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Dienstag, 13. Juni 2023

Heinrich Vogeler, aus: DIR

 



Hohe Blumen, steile Gräser
Zittern leis im frühlingstrunknem Duft.
Dämmernd schimmern Apfelblüten
In der hohen Abendluft.
Golden kriecht die letzte Sonne
Durch das wirre Baumgeäst
Küsst zur Nacht die kleinen Blüthen,
Küsst das kleine Finkennest.




In weissen Anemonenkissen lag
Ein graugranitner Stein.
Hier sassen manchmal wir bei Tag,
Die Hände ein in ein.

Und vor uns lag
In brauner stiller Haide
Ein blanker See,
Und wie in heller Freude
Spielten mit ihm
Die Wolken aus luftiger Höh'.

Sie zogen, wenn der Abend naht,
In weite, weite Ferne,
Und bauten Schlösser Thürm und Stadt
Wie folgten wir so gerne.

Und wenn sich dann der Abend müde streckt
Auf seinem weiten braunen Haideland,
Und wenn die Dämmrung dann das Lager deckt
Bis an den fernen, dunstgen Hügelrand,

Dann zittert lockend durch die weiche Luft
Bald mächtig schwellend in der Abendluft
Zu hohem Lied, zu vollem Schall
Der Sang der Nachtigall.



Langsam strich ich durch den alten Garten,
Wo bemooste Apfelbäume starrten
Mit den krummen Knorrenarmen
In die hohe Abendluft,
Wo im erdgen Bodenduft
Kleine weiße Glockenblumen
Auf den Gruß der Sonne warten.



Von dem Berge, durch die niedern Föhren
Stieg ich langsam, Abenddämmerschein
Grauer Winter war's, hoch über Nebelwogen,
Die von unten aus dem Thal herzogen,
Tönte rauh der Wildgans grelles Schrein.

Hinter winterkahlen Lindenhecken
Lag als wollten sie es schützend decken,
Still das weisse, rotbedachte Haus.

Träumend staunen in den alten Garten, -
Wollen sie ein Wunder stumm erwarten? -
Fenster, heimlich blinkende, hinaus.

Müde flüchtend aus den lauten Wogen
Hat es sehnend heimwärts mich gezogen.
Und das Leben, das ich gerne liess,
Tausch ich nun mit trautem Paradies.


Aus: DIR. Gedichte von Heinrich Vogeler, Worpswede. Erschienen im Insel Verlage zu Leipzig 1921 (4. Auflage)

Heinrich Vogeler, geboren am 12. Dezember 1872 in Bremen; gestorben am 14. Juni 1942 im Kolchos Budjonny bei Kornejewka, Maler, Grafiker, Architekt, Designer, Pädagoge, Schriftsteller und Sozialist. Der vielseitig begabte Künstler ist besonders durch seine Werke aus der Jugendstilzeit bekannt geworden. Er gehört zur ersten Generation der Künstlerkolonie Worpswede, sein Wohnhaus, der Barkenhoff, wurde Anfang der 1900er Jahre zum Mittelpunkt der künstlerischen Bewegung.

Montag, 27. März 2023

Edlef Köppen: Frühling 1928

 



Frühling 1928

Gehen nun, lang, oh wie lang, in den lauen Gefild eines Abends,
Häuser bauend aus Schweigen und ein wenig Gesang.
Einsam sind noch die Vögel in den kahlen Geästen der Bäume,
schreckhaft fast deutlich, verwandt meinem Herz.
Vertraut wie ein Kleid hüllt mich jetzt diese Wärme,
in der ich singenden Mundes gehe, heimwärts ...
Gib nun den Schlaf, diesen Herbst meinen Augen, betet der Mund. –
Doch ich wache im Zimmer, dort auch im Spiegel, rufe, bin stumm.
Weit reicht mein Herz hinaus in den Abend.
Und immer, immer diese Amseln rufend vor dem Fenster ...

Edlef Köppen, geboren am 1. März 1893 in Genthin, war ein deutscher Schriftsteller und Rundfunkredakteur. Auch er trat, wie so viele seiner Generation, 1914 als Kriegsfreiwilliger in die Armee ein. Er diente als Artillerist und kam im Oktober 1918, von den Kriegserlebnisssen traumatisiert und desillusioniert, nach Hause. Die Erlebnisse verarbeitete er später in seinem großen Roman Heeresbericht. Köppen vertrat seitdem pazifistische Positionen.

Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten, wurde Köppen als Leiter der Funk-Stunde Berlin abgesetzt. Sein Weltkriegsroman fiel der Bücherverbrennung 1933 in Deutschland zum Opfer. 1935 wurde der Roman verboten.

Edlef Köppen starb am 21. 2. 1939 in einem Lungensanatorium in Gießen an den Spätfolgen seiner Kriegsverletzung.

Die Illustration ist eine Radierung, „Die Amsel“, (1899) von Heinrich Vogeler (1872 - 1942)

Dienstag, 31. Januar 2023

Hans Bethge: Letzte Fahrt / Der Wanderer

 

Letzte Fahrt

Ich möchte heimlich still hinüberschreiten
So wie der Abend in die Nacht verrinnt.
Es sollen süße Lieder mich begleiten
Zu meinen Inseln, die beglückend sind.

Ich möchte sterben schön und ohne Fehle
Und noch im Tode reich an Sehnsucht sein
Und möchte fühlen, wie die freie Seele
Mit Klingen zieht zum Himmel ein.

Der Wanderer


Nun sehnen sich der Nacht entgegen
Die blauen Tale nebelstill.
Kaum dass die Wipfel sanft sich regen,
Und ist ein Duft an allen Wegen,
Der mir das Herz verwirren will.

Kein lockend Licht in aller Weite,
Die Nacht gewährt mir keine Ruh.
Und da ich langsam weiter schreite,
Spür ich ein Ahnen als Geleite -
Ich wandre meiner Heimat zu. . .

Aus: Hans Bethge, Die stillen Inseln, Gedichte, Schuster und Loefffler, Berlin 1904

Hans Bethge, geboren am 9. Januar 1876 in Dessau; gestorben am 1. Februar 1946 in Göppingen, Lyriker und Erzähler. Er schrieb auch Nachdichtungen orientalischer und fernöstlicher Lyrik.

Die Illustration ist von Heinrich Vogeler (1872 - 1942) für das Buch Sonnenuntergang, eine Dichtung, von Hans Bethge, 1900

Donnerstag, 26. Januar 2023

Heinrich Vogeler: Von dem Berge. . .

 


Von dem Berge, durch die niedern Föhren
Stieg ich langsam, Abenddämmerschein
Grauer Winter war's, Hoch über Nebelwogen,
Die von unten aus dem Thal herzogen,
Tönte rauh der Wildgans grelles Schrein.
Hinter winterkahlen Lindenhecken
Lag, als wollten sie es schützend decken,
Still das weisse, rotbedachte Haus.
Träumend staunen in den alten Garten, –
Wollen sie ein Wunder stumm erwarten? –
Fenster, heimlich blinkende, hinaus.
Müde flüchtend aus den lauten Wogen
Hat es sehnend heimwärts mich gezogen.
Und das Leben, das ich gerne liess,
Tausch ich nun mit trautem Paradies.

Aus: DIR

Gedichte von Heinrich Vogeler, Worpswede
Erschienen im Verlage der „Insel“ bei Schuster und Löffler, Berlin 1899

Das Bild "Heimkehr" (1898) ist von ihm. 

Dienstag, 24. Januar 2023

Joachim Ringelnatz: Natur

 


Natur

Wenn immer sie mich fragen,
Ob ich ein Freund sei der Natur,
Was soll ich ihnen nur
Dann sagen?

Ich kann eine Bohrmaschine,
Einen Hosenträger oder ein Kind
So lieben wie eine Biene
Oder wie Blumen oder Wind.

Ein Sofa ist entstanden,
So wie ein Flußbett entstand.
Wo immer Schiffe landen,
Finden sie immer nur Land.

Es mag ein holder Schauer
Nach einem Erlebnis in mir sein.
Ich streichle eine Mauer
Des Postamts. Glatte Mauer aus Stein.

Und keiner von den Steinen
Nickt mir zurück.
Und manche Leute weinen
Vor Glück.

Joachim Ringelnatz (7. 8. 1883 - 1934), das Bild ist von Heinrich Vogeler (1872  -  1942)

Dienstag, 1. Februar 2022

Hans Bethge: Lieder an eine Kunstreiterin

 










Aus: Hans Bethge Lieder an eine Kunstreiterin, Gyldendalscher Verlag Berlin 1922

Hans Bethge, geboren am 9. Januar 1876 in Dessau; gesgtorben am 1. Februar 1946 in Göppingen, Lyriker.  Er schrieb auch Nachdichtungen orientalischer und fernöstlicher Lyrik.

Das Bild ist von Else Berg, Malerin, geboren am 19. Februar 1877 in Ratibor, ermordet am 19. November 1942 im KZ Auschwitz Birkenau.  

Die Vignetten hat Heinrich Vogeler (1872  -  1942) für das Buch „Sonnenuntergang  -  Eine Dichtung“ von Hans Bethge, Verlag von Fischer und Franek, Berlin 1900, angefertigt

Freitag, 14. Juni 2019

Heinrich Vogeler: Auf blankem Strom. . .

Heinrich Vogeler: Liebe  -  Radierung 1896


Auf blankem Strom
Zwischen Schilf und Ried
Mein gleitender Kahn zur Heimat zieht
Die Sonne vergoldet zum letzten Mal
Die Gräserspitzen im schweigenden Thal.
Es athmen die Wiesen Blumenduft
Die Schwalbe badet in goldener Luft.
Die Reiher ziehn in die Ferne -
Ach wenn ich mein Mädel im Arme hätt'
Das Eiland dort würd' unser Hochzeitsbett
Bleichrote Schilfblumen hielten Wacht
Vor unsrer einsamen Märchenpracht
Bis tief in die Nacht!
Dann könnte die Welt in Trümmer gehn
Im Himmel würden die Sterne wir sehn
In Seligkeit mit ihnen untergehn
Und auferstehn!


Aus: DIR, Gedichte von Heinrich Vogeler, Worpswede. Erschienen im Verlage der „Insel“ bei Schuster und Löffler, Berlin 1899

Heinrich Vogeler, geboren am 12. Dezember 1872 in Bremen; gestorben am 14. Juni 1942 im Kolchos Budjonny bei Kornejewka, Maler, Grafiker, Architekt, Designer, Pädagoge, Schriftsteller und Sozialist. Der vielseitig begabte Künstler ist besonders durch seine Werke aus der Jugendstilzeit bekannt geworden. Er gehört zur ersten Generation der Künstlerkolonie Worpswede, sein Wohnhaus, der Barkenhoff, wurde Anfang der 1900er Jahre zum Mittelpunkt der künstlerischen Bewegung.