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Samstag, 8. Februar 2025

Hans Ostwald: Schicksenliebe / Ada Christen: Not

 




Schicksenliebe

Er fand sie beim Dorfe im Straßengraben:
Mädel, dich möchte ich zur Schickse haben!
Sie lachte.

Sie lachte laut und hängte sich an:
Ach, endlich habe auch ich einen Mann!
Und lachte.

Und lachte, als er ihr suchend gebot,
zu betteln um Geld, zu betteln um Brot.
Und lachte.

Er hat sie nach Rußland hinein verschleppt,
wo man wohl hängt, doch keinen köppt.
Sie lachte.

Sie lachte, als ihr das Tuch fortgenommen
und sie vor Kälte fast umgekommen.
Oh, lachte!

Oh - lachte, als er sie mit Füßen trat
und sie den letzten Atemzug tat.
Ja - lachte - - -

Hans Ostwald, aus: Lieder aus dem Rinnstein, gesammelt von Hans Ostwald, Karl Henckell & Co, Berlin 1903

Hans Otto August Ostwald, geboren am 31. Juli 1873 in Berlin; gestorben am 8. Februar 1940 ebendort), Journalist, Erzähler und Kulturhistoriker.

Nach einer Lehre als Goldschmied arbeitete er nur für kurze Zeit in diesem Beruf, bis er 1893 arbeitslos wurde. Danach vagabundierte er als wandernder Handwerksbursche für ungefähr 18 Monate durch Deutschland. Über seine Erlebnisse im Landstreichermilieu führte er ein Tagebuch, das er später, ermuntert durch Felix Holländer, zu dem Roman Vagabonden (später unter: Vagabunden. Ein autobiographischer Roman) umarbeitete.

Bedeutend für die Schaffung eines eigenständigen sozialen deutschen Chansons war die Sammlung der Lieder aus dem Rinnstein, in der die Ausgestoßenen der Gesellschaft mit ihren meist anonymen Liedern zu Wort kamen. Hier wurden Sprachschichten für die Lyrik erschlossen, die bisher auch in den Volksliedersammlungen nicht vertreten waren.

Lieder aus dem Rinnstein ist der Titel einer deutschsprachigen Lied- und Gedichtsammlung, die in drei Einzelbänden 1903, 1904, 1906 von Hans Ostwald herausgegeben wurde. Ein Auswahlband erschien 1920.

Die Textsammlung der Lieder aus dem Rinnstein beginnt mit der Zeit der Bauernkriege. Es folgen Gedichte von Schiller, Goethe, Heine, von damals bekannten Autoren wie Frank Wedekind, Karl Henckell, Peter Hille und anderen. Ebenso aber auch Texte von (damals weniger bekannten) jungen Talenten wie Else Lasker-Schüler: „…ich bin 1876 zu Elberfeld geboren. Mein Buch ‚Styx‘ (Gedichte) kam 1902 bei Axel Juncker, Berlin, heraus…“ und Erich Mühsam. Sein erstes veröffentlichtes Gedicht Amanda ist darin auch zu finden. Über ihn steht zu lesen: „…1902–1903 Redakteur des „Armen Teufel“ in Friedrichshagen. Lebt jetzt in Wilmersdorf … Ein Buch ist bisher noch nicht erschienen.“ Weitere heute weniger bekannte Autoren waren Margarete Beutler, Ada Christen und Martin Drescher.

Zu den „Liedern aus dem Rinnstein“ gehören weit mehr als nur Dirnenlieder, (so benannt nach Hans Ostwalds Buch Das Berliner Dirnentum, Leipzig 1905–1907). Es finden sich auch Liebeslieder, Lieder aus der Not und aus den unteren sozialen Klassen und gesellschaftlichen Randgruppen, Moritaten, im weitesten Sinne Naturalismus, Expressionismus und Verfemung. (Wiki)

Not

All euer girrendes Herzeleid
tut lange nicht so weh
wie Winterkälte im dünnen Kleid,
die bloßen Füße im Schnee.
All eure romantische Seelennot
schafft nicht so herbe Pein
wie ohne Dach und ohne Brot
sich betten auf einen Stein.

Ada Christen (1839 - 1901), aus: Lieder aus dem Rinnstein, gesammelt von Hans Ostwald, Karl Henckell & Co, Berlin 1903. Die Dichterin Ada Christen wusste, wovon sie schreibt, hatte sie doch selbst mehrmals im Leben bittere Not kennen lernen müssen.


Donnerstag, 18. Mai 2023

Ada Christen: Letzter Versuch

 


Letzter Versuch

Ich habe mich zu erhängen gesucht:
Der Strick ist abgerissen.
Ich bin in's Wasser gesprungen:
Sie erwischten mich bei den Füßen.

Ich habe die Adern geöffnet mir:
Man hat mich noch gerettet.
Ich sprang auch einmal zum Fenster hinaus:
Weich hat der Sand mich gebettet.

Den Teufel! ich habe nun alles versucht,
Woran man sonst kann verderben –
Nun werd' ich wieder zu leben versuchen:
Vielleicht kann ich dann sterben.

Ada Christen, aus: Lieder einer Verlorenen, Hamburg: Hoffmann & Campe, 1868

Bekannt wurde Ada Christen, geboren am 6. 3. 1839, gestorben am 19. 5. 1901, durch ihre 1868 erschienene erste Gedichtsammlung »Lieder einer Verlorenen«, die wegen ihrer erotischen und sozialen Thematik großes Aufsehen erregte. Ihre schriftstellerische Tätigkeit wurde von Ferdinand von Saar unterstützt, der auch den Druck ihrer ersten Gedichtsammlung vermittelte. In der Folge veröffentlichte sie neben Gedichten auch Erzählungen und Bühnenstücke.

Das Portraitfoto von ihr fertigte der Fotograf Josef Székely (1836 - 1901) an.

Donnerstag, 26. Januar 2023

Ada Christen: Champagner

 


Champagner

I.


Ist dein Leben freudenleer –
Trink’ Champagner!
Ist das Herz von Gram dir schwer –
Trink’ Champagner!
Spotten die Menschen um dich her –
Trink’ Champagner!

Hast nicht Wunsch noch Thränen mehr –
Trink’ Champagner!
Trink’ Champagner! Es bannt die Trauer
Der leichte Franzose, der rosig glüht,
Jagt die sentimentalen Grillen
Aus dem schweren deutschen Gemüth!

II.

Die lustigen Champagnergeister
Die drehen mich jetzt im Kreis
Und im Kopfe summt mir
Eine seltsam wirbelnde Weis’.

O weh, im Magen ist mir
Auch gar so wunderlich;
Doch das allergrößte Uebel
Ist, daß ich denk’ an Dich!

Sie glauben, daß ich betrunken sei
Und wollen mit mir spielen;
O hütet euch, gerad’ im Rausch
Erwachen die bösen Grillen.

Denn wenn ich’s recht toll getrieben,
Getobt, mich heiser gesungen:
Hab’ ich nur zu übertäuben gesucht
Meine bösen Erinnerungen.

III.

Wie man im Rausch noch denken kann?
Ihr meint wohl, daß die Gedanken,
So wie die matten, schweren Füße
Auch immer knicken und schwanken.

Mein Leben ist ein langer Rausch,
Und weil ich darin gar viel gedacht,
So hat mich das viele Denken
Zuletzt noch nüchtern gemacht.

- - - - - - - - - - -

„Dein Vers hat nicht das rechte Maaß,“
So will man mich verweisen,
„An Fluß und Glätte fehlt es ihm“ –
Und wie sie’s sonst noch heißen.

Sie zählen an den Fingern ab,
Verbessern wohl zehnmal wieder;
Ich leg’ die Hand auf mein blutendes Herz:
Was das sagt, schreib’ ich nieder.

Ada Christen (6. 3. 1839 - 19. 5. 1901), aus: Lieder einer Verlorenen. Hoffmann und Campe, Hamburg 1868

Bekannt wurde Ada Christen durch ihre 1868 erschienene erste Gedichtsammlung »Lieder einer Verlorenen«, die wegen ihrer erotischen und sozialen Thematik großes Aufsehen erregte. Ihre schriftstellerische Tätigkeit wurde von Ferdinand von Saar unterstützt, der auch den Druck ihrer ersten Gedichtsammlung vermittelte. In der Folge veröffentlichte sie neben Gedichten auch Erzählungen und Bühnenstücke.

Das Bild ist von Stanisław Wyspiański (1869 - 1907) 

Dienstag, 24. Januar 2023

Ada Christen: Verheiratet

 


Verheiratet

I.


Links die zischelnden Komödianten,
Rechts von mir mein Bräutigam;
Hinter ihm die Anverwandten
Zucken sich die Achseln lahm.

Vor mir mild der greise Priester,
In mir keine Harmonie,
Auf den blonden lichten Locken
Grüne Myrthenironie.

II.

Ausgespannt die magern Gäule
Von dem morschen Thespiskarren;
Engagirt bin ich für's Leben,
Nimmer weiter wird gefahren.

Auf dem kleinen Stückchen Erde
Ist die Bude festgestellt -
Und der Kreis, der oft copirte,
Ist nun wirklich meine Welt.

III.

Eine lange graue Fläche,
Mitten drauf ein Schlößlein traut;
Weiß und voll im Winde schwanket
Rings umher das Haidekraut.

Bei des Schlößchens Erkerfenster
Steht ein Mann und jubelt laut;
Denn er hat jetzt in der Ferne
Sein geliebtes Weib erschaut.

Jauchzend eilt er ihr entgegen,
Küßt sie heiß auf Mund und Hand,
Ordnet die zerstreuten Locken
Und das flatternde Gewand.

Und wie Kinder selig plaudernd
Gehen sie nun Hand in Hand,
Und des Weibes Seele segnet
Dankbar Mann und Haus und Land.

IV.

O habe Mitleid, laß mich nimmer
Die Wunden der Gesellschaft schauen!
Denn bis in meine tiefsten Träume
Drängt sich ein scheues, kaltes Grauen.

Auch hier die Sünde und die Lüge,
Die sich so schwer vergessen ließ?
Auch hieher weht der gift'ge Odem? -
Ich glaubte an ein Paradies!

V.

Das Herz zerfetzt und zerrissen,
An allen Kräften gelähmt,
Gestürzt aus dem falschen Himmel
Und ob des Glaubens beschämt! –

Von dem, was ich gelitten
In kurzen, doch ewigen Tagen,
Versteinern alle Tränen,
Verstummen alle Klagen! - -

VI.

Ich grüße dich, du alte Nacht,
Bekanntes schwarzes Elend,
Du nahst dich mir so bitter vertraut,
Erhaben stumm befehlend.

Ich wehre mich nicht: du bist mir lieb,
Du bist verderbliche Wahrheit:
In deinem Dunkel liegt für mich
Meines wirren Jammers Klarheit.

Ada Christen, aus: Lieder einer Verlorenen, Hoffmann und Campe, Hamburg 1868

Ada Christen, eigentlich Christi(a)na von Breden, geborene Fr(i)ederik (geboren 6. März 1839 in Wien; gestorben 19. Mai 1901 in Inzersdorf), österreichische Schriftstellerin.

Durch die Vermittlung von Ferdinand von Saar erschien 1868 als erste Buchveröffentlichung ihr erster Gedichtband Lieder einer Verlorenen, der durch seine Kombination von erotischem Freimut und sozialer Anklage zur Provokation des Bürgertums wurde und entsprechend hohe Auflagen erreichte. Saar hatte ihr auch zu dem Pseudonym Ada Christen geraten, das sie für alle weiteren Veröffentlichungen beibehielt. Weitere Gedichtbände folgten, aber auch Erzählungen, Romane und Dramen. Ab 1874 lieferte sie auch Beiträge für Zeitschriften (Illustrierter Österreichischen Volkskalender) und Zeitungen.

Mittwoch, 9. Februar 2022

Ada Christen: Not

 


Ada Christen (1839  -  1901), aus: Lieder aus dem Rinnstein, gesammelt von Hans Ostwald, Karl Henckell & Co, Berlin 1903. Die Dichterin Ada Christen wusste, wovon sie schreibt, hatte sie doch selbst mehrmals im Leben bittere Not kennen lernen müssen.

Das Bild ist von Hans Baluschek (1870  -  1935)