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Freitag, 20. Juni 2025

Hans Schiebelhuth: Liebeslieder

 



Liebeslieder

I.

Für die letzte Erkühnung bleibt noch,
Daß einer über sich wächst,
Die Sonn stürmt,
Des Mondes sich bemächtigt,
Die Sterne einfängt wie Fliegen . . .
Aber was dann?

O, ich liebe die Erde;
Auf ihr will ich bleiben
Jeglichem Wesen gut.
Und wo kein Ausweg mehr ist,
Ist ein Inweg
Und ein Entgegengeschehn,
Dunkel und hell von Begegnung.

O, ich liebe die Erde;
Auf ihr will ich bleiben,
Ihr Glück kommt zu mir,
Ein Kind,
Das mich unschuldig küßt -
Unversehens ists Deine Lippe.


II.

In meiner Brust brennt ein Stück von einem zersprungenen Stern,
Der schien schöner vordem, wenn deine Sonne vorübergeht
Und ich leide Heimweh.
Vielleicht bin ich auch nur eine Waldsage: Das Geflüster des Laubs nach dir,
Oder die leise Bewegung der Blumen gegen den wandernden Strahl
Oder irgend ein letztes verlornes Geschöpf in den Ozeanen des Lichts,
Das für eine Sekund aus Sehnsucht nach dir das Begreifliche streift. . .
Aber Liebe will nicht was ich bin, sondern daß du bist.


Hans Schiebelhuth, aus: Klingsor, Siebenbürgische Zeitschrift, Erstes Jahr April bis Dezember 1924, Klingsor Verlag Kronstadt

Hans Schiebelhuth, 11. Oktober 1895 in Darmstadt; gestorben am 14. Januar 1944 in East Hampton, New York, USA, expressionistischer deutscher Schriftsteller und Übersetzer. Er übersetzte unter anderem sehr früh den amerikanischen Schriftsteller Thomas Wolfe (Schau heimwärts Engel) und sorgte mit seinen Übertragungen dafür, dass Wolfe in Deutschland bekannter war, als in seinem Heimatland.



Das Bild ist von Edvard Munch (1863 - 1944)

Dienstag, 26. Dezember 2023

Hans Schiebelhuth: Schlafliedchen / Heinrich Lautensack: Der liebe Gott und das Kiind

 



Schlafliedchen

Im Goldgestäng deiner Wiege sitzen
Silberne Vögel,
Pfeifen:

Lullezu, der Ruhrufer,
Rollefort, die Holdtolle,
Schneileis, der Reihreif.

Alle Dächer blendet Mond,
Engel werfen sich Sternchen zu,
Blütenschlachten.

Klinglicht, singt der Wind,
Tragsanft, sagt der Bach,
Blauen Traum, rauscht der Baum.

Zehn gehn im Klee,
Sandmännchen sinds, kommen
Segen säen.

Wo sie gesät, da schießt um dein Bett
Baldachinbusch Schlummer bald,
Wunderwald Schlaf.

Glockenblumen pfadlang läuten
Hummeln herbei, Bläulinge,
Den weißen Zaunkönig zärtlich zu dir.

Hans Schiebelhuth


Der liebe Gott und das Kind

Über dem Weinen schlief es ein.
Nun träumts – nun lächelts unter Träumen.
Und ist ein Schweigen in allen Räumen
und hoch am Himmel Lichterschein.

Über dem Weinen schlief es ein.
Und über seinen kleinen Nöten
hats ganz vergessen, zu Gott zu beten.
. . . Und hoch am Himmel Lichterschein. . .

Über dem Weinen schlief es ein.
Nun träumts – nun lächelts unter Träumen.
Und Gott lässt Schweigen in allen Räumen
und hoch am Himmel Lichterschein.

Heinrich Lautensack

Hans Schiebelhuth, geboren am 11. Oktober 1895 in Darmstadt; gestorben am 14. Januar 1944 in East Hampton, New York, USA, expressionistischer Schriftsteller und Dichter.

Er schrieb für Zeitschriften wie Der Weg und Münchner Blätter für Dichtung und Graphik. Von Heft 4 bis 11 war Schiebelhuth Mitherausgeber der wichtigen hannoverschen Zeitschrift Der Zweemann (1919/1920). Er war als Mitglied des Henndorfer Kreises eng befreundet mit Carl Zuckmayer und hatte auch Verbindungen zu dem Kreis um den Dichter Stefan George. Mit Carlo Mierendorff, Theodor Haubach, Fritz Usinger arbeitete Schiebelhuth in Darmstadt an der Zeitschrift Das Tribunal. Hessische radikale Blätter mit, der Fortsetzung der Zeitschrift Die Dachstube; Das Tribunal erschien von 1919 bis 1921, herausgegeben von Carlo Mierendorff im Verlag Die Dachstube. Mit seiner kongenialen Übersetzung der Romane Schau heimwärts, Engel! und Vom Tod zum Morgen von Thomas Wolfe wurde Schiebelhuth so bekannt, dass darüber sein eigenständiges dichterisches Werk vielfach unbeachtet blieb.

Im Herbst 1923 heiratete er die reiche US-Amerikanerin Alice Trew Williams. Gemeinsam mit seiner Frau fuhr Schiebelhuth im Mai 1937 in die Vereinigten Staaten, um sich in einer New Yorker Fachklinik wegen seines schweren Herzleidens behandeln zu lassen. Er kehrte nicht nach Deutschland zurück, blieb jedoch in brieflicher Verbindung mit Fritz Usinger, Herbert Nette, Ernst Kreuder und anderen deutschen Freunden. Mit Carl Zuckmayer traf Schiebelhuth in jenen Jahren oft zusammen.

Schiebelhuth starb in seinem ländlichen Anwesen in East Hampton auf Long Island.
Schlaflied aus: Schalmei vom Schelmenried. 1933


Heinrich Lautensack, geboren am 15. Juli 1881 in Vilshofen; gestorben am 10. Januar 1919 in Eberswalde, aus der Sammlung Die Documente der Liebesraserei - Die gesammelten Gedichte, 1910

Unter dem Einfluss der Schwabinger Szene brach er 1901 sein Mathematikstudium ab und schloss sich dem Kabarett Die Elf Scharfrichter an. Hier lernte er Frank Wedekind kennen, der ihn zu eigenen lyrischen und dramatischen Versuchen ermunterte. 1907 ging er nach Berlin, wo er als freier Schriftsteller lebte. Er wirkte bei den Zeitschriften Die Aktion und Das neue Pathos mit, übersetzte aus dem Englischen und Französischen, bearbeitete Stücke anderer Autoren für die Bühne und nahm journalistische Gelegenheitsaufträge an. Der Tod des zeitlebens von ihm verehrten Frank Wedekind 1918 wurde zum Auslöser einer Geisteskrankheit. Bei Wedekinds Beerdigung auf dem Münchner Waldfriedhof fiel er den Trauernden auf, als er laut schreiend und gestikulierend Filmaufnahmen der Beerdigung machen ließ. Er starb ein Jahr später in der Nervenheilanstalt Eberswalde.


Das Bild ist von Albert Anker (1831 - 1910)

Dienstag, 10. Oktober 2023

Hans Schiebelhuth: Reisesegen

 



Reisesegen

Geh gut. Die Götter haben deine Stirn geküsst.
Geh sanft und wisse: alle Lasten schlafen.
Nichts Böses wird die begegnen. Allwegs
Wartet dein eine gnädig schirmende Hand.

Rosen aber und Gold sät wegwärts vor dir das Frührot.
Rastest du, wölbt sich des Mittags tiefblaue Halle
Gern dem Gast. Und sanft, denn mit Sang und Salbe
Belabt der Abend lind den tagmüden Sinn.

Wohne tief im Wunder der fremden Nacht, erlausche
Was dir ein anderer Traumvogel zärtlich verrät.
Leere den Becher ganz und hebe dann wieder
Weiter auf Pfaden ins Licht leichtleicht den Fuß.

Hans Schiebelhuth (* 11. Oktober 1895 in Darmstadt; † 14. Januar 1944 in East Hampton, New York, USA) war ein expressionistischer deutscher Schriftsteller und Übersetzer. Er übersetzte unter anderem sehr früh den amerikanischen Schriftsteller Thomas Wolfe (Schau heimwärts Engel) und sorgte mit seinen Übertragungen dafür, dass Wolfe in Deutschland bekannter war, als in seinem Heimatland. Das Gedicht ist aus seinem Band "Wegstern" von 1921

Das Bild „Vagabund zwischen Blumen“ ist von Hugó Scheiber (1873 - 1950)

Sonntag, 30. April 2023

Hans Schiebelhuth: Hexenhochzeit

 



Hexenhochzeit

Ganz tief im Brummbär-Brombeer-Wald
Da hauste eine Hex;
Alt war sie tausend Jahre bald
Und kannte jed Gewächs

Und jeden Vogel, jeden Stein
Und selbst das kleinste Tier;
Herrin im Hag war sie allein,
Die Wesen dienten ihr.

In ihrer Felsenküche gor
Manch giftig-zäher Saft,
Gebräu, Arznei und Schmer und Schmor
Von großer Zauberkraft.

Zur Maizeit in der Neumondnacht
Nahm sie den tollsten Trank,
Dazu ein Bad, da wars vollbracht,
Und jung stand sie und schlank:

Schneehell das Antlitz, zart und rund,
Das Auge frisch und klar,
Und rot und voll und weich der Mund,
Und Goldgelock das Haar.

Sie zeigt dem Spiegel ihr Gesicht,
Der sprach: »Schön seid ihr, Frau,
Drei Tage währts, doch länger nicht,
Drum richtet euch genau.«

Früh trat sie aus dem Baum hervor,
Bog das Gebüsch beiseit;
Dachs aus dem Bau und Has, ganz Ohr,
Erschienen dienstbereit.

Sie winkte, ging durchs Dickicht grad
Und blieb zuweilen stehn,
Sich umzusehn, sie nahm den Pfad,
Den Menschen manchmal gehn.

Bald kam ein Köhlerknecht des Wegs.
Er sah und – wie sichs gibt –
War ohne ein Erstüberlegs
Vergafft, verguckt, verliebt.

Er sprach: »Du blickst so wunderlich,
Daß du mich all entflammst.«
Sie sprach: »Du riechst so zunderlich,
Weil du vom Meiler stammst.«

Er sprach: »Was tuts? Schau besser her!
Bin ich nicht fest und frisch?«
Sie lacht'. Es war die Wahl nicht schwer.
Sie lud ihn ein zu Tisch.

Im prasergrünen Talpalast
Saß er beim Mahl mit ihr.
Zwölf Wildschweinrücken aß der Gast
Und trank drei Hechter Bier.

Bucheckerngrütz und Erpelklein
Gabs dann und Dommelzung
Und Bizzelspritzelwitzelwein,
Den Jahrgang jach und jung.

Zum Schluss gabs würzgen Wurzelgeist;
Er kippt' ihn mit Genuss
Und war beschwippst und wurde dreist
Und gab ihr einen Kuss.

Und sprach: »Mir fliegt die Liebeshitz
Wie Gnitzen ins Gesicht,
Wie Wut ins Blut und nimmt Besitz
Und – merkst du es denn nicht? –

Das Herz pocht an die Rippen mein,
Als hämmerte ein Specht;
Ich wollt, du wollst mein Bräutchen sein;
Sag, Schatz, dir ist's doch recht?«

Sie schwieg. Er spürt', sie willigt ein,
Trug sie zum Lager, toll;
Das Lein war sommerfädenfein,
Die Deck aus Distelwoll.

Sie sanken hin, genossen sich;
Sie fanden sich gewandt,
Erschlossen sich, ergossen sich,
Verströmten ineinand',

Vergnügten, fügten, habten sich,
Und wurden lass und leis,
Ergetzten, letzten, labten sich
Aufs Neue, hell und heiß.

Dann lagen sie und schwiegen lang,
Zart, schmiegsam, ausgetost,
Befangen noch vom Überschwang
Und wohlig nachliebkost.

Doch bald wars Mitternacht vorbei,
Da bat sie ihn aus Lieb
Zu gehn, weil es nicht schicklich sei,
Daß er noch länger blieb.

Er ging, lag unterm Hollerstrauch,
Schlief tief und traumerglüht;
Dort fand sie ihn im Morgenrauch
Laut schnarchend, taubesprüht.

Sie saß im Busch, bestaunte baß,
Wie dieser Schlafratz schnob,
Im Atemschlurf und Atemlaß
Die Brust sich senkt' und hob.

Sie kitzelt' ihn, er nieste darauf;
Mit einem lauten »Tzisch«
Erwacht er lachend und sprang auf,
Und war unendlich frisch.

Es war wie dieser Maitag toll
Noch nie ein Tag im Mai;
Sie herzten, scherzten, übervoll
Von Lust und Neckerei.

Er fragt': »Wie heißt du eigentlich?«,
Als drauf die Rede kam;
Sie blieb ein Weilchen schweigentlich,
Dann nannt sie ihren Nam':

»Gib acht! Ich bin die Hagidis!«
Er brummte: »Höh! Wie dumm!
Das sticht ja wie ein Natterbiß.
Weißt du, ich tauf dich um

Und nenn dich Weißchen-Meisenspeck
Und Wes'chen Küß-nicht-faul
Und Schnickelschnackelschnuckelschneck
Und Hummelhonigmaul.«

Sie nannt' ihn Schwarzwatz-Kohlenfratz
Und Rußrab-Riesegroß.
Zu Wonnen fand sich manch ein Platz
Im Gras und weichen Moos.

Bei Kuß und Kosen aber blieb
Nicht dieser Tag im Wald.
Er sprach: »Hast du mich wirklich lieb,
Dann heiratst du mich bald.«

Drauf sprach sie: »Schön und gut und fein!
Wenn es dir so gefällt,
Soll heute noch die Hochzeit sein;
Der Saal ist schnell bestellt.«

Zur Feier kamen, schön zu schaun,
Zwei Bärlein: Betz und Urs,
Zwei Quellenfraun, zwei Wellenfraun,
Vier Gnome und ein Thurs.

Aus Algenseide war ihr Kleid,
Der Umhang Hermelin,
Der Halsschmuck Bernstein-Goldgeschmeid,
Im Haar ein Krönchen schien.

Sie sprach zur Schar: »Nach altem Recht
Nehm ich und gutem Brauch
Zum Mann den Hartmut Köhlerknecht
Und wißt: Ich lieb ihn auch.«

Sie sprach zu ihm: »Mein holder Schatz,
Nun nehm in Nutz und Schutz
Ich Mondenkind dich Sonnenfratz,
Und dies hier sei dein Putz.«

Sie schenkt' ihm Schuh aus Binsenwand,
Ein Muschelkettchen gar
Und setzt' ihm auf mit linker Hand
Die Haub aus Hasenhaar.

Die Gäste johlten: »So ists echt!
Hei! So was sieht man gern!
Heil Hagidis! Heil Köhlerknecht!
Zur Heirat Glück und Stern!«

Man feierte, man aß, man trank,
Spielt' Haschmichrasch und Blindekuh,
Und wackeltanzte schwank und wank
Und gahlerte dazu.

Der Tag erschien, es losch der Kien,
Da war der Trubel um,
Sie taumelten zum Lager hin
Und stürzten selig-stumm

Eins in des Andern Arme, heiß
Verzehrt von der Begehr,
Vermählten sich und wurden leis,
Entschlummerten dann schwer,

Die glühen Glieder zartverschränkt,
Und nackend Brust an Brust,
Wachten zuweilen auf, beschenkt
Vom Ungestüm der Lust.

Schon trat die Drittnacht in den Hag;
Sie schliefen wunderbar,
Ihr Haupt an seiner Schulter lag,
Sein Atem blies ihr Haar.

Es kam die Mitternacht. Da spürt'
Ers kalt; auch wars, als hätt
Er Rindig-Rauhes angerührt...
Jäh fuhr er auf vom Bett...

Und sah schlaftrunken, wie da rasch
Ein runzlig Weib sich wandt,
Ins Leere langte, und im Hasch,
Ein Rauch, ein Hauch, entschwand.

Er sank zurück, begriff nur halb
Vom Schlaf zu sehr gesträngt,
Ihm deuchte wohl, ihm hätt ein Alb
Quälend die Brust geengt.

Ins Schlafgarn fiel er, wo nun traut
Ihn traf ein Traumgesicht,
Verschlief die Nacht, den Morgenlaut,
Und erst im Mittagslicht

Riss er die Augen auf: Da lag
Im Hollerstrauch er, ja,
Doch war der Wald wie alle Tag,
Vom Schloß kein Stein stand da.

Klang nicht ein Hüsteln, heiser-tief?
Er rannt' ihm nach, verwitzt:
Ein Kuckuck rief, ein Hase lief,
Ein Bär brummte verschmitzt.

Da gellte er: »Ich will dich!« schrill,
Da schrie er: »Hex herbei!«
Der Hag ward plötzlich sterbestill,
Sein Herz ein Klumpen Blei.

Ein Schauer scharf, ein Hexenschuss,
Fuhr ihm durch Mark und Bein;
Bang ward er und trug den Verdruss
Mit seiner Seel allein. –

Der Köhler fand zum Meiler heim,
Der raucht' noch, als er kam;
Es schien der Wald ihm ungereim,
Den Menschen ward er gram.

Er sagte nie ein Sterbensworte
Von dem, was er erfuhr;
Oft triebs ihn ruhlos suchend fort,
Nie fand er eine Spur.

So lebte er noch hundert Jahr ...
Sein Meiler, der verdarb,
Als, krumm vor Gicht, er, blind vom Star,
Die Hex verfluchend, starb.

Doch tief im Brummbär-Brombeer-Wald,
Sehr sicher des Verstecks,
Alt schon zweitausend Jahre bald,
Da haust sie noch, die Hex.

Unsichtbar! Und da spent und spukt
Ihr Wesen, und da zischts,
Da wuschelts, tuschelts, huschgeduckt,
Da schimmerts, schummerts, wischts;

Da sitzts und raschelts, wisperts, flitzts
Im Busch, am Wurzelknorren,
Am Bach, da glitzts, im Laub, da blitzts,
Den Zauber raunt es verworren.


Aus: Schalmei vom Schelmenried von Hans Schiebelhuth, Darmstädter Verlag, 1933

Hans Schiebelhuth, geboren am 11. Oktober 1895 in Darmstadt; gestorben am  14. Januar 1944 in East Hampton, New York, USA, expressionistischer Schriftsteller und Dichter.

Die Illustration ist von Edward Frederick Brewtnall (1846 - 1902)

Sonntag, 14. Januar 2018

Hans Schiebelhuth: Aus "Wegstern"

Andrea Rausch (Fredelsloh): Landschaft oben und unten


Reisesegen


Tut Türen weit auf. Viel Licht
Fließ über Fliesen.
Wandrer steh auf. Gürte dich.
Freu dich ins Fremde.

Geh gegen Wolken. Zieh wider Wind,
Berg und Tal, stille Straße.
Überm Weg weben Wünsche,
Gold, Glück.


Trostvogel

Seit deines Abschieds Düsterhimmel aufstieg,
Hockt jede Nacht ein fremder weißer Vogel
Zu Füßen meiner Bettstatt, bis es graut,

Und tröstet mich, dieweil ich traurig bin,
Mit solchen Worten, einer solchen Stimme,
Wie nie sie Sterblichen vom Mund entfuhr.

Viel Weisheit sagt er, Dinge, die auf Erden
Unsichtbar sind. Gibt Wissen mir um Wege,
Die Sehnsucht-Kraft durch Zeit und Raum sich baut.

Und vortags fliegt davon auf weiten Schwingen
Trostvogel er. Und trägt im goldnen Schnabel
Mein Lied für dich zum ewigen Azur.


Geistige Landschaft

Wenn nachtgangs nun dich gütig Mond begleitet,
Der Himmel sich für dich mit Sternen schmückt
Und dich der dünne Nebelrauch entzückt,
Ein silbrig Netz aufs Ährenfeld gebreitet,

Ist es umsonst, dass dich mein Lied geleitet:
Dem Duft der Gärten bist du so entrückt
Und siehst von Regenbögen überbrückt
Dein Sehnsuchtsland in langem Traum bereitet.

Ein Trunkner, dem Berauschtsein widerstreitet,
Bleib ich zum Wunderbrunnen tief gebückt –
Sternspiegel, dessen Zauber mich erdrückt! –

Forschend und formend, lust- und qualzerstückt,
Nur hoffend Herz und gülden übersaitet
Von deinem Glück, das mir nie ganz geglückt.

Hans Schiebelhuth (* 11. Oktober 1895 in Darmstadt; † 14. Januar 1944 in East Hampton, New York, USA) war ein expressionistischer Schriftsteller und Dichter. Die Gedichte sind aus seinem Band "Wegstern" von 1921

Samstag, 18. Februar 2017

Hans Schiebelhuth: Berceuse und andere Träume

Das Bild ist von der Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch


Berceuse

Meine seidne Schwester, Südwind will dich umminnen,
Schwester von Gold, schlummre, singende Seele,
Schwester von Bernstein, Sommernacht süß über Himmeln,
Sterne knospen
Im Blau schwebt Mond, der löwenhafte Hüter deines Schlafs.

Träume! Wenn böse Nachtboten kommen,
Vögel der Finsternis,
Will durchs Dunkel denkend ich dir Leuchter schenken,
Sternlicht tragende, und die unsichtbare
Kette, dran die gute Mondampel hängt.

Inmitten des Weltdoms sitzt strahlend im Gnadenstuhl
Aufrecht Gottvater mit gütigen Greisenhänden,
Sankt Lucas, der eine Brille trägt, liest ihm die Schrift.
Auf weißem Eselchen zieht die Madonn
Weithin durchs Ölfeld.

Aber wenn des Morgens Lichtruf hürnen erschallt,
Wollen bronzne Wälder wie Gong tiefer ertönen,
Lenz blutet Mohn um die Raine, Wind wiegt weißes Gewölk,
Goldne Schwalben spielen,
– Dann bist du vom Schlummer blaß, kleine Jilája.


Für Lefherte

Ich habe für dich gedämpfte Hymnen erdacht, Worte
Wirr, nie noch gesagt, nie noch gewagt; nun wachend
Warte ich, bis du aus meinen Augen die Anklage,
Bis du von meinen Lippen das entzückende Lied nimmst.

Seit du gingst, kam vieler Herbst überheid. Blumen
Schickten sich an zu sterben. Bald wird der Bach
Still sein. Aber wer stark ist wie ich,
Den tötet kein Tod. Sehnsucht erhält ihn ewig.

Bleiblütig bin ich über der Welt. Einsam
Über verwaister Stadt, Grambart und bekümmerter Hände.
Dennoch in Hoffnung, daß ein Marienwind
Kommt, die verstörte Stirn der Straße zu glätten.

Du aber wohnst im Grün verschütteter Sommertage. Deinen
Fenstern lacht Lenz. Sorglose Springbrunnen
Silbern Kronen auf über bunten Beeten.
Möwen, Möwen kommen, Grüße vom Meer.

Und wenn die Nachtfrau naht mit der Sternschleppe, ruhst du
Mondgestreichelt bei den seltnen Zeichen opaliger Himmel.
In deinen Traum reden Riedvögel, redet das zärtliche Reh.
Süßer, singender Regen rauscht auf dein Dach.

Nachbluht zerfallner Zeit fiebert um dich. Wesen
Leichtfertiger Menschen rühr wie Handharfe dein kindlich Herz.
Vor deiner Tür beginnt der ewige Weinberg der Freude.
Goldner Wind weht stets in deiner Stadt.

Aber einmal wirst du auch in den heiligen Säulenwäldern
Weinen, daß Gott herabkomme und die Steine erlöst,
Dankbar sein, wenn seine Hand dir immer unsichtbar
Beßre Sternbilder aufbaut über dem Horizont.


Verschenkt Herz

Du bist nicht Gast. Du wohnst in mir.
Hast nicht nur Rast. Hast Bleibe hier.
Hier steht deine Wiege. Hier zäunt dein Geheg.
Hier steilt dir Stiege. Hier mündet dein Weg.

Hier hält dich Helle. Hier hüllt dich Nacht.
Im Brunn quickt Quelle. Speicher füllt Fracht.
Geh aus. Geh ein. Sei unverhofft.
Dein Haus dir offen. Komm gern. Komm oft.


Notturne

Du hörst das Herz der Stadt ganz leise pochen
Durch der Paläste Marmorbrust. Der Wind,
Ein Atemzug, streift die Alleen. Ganz leise.
Der tausend Brunnen Schlummerrede rauscht.

Die Flüsse rinnen silbern in das Dunkel,
Die Zeit. Und aus Zypressen trägt der Traum
Verworrnes Wort der eingeschlafnen Sänger.
Der Grillen Laut vermischt sich ganz der Nacht.

Du hast ins Astwerk einer großen Pinie
Dein Saitenspiel gehängt. Du möchtest ruhn.
Stark duftet Lorbeer aus den schwarzen Gärten.
Die schweren Lider hat die Sphinx gesenkt.


Traum

Mit goldnen Bienen war dein Kleid bestickt. Ich sann,
Wieviele Süße sie an deine Glieder trügen,
Wieviel Musik ihr sickerndes Gesumm.
Du schwiegst. Es war ein Singen in den Simsen,
Als klängen alle Gläser noch einmal
So hell, wie wir sie einst in Lust geleert.
Ich war bei dir und in erregtem Stammeln
Ein Mund voll Gott, und dieses würgte mich:
Ich war bei dir und hatte nach dir Heimweh,
Dies Heimweh, das der ausgeweinte Himmel
Ins Fenster hing, das aus dem Duft der blassen,
Der überblühten Blust die Flucht befiehlt.

Der Mond ward feindlich. Blank vor Eifersucht.
Wie einer Frau, die abends Staat abtut, entglitt
Gewölk, das ihn zuvor verbarg. Er drohte,
Da lösten sich die vielverflochtnen Finger fremd.
Ich neigte tief mich, letzten Kuß und Träne trinken.
Ich schmückte deine Stirn mit einem Stern. Entlassen
Dann, ja entlastet, gingst du in die Nacht.

Ich blieb. O, daß ich blieb. Nun stumpft sich meine Stunde,
Wenn ich im Dunkelraum den Hänfling pfeifen lehre...
Ich send ihn früh dir nach als einen Gruß.


Für eine Freundin

Du bist der dunkle Wind, der über meine Stirn geht,
Der Sturm kündet, streifend am Strand,
Der das Meer bleiern macht, wenn nur noch weiße
Möwen kreischend flattern um zischender Wogen Brandung.

Du bist der dunkle Wind, der über meine Stirn geht,
Gewaltigen Seesturms Bote, der aufbricht am Strand,
Der, zorniger Kamm, das rauhe Dünengras furcht,
Du stille schmeichelnde Hand...

Hans Schiebelhuth (* 11. Oktober 1895 in Darmstadt; † 14. Januar 1944 in East Hampton, New York, USA) war ein expressionistischer deutscher Schriftsteller und Dichter. Die Gedichte sind aus seinem Band "Wegstern" von 1921