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Mittwoch, 25. Oktober 2023

Otto Pick: Einkehr ins Nichts / Der Vater betet

 



Einkehr ins Nichts

Was sie jetzt machen mag? . . .
Ich quäle mich, nicht mehr daran zu denken,
Für mich ist es nun ewig Wochentag.
Was festlich war, ich will es tief in mich versenken.

Befühl ich meine Brust, des Herzens matter Schlag
Mahnt mich: Jetzt darfst du nicht mehr daran denken.
Für dich fortan ist immer Wochentag. . .

Nichts mehr geschieht. Man merkt mir gar nichts an.
Ich esse, trinke, gehe ins Bureau;
Man grüßt und sieht sich einander fremd und höflich an.
Der Abend kommt. Ich weile irgendwo.

Und schlafen geh ich, ohne müd zu sein,
Und wache auf und finde mich allein.
Nicht rasch, nicht langsam geht des Herzens Schlag.
Ich denke nur: Heut ist ein Wochentag,
Und morgen einer, und so wird es immer sein.

Otto Pick, aus: Arkadia, Jahrbuch für Dichtkunst, Kurt Wolff, Berlin 1913

Otto Pick, geboren am 22. Mai 1887 in Prag, deutsch-böhmischer Schriftsteller und Übersetzer, am 25. Oktober 1940 starb er im Exil in London.

Aus dem Alt-Prager Almanach 1927, herausgegeben von Paul Nettl, Prag: Die Bücherstube (1926). – Auf Seite 169 befindet sich eine Anzeige für Otto Picks Gedichtsammlung »Wenn wir uns mitten im Leben meinen«, die 1926 im Verlag »Die Bücherstube« erschienen war. In der Anzeige zitiert werden Thomas Mann, Franz Werfel, Felix Braun, Else Lasker-Schüler, Alfred Kubin und Paul Westheim sowie das »Prager Tagblatt« und das »Prager Abendblatt«. Else Lasker-Schüler wird mit folgenden Worten zitiert, die in keiner Werkausgabe abgedruckt sind:

»Ich las zuerst: ›Der Vater betet‹ – ein herrlich großes feierliches Gedicht.« Das Gedicht lautet:

Der Vater betet

An manchen Tagen im Jahr
ist seine Art, uns zu lieben,
verwandelt sonderbar.

Etwas ist ferne geblieben,
was sonst seine Blicke erwärmt.
Er hört zwar nicht auf, uns zu lieben,

doch etwas besteht, was ihn härmt
und zwingt, sich heimlich zu wenden,
wie Einer, verwirrt, dass er schwärmt.

In seinen ach runzligen Händen
hält er ein Buch schwarz gebunden.
Sein Lesen, sein Seitenwenden

ist mühsam, die Blicke bekunden
fast ängstlich verhüllte Erregung
Eines, der wieder gefunden,

was nicht durch Zufallsbewegung
sich vor den Blicken entfaltet.
Betroffen sehn wir die Regung,

ahnend: was mächtig hier waltet,
hat uns von dem Alten geschieden.
Er glüht, wir waren erkaltet.

Gott, lass ihn noch sehen hienieden,
dass wir uns einträchtiglich sammeln,
erkennend den Sinn und den Frieden.

Worte, vertraute, ihm stammeln –
Lass uns, ihm endlich verbunden,
Gott nennend uns Alle versammeln.

Dienstag, 24. Januar 2023

Paul Leppin: Feier / Else Lasker-Schüler: Der alte Tempel in Prag / Otto Pick: Paul Leppin

 


Feier

Im Garten meiner Seele
Da ist es wunderbar,
Da gehn meine weißen Träume
Mit Chrysanthemen im Haar.

Im Garten meiner Seele
Da singen sie märchentief
Von der großen Sehnsucht der Liebe,
Die jahrelang in mir schlief.

Und leise wandelt der Abend
Wie eine verwunschene Frau
Mit großen, verträumten Augen -
Die Fernen leuchten blau. -

Durch's stille Land geht leise
Die Liebe und winkt mit der Hand,
Sie trägt einen goldenen Gürtel
Wie flammenden Sonnenbrand. -

In mir ist ein heiliges Singen,
Es tönt tief wundersam
Von der großen Sehnsucht der Seele,
Von der Liebe, die endlich kam. -

Paul Leppin (Geboren am 27. 11. 1878 in Prag, gestorben ebenda am 10. 4. 1945), aus: Glocken die im Dunkeln rufen Gedichte, Schafstein & Co. Verlag in Köln 1903

Paul Leppin entstammte ärmlichen Verhältnissen. Zwar besuchte er das Gymnasium bis zur Matura, war danach jedoch gezwungen, eine Stelle bei der Prager Post- und Telegrafendirektion anzunehmen. Er war bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung im Jahre 1928 als Beamter tätig. Neben dieser bürgerlichen Existenz begann er früh mit dem Schreiben. Um die Jahrhundertwende galt Leppin, der u. a. mit Victor Hadwiger, Gustav Meyrink, Richard Dehmel und Else Lasker-Schüler befreundet war, als einer der Protagonisten der literarischen Bewegung „Jung-Prag“ und pflegte auch enge Beziehungen zu tschechischen Autoren. Nach dem deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei im Jahre 1939 wurde er von der Gestapo verhaftet und erlitt nach der Freilassung einen Schlaganfall. (Wiki)

Der alte Tempel in Prag

(Paul Leppin, dem Dichter, gewidmet.)

Tausend Jahre zählt der alte Tempel schon in Prag,
Staubfällig und ergraut ist längst sein Ruhetag,
Und die alten Väter schlossen seine Gitter.

Ihre Söhne ziehen nun in die Schlacht.
Der zerborstene Synagogenstern erwacht
Und er segnet seine jungen Judenritter.

Wie ein Glückstern über Böhmens Judenstadt,
Ganz aus Gold wie nur der Himmel Sterne hat:
Hinter seinem Glanze beten wieder Mütter.

Else Lasker-Schüler (1869 - 1945)

Paul Leppin

Einsam, hager, vorgebeugt
Geht der Dichter durch die Straßen
Seiner Stadt, die sonder Maßen
Von der Macht der Träume zeugt.

Träumer sehn sie unberührt,
Ahnung überlebt das Neue,
Dieses Dichters Traumestreue
Ward vom Wandel nicht verführt.

Troubadour des alten Prag,
Das wir fürder lieben sollen,
Preist er aus dem übervollen
Sehnsuchtsherzen Traum und Tag.

Otto Pick (1887 - 1940)

Paul Leppin, der Leidende, auch physisch von einer in jener Zeit unheilbaren Krankheit Verzehrte, der von Grund aus Unheimliche, hatte doch auch eine gesellige Seite in seiner Natur, etwas geheimnisvoll Clowneskes, ja Koboldhaftes. Wie Wedekind spielte er die Laute und sang dazu die von ihm selbst gedichteten, boshaften und gar nicht salonfähigen Bänkellieder. Im Kreis des „Vereins bildender Künstler” blieb keiner verschont. [...] Ich sehe Leppin noch, süffisant lächelnd, im Lehnstuhl sitzen, das bebänderte Instrument vor sich. Ich höre seine heisere Stimme, die fast tonlos war - ein zerbrochener Scherben.

Max Brod (1884 - 1968), in Prager Kreis, 1966

Donnerstag, 25. Oktober 2018

Otto Pick: Wie lange noch . . . / Noch immer. . .



Wie lange noch . . .

Die Zeit entstirbt so dir wie mir,
Wie lange noch bestehn wir hier?
Was gibt uns Mut zu Wort und Tat?
Ist, dass wir sind, nicht schon Verrat
Am Gang der Zeit, die uns nicht braucht,
Die ohne uns ins Leere taucht,
Wie sie uns jetzt herunterreißt,
Den Frommen wie den Feuergeist.
Die Zeit entstirbt. Wir sind noch hier ...
Rafft’s mich nicht fort, so gilt es dir.
Was unser war, Leid, Schmerz und Glück:
Vorbei, vorbei ... Ins Nichts zurück.


Noch immer. . .

Noch immer dies nicht zu uns selber kommen!
Tag bröckelt ab. Was denken? Lose Dinge,
Verächtliche und ferne, zu geringe,
Inhalt zu sein, da alles fortgenommen?

Wenn, was wir ohne Augenleuchten sagen,
Nicht Ausflucht ist, dann besser: zu beenden.
Schwärt aus den Aussatz an den müden Händen,
Dass wir einander ihren Druck versagen?

Von Mensch zu Mensch ... Wann redeten wir so?!
Wir kränken uns in jeglicher Sekunde,
Der Geist, das reine Kind, irrt frierend irgendwo,
Uns stirbt das Wort ab im erstarrten Munde,

Und nannte jeder eine Mutter sein,
Und strahlte jedem Heil aus guten Augen.
In welche Hölle stürzten wir hinein,
Die Hirn und Herz zerfrisst mit bösen Laugen?

Wir möchten Liebe denken. Da verschwimmt
Das reine Bild vor unseren Tränenblicken,
O dunkle Hand, die alles trübt und nimmt
Und einsam wacht, bis wir uns selbst zerstücken.

Am 25. Oktober 1940 starb der deutsch-böhmische Dichter und Übersetzer Otto Pick im Exil in London.

Das Bild ist von der im Februar 2016 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch.