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Sonntag, 15. Juni 2025

Carl Wolff: Leg eine Muschel an dein Ohr / Franziska Stoecklin: Die singende Muschel

 



Leg eine Muschel an dein Ohr

Leg eine Muschel an dein Ohr,
wie Kinder tun und lächelnd lauschen —
du hörst der Wellen singenden Chor,
Du hörst das Meer
von altersher
noch immer leise rauschen.

So lebt in deinem Innern auch
von deiner Jugend Spiel und Singen
doch immer noch ein seliger Hauch.
Lausch' nur zurück,
du hörst das Glück
noch immer leise klingen.

Carl Wolff (1884 - 1938), aus der Sammlung „Auf stillen Wegen“ Gedichte. Verlag Chr. Adolff, Altona-Ottensen 1920


Die singende Muschel

Als Kind sang eine Muschel
mir das Meer.
Ich konnte träumelang
an ihrem kühlen Munde lauschen.
Und meine Sehnsucht wuchs
und blühte schwer,
und stellte Wünsche und Gestalten
in das ferne Rauschen.

Franziska Stoecklin, aus: Die singende Muschel, 1. Auflage 1925

Franziska Stoecklin, Lyrikerin, Erzählerin, Malerin, wurde am 11. 9. 1894 in Basel geboren und starb am 1.9.1931 ebendort.

1920 hatte sie einen ersten Gedichtband veröffentlicht. Es folgten zwei Bände mit lyrischer Prosa und 1925 ein weiterer Gedichtband Die singende Muschel. Die Themen ihrer Lyrik sind Traum, Liebe, Tod und Natur, wobei im ersten Band die Liebeslyrik dominiert, während im zweiten Band das Thema Tod in den Vordergrund tritt. Sie war unter anderem mit der Dichterin Emmy Hennings befreundet.

Das Bild ist von Étienne Adolphe Piot (1831 – 1910)

Donnerstag, 26. Januar 2023

Carl Wolff: Es liegt ein Leuchten über der Welt

 


Es liegt ein Leuchten über der Welt

Es schmolz der Schnee im Lenzeslicht,
es flohen des Winters Gespenster.
Nun hofft und glaubt, was der Frühling verspricht,
und werft mit lachendem Angesicht
das alte Leid aus dem Fenster.

Und findet ihr irgendein Kämmerlein,
worin es an Freude fehle,
so lasst doch die Sonne, die Sonne hinein,
den lieben, den lachenden Sonnenschein,
der küsset das Eis von der Seele.

Es liegt ein Leuchten über der Welt
wie goldenen Glückes Glänzen.
Drum greifet, solang es dem Himmel gefällt
und die Seele dem Körper die Treue hält,
nach des Lebens lachendsten Kränzen!

Carl Wolff (1884 - 1938) Aus der Sammlung Auf stillen Wegen - Gedichte. Verlag Chr. Adolff, Altona-Ottensen 1920
Das Bild ist von Henryk Weyssenhoff (1859 - 1922)