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Sonntag, 8. Oktober 2023

Isidor Quartner: Große Träume wiegen mich. . .

 


Große Träume wiegen mich. . .

Wälder, deren Bäume lange Bärte tragen,
Wälder, in denen nachts unzählige Kerzen brennen,
Irgendwo in euern Kronen lieg ich in einer Wiege.

Meere, deren Wogen in den Wolken lachen,
Meere zu deren Grund nachts sterbende Sterne sinken,
Irgendwo in euern Tälern lieg ich wie in einer Wiege.

Immer flüstert euer ewiges Atemholen in meine Ohren,
Immer trägt mich euer sanfter Gesang in den Schlaf.
Wälder und Meere, irgendwo in euch lieg ich wie in einer Wiege.

Isidor Quartner (geboren 1891, „gefallen“ im September 1915), aus Der Sturm, Jahrgang 7, Nummer 3, 15. Juni 1916

Das Bild ist von Jézef Pankiewicz (1866 - 1940)

Sonntag, 3. September 2023

Isidor Quartner: Sehnsucht

 



Sehnsucht

In meinen Adern häufet sich Blütenstaub:
Wie alles Blut in ihm versiegt!
Von Sehnsucht erklingend begatten sich gläserne
              Blumen in meinem Herzen. . .

Fallen welkend aus den Schatten der Schläfen
Meiner Finger enge Fünfblattblüten
Und verlieren sich in reißenden Strömen. . .

Da weht aus des Gaumens Wüste so müder Wind.
Da beugen sich zitternde Zweige zu mir herab
Und trinken heißen Wein aus den Kelchen meiner Augen.

Mit flaumiger Pfirsichhaut sind Himmel und Steine bekleidet.
Vom Sonnenfelsen höhnt mich begreifendes Lächeln von Schlangen:
Das verglättet alle Kanten zu weicher Rundheit.

Dürstendes Dickicht warf sich über den Schoß der Sommernacht:
Nun ist des Tages Hauch eine zimtduftende Orchidee,
In der ich betäubter Falter flattre.

In meinem Haupte rauscht ein Garten,
Auf dessen Kronen schwelender Abend drückt.
Grellrote große Früchte schwingen tönend im Sturm.

Nachts neigen sie sich von den Stielen und fallen.
Wie Flammen von Fackeln. Ertrinken im Tau einer Lider.
Hastet der Sturm durchs phosphorleuchtende Schilf meiner Wimper. . .

Isidor Quartner, geboren 1891, „gefallen“ im September 1915, aus: Der Sturm, Juli 1913

Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)

Samstag, 5. August 2023

Isidor Quartner: Fülle

 



Fülle

Braun von Sonne
Füllt reifer Weizen meine hohle Hand.

Da mein Mund nun spricht,
Schaut alle Gottheit unter Bäumen
Und lächelt über das Leben.

Gottheit, die Hände beugend im Schoße:
Das ist die Fülle.
Aber die Menschen sind Speicher.

Du Kind mit der kleinen Garbe im Arme:
Wenn die Gottheit schaut,
Werden schwer die Ähren,
Des irdischen Blicke sind Schnitter und Erntewagen.

Du Kind mit der kleinen Garbe im Arme:
Krüge süßen Methes voll
Sind die dunklen Wolken
Hinter den goldenen Feldern.

Oh du Kind mit der kleinen Garbe im Arme!
Deine Augen sind groß:
Es blüht in ihnen ein lichtes Land mit silbernen Strömen,
An denen du ganz einsam sitzest und spielst.

Des Nachts,
Wenn die Sterne, Singende, wandeln die weiße Straße:
Manch einer stürzt da im rauschenden Korn
Und wird auf der Erde geboren.

Dann sitzest du, Kind, mit der kleinen Garbe im Arme,
In deinem nachtblauen Lande an silbernen Strömen
Und lächelst über das Leben.

Isidor Quartner, geboren 1891, „gefallen“ September 1915, aus: Der Sturm, Jahrgang 7, Nr 3, 15 Juni 1916

Das Bild ist von Vincent van Gogh (1853 - 1890)

Freitag, 23. Juni 2023

Isidor Quartner: Ich ging dir nach. . .

 



Ich ging dir nach durch schnittreife Felder.
Wie sich da neigten die Ähren
Über deinen Weg.

Zwischen den Halmen
Beugten sich tief die demütigen Kinder
Und legten die Hände auf Stirne und Herz.

Auf den Scheiteln der Berge,
Von Wolken umhüllt,
Will ich dir dienen.

Deine Hände, die mich segnen,
Sind goldene Sonnen
Über meinem Haupt.

Mein Antlitz ist ganz verschüttet
Vom lichten Staube der Lilien,
Die in den Falten deines Kleides blühen,

Meine Stirne und meine bestirnten Brauen
Und der Boden vor dir
beten zusammen.

Nur dass deine Flügel noch im Winde rauschen. . .

Isidor Quartner, (1891, „gefallen“ im September 1915) aus: Der Sturm 1912 / 13

Das Bild (Landweg in Bergen, 1912) ist von Leo Gestel (1881 - 1941)

Montag, 14. Februar 2022

Isidor Quartner: Heller Mittag

 


Isidor Quartner, aus: Der Sturm, Jahrgang 7, Nr 3, 15 Juni 1916, aus einer Gedichtauswahl anlässlich des Todes von Isidor Quartner

Das Bild ist von Odilion Redon (1840  -  1916)

Isidor Quartner: Sitz ich still am Ufer. . .

 


Isidor Quartner, aus: Der Sturm, Jahrgang 7, Nr 3, 15 Juni 1916, aus einer Gedichtauswahl anlässlich des Todes von Isidor Quartner

Das Bild ist von Nicholas Roerich (1874  -  1947)

Dienstag, 1. Februar 2022

Isidor Quartner: Abend


 

Isidor Quartner, aus: Der Brenner, 3. Jg. (1912/13), Heft 8. Das Bild ist von Mikalojus Konstantinas Čiurlionis (1875  -  1911)