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Samstag, 17. Februar 2024

Christian Friedrich Wagner: Kannst du wissen? / Hedwig Lachmann: Christian Wagner

 



Zum Andenken an den Dichter und Kleinbauern Christian Friedrich Wagner, geboren am 5. August 1835 in Warmbronn; gestorben am 15. Februar 1918 ebenda

Kannst du wissen?

Kannst du wissen, ob von deinem Hauche
Nicht Atome sind am Rosenstrauche?
Ob die Wonnen, die dahingezogen,
Nicht als Röslein wieder angeflogen?
Ob dein einstig Kindesatemholen
Dich nicht grüßt im Duft der Nachtviolen?

„... er fühlte die tiefe Zusammengehörigkeit zwischen Tier, Mensch und Pflanze, Stein und Stern. Und er liebte das alles. ... Er war dogmenlos fromm. ... Er war allerdings ein Landmann; er hat die Natur gekannt, aber das Hälmchen war ihm kein Anlaß, 'Duliöh!' zu schreien oder ein knallig angestrichenes Gemüt leuchten zu lassen. Er war ein in sich gekehrter Künstler und wohl wert, daß wir ihn alle läsen und verehrten.“ (1919)

Kurt Tucholsky

Seine Stellung zur Kriegslyrik war eindeutig, wie aus einem Brief an Hermann Hesse hervorgeht: Nachdem er schon mehrfach „um Kriegslieder angegangen worden“ sei, schreibt er weiter: „das Heldentum des Nitroglyzerins erkennen wir [Dichter] nicht an!“ Als der befreundete Dichter und Kriegsdienstverweigerer Gusto Gräser aus Deutschland ausgewiesen werden sollte, setzte er sich für ihn ein. Der spätere Dadaist Johannes Baader besuchte ihn 1916 in Warmbronn und hielt daraufhin begeisterte Vorträge über Wagner.

Er leidet sehr unter dem fortgesetzten Kämpfen und Töten und wünscht sich, Eremit zu werden. „Ich beklage, dass es in Deutschland keine Wälder mehr gibt, wie im Mittelalter, zur Zeit der Eremiten, in die hinein ich mich verkriechen könnte, um dort nur noch mit frommen Tieren zu leben.“

„Lieber ein barmherziger Heide als ein unbarmherziger Christ“


Christian Wagner

(Zum 75. Geburtstag des Dichters)

Die Erde gab ihm ihre reinen Früchte
Aus freier Hand. Auf offner Flur
Gedieh er wetterhart und bot die Stirne
Den Stürmen und dem Frieden der Natur.

Bei Pflug und Sense blichen seine Haare,
Und unter ein bescheidnes Hüttendach
Trat er am Abend,
Wo er das Brot auf blankem Tische brach.

Wie ein Eremit im Walde, seine Krumen
Mit Tieren teilend, die ihn stets umgeben,
Und mit Verstorbenen im Bunde,
Verkündet er das seelenhafte Weben,
Das lichtvoll, über einem dunklen Grunde,
Verkettet Menschenlose, Tiere, Blumen.

Hedwig Lachmann, geboren am 29. August 1865 in Stolp, Pommern; gestorben 21. Februar 1918 in Krumbach), Dichterin und Übersetzerin von unter anderem Edgar Allan Poe und Oscar Wilde. Ihrem zukünftigen Ehemann, dem Anarchisten Gustav Landauer begegnete Lachmann zum ersten Mal 1899 bei einer Lesung im Haus von Richard Dehmel. Richard Dehmels Kriegsbegeisterung beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 führte jedoch dazu, dass Lachmann ihm die Freundschaft aufkündigte.

Im März 1903 ließ sich Gustav Landauer von seiner ersten Ehefrau scheiden, um Hedwig Lachmann im Mai 1903 zu heiraten. Am 21. Februar des Jahres 1918 starb Hedwig Lachmann an einer Lungenentzündung.

Die Illustration Christian Wagner nach einer Zeichnung von H. Schroedter ist aus der Zeitschrift Die Gartenlaube von 1895

Mittwoch, 20. September 2023

Hedwig Lachmann: Schwermut / Am Morgen / Heimweh

 



Schwermut

Mir ist, wie wenn in einer Sommernacht
Die Menschen schweigsam in den Lauben sitzen.
Die Luft ist schwer. Ein Wolkenhimmel dacht
Sich über ihnen. Und die Fernen blitzen.

Sie fragen in die Höh: Kommt wohl ein Sturm?
Und legen spät sich und bekümmert schlafen.
Und lauschen oft gepresst, ob nicht vom Turm
Ihr Ohr im Halbschlaf Glockenklänge trafen.


Am Morgen

Dem Wanderwolkenspiele folg´ ich nach.
Ein Sonnenstreifen drüben an der Mauer
Verlischt und leuchtet auf zu kurzer Dauer
Und schnelle Schatten fliegen übers Dach.

Wie hängt mein Blick an all der bunten Hast!
In der Sekunde tausendfach geboren
Und wieder tausendfach zurückverloren
Und nie und nirgends diesem Wirbel Rast.

O wüchse mir inmitten aller Flucht
Und flatterndem verfrühten Blütenregen
- Für mein Geschick ein noch verschlossner Segen -
In zarter Knospenhülle eine Frucht.


Heimweh

O wüßt ich meiner Sehnsucht einen Fergen,
Dass er ihr eine sanfte Fährte weise!
So kehrt sie mir zurück aus hohen Bergen,
Todmatt vom Flug und fast erstarrt im Eise.

Ich wollte, dass ein leichter Kahn mich führe
Den Strom entlang in ebene Gelände,
Und dass ich dort durch eine niedre Türe
In einem stillen Hause Eingang fände.

Und drinnen nur von abendlichen Kerzen
Ein mildes Dämmerlicht am eignen Herde.
Ein warmer Raum, ein Kind an meinem Herzen,
Und eine Seele mein auf dieser Erde.

Aus: Im Bilde, Gedichte, auch Nachdichtungen von Hedwig Lachmann, Verlegt bei Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig 1902

Hedwig Lachmann, geboren am 29. August 1865 in Stolp, Pommern; gestorben 21. Februar 1918 in Krumbach), Dichterin und Übersetzerin von unter anderem Edgar Allan Poe und Oscar Wilde. Ihrem zukünftigen Ehemann, dem Anarchisten Gustav Landauer begegnete Lachmann zum ersten Mal 1899 bei einer Lesung im Haus von Richard Dehmel. Richard Dehmels Kriegsbegeisterung beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 führte jedoch dazu, dass Lachmann ihm die Freundschaft aufkündigte.

Im März 1903 ließ sich Gustav Landauer von seiner ersten Ehefrau scheiden, um Hedwig Lachmann im Mai 1903 zu heiraten. Am 21. Februar des Jahres 1918 starb Hedwig Lachmann an einer Lungenentzündung.

Gustav Landauer kritisierte als Pazifist den Eintritt Deutschlands in den Ersten Weltkrieg scharf. Während der Novemberrevolution 1918/19 und unmittelbar danach war er an einflussreicher Stelle an der Münchner Räterepublik im April 1919 beteiligt. Nach deren gewaltsamer Niederschlagung wurde er von antirepublikanischen Freikorps-Soldaten am 2. Mai 1919 in der Haft ermordet.

Das Bildnis der Dichterin ist von Julie Wolfthorn, geboren am 8. Januar 1864 in Thorn, Westpreußen; gestorben am 29. Dezember 1944 im KZ Theresienstadt) war eine deutsche Malerin, Zeichnerin und Grafikerin der Moderne. Als Jüdin wurde sie ein Opfer der Shoa. Bis auf wenige Bilder in den Depots deutscher Museen galt ihr umfangreiches Werk lange Zeit als verschollen und wurde erst Anfang 2000 wiederentdeckt.

Donnerstag, 26. Januar 2023

Hedwig Lachmann: Heimatlied

 


Heimatlied

Dies ist die Heimat: jener Waldesrand,
Der dir ins Nahe rückt den Himmelskreis,
Am Wiesenabhang das bestellte Land
Und alles, was das Herz an Liebe weiss.

Dies ist die Heimat: jener Baum im Wind,
Mit Wipfeln wirr gesträubt und altersschwer,
An den dein Trieb sich anschmiegt dumpf und blind,
Als wären eines Leibes du und er.

Dies ist die Heimat: jener dunkle Bann
Von Furcht und Schwermut, der dich früh umfängt,
Das Erbteil deines Blutes und was daran
Von deinem vorbestimmten Schicksal hängt.

Dies ist die Heimat: jener stille Hang
Zur Erde, die dich trägt, zu Mensch und Tier,
Dass alles Leben wie ein Widerklang
Der eignen Brust und wie ein Stück von dir.

Aus: Hedwig Lachmann "Gesammelte Gedichte - Eigenes und Nachdichtungen", herausgegeben von Gustav Landauer, Gustav Kiepenheuer Verlag, Potsdam 1919

Hedwig Lachmann, geboren am 29. August 1865 in Stolp, Pommern; gestorben 21. Februar 1918 in Krumbach), Dichterin und Übersetzerin von unter anderem Edgar Allan Poe und Oscar Wilde. Ihrem zukünftigen Ehemann, dem Anarchisten Gustav Landauer begegnete Lachmann zum ersten Mal 1899 bei einer Lesung im Haus von Richard Dehmel. Richard Dehmels Kriegsbegeisterung beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 führte jedoch dazu, dass Lachmann ihm die Freundschaft aufkündigte.

Das Bild ist von der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch.

Dienstag, 21. Februar 2017

Hedwig Lachmann: Am Abend / Spaziergang



Am Abend

Weißt du denn – wenn auf Baum und Strauch
Das Astwerk zittert und sich sträubt,
Und wenn der leicht gewellte Rauch
An einer Wetterwand zerstäubt –

Ein scheuer Vogel ohne Laut
An dir vorbei die Flügel schlägt,
Und Wolke sich an Wolke baut –
Wohin dein wilder Wunsch dich trägt?

Weißt du denn, wenn nun alle Welt
Sich eng an Hof und Heimstatt schmiegt,
Und deine Sehnsucht dich befällt, –
Wo deine eigne Heimat liegt?


Spaziergang

Die Sonne steht schon tief. Wir scheiden bald.
Leis sprüht der Regen. Horch! Die Meise klagt.
Wie dunkel und verschwiegen ist der Wald!
Du hast das tiefste Wort mir nicht gesagt. –

Zwei helle Birken an der Waldeswand.
Ein Spinngewebe zwischen beiden, sieh!
Wie ist es zart von Stamm zu Stamm gespannt!
Was uns zu tiefst bewegt, wir sagen's nie. –

Fühlst du den Hauch? Ein Zittern auf dem Grund
Des Sees. Die glatte Oberfläche bebt.
Wie Schatten weht es auch um unsern Mund –
Wir haben wahrhaft nur im Traum gelebt. –

Hedwig Lachmann, (geboren 29. August 1865 in Stolp, Provinz Pommern; gestorben 21. Februar 1918 in Krumbach), Dichterin und Übersetzerin, aus: Gesammelte Gedichte - Eigenes und Nachdichtungen, herausgegeben von Gustav Landauer, Gustav Kiepenheuer Verlag, Potsdam 1919.

1889 in Berlin wurden erste Übersetzungen von ihr veröffentlicht (unter anderem Gedichte von Edgar Allan Poe). Im Jahre 1892 begegnete Hedwig Lachmann zum ersten Mal Richard Dehmel; es begann eine langjährige Freundschaft. Ihrem zukünftigen Ehemann Gustav Landauer begegnete Lachmann zum ersten Mal 1899 bei einer Lesung im Haus von Richard Dehmel. Richard Dehmels Kriegsbegeisterung beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 führte dazu, dass Hedwig Lachmann ihm die Freundschaft aufkündigte. Im März 1903 ließ sich Gustav Landauer von seiner ersten Ehefrau scheiden, um Hedwig Lachmann im Mai 1903 zu heiraten. Am 21. Februar des Jahres 1918 starb Hedwig Lachmann an einer Lungenentzündung.

Gustav Landauer kritisierte als Pazifist den Eintritt Deutschlands in den Ersten Weltkrieg scharf. Während der Novemberrevolution 1918/19 und unmittelbar danach war er an einflussreicher Stelle an der Münchner Räterepublik im April 1919 beteiligt. Nach deren gewaltsamer Niederschlagung wurde er von antirepublikanischen Freikorps-Soldaten am 2. Mai 1919 in der Haft ermordet.

Das Bild "Waldlandschaft im Schrank" ist von der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch, mit freundlicher Genehmigung der Hedi Kupfer Stiftung Fredelsloh als Nachlassverwalterin.