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Donnerstag, 26. Januar 2023

George A. Goldschlag: City

 


City

Lichtbänder zucken über Häuserschächten.
Steile Fassadenfronten stehen stramm.
Rolltreppen schaufeln Menschen aus den Nächten
Der Untergrundbahn auf den Straßendamm.

Geschrei. Geklingel. Hupen und Sirenen.
Schaufenster. Banken. Warenhäuser. Bars.
Haushoch und lächelnd mit entblößten Zähnen
Das Riesenbrustbild eines Kinostars.

Zigarrenhandlungen. Cafés mit Diele.
Bei Bogenlampen Straßenübergang.
In weiter Schlangenflucht Automobile,
Sechsfache Reihen, unabsehbar lang.

General Motors - Daimler - Horch - Mercedes –
Studebacker - Chrysler - Opel - Fiat - Ford –
In seinen Flanken zitternd lauert jedes
Auf freie Fahrt und neuen Rennrekord.

Das Licht ist rot. Fußgängervölker wandern
Quer durch die Wagenfront in gleichem Trott.
Der Sipo trennt die einen von den andern
Nur mit der Geste, wie ein alter Gott.

Von der Gewalt der Flut steht eingekesselt
Allein sein Umriß ragend im Orkan.
Das Licht wird grün. Ein Chaos wird entfesselt.
Bewegung stürzt sich in die offne Bahn.

Im Rhythmus wechseln hämmert die Mechanik.
Gewühl und Stillstand. Rast und Raserei.
Gehemmtes Warten. Atemlose Panik.
Die Bahn versperrt sich. Und die Bahn wird frei.

Die Ampeln flammen mystisch-unergründlich.
Auf Halt folgt Durchfahrt und auf Durchfahrt Halt.
An jeder Straßenecke sausen stündlich
Zehntausend Autos über den Asphalt.

Am Dachsims klettern unaufhörlich sinnlos
Die Lichtreklamen für Konfekt und Sekt.
Hier streut das Schicksal Nieten und Gewinnlos.
Hier wird gelebt, genossen und verreckt.

O Stadt der Pferdekräfte und der Kabel,
Voll Not und Reichtum, Hunger und Geschlemm –
Ich nenne dich bei deinem Namen,
Babel – Sodom, Gomorrha – und Jerusalem!

George A. Goldschlag oder George August Goldschlag (geboren 14. August 1896 in Berlin; gestorben 29. Juni 1934 ebenda) war ein Deutsch-Jüdischer Journalist und Lyriker.

Mittwoch, 25. Januar 2023

George A. Goldschlag: Hamburg

 


Hamburg

Ich bin die Stadt. Ich bin aus Stein lebendig
Wie ihr aus Fleisch und wie der Baum aus Holz.
Ich aber wuchs aus meiner Form unbändig,
Ich wurde eigenwillig, eigenhändig,
Mich wie ein Weichtier wandelnd, unbeständig
Und mit der Willkür eines Trunkenbolds.
Bald flocht ich, auf gehäuften Reichtum stolz,
Durch meine breite Straßenflucht inwendig
Die Politur des Glases und des Golds.
Bald zog ich arm und bettelhaft zerfetzt
Des Nebels Mantel fröstelnd um die Fronten,
Die ihren Mörtel nicht mehr halten konnten,
Von allem Schmutz der Schmutzigen benetzt
Und wie von fremden, kalten Horizonten
Aus Not und aus Verlegenheit zuletzt
Auf dieses Hafens schlechten, unbesonnten
Abhub und Kehricht aus dem Weg gesetzt.
Für viele Fremde bin ich nur der Markt.
Kaum einer achtet, ob ich ihm gefalle,
Und für die Hastigen, Gehetzten alle
Bin ich notdürftig nur und abgekargt
Ein Hafenkai und eine Bahnhofshalle,
Und sie verweilen, wie ein Auto parkt.

Noch andere kommen, um mich zu beäugen.
Sie möchten sich von meiner Gegenwart
Mit ihren eigenen Augen überzeugen,
Und das Geringste bleibt mir nicht erspart.
Sie buchen als gewissenhafte Bucher
Kunsthalle, Uhlenhorst und Hafenfahrt,
Wo Lessing schrieb, wo Brahms geboren ward,
Sie treiben mit der Zahl der Stunden Wucher,
Sie stöbern durch die Steine, Stück für Stück,
Und lassen mich so ausgeleert zurück
Wie ein Museum hinter dem Besucher.

George A. Goldschlag, geboren am 14. August 1896 in Berlin, gestorben am 29. Juni 1934 ebenda. 

Montag, 14. Februar 2022

George A. Goldschlag: Drei Gedichte

 




George A. Goldschlag, aus: Der Morgen, Heft 4 Juli 1934, Notiz, den drei Gedichten vorangestellt: Während der Drucklegung des Heftes erreicht uns die traurige Nachricht, daß der Dichter, erst 35 Jahre alt, einer schweren Krankheit erlegen ist.

Das Bild ist ein Ausschnitt aus einem Gemälde von Vladimir Baranov-Rossine, geboren am 1. Januar 1888 im Gouverment Taurien, Russisches Kaiserreich, ermordet im Jahr 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau.

George A. Goldschlag: Abendlied

 


George A. Goldschlag, aus: Der Morgen, Heft 12, März 1935

George A. Goldschlag oder George August Goldschlag (geboren 14. August 1896 in Berlin; gestorben 29. Juni 1934 ebenda) war ein Deutsch-Jüdischer Journalist und Lyriker.

Das Bild ist von Harald Slott-Møller (1864  -  1937)