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Freitag, 29. September 2023

Lotte Brunner: Herbst in Babelsberg

 



Herbst in Babelsberg

Den Herbstwald schau! So stirbt die junge Welt.
Mit Gold und Rot und allen Königsfarben
Schmückt sie sich für den Tod gleich wie ein Held
„Ich glaub nicht an den Tod. Nur Tote starben.“

So komm heraus mit mir zum Waldesrand.
Die Wiese überspannen Nebelbrücken.
Sie reichen weit. Von hier zum Totenland. -
O weh das Nichts will alles ferne rücken.

Wo du auch seist, die Welt umschließt dich gut.
Steig ein ins Boot. Hier wartet unsere Fähre.
Schon gleiten wir. Du Tor, braucht´s keinen Mut
Du bist schon leicht. Es sinkt nur Erdenschwere.

Gib deine Hand. Ich taumle sonst ins Grau.
Das Grau ist tief. - Nun schwimmt ein silbrig Flimmern
Um unseren Kahn. - Am Steuer Charon, schau!
Viel Geisterarme durch den Nebel schimmern.

Dort steigt ein Bau aus trüber Flut empor,
Von Luft geformt - Ob Kirche, ob Palast?
Und Sterbeglocken tönen an mein Ohr:
Nur still, du bist des Todes ewiger Gast.

Oktober 1913

Lotte Brunner (1883-1943), Lehrerin und Schriftstellerin, aus: Gedichte 1903 - 1942, handschriftliches Manuskript, Leo Baeck Institute, New York

Der Stiefvater von Lotte Brunner war Constantin Brunner (geboren am 27. August 1862 in Altona; gestorben am 27. August 1937 in Den Haag), eigentlich Arieh Yehuda Wertheimer (Rufname Leo), Philosoph, Schriftsteller, Literaturkritiker.

1895 heiratete er Rosalie, geb. Auerbach, die sich künftig Leonie nannte, in Anlehnung an Brunners Rufnamen Leo. Mit ihrer Tochter Elise Charlotte, geb. Auerbach, die fortan den Namen Lotte Brunner trug, verband Brunner später ein intensiver Austausch über Literatur und Philosophie. Lotte Brunner veröffentlichte unter dem Pseudonym E. C. Werthenau und führte von 1903 bis 1932 ein Tagebuch über Bemerkungen Brunners zu seiner Philosophie und über Besuche und Gespräche im Hause Brunners. Leonie und Lotte Brunner wurden im Februar 1943 im Lager Westerbork inhaftiert und im März 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Mittwoch, 1. März 2023

Lotte Brunner: An C. B. / An Piet

 



An C. B.

Wann ich auch bei dir war, so wollt´ ich sprechen.
Und gab doch nichts als Schwatz, der nur betäubt.
Erscheint dir denn, von Worten überstäubt,
Das Unversehrte zwischen den Gebrechen?

Ein Götterbild schläft unter meinem Leben,
Und immer reicht mein Blick zu diesem Grund.
So wie der Atem weht aus seinem Mund,
Seh ich Gestalten um Gestalten schweben.

Dann schwatz ich nicht, dann rinnt mein großes Weinen,
Wenn ich am tiefsten mich hinunterbiege,
Wenn ich erkenne, daß die Götterzüge
Vermischen deine Linien mit den meinen.

März 1936


An Piet

Mein Leben war wilder
Als mein Gemüt. Du Milder
Setztest die Wage gleich.
In deinem Reich
Wird nichts verschüttet
Und nichts zerrüttet. -
Dennoch mein großer Ungerechter:
Aus Trotz Verächter
Der Worte,
Mörder von Lob und Dank.
O laß mich bitten, da ich nun krank:
Hilf sanft mir schließen jene letzte Pforte!

28. März 1940

Lotte Brunner (1883-1943), Lehrerin und Schriftstellerin, aus: Gedichte 1903 - 1942, handschriftliches Manuskript, Leo Baeck Institute, New York

Der Stiefvater von Lotte Brunner war Constantin Brunner (geboren am 27. August 1862 in Altona; gestorben am 27. August 1937 in Den Haag), eigentlich Arieh Yehuda Wertheimer (Rufname Leo), Philosoph, Schriftsteller, Literaturkritiker.

1895 heiratete er Rosalie, geb. Auerbach, die sich künftig Leonie nannte, in Anlehnung an Brunners Rufnamen Leo. Mit ihrer Tochter Elise Charlotte, geb. Auerbach, die fortan den Namen Lotte Brunner trug, verband Brunner später ein intensiver Austausch über Literatur und Philosophie. Lotte Brunner veröffentlichte unter dem Pseudonym E. C. Werthenau und führte von 1903 bis 1932 ein Tagebuch über Bemerkungen Brunners zu seiner Philosophie und über Besuche und Gespräche im Hause Brunners. Leonie und Lotte Brunner wurden im Februar 1943 im Lager Westerbork inhaftiert und im März 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)

Sonntag, 19. Februar 2023

Lotte Brunner: Klage

 


Klage

Vater, höre, dein Fürstenkind
Ist Aschenputtel geworden!
Und die vom Orden der Freien sind,
Irren durch die Welt und bangen
Wie Märchenkinder im Wald,
Weil Ungeheuer nach ihnen langen.
Vater, wozu sind wir königlich,
Wozu lehrtest du Königswort,
Wenn doch der Mord
Allein regiert?
Was sag ich mir?
Was sag ich ihnen allen?
Ich klopfe an deines Grabes Wand
Um Trost. - Sag ich:
Blickt in die Sonne,
So werden die Schatten hinter euch fallen?
Mein Wort ist Bildertand -

1941

Lotte Brunner (1883-1943), Lehrerin und Schriftstellerin, aus: Gedichte 1903 - 1942, handschriftliches Manuskript, Leo Baeck Institute, New York

Der Stiefvater von Lotte Brunner war Constantin Brunner (geboren am 27. August 1862 in Altona; gestorben am 27. August 1937 in Den Haag), eigentlich Arieh Yehuda Wertheimer (Rufname Leo), Philosoph, Schriftsteller, Literaturkritiker.

1895 heiratete er Rosalie, geb. Auerbach, die sich künftig Leonie nannte, in Anlehnung an Brunners Rufnamen Leo. Mit ihrer Tochter Elise Charlotte, geb. Auerbach, die fortan den Namen Lotte Brunne trug, verband Brunner später ein intensiver Austausch über Literatur und Philosophie. Lotte Brunner veröffentlichte unter dem Pseudonym E. C. Werthenau und führte von 1903 bis 1932 ein Tagebuch über Bemerkungen Brunners zu seiner Philosophie und über Besuche und Gespräche im Hause Brunners. Leonie und Lotte Brunner wurden im Februar 1943 im Lager Westerbork inhaftiert und im März 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)

Dienstag, 24. Januar 2023

Lotte Brunner: Gebet

 


Gebet

Aus dem Spiegel sehen Augen mich an
Große dunkle traurige Menschenaugen.
Sind´s denn die meinen?
Und im gespiegelten Spiegel mein Herz, mein Leben?

Schönheit, berühre die Stirn mir du,
Daß sie wieder glänze!
Dein Licht bleibt die Macht.

Gedanken, stellt euch als Bäume um mein Bett!
Mein Vater hat euch gepflanzt!
Ihr seid hoch gewachsen und wachst noch höher.
Aus euren Wipfeln singen Vögel mir Weis-
heit ins Ohr gegen den Lügenschwatz Welt.

Und vergiß du mich nicht Erzengel Liebe!
Blaß geworden nicht minder schön.
Hauche mich an, daß die Würze bleibt!
Decke mit deinem Fittich meinen Leib, damit
er versinke in den Tod, dem Auferstehung folgt.

Januar 1942

Lotte Brunner, aus: Gedichte 1903 - 1942, handschriftliches Manuskript, Leo Baeck Institute, New York

Lotte Brunner war eine Frau, deren Leben und Sterben dem Leser viele Rätsel aufgibt. Der erste Schlüssel steckt im Titelzitat, sowie im Todesjahr 1943. Lotte Brunner ist im KZ Sobibor umgekommen, obwohl sie sich als Halbjüdin in Holland hätte retten können.
Es handelt sich um eine Frau, die sich immer als Europäerin fühlte, von hohem geistigen Niveau, verbunden mit Literatur, klassischer Musik und Kunst. Sie schrieb selbst Gedichte, war ausgebildete Lehrerin und begeisterte Sängerin im Bach-Chor. Geboren in der Kaiserzeit im vornehmen Othmarschen vor den Toren Hamburgs, wurde nach der Scheidung ihrer Eltern und der Ehe ihrer Mutter mit dem Philosophen Constantin Brunner ihre Heimat Potsdam und Berlin. Die Tragik, die ihr Leben überschattet, ist verbunden mit einem ganz besonderen Verhältnis zu ihrem einundzwanzig Jahre älteren Stiefvater, für den sie bald alles bedeuten sollte: Schülerin, Liebende und später unentbehrliche Gefährtin, die durch ständigen Dialog mit ihm wesentlich an der Entstehung seines Werkes teil hatte. Doch nach glücklichen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg fühlte sie sich zunehmend gefangen im goldenen Käfig. Häufige Reisen sollten dagegen helfen.

Anderseits hat dieses Leben ihr einen hoch interessanten Freundeskreis geschenkt, der ein wesentlicher Aspekt ihrer Biographie darstellt. Namen wie Walther Rathenau oder Rose Ausländer und Lou Andreas-Salomé tauchen in dem Zusammenhang auf, Menschen, die die Stieftochter des Philosophen alle zunächst als guten Geist des Hauses kennen lernten. Von März 1925 bis Februar 1933 hielt Lotte Brunner in Berlin mehrere öffentliche Vorträge, die beim Publikum sehr gut ankamen.

Die Authentizität der Aussagen dieses Buches wurde dadurch erhöht, dass Lotte Brunner fast ihr ganzes Leben lang Tagebuch geführt hat sowie einen umfangreichen Briefwechsel pflegte. In der niederländischen Emigration, wo Constantin Brunner 1937 verstarb, wurde ihr Leben trotz einer späten Heirat immer dramatischer, und der Leser wird eingefangen von dieser Atmosphäre, die schließlich den Weg in die Gaskammer mitfühlen lässt.

Aus dem Klappentext von "...dass ich zur Menschheit gehöre": Lotte Brunner (1883-1943). Eine Biographie Taschenbuch – 23. Juli 2012, von Renate Stolte-Batta, BoD

Mittwoch, 9. Februar 2022

Lotte Brunner: Schlaflied

 


Lotte Brunner (1883-1943), Lehrerin und Schriftstellerin, aus: Gedichte 1903  -  1942, handschriftliches Manuskript, Leo Baeck Institute, New York

Der Stiefvater von Lotte Brunner war Constantin Brunner (geboren am 27. August 1862 in Altona; gestorben am 27. August 1937 in Den Haag), eigentlich Arieh Yehuda Wertheimer (Rufname Leo), Philosoph, Schriftsteller, Literaturkritiker.

1895 heiratete er Rosalie, geb. Auerbach, die sich künftig Leonie nannte, in Anlehnung an Brunners Rufnamen Leo. Mit ihrer Tochter Elise Charlotte, geb. Auerbach, die fortan den Namen Lotte Brunner trug, verband Brunner später ein intensiver Austausch über Literatur und Philosophie. Lotte Brunner veröffentlichte unter dem Pseudonym E. C. Werthenau und führte von 1903 bis 1932 ein Tagebuch über Bemerkungen Brunners zu seiner Philosophie und über Besuche und Gespräche im Hause Brunners. Leonie und Lotte Brunner wurden im Februar 1943 im Lager Westerbork inhaftiert und im März 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Das Bild ist von Pekka Holonen (1865  -  1933)

 

Lotte Brunner: Sonett

 


Lotte Brunner (1883-1943), Lehrerin und Schriftstellerin, aus: Gedichte 1903  -  1942, handschriftliches Manuskript, Leo Baeck Institute, New York

Der Stiefvater von Lotte Brunner war Constantin Brunner (geboren am 27. August 1862 in Altona; gestorben am 27. August 1937 in Den Haag), eigentlich Arieh Yehuda Wertheimer (Rufname Leo), Philosoph, Schriftsteller, Literaturkritiker.

1895 heiratete er Rosalie, geb. Auerbach, die sich künftig Leonie nannte, in Anlehnung an Brunners Rufnamen Leo. Mit ihrer Tochter Elise Charlotte, geb. Auerbach, die fortan den Namen Lotte Brunner trug, verband Brunner später ein intensiver Austausch über Literatur und Philosophie. Lotte Brunner veröffentlichte unter dem Pseudonym E. C. Werthenau und führte von 1903 bis 1932 ein Tagebuch über Bemerkungen Brunners zu seiner Philosophie und über Besuche und Gespräche im Hause Brunners. Leonie und Lotte Brunner wurden im Februar 1943 im Lager Westerbork inhaftiert und im März 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Das Bild ist von Franz Wacik (1883  -  1938)