen,
der Mut, mit dem du durch die Nacht geschaut
zum Morgen hin, der endlich doch gegraut?

Wie rissest du aus ehernem Umarmen
dich immer wieder los, um hier zu sein?
Wars ein Erbarmen
mit deiner Arbeit, die nur du allein
so tun kannst? Oder hast du das gewußt:
daß du noch viele Wunder wirken mußt,
an allen denen, welche ihr Begegnen
mit dir segnen?

Leonie Spitzer , aus: Wandlungen der Liebe, J. G. Bläschke Verlag Darmstadt 1978

Leonie Adele Spitzer, geboren am 17. Mai 1891 in Wien, Österreich-Ungarn; gestorben am 5. Juni 1940 in Oxford, Vereinigtes Königreich, Schriftstellerin und Lehrerin.

1920 schloss sie das Studium der Philisophie an der Universität Wienmit einer Dissertation Über Rilkes Verskunst am 21. Juli 1920 ab. Nachdem sie kurzzeitig von 1921 bis 1922 als Lektorin beim Wiener Verlag Rikola gearbeitet hatte, legte sie im Jahre 1923 eine Lehramtsprüfung für das Gymnasium ab und war in weiterer Folge als Lehrerin an diversen Wiener Mittelschulen tätig. Nach dem Tod der Naturwissenschafterin und Lehrerin Hede V., zu der sie eine Liebesbeziehung pflegte, im Jahre 1929 war die Schaffensperiode Leonie Spitzers zu Ende.

Nach dem Anschluss Österreichs im Jahre 1938 wurde sie als Jüdin, gerade einmal 47-jährig, in den Ruhestand versetzt und ging daraufhin ins Exil nach Italien. Von dort führte ihr Weg im Jahre 1939 nach Oxford, wo 1940 verstarb. Mehr als drei Jahre nach ihrem Tod wurde ihr der Doktorgrad aus rassistischen Gründen aberkannt, da sie im Nationalsozialismus als Jüdin als eines akademischen Grades einer deutschen Hochschule unwürdig galt. Am 15. Mai 1955 wurde ihr der Doktortitel wieder zuerkannt bzw. die Aberkennung für von Anfang an nichtig erklärt.

Montag, 1. Juni 2026

Lili Grün: Im Zimmer wird es langsam dunkel / Alma Johanna Koenig: Sommer

 



Im Zimmer wird es langsam dunkel


Komm, bleib’ auf dem Sofa liegen!
Woll’n uns aneinanderschmiegen,
Du bist groß und ich bin klein,
Laß’ uns bißchen kitschig sein.
Draußen — weißt du — ist das „Leben“:

Alltagssorgen,
Heute — Morgen — Uebermorgen
Schulden zahlen — Schulden machen,
Industrien und Banken krachen.
Laß den Unsinn draußen sein,
Wir sind hier — wir sind allein.

Weißt du, wir sind kleine Kinder,
Haben uns im Wald verirrt.
Schmiegen wir uns aneinander,
Weil es kalt und dunkel wird.

Und die böse, böse Hexe,
Schrecklich drohend, furchtbar, schaurig
Ernst, mein Freund, ich bin so traurig —
Ich bin klein und schrecklich dumm
Ernst, nicht wahr, du bringst sie um?

Du hast einen großen Teppich
Und wir setzen uns darauf,
Fliegen rasch zur Sonne auf,
Haben dort ein Rendezvous
Und sind auch gleich auf Du und Du …

Komm, bleib auf dem Sofa liegen,
Glaube mir, wir haben Zeit.
Du bist groß und ich bin klein.
Wenn wir weggeh’n aus dem Zimmer,
Müssen wir erwachsen sein.

Lili Grün, aus: Prager Monatsblatt, 57. Jahrgang, Nr. 37, 10. September 1934

Lili Grün wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit Freundinnen und Freunden aus der Künstlerszene ein literarisch-politisches Kabarett eröffnete. Zurück in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz über Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Mit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und am 1. Juni 1942 mit anderen Opfern, darunter die Dichterin Alma Johanna Koenig, im weißrussischen Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.



Sommer

Ich bin weithin gegangen,
durchs sonnverbrannte Land.
Der Wind hat sich verfangen,
in Haar mir und Gewand.

Die Bauern sind beim Heuen,
Duft weht zu mir heran,
mein Herz ist ganz der neuen
Wegfreude aufgetan.

Den Hang hinabgestiegen,
komm ich in guter Ruh.
Ein Büblein mit zwei Ziegen
ruft seinen Gruß mir zu.

Das Zicklein liebt die Blüten,
hoch an die Brust gedrückt
kann ich den Strauß kaum hüten,
den ich für dich gepflückt ...

Alma Johanna Koenig, aus: Liebesgedichte
F. G. Speidel'sche Verlagsbuchhandlung Wien und Leipzig 1930

Alma Johanna Koenig, geboren am 18. August 1887 in Prag; ermordet am 1. Juni 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez (bei Minsk), Lyrikerin und Erzählerin.