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Montag, 12. Juni 2023

Theodor Däubler: Frieden

 



Frieden

Das blaue Meer verliebt sich in das Leben,
Und tausend Augen sind uns wohlgesinnt:
Ja, schon beginnt der Hauche Tausch, der Kräuselwind!
Und lauter Herzen fangen an zu beben.

Bald wird das Meer sich wohl zum Ufer heben.
Die kleinste Welle, die als Schaum zerrinnt,
Die Spitzenschleier um die Erde spinnt,
Mag sich dann irgendwo und ganz erheben.

Ein blauer Schmetterling hat sich verloren,
Im Blauen draußen find ich ihn nicht mehr:
Hat ihn der Strand als sein Geschenk erkoren?

Mein Herz, Dir werde nicht auf einmal schwer!
Bestimmt hast Du bereits ein Lied geboren,
Nun sing Dich aus am traumhaft blauen Meer.

Theodor Däubler, aus Das Nordlicht, Florentiner Ausgabe. Georg Müller, München u. a. 1910

Theodor Däubler, geboren am 17. August 1876 in Triest, Österreich-Ungarn; Epiker, Lyriker und Erzähler . Er starb am 13. Juni 1934 im Sanatorium St. Blasien an den Folgen eines Schlaganfalles. 1910 erschien sein Versepos „Nordlicht“ in einer ersten Fassung.

Das Bild ist von Edward Reginald Frampton (1870 - 1923)

Mittwoch, 25. Januar 2023

Theodor Däubler: Goldene Sonette

 


Goldene Sonette

I


Vertändelt ist das ernste Gold der Garben.
Auf alten Mauern schlafen rote Schlangen,
Die Jagd auf Wanderwild hat angefangen,
Der Tagesabgang schweißt durch Wolkennarben.

Das Jahr vollendet seinen Kranz der Farben.
Die Lauben sind mit Schattenblau behangen,
Der Äcker Todesgold ist aufgegangen,
Wie wahr, daß wir schon alle lange starben.

Ich kann dem Frühlingsbrüten nicht vertrauen.
Und doch, das Wunder wird so bald geschehen,
Die Luft erholt sich bloß auf trocknen Auen.

Es kommt die Sonne, unser Wohlergehen.
Das Frühlingsgrün ist heimlich im Erblauen:
Es gibt ein unerfülltes Auferstehen.

II

Der Tag ist wie ein Kindlein eingeschlafen.
Sein Lächeln überspiegelt goldnes Träumen,
Der Wiegewind vereinsamt sich in Bäumen
Und Bäume überrauschen blau den Hafen.

Entzweite Schwestern, die einander trafen,
Beplätschern sich im heitern Abendschäumen,
Dann nahen sie als Schwan mit Feuersäumen
Und landen unter Marmorarchitraven.

Auch meine Segeleinfalt ist versunken.
Ich warte stumm auf dunklem Stufendamme
Und staune, daß die Brandung blau verblutet.

Mein Blick, ein Stern, des Meeres Purpurfunken —
Wie gut die Nacht durch meine Ruhe flutet.
Bedachtsam wandelt sich die Hafenflamme.

Theodor Däubler (1876 - 1934), aus: Der Brenner, Halbminatsschrift für Kunst und Kultur, 3. Jg. (1913), Heft 8 (15. Januar 1913)

Das Bild ist von Harald Sohlberg (1869 - 1935)

Dienstag, 24. Januar 2023

Theodor Däubler - Aus: An das Sternbild der Fische

 


Aus: An das Sternbild der Fische

Fische, himmlische Smaragde, glüht verzückt empor:
Den Sänger Orpheus mit der Leier bringt zur Welt.
Der Flut entspring er wie der Nacht das Meteor:
Er sei bei Tieren plötzlich unter uns gesellt.

Bei freiem Sternenklang erreicht uns Orpheus' Sang.
Die Milchstraße und alte Quellen ruft er auf.
Das Stürmen ruht, es plätschert kaum der Welle Gang:
Und Ewigkeit bricht ein, erstarrt der Zeiten Lauf!

* * *
Nun sprüht die Ewigkeit aus stummen Fischen vor.
Doch die Musik der andern Wiesen klingt uns hold.
So höre fein in stiller Zeit den Schwesternchor
Der feinen Seelen, die wir orphisch aufgerollt.

* * *

Das Knarren langer Wanderschaften werde laut:
Die Füße hat vom Bild der Fische unser Leib.
Durch Pilgern wird der Stand der Sonnen aufgebaut.
Der Gang der Sterne kündet irdischen Verbleib.

Theodor Däubler (1876 - 1934), aus: Der sternenhelle Weg 1919

Das Bild ist von Mikalojus Konstantinas Čiurlionis (1875 - 1911) 

Montag, 12. Juni 2017

Theodor Däubler: Mir ist es oft, wenn ich die Augen schließe




Mir ist es oft, wenn ich die Augen schließe


Mir ist es oft, wenn ich die Augen schließe,
Als ob die Welt der eigenen Phantasie
In einem Strom von mattem Golde fließe
Und traumhaft durch die wache Seele zieh.

Das ist das Blut, das die Erinnerungsbilder
Gar traumbeschwingt aus dem Gemüte hebt;
Es ist ein anderes Leben, zarter, milder,
Das aus den Seelengrüften bleich entschwebt.

Die Lichtgestalten haben ausgerungen,
Mit dem Geschicke scheinen sie versöhnt,
Durch meinen Wesenswunsch, beim Flug verschlungen,
Sind sie des Eigenwillens schon entwöhnt!

Jetzt seh ich herbstlich goldene Wälderhallen;
Um Bilder sind die Aeste schön verzweigt,
Dort wo die welken Blätter langsam fallen,
Verstrahlt ein Tag, der Fabelmanen zeigt.

Es tropft das Lebensblut von Bäumen nieder,
Im Wind zerstiebt das gelbgewordene Laub,
Im Walde hallts von Windnachtsschritten wieder,
Am Weg verliert der Herbst den halben Raub.

Sind auch die Blätter bald im Wald verflogen,
Bleibt ihre Seele doch in der Natur,
Das Sonnenroth, das Bäume eingesogen,
Trinkt erst im gelben Herbst die Kreatur.

Die Sommerfreude jauchzt in Vogelliedern,
Als Waldesecho, noch am goldenen Meer,
Die Menschen werden still und sie erwidern
Die Waldestrauer, bang und wehmuthsschwer.

Wenn arme Leute dürre Zweige sammeln,
So lieben sie und sehn sie erst den Wald,
Wenn sie des Waldes Schaudermärchen stammeln,
Wird er der Geister düsterer Aufenthalt.

Du glaubst an einen Hauch der Menschenseele,
Wenn Du den letzten Athemzug erlauscht,
Du glaubst, daß die Natur von sich erzähle,
Wenn sacht ein Wind im Wald zum Abschied rauscht.

Dann ist es mir, als schlichen Sterbewesen
Durch Träume sich in meine Seele ein,
Als Bilder kann ich sie zusammenlesen
Und berge sie im Urerinnerungsschrein.

Die goldenen Ströme flammen auf wie Hallen,
Ein Strahlendom schließt seine Wölbung zu,
Gedanken, die sich stolz zusammenballen,
Entfalten ihre sehnsuchtsfreie Ruh.

Theodor Däubler, geboren am 17. August 1876 in Triest, Österreich-Ungarn; † 13. Juni 1934 in St. Blasien, Schwarzwald) war Epiker, Lyriker und Erzähler . Er starb am 13. Juni 1934 im Sanatorium St. Blasien an den Folgen eines Schlaganfalles. 1910 erschien sein Versepos „Nordlicht“ in einer ersten Fassung.