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Montag, 20. November 2023

Wolfgang Borchert: Laternentraum

 



Laternentraum

Wenn ich tot bin,
möchte ich immerhin
so eine Laterne sein,
und die müßte vor deiner Türe sein
und den fahlen
Abend überstrahlen.

Oder am Hafen,
wo die großen Dampfer schlafen
und wo die Mädchen lachen,
würde ich wachen
an einem schmalen schmutzigen Fleet
und dem zublinzeln, der einsam geht.

In einer engen
Gasse möcht ich hängen
als rote Blechlaterne
vor einer Taverne –
und in Gedanken
und im Nachtwind schwanken
zu ihren Gesängen.

Oder so eine sein, die ein Kind
mit großen Augen ansteckt,
wenn es erschreckt entdeckt,
daß es allein ist und weil der Wind
so johlt an den Fensterluken –
und die Träume draußen spuken.

Wolfgang Borchert, geboren am 20. Mai 1921 in Hamburg; gestorben am 20. November 1947 in Basel

Laternentraum aus: Laterne, Nacht und Sterne. Gedichte um Hamburg 1946

Das Bild „Haus mit Laterne“ ist von Marianne von Werefkin (1860 - 1938)

Jedesmal, wenn ich dieses Gedicht lese, denke ich sofort an die folgenden Zeilen aus dem Gedicht „Ehrgeiz“ von Joachim Ringelnatz, vielleicht, weil hier wie dort die Fensterluken spuken:

Und ich pfeife durchaus nicht auf Ehre.
Im Gegenteil. Mein Ideal wäre,
Daß man nach meinem Tod (grano salis)
Ein Gäßchen nach mir benennt, ein ganz schmales
Und krummes Gäßchen, mit niedrigen Türchen,
Mit steilen Treppchen und feilen Hürchen,
Mit Schatten und schiefen Fensterluken.

Dort würde ich spuken.

Freitag, 17. November 2023

Joachim Ringelnatz: Kindergebete

 



Kindergebete

Erstes


Lieber Gott, ich liege
Im Bett. Ich weiß, ich wiege
Seit gestern fünfunddreißig Pfund.
Halte Pa und Ma gesund.
Ich bin ein armes Zwiebelchen,
Nimm mir das nicht übelchen.

Zweites

Lieber Gott, recht gute Nacht.
Ich hab noch schnell Pipi gemacht,
Damit ich von dir träume.
Ich stelle mir den Himmel vor

Wie hinterm Brandenburger Tor
Die Lindenbäume.
Nimm meine Worte freundlich hin,
Weil ich schon sehr erwachsen bin.

Drittes

Lieber Gott mit Christussohn,
Ach schenk mir doch ein Grammophon.
Ich bin ein ungezognes Kind,
Weil meine Eltern Säufer sind.

Verzeih mir, dass ich gähne.
Beschütze mich in aller Not,
Mach meine Eltern noch nicht tot
Und schenk der Oma Zähne.

Joachim Ringelnatz (7. 8. 1883 – 17. 11. 1934)

Das Bild ist von Ford Madox Brown (1821 - 1893)

Dienstag, 12. September 2023

Joachim Ringelnatz: Dorthin geh. . .

 



Dorthin geh, wo die Andern nicht sind,
Weit hinaus in die freie Einsamkeit,
Wo dir Wolken, Berge, Bäume und Wind
Großes reden von Später und Ewigkeit.

Und dort schöpfe, fasse und füll dir die Brust,
Daß – kommt einst die Stille zu dir als Braut –
Daß du die Hand ihr gibst in tiefster Lust,
Weil du schon lange mit ihr vertraut.

Joachim Ringelnatz (1883 – 1934), aus: Gedichte, München, Leipzig: Hans Sachs-Verlag Schmidt-Bertsch & Haist, 1910

Das Bild ist von Carl Gustav Carus (1798 - 1869)

Montag, 7. August 2023

Joachim Ringelnatz: Abend am Strand


 
Abend am Strand

Abendglühgold zittert auf träumender See.
Eine Möwe zieht ihre einsamen Kreise.
Auf dem Wasser treibend, ein Boot. Und leise, leise
Bringt mir der Wind eine müde Weise. – –
Närrisches Herz, was stimmt dich so weh?

Joachim Ringelnatz (7. 8. 1883 – 17. 11. 1934)

Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)

Donnerstag, 9. März 2023

Joachim Ringelnatz: Hinaus an den Strand will ich gehen. . .

 



Hinaus an den Strand will ich gehen,
Wenn keiner wacht
Das wilde Meer zu sehen
Und die heilige Nacht.

Und wieder fasst mich das alte Weh –

Am Strand tanzt ein Boot.
Das lockt mich hinaus in die tosende See,
Fort, fort für immer von Hass und Not,
In die See, in die Nacht, in das Glück, in den Tod.

Ich löse das Tau
Und die Freiheit lacht
Hinter Nebel und Grau.
Und ich fahre jubelnd hinaus in die Nacht,
Das Elend fliehend zu Tod und Glück.

Einmal nur blick ich zurück.
Da winkt am Land
Eine Freundeshand –

Und wie ich das seh,
Da hab ich vergessen all Hass und Not.
Es fasst mich wieder das alte Weh.
Ich wende das Boot
Zurück zum Land
Und küsse die treue Freundeshand.


Joachim Ringelnatz (1883 - 1934)

Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)


Freitag, 27. Januar 2023

Max Herrmann-Neiße: Nächtliche Begegnung


 

Nächtliche Begegnung

Wenn wir nächtlich uns begegnen,
Sind wir so fern, so nah,
Daß sich unsre Seelen segnen,
Auch wenn mich dein Blick nicht sah.

Ich saß hinter meinem Glase,
Eingesargt in meinen Gram;
Zärtlich deine Vogelnase
Vom Liköre Abschied nahm.

Zwischen uns die fremden Säufer,
Dummheit, Weiber, Lärm und Rauch,
Die Verkauften und die Käufer,
Und vielleicht ein Heilger auch.

Keiner kann sich keinem geben,
Einsamkeit geht auf dem Strich,
Und man lebt sich um sein Leben.
So entschwandest du für mich.

Sachte fing es an zu regnen,
Als ich traurig heimwärts kroch. . .
Wenn wir nächtlich uns begegnen,
Lieben wir uns schließlich doch.

Max Herrmann-Neiße, geboren am 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; gestorben am 8. April 1941 im Exil in London. Dieses Gedicht schrieb er für seinen Freund Joachim Ringelnatz.

Das Bild ist von Umberto Boccioni (1882 - 1916)


Dienstag, 24. Januar 2023

Joachim Ringelnatz: Natur

 


Natur

Wenn immer sie mich fragen,
Ob ich ein Freund sei der Natur,
Was soll ich ihnen nur
Dann sagen?

Ich kann eine Bohrmaschine,
Einen Hosenträger oder ein Kind
So lieben wie eine Biene
Oder wie Blumen oder Wind.

Ein Sofa ist entstanden,
So wie ein Flußbett entstand.
Wo immer Schiffe landen,
Finden sie immer nur Land.

Es mag ein holder Schauer
Nach einem Erlebnis in mir sein.
Ich streichle eine Mauer
Des Postamts. Glatte Mauer aus Stein.

Und keiner von den Steinen
Nickt mir zurück.
Und manche Leute weinen
Vor Glück.

Joachim Ringelnatz (7. 8. 1883 - 1934), das Bild ist von Heinrich Vogeler (1872  -  1942)

Sonntag, 11. Dezember 2022

Samstag, 6. Dezember 2014

Joachim Ringelnatz - Schenken


 


Schenken

Schenke groß oder klein,
Aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten
Die Gaben wiegen,
Sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei
Was in dir wohnt
An Meinung, Geschmack und Humor,
So dass die eigene Freude zuvor
Dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
Dass dein Geschenk
Du selber bist.

Joachim Ringelnatz