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Freitag, 31. März 2023

Hanns von Gumppenberg: Der Gefangene (Nach Rainer Maria Rilke)

 



Der Gefangene

Nachtbild aus einem italienischen Hotel


Meine Hand hat nur noch eine
Gebärde, mir der sie verscheucht –
Über meine Beine
Kommt, was hüpft und kreucht.

Ich höre das hastige Ticken
Der Uhr – mein Herz hält Schritt..
Vor ersten Tagesblicken
Vergeht, was dunkel ich litt!

Tickt' es doch noch schneller!
Kommt da wieder ein Tier?
Wird es nicht schon heller?
Aber was wissen wir ...

Nach Rainer Maria Rilke

Aus: Hanns von Gumppenberg, Das Teutsche Dichterross in allen Gangarten vorgeritten. Verl. der Deutsch-Französischen Rundschau, München 1901.

Hanns von Gumppenberg, geboren am 4. Dezember 1866 in Landshut; gestorben 29. März 1928 in München, Dichter, Übersetzer, Kabarettist und Theaterkritiker. Er benutzte die Pseudonyme Jodok und Professor Immanuel Tiefbohrer.

Portrait von Rainer Maria Rilke: Leonid Pasternak (1862 - 1945)

Dienstag, 24. Januar 2023

Hanns von Gumppenberg: Liebesjubel

 


Liebesjubel

Ich ritzt´ es gern in jede Rübe ein,
Ich stampft´ es gern in jeden Pflasterstein,
Ich biss´ es gern in jeden Apfel rot,
Ich strich´ es gern auf jedes Butterbrot,
Auf Wand, Tisch, Boden, Fenster möcht ich schreiben:
Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben!

Ich schör´ es gern in jede Taxusheck´,
Graviert´ es gern in jedes Eßbesteck,
Ich sät´ es gern als lecker grüne Saat
Ins Gartenbeet mit Kohlkopf und Salat,
In alle Marzipane möcht ichs drücken
Und spicken gern in alle Hasenrücken
Und zuckerzäh auf alle Torten treiben:
Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben!

Ich möcht´ mir ziehn ein junges Känguru,
Bis daß es sprächt´ die Worte immerzu,
Zehn junge Kälbchen sollen froh sie brüllen,
Hell wiehern hundert buntgescheckte Füllen,
Trompeten eine Elefanenherde,
Ja, was nur kreucht und fleucht auf dieser Erde,
Das soll sie schmettern, pfeifen, quaken, bellen,
Bis daß es dröhnt in allen Trommelfellen
Mit einem Lärm, der gar nicht zu beschreiben:
Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben!

Nach Wilhelm Müller

Hanns von Gumppenberg, aus: Das Teutsche Dichterross in allen Gangarten vorgeritten. (Parodien) Verl. der Deutsch-Französischen Rundschau, München 1901.

Hanns von Gumppenberg (geboren 4. Dezember 1866 in Landshut; gestorben 29. März 1928 in München) war ein deutscher Dichter, Übersetzer, Kabarettist und Theaterkritiker. Er benutzte die Pseudonyme Jodok und Professor Immanuel Tiefbohrer.

Das Bild ist von Moritz Stifter (1857 - 1905) 

Freitag, 29. März 2019

Hanns von Gumppenberg: Aus "Das teutsche Dichterross"




Abendlied

Mein Schifflein ruht im Hafen
Zu schauernder Abendstund',
Ein Posthorn tönt verschlafen
Aus kühlem Buchengrund;
Es rauschen so prächtig die Wälder,
Da wird die Seele so weit –
Die Muttergottes kommt über die Felder
Im glitzernden Sternenkleid.

Nach Joseph Freiherr von Eichendorff


Nächtlicher Gang

An dem öden Schilfgestade
Streift der finstre Jäger hin.
Denkt nicht mehr an Himmelsgnade,
Brütet schwarzen Höllensinn.

Manchmal schielt mit krassem Lachen
Er nach seiner Büchse Lauf:
Mitternächt'ge Donner krachen,
Und verzweifelnd schreit er auf!

Ach, er hat sein Lieb verloren,
Und sein Herz ist todeswund;
Trauernd, mit gesenkten Ohren
Schleicht ihm nach sein dunkler Hund.

Nach Nikolaus Lenau


letzter besuch

ob noch ein trost entquille jetzt uns beiden
ich hofft es wohl ich kam zum lampenmahle
doch da ich heißer dürste tief im leiden
dich trinken will entziehst du mir die schale

ich berge schweigend mich im beigemache
die unentschloßnen qualen zu verschonen
denn einsam fahle liebe, törig schwache
sie kann nicht meine träume mehr bewohnen

und glimmt noch jetzt durch leere nacht der zunder
in bitternis dich an mir festzulegen
so will ich deines grams geheimes wunder
mit sanftem saft mit meinen tränen pflegen

nach stefan george

Aus: Das Teutsche Dichterroß in allen Gangarten vorgeritten
von Hanns von Gumppenberg
Neunte und zehnte Auflage
Unveränderte Fassung der achten, vermehrten Auflage
München
Verlag Georg D. W. Callwey 1918

Hanns von Gumppenberg, geboren am 4. Dezember 1866 in Landshut; gestorben 29. März 1928 in München, Dichter, Übersetzer, Kabarettist und Theaterkritiker. Er benutzte die Pseudonyme Jodok und Professor Immanuel Tiefbohrer.