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Mittwoch, 25. Januar 2023

Kurt Schwitters: Gedicht aus Norwegen für Helma

 


Gedicht aus Norwegen für Helma

In einem Garten blühen Lilien.
Sie blühen munter, und sie schilien
Zum Nachbargarten, ob die rote Nelke,
Die ihnen wohlgefällt, auch nicht verwelke.
Die rote Nelke nelkte mild zurück.
Der Lilien Schielien war ihr ganzes Glück.
So schiele ich, mein liebes Weib, Dir zu,
Dein mildes Nelken gibt mir Mut und Ruh.
Oh, nelke weiter, bis der Tag gekommen,
Daß ich Dich endlich in den Arm genommen.

Aus: Kurt Schwitters (1867 - 1948) Das literarische Werk, Band 1 Lyrik. Herausgegeben von Friedhelm Lach, Verlag M. Du Mont Schauberg Köln 1973

Das Bild „Lilien im Garten Muthesius“ ist von Julie Wolfthorn (geboren 8. Januar 1864 in Torun, ermordet am 12. Dezember 1944 in Theresienstadt) 

Mittwoch, 8. Januar 2020

Kurt Schwitters: Es kehrt die Zeit




Es kehrt die Zeit

Es kehrt die Zeit
Dreimal so weit.
Ich bin entzweit
Millionenweit.
Ich bin bereit:
Es kehrt die Zeit.

Die Zeit ist um,
Vorbei, vorbei.
Die Welt wird dumm,
Der Stab geht krumm,
Es fließt das Ei
Vorbei, vorbei.

Kurt Schwitters, geboren am 20. Juni 1887 in Hannover; gestorben am 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England; Dichter, Grafiker, Dadaist.

"Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache"

Mittwoch, 11. September 2019

Kurt Schwitters: Die Nixe

John William Waterhouse (1849 - 1917) A Mermaid


Die Nixe

Ballade

Es war einmal ein Mann, der gung
In eines Flusses Niederung.
Der Tanz der grünlich krausen Wellen
Tat seines Geistes Licht erhellen.

Am Ufer gluckste es so hohl,
Wohl einmol, zwomol, hundertmol;
Und auf des Flusses Busen brannte
Ein Glanz, den jener Mann nicht kannte.

Da dachte jener klug und schlicht:
„Ich weiß nicht, doch da stimmt was nicht!“
Und guckte ohne auszusetzten
Auf die verwunschnen Wellenfetzen.

Auf einmal gab es einen Ton,
Und aus dem Wasser hob sich schon
Mit infernalischem Geflimmer
Ein blondes, nacktes Frauenzimmer.

Die hatte irgendwo
Den Schwanz, gewachsen am Popo;
Dagegen fehlten ihr die Beine
Das Mädchen hatte eben Keine.

Sie steckte sich in ihr Gesicht
Ein Lächeln, das ins Herze sticht
Und stützte lockend ihre Hände
Auf ihres Schwanzes Silberlende.

Dem Mann am Ufer wurde schwach;
Er dachte: „Oh“, und dachte: „Ach!“
Und ohne groß sich zu bedenken,
Wollt er ihr die Liebe schenken.

Dem Mädchen in der Niederung
War seine Liebe nicht genung;
Sie winkte, statt sich zu erbarmen,
Dem Mann mit ihren beiden Armen.

Da bebberte der arme Mann,
Wie nur ein Starker bebbern kann;
Und senkte sich mit einem Sprung
Hinunter in die Niederung.

Da sitzt er nun und hat den Arm
Gebogen um der Nixe Charme;
Und wenn ein andrer kommt gegangen,
So wird er ebenso gefangen.

Kurt Schwitters, geboren am 20. Juni 1887 in Hannover; gestorben am 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England; Dichter, Grafiker, Dadaist. Das Gedicht "Die Nixe" ist auf 1942 datiert. "Ich bin frei wie ein Vogel im Wasser" schrieb er zu dieser Zeit an einen Freund.

"Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache" (Kurt Schwitters)

Mittwoch, 28. August 2019

Ludwig Bäumer: Dämmerung im Graben

Kurt Schwitters (1878 - 1948): Das "Bäumerbild"


Dämmerung im Graben

Wir sind längst mehr als dreimal verleugnet. In unsern Gebärden
Fielen alle Sehnsüchte zusammen, alle die waren
In unsern Müttern und Vätern. Wir stehn vor unsern Bahren
Und fangen Tode auf, damit wir zu Ende werden.

Denn das ist unser Sinn: Wir sind Kinder einer Zucht ohne das Sträuben
Von Kindern gegen ihre Zucht. Stärkelos! Wir haben die Augen
Die im eigenen Gehirn wühlen und Schmerzen saugen.
Wir sind längst mehr als dreimal verleugnet
Und müssen mehr als einen Gott betäuben.

Uns ist keine Wiederkehr gesegnet und unserm Weinen kein Amen
Zärtlicher Munde, die einmal vor Süße brachen.
Unsere Mütter versagten,
Die uns beklagten:
Wir staunen über die, die den Weg der Mütter kamen.

Und das verläßt uns nicht. — — Vielleicht wenn wir einmal wissen,
Daß wir Kinder des Irrtums sind und darum Unverzeihliche der Zeit,
Vielleicht dann ... Was? ... Stärkelos ... Ein Land bleicht weit,
Und viele fielen, und wir sehnen uns in reine Kissen.

(Bereitschaft 1. Februar 1916.)

Aus: 1914 - 1918, Eine Anthologie, Verlag der Wochenschrift Die Aktion (Franz Pfemfert, Herausgeber), Berlin-Wilmersdorf, 1916

Ludwig Bäumer, geboren am 1. September 1888 in Melle; gestorben am 28. August 1928 in Berlin lebte ab 1910 in der Künstlerkolonie Worpswede. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Unteroffizier teil, wandelte sich dann jedoch zum Kriegsgegner und war während der Novemberrevolution in Bremen als kommunistischer Politiker aktiv. Ende 1918 war er Delegierter auf dem Gründungsparteitag der KPD in Berlin. Im Januar 1919 wurde er Mitglied des Rates der Volksbeauftragten der Bremer Räterepublik.

Bäumer wohnte bis 1922 weiter in Worpswede, schließlich als freier Schriftsteller in München und Berlin. Am 28. August 1928 nahm er sich in Berlin das Leben.

Kurt Schwitters widmete ihm 1920 das "Bäumerbild" 

Sonntag, 20. November 2016

Kinder der Ewigkeit - Eine Hommage an Kurt Schwitters

"Wenn mir einer sagte, Ein Freund hätte gesagt, Daß ein anderer Freund gesagt hätte, Ich hätte zu einem dritten Freunde gesagt, Daß ein vierter Freund gesagt hätte, Ein fünfter Freund hätte gesagt, Daß ein sechster Freund gesagt hätte, Ich sollte gesagt haben, Was ich nicht gesagt habe, So sage er hier getrost an alle Freunde, Ich hätte gesagt, Ich hätte nichts gesagt."

"Man kann auch mit Müllabfällen schreien, und das tat ich, indem ich sie zusammenleimte und -nagelte. Ich nannte es Merz, es war aber mein Gebet über den siegreichen Ausgang des Krieges, denn noch einmal hatte der Frieden wieder gesiegt. Kaputt war sowieso alles, und es galt aus den Scherben Neues zu bauen. Das aber ist Merz."

                                                                                                            Kurt Schwitters

Dann wäre Merz auch wieder eine Art Dingefinderkunst, und so schließen sich die Kreise. Am 6. Oktober 1967 trugen Hippes in San Francisco ihre Bewegung zu Grabe, in einem Sarg voll mit Blumen. Danach verstreuten sich die Hippies in alle Welt. Als das Salz der Erde. 

Am 6. Oktober 2016 verfertigte sich unter meinen staunenden Augen und Ohren ein Video: Kinder der Ewigkeit.

"Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache" (Kurt Schwitters)

Doch vielleicht ist die Collage die Kunstform der allgegenwärtigen Ewigkeit. . .

Eine Hommage an Kurt Schwitters (es ist immer Merz), Hugo Ball, Marcel Duchamp, George Méliès, Fernand Leger, Alan Ginsberg, Timothy Leary, The Fugs, Ash Ra Tempel, Tomorrow Never Nows John Lennon und die Kirchenglocken vom Töpferdorf Fredelsloh.

Es sind Bilder der Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch in diesem Video verwendet worden. Ich danke der Künstlerin für ihre Freigiebigkeit.

Wenn Collage eine Kunstform ist, dann ist das hier Kunst. Merz ist es sowieso. Es grüßt der Dingefinder.