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Dienstag, 22. August 2023

Walter Serner: Das Lockerlied / Das Magenlied / Das Meisterlied / Das Marschlied

 


Das Lockerlied

Einst als ich im Jugendzwinger
manches faules Rätsel biß,
hatt ich vom Tyrannenfinger
einen ganz gewaltigen Schiß.

Jetzt da ich im Evening-Dresse
nur noch allerlockerst sprühe,
ist mir keine Miez zu kesse,
keine Tour macht mir noch Mühe.

Fest im Kopfe die Parole:
„Mia kann keener, nee, mia nich!“
fällt die Geste nach der Sohle:
„Alle könn mia inniglich!“

(die Reim- und Jambenform dient lediglich mnemotechnischen und suggesto-therapeutischen Absichten)


Das Magenlied

Ein scharfer Kerl vermag zu wagen;
ein Wort, zu fallen und zu stehn.
Doch sorge stets für vollen Magen,
willst du zu einer Dame gehn.


Das Meisterlied

Stets ist mein Auge unergründlich.
Um eine Lippen geht es leer.
Und meine harte Hand wird stündlich
zur Folter bald und bald Begehr.

Ich liebe es, das Gold zu locken;
das Tier zu wecken, bis es schreit;
in einer Bar allein zu hocken,
ein Witz auf alle Ewigkeit.

Ich habe nirgends eine Stätte.
Manch stieres Auge mich umwacht.
Tagtäglich ich mich selber wette
und mich gewinne - jede Nacht.

Den Zornpokal des Glücks zu leeren,
ist mein Beruf und meine Lust.
Ich werde mich des Todes wehren,
säß mir schon Ekel in der Brust.


Das Marschlied

Als sehr verwegner Tausend-Rasta
sei nicht zu wild und nicht zu wüst.
Es kommt für jeden mal das Basta.
Drum achte drauf, dass man dich grüßt.

Walter Serner, aus: Letzte Lockerung - Ein Handbrevier für Hochstapler und solche die es werden wollen; Paul Stegmann Verlag, Berlin 1927

Walter Serner, Schriftsteller und Dadaist, geboren am 15. 1. 1889 in Karlsbad. Am 10. August 1942 – Serner arbeitete inzwischen als Sprachenlehrer im Prager Ghetto – wurde er zuerst mit dem Transport Ba nach Theresienstadt, am 20. August 1942 mit dem Transport Bb nach Riga deportiert und dort – wahrscheinlich am 23. August 1942 – im Wald von Biķernieki zusammen mit seiner Frau Dorotea und allen anderen 998 Menschen dieses Transports ermordet.

Das Foto zeigt Walter Serner 1920


Link: Internationale Walter Serner Gesellschaft e. V.

Freitag, 23. August 2019

Walter Serner: Manschette 7 / 9 / 5


Am 23. August 1942 starb wahrscheinlich im Wald von Biķernieki bei Riga bei Massenerschießungen seitens der Nationalsozialisten auch der Dichter, Dadaist und Schriftsteller Walter Serner.

"Weltanschauungen sind Vokabelmischungen"


Manschette 7 (Romance)

Es ist nicht schwierig blond zu sein

Seit es in manchen Nächten
rote Ringe sprengt einher
ist jede Hoffnung auf den Sinn der Stunde
faul

Schau mir ins Auge
Krachmandel auf Halbmast
Cointreau triple sec mit Doppeltaxe

Jede Halswolke ein Fehlgriff
Jede Bauchfalte ein Vollbad
Jedes Hauptwort ein Rundreisebillett
Je te crache sur la téte
Schau mir ins Auge
A

Ist es so schwierig blond zu sein


Manschette 9 (Elegie)

Sprich deutlicher

Ein gelber Spazierstock rutscht mir quer durchs Haupt
Es ist in allen Kellern
heller als in meinem Darm

Sprich deutlicher

Ich höre gern den Hieb auf nackte Babyhintern
seit es dich entzückte
wenn ich davon wirbelte bloß
O warum sich nicht langsam streicheln
Stiefelknechte still verzückt begrüßen
jenseits jeder bürgerlichen Küche

o sprich deutlicher

Mach platzen deinen feisten Dreckhügel
ob deinem Bauch
durch ein gewaltiges metaphysisches Rülpsen


Manschette 5 (Epitaph postal)

Du hast die nassen Fetzen nie geliebt
Auf deinem Tische jede Semmel war ein Grund
Auf deiner Oberlippe schwang der letzte Rand
Du pfiffst Vokale aus wie stets an mir
An deinem Handgelenk hing alles heftig
Du warst Verstand
Du gabst mich auf

Aus: „Der Zeltweg“, Redaktion Flake/Serner/Tzara, Verlag Movement DADA, Zürich, November 1919

Am 10. August 1942 – Serner arbeitete inzwischen als Sprachenlehrer im Prager Ghetto – wurde er zuerst mit dem Transport Ba nach Theresienstadt, am 20. August 1942 mit dem Transport Bb nach Riga deportiert und dort – wahrscheinlich am 23. August 1942 – im Wald von Biķernieki zusammen mit seiner Frau Dorotea und allen anderen 998 Menschen dieses Transports ermordet.