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Samstag, 2. März 2024

Gertrud Kolmar: Die Tänzerin

 



Die Tänzerin

Ich bin der Ostwind: hört ihr mich mit Wipfeln schlagen
Ich bin das Finstre: fühlt ihr mich aus Mooren ziehn ?
Ich bin der Himmel: mit dem Großen Wagen.
Die Erde: mit Chalcedon und Rubin.
Die Schritte, mächtig und gemessen,
Ich habe ihrer keinen noch vergessen,
Nicht aller Farben: Berggrün und Karmin.

Ich ziere meinen Hals so wie ein Schwan.

Die Freude spiegelt sich in seinem Biegen
Und lächelt in ihr Angesicht,
Ihr Schleier sprudelt Quellchen, die sich schmiegen
In dieses stillere, das weite Licht,
Das ihre Brauen bringen,
Des Trauermantels Schwingen,
Der über einer Goldbandlilie dicht.

Ich werfe mich hinüber wie ein Fisch.

Er springt um seinen Tod: so tu' ich Gleiches;
In wunden Kiemen Straßenstaub,
Schlag' ich mich selbst aufschnellend an die Tür des Reich
Das ewig raschelt von verfallen greisem Laub,
Drin kleine Mühn mit Qual verflochten
Zu häßlich schwelendem Gestirn, zerfransten Dochten,
Die krämpfezuckend suchen ihren Raub.

Ich trage dies mein Haar zur Erde hin.

Ich bin der Baum der demütigen Klage. Weide.
Ich bin das Ding, das niedert: Sensenblatt und Krug.
Ich bin der Mensch - auch wenn ich meine Seele
scheide,
Dem Schiff voll weißer Segel mit des Leibes Bug.
Sie wartet, die ich ausgewiesen,
Auf seinen letzten Augenblick, auf diesen,
Und kehrt zurück in einem tiefen Atemzug.

Gertrud Kolmar, aus: 49 Gedichte in 4 Räumen, geschrieben um 1933, posthum veröffentlicht

Gertrud Kolmar (Pseudonym für Gertrud Käthe Chodziesner, geboren am 10. Dezember 1894 in Berlin. Ab Ende der 1920er-Jahre erschienen einzelne ihrer Gedichte in literarischen Zeitschriften und Anthologien. 1934 wurde ihr zweiter Gedichtband Preußische Wappen im Verlag Die Rabenpresse von Victor Otto Stomps publiziert. Diese Veröffentlichung brachte den Verlag auf eine Liste unerwünschter Verlage des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, von dem er dann boykottiert wurde. Kolmar durfte ab 1936 nicht mehr unter ihrem Künstlernamen publizieren, sondern nur noch unter ihrem Familiennamen Chodziesner.

Ab Juli 1941 musste Gertrud Kolmar Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie leisten. Ihr Vater wurde im September 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und starb dort im Februar 1943. Gertrud Kolmar wurde am 27. Februar 1943 verhaftet und am 2. März 1943 im 32. sogenannten Osttransport des RSHA in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Von den etwa 1500 Berliner Jüdinnen und Juden, die in diesem Zug am 3. März 1943 in Auschwitz ankamen, wurden nach der Selektion an der 'Alten Rampe' 535 Männer und 145 Frauen als „arbeitsfähige“ Häftlinge registriert und in das Lager eingewiesen. Die übrigen etwa 820 Deportierten dieses Zuges, darunter Gertrud Kolmar, wurden nicht als Häftlinge registriert und vermutlich sofort nach der Ankunft in der Gaskammer ermordet. (Wiki)


Das Bild ist ein Ausschnitt aus einem Foto von 1937

Sonntag, 18. Juni 2023

Gertrud Kolmar: Die Gauklerin

 



Die Gauklerin

Die gelben Vögel ängsten nie,
Wenn ich sie greifen will,
Als flaum'ge Kugeln halten sie
Dem losen Handwerk still;
Wer kennt auch grünes Gläserspiel,
Das nicht beim Sprung zerklirrt,
Den Silberreif, der läutend fiel,
Im Gleiten unverirrt ?

Es wird, was lächelnd ich geschafft,
Ein Lächeln eben wert;
Wohl keines ist so elfenhaft,
Gering und leicht entbehrt.
Ein veilchenscheuer Becher trug
Die Lehre, die ich trank,
Von grober Hölzer zartem Flug,
Von blöder Steine Schwank.

Verwahrt, was gründelos und kurz,
Die Kunst, den Seifenball,
Der farb'gen Bänder Wassersturz,
Den Regenbogenfall,
Der schweigend mischt und schnell verwischt
Ein Rätsel, das er schreibt,
Auf immer, wenn ihr wollt, erlischt
Und, wollt ihr, ewig bleibt.

Verschmäht die ungesetzte Welt,
Daran mein Wesen lebt,
Habt Mitleid mit dem runden Geld,
Das zäh am Finger klebt:
Und doch, wenn einstmals karger Raum
Mit weher Lahmheit schlug,
Beschwingt euch meinen Kindertraum
Und habt an ihm genug.

Gertrud Kolmar, aus: 49 Gedichte in 4 Räumen, geschrieben um 1933, posthum veröffentlicht

Gertrud Kolmar (Pseudonym für Gertrud Käthe Chodziesner, geboren am 10. Dezember 1894 in Berlin; Anfang März 1943 nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.

Die Illustration ist von Mario Borgoni (1869 - 1936)

Donnerstag, 2. März 2023

Gertrud Kolmar: Verlorenes Lied / Die Schlangenspielerin

 



Verlorenes Lied

Ich bin arm und habe nichts.
Nichts! Garnichts!
Nichts als lange Haare -
Bin zweiundzwanzig Jahre -
Sind rotes Gold, meine Haare,
Sagen die Kaufleut' mir.

Ich bin arm und habe nichts.
Nichts! Garnichts!
Nichts als gemalte Brauen -
Fluch den ehrbaren Frauen! -
Sind tintenschwarz, meine Brauen,
Sagen die Schreiber mir.

Ich bin arm und habe nichts.
Nichts! Garnichts!
Nichts als kecke Blicke -
Weißt du, wem ich sie schicke? -
Sind scharfes Schrot, meine Blicke,
Sagen die Jäger mir.

Ich bin arm und habe nichts.
Nichts! Garnichts!
Nichts als reife Lippen -
Tugend fährt über Klippen -
Sind kirschensüß, meine Lippen,
Sagen die Gärtner mir.

Ich bin arm und habe nichts.
Nichts! Garnichts!
Nichts als geschmeidige Sohlen -
Ei, in der Schenke das Johlen! -
Sind zum Tanzen gemacht, meine Sohlen,
Sagen die Spielleut' mir.

Ich bin arm und habe nichts.
Nichts! Garnichts!
Nichts als weiße Glieder -
Blankes Gold lockert mein Mieder -
Sind Flammen der Lust, meine Glieder,
Sagst heute nacht du mir.

Ich bin arm und habe nichts.
Nichts! Garnichts!
Nichts als ein Leben in Schande,
Einen Tod am Straßenrande -
Einst in zerlumptem Gewande
Scharrt man mich ein im Sande.
Wo? Sagt keiner mir.

Ich bin arm und habe nichts.
Nichts! Garnichts!
Nichts als die heimliche Zähre -
Daß ich so arm nicht wäre! -
Nur meine Dirnenehre!
Vom Strauch fällt die tausendste Beere;
Fault sie, wer sucht nach ihr?
Sterb' ich, wer weint nach mir?

Gertrud Kolmar, aus: Gedichte, Egon Fleischel & Co Verlag, Berlin 1917

Die Schlangenspielerin (2)

Tanze, tanze, bunte Schlange!

Mit geschärftem Beckenklange
Soll ein junges Kind beschwören,
Die dich ehren, dir gehören.

Tanze, tanze, bunte Schlange!

Schwarzes Pfeifchen, sei nicht bange:
Zauber ihrer Sternensteine
Wächst so groß nicht wie der deine.

Tanze, tanze, bunte Schlange!

Einem schweigenden Gesange
Ward der schmale Leib erschaffen,
Fremd dem Tiger, fern den Affen.

Tanze, tanze, bunte Schlange!

Brich die Nadel, Bronzespange,
Die um Menschenseelen, Flammen,
Dunklen Vorhang zerrt zusammen.

Tanze, tanze, bunte Schlange!

Quillst du doch an Gottes Wange;
Der dich liebte mit den Bösen,
Tanzend, wird er dich erlösen.

Tanze, tanze, bunte Schlange!

Gertrud Kolmar, aus: 49 Gedichte in 4 Räumen, geschrieben um 1933, posthum veröffentlicht

Gertrud Kolmar (Pseudonym für Gertrud Käthe Chodziesner, geboren am 10. Dezember 1894 in Berlin. Ab Ende der 1920er-Jahre erschienen einzelne ihrer Gedichte in literarischen Zeitschriften und Anthologien. 1934 wurde ihr zweiter Gedichtband Preußische Wappen im Verlag Die Rabenpresse von Victor Otto Stomps publiziert. Diese Veröffentlichung brachte den Verlag auf eine Liste unerwünschter Verlage des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, von dem er dann boykottiert wurde. Kolmar durfte ab 1936 nicht mehr unter ihrem Künstlernamen publizieren, sondern nur noch unter ihrem Familiennamen Chodziesner.

Ihr dritter Gedichtband Die Frau und die Tiere, der im August 1938 im Verlag Erwin Löwe erschien, wurde nach der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 in Zusammenhang mit der Auflösung der jüdischen Buchverlage verramscht.

Ab Juli 1941 musste Gertrud Kolmar Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie leisten. Ihr Vater wurde im September 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und starb dort im Februar 1943. Gertrud Kolmar wurde am 27. Februar 1943 verhaftet und am 2. März 1943 im

32. sogenannten Osttransport des RSHA in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Von den etwa 1500 Berliner Jüdinnen und Juden, die in diesem Zug am 3. März 1943 in Auschwitz ankamen, wurden nach der Selektion an der 'Alten Rampe' 535 Männer und 145 Frauen als „arbeitsfähige“ Häftlinge registriert und in das Lager eingewiesen. Die übrigen etwa 820 Deportierten dieses Zuges, darunter Gertrud Kolmar, wurden nicht als Häftlinge registriert und vermutlich sofort nach der Ankunft in der Gaskammer ermordet. (Wiki)

Dienstag, 24. Januar 2023

Märchen - Gedichte von Gertrud Kolmar, Isabelle Kaiser, Selma Merbaum

 


Märchen

Ich hab vor deinem Hause still gestanden
In einer Nacht.
Und hatte ganz dich lieb und ohne Maßen;
Ich wies zu dir den Sternen goldne Straßen
Und habe selig stumm gelacht.

Ob meinem losen Haar hob ich die Arme
Wie Zweige, schlank und rund.
Da stürzte Regen in das Mainachtschweigen
Und rief sich zage Blüten aus den Zweigen,
Und jede war ein blasser Mund.

Du aber kamst nicht.
So streute ich mit lächelndem Verschwenden
Dem Mond die Blumen her.
Und spürte Treiben herber, dunkler Kräfte,
Mir ward die Frucht voll süßer, süßer Säfte;
Schon fiel sie, duftend, weich und schwer.

Du aber kamst nicht.
Eishagel tanzte höhnend auf den Steinen.
Da klaffte schwarz ein Schacht.
Drein ließ ich die zerbrochnen Arme hangen. -
Geblüht und Frucht getragen - und vergangen
In einer Nacht.

Gertrud Kolmar (1894 – 1943), aus: “Gedichte” Suhrkamp Verlag 1996, Anfang März 1943 wurde die am 10. 12. 1894 geborene Dichterin Gertrud Kolmar im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Märchen

Sie liebten sich hienieden,
Doch niemand wußte davon,
Und als sie starben in Frieden,
Da blühte der rote Mohn.

Sie wurde zu Grabe getragen
An einem stillen Tag;
Und niemand wußte zu sagen,
Wo er im Tode lag.

Sie ruhte tief im Tale,
Die Sterne schauten herab —
Da grünte mit einem Male
Ein Zweig auf ihrem Grab.

Es grünte Zur selben Stunde,
Hoch in der Berge Luft,
Ein Zweig im Felsengrunde
Aus unbekannter Gruft.

Isabelle Kaiser, aus: Mein Herz, Gedichte von Isabelle Kaiser, J. G. Cotta´sche Buchhandlung Nachfolger, Berlin 1921

Isabelle Kaiser, geboren am 1. Oktober 1866 in Beckenried/Kanton Nidwalden; gestorben am 17. Februar 1925 in Beckenried, Schweizer Schriftstellerin.

Märchen

So. Und das ist wahrscheinlich der Schluss.
Der Regen weint und es weint die Nacht
und es weint mein Mund um einen Kuss
und weint und weint - und lacht.

So geht wohl jedes Märchen aus,
denn sonst - ist es nicht wahr:
Einer allein in den Wind hinaus
und die Nacht ist sein Altar.

Und die Sehnsucht ist seine Priesterin.
In einem großen, blauen Kleid
kniet sie zu seinen Füßen hin
und sie ist so weit... so weit...

So weit wie meine Augen -
verloren in einem Wald,
spielen sie blind und tot mit dem Wind,
und ich bin müd und kalt.

Die Wege sind so endlos lang.
Und meine Tage sind es auch
und allen Bäumen wird so bang.
Verregnet jeder Strauch.

Ich gehe mit der Nacht vereint
und bin so einsam wie sie.
Der Regen weint und der Wind weint
um mich - oder um sie?

7.3.1941

Selma Meerbaum-Eisinger, 1941

Selma Merbaum (in anderer Schreibweise Selma Meerbaum-Eisinger), deutschsprachige Dichterin aus der Bukowina, 5. 2. 1924 geboren, starb 16. 12. 1942 als verfolgte Jüdin im Zwangsarbeitslager Michalowika in der Ukraine.

Aufmerksam auf diese Dichterin bin ich von der Schriftstellerin Marion Tauschwitz gemacht worden, die eine lesenswerte Biografie über die Dichterin geschrieben hat, aus der auch das obige Gedicht stammt. Dafür danke ich sehr herzlich.

Marion Tauschwitz: Selma Merbaum – „Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben“. Biografie und Gedichte. Vorwort von Iris Berben. Zu Klampen, Springe 2014

Die Illustration ist von Virginia Frances Sterrett (1900 - 1931)

Samstag, 29. Januar 2022

Gertrud Kolmar: Meins

 


Gertrud Kolmar, aus: Mutter und Kind

Gertrud Kolmar (Pseudonym für Gertrud Käthe Chodziesner, geboren am 10. Dezember 1894 in Berlin; Anfang März 1943 nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet. Leider war es ihr nicht gegeben ein „Meins“ zu bekommen.

Das Bild ist von Maurice Denis (1870 – 1943)

 

Freitag, 21. Januar 2022

Gertrud Kolmar: Die Tage

 


Gertrud Kolmar (1894 – 1943) Anfang März 1943 wurde die am 10. 12. 1894 geborene Dichterin Gertrud Kolmar im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.  Das Bild ist von Leon Spillaert (1881 – 1946)

Montag, 22. Dezember 2014

Gertrud Kolmar - Wunschlied




                            Wunschlied


Du solltest zu mir kommen in der langen Nacht.
Sie hätt aus Silberseide dir ein Bett gemacht.

Drum solltest du bei mir schlafen die ganze lange Nacht;
Mein kleines dunkles Auge war ein tiefer, tiefer Schacht.

Mein Auge war ein Brunnen, im Grunde Geisterlicht,
Da schautest du unter der Wirklichkeit allen Glückes Gesicht.

Träume blieben in Stunden stehn und sahn dich an: Es ist wahr.
Sehnsucht würf den Flügelhut aus ihrem brennenden Haar.

Alles was süß ist und warm ist, leis deine Lider nur streift,
Hätt Nacht in roter gespaltener Frucht für deine Lippen gereift.

Meine Locken wären feines braunes Gras und Kraut,
Aus den Halmen sprängen Blüten, wie du sie nie geschaut.

Blüten von so fremdem Duft, Blüten von so seltnem Schein
Schüteten mit unaufhörlich sachtem Rieseln ganz dich ein.

Aber meine Arme kröchen, listigen Schlangen gleich,
Durch den Blumenwald zu dir, schön und schwellend, bunt und weich.

In schillernde Schlingen verstrickt, in Blütenwehe verschneit -
Könntest du noch erwachen vor lauter Seligkeit?


Anfang März 1943 wurde die am 10. 12. 1894 geborene Dichterin Gertrud Kolmar im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. 

Ich entdeckte ihre Gedichte nach und nach, und ich entdeckte einen einzigartigen lyrischen Kosmos.. Einige ihrer Gedichte begleiten mich seit langem. Der Wallsteinverlag aus Göttingen brachte 2003 "Sämtliche Gedichte" von Gertrud Kolmar in einer dreibändigen Ausgabe heraus.

Dienstag, 2. Dezember 2014

Gertrud Kolmar - Der Engel im Walde



Der Engel im Walde

Gib mir deine Hand, die liebe Hand, und komm mit mir;
Denn wir wollen hinweggehen von den Menschen.
Sie sind klein und böse, und ihre kleine Bosheit haßt und peinigt uns.
Ihre hämischen Augen schleichen um unser Gesicht, und
ihr gieriges Ohr betastet das Wort unseres Mundes.
Sie sammeln Bilsenkraut . . .
So laß uns fliehn
Zu den sinnenden Feldern, die freundlich mit Blumen und
Gras unsere wandernden Füße trösten,
An den Strom, der auf seinern Rücken geduldig wuchtende
Bürden, schwere, güterstrotzende Schiffe trägt,
Zu den Tieren des Waldes, die nicht übelreden.

Komm.
Herbstnebel schleiert und feuchtet das Moos mit dumpf
smaragdenem Leuchten.
Buchenlaub rollt, Reichtum goldbronzener Münzen.
Vor unseren Schritten springt, rote zitternde Flamme,
das Eichhorn nur.
Schwarze gewundene Erlen züngeln am Pfuhl empor in
kupfriges Abendglasten.

Komm.
Denn die Sonne ist nieder in ihre Höhle gekrochen, und ihr
warmer rötlicher Atem verschwebt.
Nun tut ein Gewölb sich auf.
Unter seinem graublauen Bogen zwischen bekrönten Säulen
der Bäume wird der Engel stehn,
Hoch und schmal, ohne Schwingen.
Sein Antlitz ist Leid.
Und sein Gewand hat die Bleiche eisig blinkender Sterne
in Winternächten.
Der Seiende,
Der nicht sagt, nicht soll, der nur ist,
Der keinen Fluch weiß noch Segen bringt und nicht in
Städte hinwallt zu dem, was stirbt :
Er schaut uns nicht
In seinem silbernen Schweigen.
Wir aber schauen ihn,
Weil wir zu zweit und verlassen sind.

Vielleicht
Weht ein braunes, verwelktes Blatt an seine Schulter,
entgleitet;
Das wollen wir aufheben und verwahren, ehe wir weiterziehn.

Komm, mein Freund, mit mir, komm.
Die Treppe in meines Vaters Haus ist dunkel und krumm
und eng, und die Stufen sind abgetreten;
Aber jetzt ist es das Haus der Waise, und fremde Leute wohnen darin.
Nimm mich fort.
Schwer fügt der alte rostige Schlüssel im Tor sich meinen
schwachen Händen.
Nun knarrt es zu.
Nun sieh mich an in der Finsternis, du, von heut meine Heimat.
Denn deine Arme sollen mir bergende Mauern baun,
Und dein Herz wird mir Kammer sein und dein Auge mein
Fenster, durch das der Morgen scheint.
Und es türmt sich die Stirn, da du schreitest.
Du bist mein Haus an allen Straßen der Welt, in jeder
Senke, auf jedem Hügel.
Du Dach, du wirst ermattet mit mir unter glühendem
Mittag lechzen, mit mir erschauern, wenn Schneesturm
peitscht.
Wir werden dürsten und hungern, zusammen erdulden,
Zusammen einst an staubigem Wegesrande sinken und weinen ...

Gertrud Kolmar, Dichterin, geboren 10. 12. 1894, ermordet März 1943 im Konzentrationslager Auschwitz.

Ich habe noch ein zweites Gedicht mit dem Titel "Der Engel im Walde" von ihr gefunden:

Der Engel im Walde

Ich aber traf ihn nachmittags im Wald.
Ein Wunder, das durch Buchenräume ging,
So menschenfern, so steigend die Gestalt,
Das blaue Luft im Fittich sich verfing;

Das Antlitz schien ein reines, stilles Leid,
Sehr sanft und silbrig rieselte das Haar,
In großen Falten schritt das weiße Kleid.
Er schaffte nichts, er sagte nichts: Er war.

Und nichts an ihm, was schreckte, was verbot.
Und dennoch: keines Sterbens Weggenoss,
Dass meine Lippe, ob auch unbedroht,
Erstaunten Ruf, die Frage stumm verschloss.

Ein Blatt entwehte an sein Gürtelband,
Vergilbt und schon ein wenig krausgerollt;
Er fing und trug es in der schmalen Hand
Wie ein Geschenk aus Bronze und aus Gold.

Wer sah ihm zu? Das Eichhorn, rot am Ast,
Und Rehe, die das Buschwerk schnell verlor.
Und Erlen wandern schon im Abendglast
Wie schwarze Schlangen züngelnd sich empor.

Er regte kaum die dünne Blätterschicht
Mit weichem Fuß. Er hatte ewig Zeit
Und zog: wohin? In Stadt und Dörfer nicht.
Er wallte außer aller Wirklichkeit.

Nicht unsre Not, nicht unser armes Glück,
Nur keusche Ruhe barg sein Schwingenpaar.
Ich folgte nach und stand und blieb zurück.
Er brachte nichts, er sagte nichts: er war.