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Montag, 18. Dezember 2023

Erich Mühsam: Wenn mich dereinst in fernen Ewigkeiten. . .

 



Wenn mich dereinst in fernen Ewigkeiten,
In einem andern, fremden, neuen Leben,
Wo ich von mir und Menschheit nichts mehr weiß,
Und nichts von fernen, längst vergangenen Zeiten, -
Wenn dann aus dunkler, schwerer Sehnsucht leis
Die Schatten dieses Daseins mich umschweben; -
Dann soll wie eine Ahnung diese Stunde
In meine Träume steigen, wo zur Nacht
Ich Ewigkeit erfuhr aus Gottes Munde, -
Wo ich gedichtet, was ich nie gedacht.

Erich Mühsam, (6. 4. 1878 - 10. 7. 1934), Dichter, Anarchist, Suchender mit kindlichem Herzen, Mitinitiator der Münchner Räterepublik, dafür von den Nazis gehasst und schließlich im KZ Oranienburg ermordet.

Aus: Wüste - Krater - Wolken, 1. Auflage 1914, 2. Buch: Der Krater, 1904 - 1908

Das Bild ist von Marianne von Werefkin (1860 – 1938)

Sonntag, 9. Juli 2023

Erich Mühsam: In der Zelle / Gefängnis

 



In der Zelle


Scheu glitt ein Tag vorbei - wie gestern heut.
Ein leerer rascher Tropfen sank ins Jahr.
Und wenn sich aus der Nacht geballtem Nichts
der letzte Schatten in den Morgen streut -
du freust dich kaum am kalten Kuß des Lichts.
Und morgen wird es sein, wie's heut und gestern war.

Gefängnis: Leben ohne Gegenwart,
ganz ausgefüllt von der Vergangenheit
und von der Hoffnung ihrer Wiederkehr.
Du fragst nicht, ob du weich ruhst oder hart,
ob deine Schüssel voll ist oder leer.
Betrogen um den Augenblick verrinnt die Zeit.

Du wirst nicht älter und du bleibst nicht jung.
Gewöhnung weckt dich, bettet dich zur Ruh.
Dein Fragewort heißt niemals: Wie? - Nur: Wann?
Doch Wann ist Zukunft, Wann ist Forderung.
Weh dir, wenn dich Gewöhnung töten kann.
Verlern das Warten nicht. Bleib immer Du! Bleib Du!

Erich Mühsam, Erstdruck in: Sammlung 1898-1928, Berlin (J. M. Späth-Verlag), 1928. Eine vom Autor selbst zusammengestellte Lyrik und Prosa-Anthologie.


Gefängnis

Auf dem Meer tanzt die Welle
nach der Freiheit Windmusik.
Raum zum Tanz hat meine Zelle
siebzehn Meter im Kubik.
Aus dem blauen Himmel zittert
Sehnsucht, die die Herzen stillt.
Meine Luke ist vergittert
und ihr dickes Glas gerillt.
Liebe tupft mit bleichen, leisen
Fingern an mein Bett ihr Mal.
Meine Pforte ist aus Eisen,
meine Pritsche hart und schmal.
Tausend Rätsel, tausend Fragen
machen manchen Menschen dumm.
Ich hab eine nur zu tragen:
Warum sitz ich hier? Warum?
Hinterm Auge wohnt die Träne,
und sie weint zu ihrer Zeit.
Eingesperrt sind meine Pläne
namens der Gerechtigkeit.

Erstdruck in: Wüste – Krater – Wolken, Berlin (Paul Cassirer) 1914

Erich Mühsam (6. 4. 1878 - 10. 7. 1934), Dichter, Anarchist, Suchender mit kindlichem Herzen, Mitinitiator der Münchner Räterepublik, dafür von den Nazis gehasst und schließlich im KZ Oranienburg ermordet. Die Erfahrungen für diese Gedichte "durfte" er 1919 - 1924 in Festungshaft machen.

Das Foto zeigt Erich Mühsam 1928; Bundesarchiv, Bild 146-1981-003-08 / Autor/-in unbekannt / CC-BY-SA 3.0

Mittwoch, 5. April 2023

Erich Mühsam: Das Verhör

 



Das Verhör

Sie heißen? fragte mich der Direktor.
Ich nannte den Namen.
Geboren?
Ja!
Wann? meine ich.
Ich nannte das Datum.
Religion?
Geht sie nichts an.
Schreiben sie also: mosaisch! - Der Beamte schrieb.
Was tun sie?
Ich dichte.
Wa-s?
Ich trinke.
Delyriker! schrieb der Beamte.

Das Verhör dauerte noch lange. Schließlich wurde mir die Fragerei zu bunt. Zum Donnerwetter! schrie ich. Bin ich denn hier in einem Tollhaus?
Allerdings, erwiderte der Direktor freundlich und ließ mich in eine Zwangsjacke stecken.

Erich Mühsam, aus der Sammlung „Der Krater“ Berlin 1909

Erich Mühsam (6. 4. 1878 - 10. 7. 1934), Dichter, Anarchist, Suchender mit kindlichem Herzen, Mitinitiator der Münchner Räterepublik, dafür von den Nazis gehasst und schließlich im KZ Oranienburg ermordet.

Das Foto zeigt ihn In der Festungshaftanstalt Ansbach (1919)


Sonntag, 29. Januar 2023

Erich Mühsam: Ich wollt´ das Lied des Herzens nicht verschweigen. . .

 


Ich wollt' das Lied des Herzens nicht verschweigen.
Ich wollt' es jubelnd zu den Menschen schmettern,
Die bleich am Baume der Erkenntnis klettern,
Das Glück vermutend in den kahlen Zweigen.

Ich wollt' sie rufen zu den breiten Küsten,
An die des Meeres Wellen silbern schlagen.
Ich wollt' sie lehren, leichte Schultern tragen
Und freien Sinn in übermütigen Brüsten.

Ich stoß ins Horn. Noch einmal. - Doch ich staune:
Die Menschen lachen, die ich wecken wollte,
Als ob ein Mißton in die Lüfte rollte. -
Es muß ein Sandkorn sein in der Posaune.

Erich Mühsam, 6. 4. 1878 - 10. 7. 1934), Dichter, Anarchist, Suchender mit kindlichem Herzen, Mitinitiator der Münchner Räterepublik, dafür von den Nazis gehasst und schließlich im KZ Oranienburg ermordet. Aus: Wüste - Krater - Wolken, 1. Auflage 1914, 3. Buch, Wolken, 1909 - 1913

Bild: Ex Libris von Erich Mühsam, von ihm selbst entworfen, 1917


Donnerstag, 26. Januar 2023

Margarete Beutler: Nacht / Clement Marot an sich selbst

 


Nacht

Wieder leb' ich eine jener Nächte,
Wo die Seele lachend Stern an Stern
In die Ewigkeiten tropfen möchte,
Und mein Leib fühlt seine Schwere kaum . . .

Und in dieser Nacht - denn du bist fern -
Muß ich in gestaltendunklen, feuchten
Waldesgründen wie in Rausch und Traum
Meine ganze Seligkeit zerleuchten.

Aus: Neue Gedichte von Margarete Beutler
Bruno Cassirer Verlag Berlin 1908

Clement Marot an sich selbst


Ich bin nicht mehr, der ich gewesen
Und werd' es nimmer wieder sein;
Mein Sommer ohne Federlesen
Sprang meinem Frühling hinterdrein.
Eins aber weiß ich: Du allein,
O Liebe, hast mir Glück gegeben!
Und lebt' ich noch einmal dies Leben,
Es wär' noch schrankenloser Dein!

Aus: Margarete Beutler, Leb’ wohl, Bohème! Georg Müller Verlag, Leipzig und München, 1911 (Clement Marot war ein französischer Dichter. Er gilt als der bedeutendste französische Lyriker der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts).

Margarete Beutler, geboren am 13. Januar 1876 in Gollnow, Provinz Pommern; starb am 3. Juni 1949 in Gammertingen auf der Schwäbischen Alb. Sie wirkte als Lyrikerin und Übersetzerin aus dem Französischen. In den Schriften zum „Café Größenwahn“ und zum „Romanischen Café“, wo sie gerne verkehrte und bekannt war, wird erwähnt, dass sie 1925 „verschollen“ sei. Nach der Geburt ihres Sohnes lebte sie mit ihrem Mann, Friedrich Freksa, einem Roman- und Krimiautor, in München. Beutler war unter aanderem befreundet mit den Autoren Christian Morgenstern und Frank Wedekind. Nach ihrer Scheidung lebte sie zurückgezogen. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten entschied sie sich gegen einen Eintritt in die Reichsschrifttumskammer. Sie zählte sich selbst zur Bohème. Gedichte aus ihrem ersten Gedichtband (1902) sind auch in die Gedichtsammlung Lieder aus dem Rinnstein von Hans Ostwald (Hrsg.) aufgenommen worden.

Grete

Als ich dich fragte: Darf ich Sie beschützen?
Da sagtest du: Mein Herr, Sie sind trivial.
Als ich dich fragte: Kann ich Ihnen nützen?
Da sagtest du: Vielleicht ein andres Mal.
Als ich dich bat: Ein Kuss, mein Kind, zum Lohne!
Da sagtest du: Mein Gott, was ist ein Kuss?
Als ich befahl: Komm mit mir, wo ich wohne! -
Da sagtest du: Na, endlich ein Entschluss!

Erich Mühsam (1878-1934), an Margarete Beutler gerichtet,

Dienstag, 24. Januar 2023

Erich Mühsam: Herz und Hals

 


Herz und Hals

Die Asphaltfläche schimmert feucht.
Wenn Pferdehufe sie beklopfen,
und wenn ein Auto drüberkeucht,
dann spritzen rings die Regentropfen.

Der Kragen, hochgeklappt, vermummt
dicht unterm Schirm die Menschenlarven.
Die Telegraphenleitung summt
im nassen Wind wie Aeolsharfen …

Mich schrecken Sturm und Regen nicht.
Hinaus, wo sich die Bäume biegen!
In meinem Herzen ist es licht:
die Liebe lehrt den Herbst besiegen.

Ich knöpf’ den Mantel auf, ich Narr,
und lauf’ ins Freie, plan- und ziellos.
Die Folge ist ein Halskatarrh.
(Die Wirklichkeit ist poesielos.)

Erich Mühsam aus: Simplicissimus, 17. Jg. (1912/13), Heft 50 (10. März 1913)

Mühsam, Erich (6. 4. 1878 - 10. 7. 1934), Dichter, Anarchist, Suchender mit kindlichem Herzen, Mitinitiator der Münchner Räterepublik, dafür von den Nazis gehasst und schließlich im KZ Oranienburg ermordet.

Das Bild ist von Gustav Caillebotte (1848 - 1894) 

Sonntag, 23. Januar 2022

Ernst Blass: Abendstimmung; Jakob van Hoddis: He!

 



Hierzu sei bemerkt, dass sich Ernst Blass und Kurt Hiller auf der einen Seite und Jakob van Hoddis auf der anderen furchtbar zerstritten hatten, was dazu führte, das letzterer nicht mit im „Kondor“ vertreten war, der ersten Anthologie expressionistischer Lyrik, die Kurt Hiller 1912 herausgab, aus der das Gedicht Abendstimmung stammt. Unübersehbar ist es, dass in der Parodie aus seiner stillen Klause ein blasser (sic!) Oberlehrer steigt.

Doch nicht nur Jakob van Hoddis sondern auch ein anderer Dichterkollege macht sich kritisch über diese und andere Verse her:

 „Was er (Ferdinand Hardekopf) im „Kondor“ und im „Ballhaus“ als Lyrik absondert, ist durchaus Journalismus, und leider zumeist gepflegter Snobismus, zumal die drei Kondor-Beiträge. Wie heftig hingegen seine Art auf die „Rigorosen“ gewirkt hat, dafür ein paar Beispiele:

 „Ein Prunksalon, wie eine Schiffskajüte. / Man sitzt in Club-Fauteuils bei Sekt und drinks. / Die schmalsten Mädchen tragen Riesenhüte / und lächeln sanft wie Mädchen Maeterlincks“. (Ferdinand Hardekopf im „Ballhaus“)

 O komm! o komm, Geliebte! In der Bar / Verrät der Mixer den geheimsten Tip. / Und überirdisch, himmlisch steht dein Haar / Zur Rötlichkeit des Cherry- Brandy- Flip.“(Ernst Blass)

 „Deine Fliederweste, / du fahler Maler, küsst mich sehr, Bohème-Girl, / dein Shawl glänzt ganz zitronen, du, System-Earl, / trägst statt des Schlips zerwalkte Himbeerreste“ (Kurt Hiller)

 

„Glühgrün lampjongt  es in den Baumbeständen / zierratsbehuf und ölgemut herum“ usw. (Arthur Kronfeld)

 

. . .  So sind sie, die Rigorosen.   . . .  „Was alle diese treiben ist nicht Kitsch, sondern immerhin schlechte Kunst“, erklärt Kurt Hiller (einleitend) und meint damit Stefan George, die Naturalisten und die Heimatkünstler. Was die Kondoristen treiben ist hingegen nicht nur „immerhin schlechte Kunst“, sondern auch Kitsch, weil ihre Augen keine guten Bilder, sondern schlechte Oeldrucke schauen, und weil sie sich einbilden, Kunst sei die plumpe, unverarbeitete Beschreibung roher Sinneseindrücke mit angehängter Pointe und einem dicken Knalleffekt.

 . . . 

Wenn es wahr wäre, was Hiller (einleitend) behauptet, dass im Kondor eine „Dichter-Sezession“ sich manifestiere, und das soll wohl heißen, eine Auswahl der auffindbar Besten, dann ständen wir dem blanken Bankrott deutscher Lyrik gegenüber. Wir wollen nicht aufhören, auf besseren Nachwuchs zu hoffen, der ohne die Protektion einer westlichen Berliner Cafehaus-Clique seinen Weg und seine Höhe findet."

Erich Mühsam in seiner Zeitschrift „Kain“, Jahrgang II, Nr. 5, August 1912; ein Auszug aus dem Artikel „Die Rigorosen“.

 „Mühsam schaut auf die Mitteilung dieser Verse und nimmt das Atmosphärische  an ihnen nicht wahr. Die Lebenswildheit, die sich als modischer Chic irgendwo zwischen Aufbruchspathos und Selbstzerstörungsdrang austobt, ist zwar auch sein Element, aber sie ja nur Ausdruck der trotzigen Opposition gegen das Philistertum, niemals unbekümmerter Selbstzweck.“, schreibt Chris Hirte in seiner Erich-Mühsam-Biographie dazu (Ahriman-Verlag 2009)

Der am 17. Oktober 1890 in Berlin geborene Ernst Blass erlangte mit seinem Gedichtband „Die Straßen komme ich entlang geweht“ von 1912 eine ähnlich große Berühmtheit unter den Expressionisten wie Jakob van Hoddis mit seinem Gedicht „Weltende“. Beide konnten das nach dem ersten Weltkrieg nicht aufrecht erhalten und gerieten in Vergessenheit.

Tragisch das Ende aller drei oben genannten Protagonisten: Ernst Blass  -  1926 begann sein tuberkulöses Augenleiden, das im Laufe der Jahre zu fast vollständiger Erblindung führte. Mit Beginn des Dritten Reiches wurden seine Arbeits- und Publikationsmöglichkeiten immer eingeschränkter. Schließlich verstarb er 1939 verarmt in einem jüdischen Krankenhaus an den Folgen einer lange unerkannt gebliebenen Lungentuberkulose.

Jakob van Hoddis  -  Am 29. September 1933 wurde van Hoddis in die „Israelitischen Heil- und Pflegeanstalten“ Bendorf-Sayn bei Koblenz verlegt. In dieser Anstalt wurden ab 1940 der größte Teil von jüdischen psychiatrischen Patienten im deutschen Reich konzentriert. Am 30. April 1942 wurde er von dort in den Distrikt Lublin im von der Wehrmacht besetzten Polen deportiert und – höchstwahrscheinlich im Vernichtungslager Sobibór – im Mai oder Juni desselben Jahres im Alter von 55 Jahren ermordet.

Erich Mühsam  -  In der Nacht des Reichstagsbrandes wurde er von Nationalsozialisten verhaftet, und am 10. Juli 1934 wurde er von der SS-Wachmannschaft des KZ Oranienburg ermordet. 

Das Bild ist von Giovanni Boldini (1842  -  1931)


Samstag, 5. Oktober 2019

Victor Hadwiger: Bewegter Wald, Erich Mühsam: Erinnerungen an Victor Hadwiger



Bewegter Wald

Wie eine große Welle ist der Wald
Und wie das Ringen weiter Seligkeiten
Der Sturm. - -
Dann laß die Schatten meiner Seele untertauchen,
Und mich ins Herz der Erde horchen
Wenn meine Zeit kein Pendel mehr zerreißt -
Und horchen und suchen
Die Spur der Ausgangslosen.

Ein langes, langes Beten wird mein Leben,
Ein Schauen, ein Schauern wird es,
Und endlich kalt und groß
Und dunkel wie der Wald.
Was heiß und licht in meiner Seele war
Ich gabs dem Sturme
Was heiß und licht und sündig
Es rauscht, es rauscht,
Die Augen meiner Seele sehen
Den fernen Zug.
Wie eine Schaar von Wandervögeln
Wie ein beredtes Heer von tausend Drosseln
Aufsteigt aus dem Wacholderhain! -
Euch meine besten Sünden gab ich hin,
Dort - dort - und weiter, weiter -
Sie fliegen um den Mond
Den hellen Hof entlang
Vorbei, vorbei - -
Dort wohnt der liebe Gott. -
Ein langes, banges Beten war mein Leben
Ich hör das Herz der Erde pochen.
"Und gieb mir nur das Eine
Vergieb mir nichts,
Laß dort mein Angedenken weiterrauschen
Die braunen Wandervögel." -
Fühl ich es nicht, wie blaß und braun durchs Nebelmeer
Die weichen Flocken fallen, -
Und Flügelchen um Flügelchen. - - -

Das Herz der Erde pocht
Der Wald ist kalt und groß
Und stumm und schrecklich,
Wie eine schwarze Woge in den Himmel
Greift, gräbt der Wald -
Der Wald rächt mich.

Aus: Die Aktion Zeitschrift für freiheitliche Politik und Literatur
Herausgegeben von Franz Pfemfert
Nr. 21 Jahrgang 1911

Aus Erich Mühsam „Unpolitische Erinnerungen“ über Victor Hadwiger (1878 - 1911): Meiner Wirtin muß wohl die Boheme-Atmosphäre, die ich in ihre Wohnung gebracht hatte, sehr zugesagt haben. Denn eines Tages berichtete sie mir, daß der Herr, der die beiden kleineren Zimmer auf der anderen Seite des Korridors bewohne, ausziehe; es wäre ihr recht, wenn einer meiner Freunde sie nähme. Ich hatte gerade wieder einen Schlafburschen zu beherbergen. Das war der Prager Lyriker Viktor Hadwiger, der plötzlich im »Café des Westens« aufgetaucht war und mir dort eine Empfehlung, ich glaube von Hugo Salus, überbrachte. Ein großer, schwerer Mensch, dem die ungeordneten blonden Haarsträhnen und der kräftige Knebelbart ein ziemlich wildes Aussehen gaben, das, zumal in Verbindung mit seinem äußerst robusten Auftreten, die tiefe Bildschönheit seiner Verse nicht ahnen ließ. Der wurde also jetzt mein Zimmernachbar, und ich wurde der ständige Zeuge seiner Maßlosigkeiten. Hadwiger war maßlos in allem: im Trinken, Rauchen und Fluchen, im Überschwang der Glückseligkeit und im Weltschmerz. Hatte er kein Geld, um Tabak oder Schnaps zu kaufen, war er bei einer Frau abgefahren, ärgerte er sich über irgendwas, dann konnte er mörderisch schimpfen; ich habe keinen anderen Menschen getroffen, dem in der Wut eine solche Sturzflut haarsträubendster Unflätigkeiten zur Verfügung stand. War ihm aber etwas zum Guten ausgegangen, hatte er unerwartet Geld bekommen, war ihm ein Gedicht gelungen, hatte sich ein Mädchen von ihm küssen lassen, dann leuchteten seine großen, hellblauen Augen, seine Stimme wurde weich und schmeichelnd, und man spürte ein inneres Tanzen in dem mächtigen Körper des Mannes. Mehrmals weckte mich Hadwiger in der Nacht auf, kam polternd in Unterhosen in mein Zimmer herüber und wollte wissen, ob mir ein Vers gefalle oder ob ich diese oder jene Wortverbindung in einem Gedicht für zulässig halte. Oder er brachte ein eben fertig gewordenes Gedicht, erklärte es in unbändiger Begeisterung als das beste, das ihm je gelungen sei, und trug es mit Bärenstimme vor. Ich hielt so viel von Hadwigers dichterischer Begabung, daß ich ihm einen Abend im Peter-Hille-Kabarett zur Vorlesung verschaffte, bei dem ich in einleitenden Worten die Überzeugung aussprach, hier wachse das lyrische Talent der Zukunft heran. Viktor Hadwiger ist 1911 mit dreiunddreißig Jahren gestorben. Außer dem 1903 erschienenen Versband Ich bin und wenigen Novellen ist meines Wissens zu seinen Lebzeiten kein Buch von ihm gedruckt worden. Nach seinem Tode gab Dr. Anselm Ruest ein ganz kleines Bändchen ausgewählter Gedichte heraus, das unter dem Titel Wenn unter uns ein Wanderer ist bei Alfred Richard Meyer verlegt wurde. Auf dem Umschlag des Heftes, sprechend ähnlich und psychologisch glänzend erfasst, steht, von John Höxter gezeichnet, der Kopf des Dichters.

Montag, 18. März 2019

Erich Mühsam: Ich bin ein Pilger. . . / Karl F. Kocmata: Der Dichter




Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt;
Der Feuer sieht und weiß nicht, wo es brennt;
Vor dem die Welt in fremde Sonnen rennt.

Ich bin ein Träumer, den ein Lichtschein narrt;
Der im Sonnenstrahl nach Golde scharrt;
Der das Erwachen flieht, auf das er harrt.

Ich bin ein Stern, der seinen Gott erhellt;
Der seinen Glanz in dunkle Seelen stellt;
Der einst in fahle Ewigkeiten fällt.

Ich bin ein Wasser, das nie mündend fließt;
Das tauentströmt in Wolken sich ergießt;
Das küsst und fortschwemmt - weint und froh genießt.

Wo ist, der meines Wesens Namen kennt?
Der meine Welt von meiner Sehnsucht trennt?
Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt.

Erich Mühsam (1878 - 1934)


Der Dichter

Dem Kameraden Erich Mühsam

Ich bin ein Fluss, der keine Mündung findet;
ich bin ein Narr, der keine Wege hat.
Bin ein Prophet, der seine Wahrheit kündet
und ein Apostel, der kein Lager hat.
Ich bin ein Wanderer auf schwankem Grunde
und bin ein Bettler ohne Raum und Zeit.
Ich bin ein Sprecher, und aus meinem Munde
spricht Liebe, Haß und reichste Ewigkeit.
Ich bin der Tag und weiche vor den Nächten,
ich bin die Nacht und Schatten ist mein Licht.
Ich bin der Satan mit der Sünde Prächten
und bin ein Mensch und such die Götter nicht.
Ich bin der Groll, der sich zum Donner rundet,
und bin der Blitz, der in die Welten schlägt,
wo Nichtstun sich zu strafender Vergeltung stundet:
ich bin der Mensch, der Herz und Haupt hoch trägt.

Karl F. Kocmata (1890 – 1941)

Aus: Karl Franz Kocmata - Einsamer Wald, Ausgewählte Dichtungen
Verlag von Frisch & Co., Wien und Leipzig, (1919)

Erich Mühsam (6. 4. 1878 - 10. 7. 1934), Dichter, Anarchist, Suchender mit kindlichem Herzen, Mitinitiator der Münchner Räterepublik, dafür von den Nazis gehasst und schließlich im KZ Oranienburg ermordet.

Das Bild ist von der 2016 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch. 

Montag, 10. Juli 2017

Erich Mühsam: Meine Seele ist so fremd / Ich will alleine. . . / Ewiges Diesseits

Das Bild ist von der im Februar 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch


Meine Seele ist so fremd

Meine Seele ist so fremd
allem, was als Welt sich preist,
allem, was das Leben heißt.
Meine Seele ist so rein  -
keine Scham ist ihr zu eigen  -
Nackend sucht sie, ohne Hemd
abseits eurem Lebensreigen.  -
Darum nennt ihr sie gemein.
Meine Seele weiß es kaum,
daß ihr schmähend sie verflucht:  -
ihren fernen, fremden Traum
stört nicht einmal eure Nähe!  -  -
Meine Seele sucht.  -  Sie sucht.

Ich will alleine …

Ich will alleine über die Berge gehn,
und keiner soll von meinen Wegen wissen;
denn wer den Pfad zu meinen Höhn gesehn,
hat mich von meinen Höhn herabgerissen.
Ich will alleine über die Berge gehn,
mein Lied soll ungehört am Fels verklingen,
und meine Klage soll im Wind verwehn; –
nur wer dem eignen Herzen singt, kann singen; –
nur wer dem eigenen Herzen klagt, kann klagen;
nur wer das eigne Herz erkennt, kann sehn. –
Hinauf zu mir! Ich will der Welt entsagen,
und will alleine über die Berge gehn.

Ewiges Diesseits

 

Löscht die Lichter aus auf den Altären!
Nicht in Kirchen und in Synagogen
sucht den Gott, noch hinter Himmelsschleiern.
Wo der Perlschaum quirlt auf Meereswogen,
wo der Wind kämmt über blonden Ähren
und im Bergschnee mögt ihr Andacht feiern.

Besser noch: am eignen Feuerherde,
in der Einung mit dem nackten Weibe
laßt euch heilige Weihe überkommen.
Wenn die Seele eins wird mit dem Leibe
und die Stunde zeitlos auf der Erde,
dann erzeugt ihr Gott in euch, ihr Frommen!

Alles keimt zugleich und blüht und schwindet.
Wenn ihr Wein trinkt, sollt ihr schon die Reben
für die neue Ernte reifen wissen.
Diesseits, irdisch ist das ewige Leben!
Was den Mensch an die Menschheit bindet,
wird von keinem Tode je zerrissen.

Erich Mühsam (6. 4. 1878 - 10. 7. 1934), Dichter, Anarchist, Suchender mit kindlichem Herzen, Mitinitiator der Münchner Räterepublik, dafür von den Nazis gehasst und schließlich im KZ Oranienburg ermordet.

Donnerstag, 27. April 2017

Senna Hoy: Erich Mühsam


Erich Mühsam


von Senna Hoy

Es ist Einer, den wir lieben.

Wir, die wir noch nicht so übermenschliche Uebermenschen sind, daß wir Einen deswegen weniger schätzen, weil er ein gutmütiger Mensch ist und ein blödsinnig gutmütiger; die wir dem Dichter gestatten, auch Dichter zu sein, wo er auf Erden sich bewegt in verdammt prosaisch irdischen Problemen; die wir nicht mit dem strengen Richterblick Harmonie verlangen und Ausgeglichenheit und Abgeklärtsein kat exochen, das erhaben ist über den Mittagssturm der Empörung und Leidenschaft, wie über das Tauweinen der Sehnsucht und das Trauerwehen der Enttäuschung, - mit dem strengen Richterblick, der im Grunde und unter des Bewußtseins Schwelle das kluge Wort spricht: Richtet schnell, auf daß man Euch nicht richte ...

Daß du hart wärest, Erich Mühsam! daß Deine Kinderaugen einmal blitzen könnten, zornig zerschmetternd jene Bübchen, die Gold haben und morgen erzählen, sie hätten an deinem Tisch gesessen im Café des Westens oder du an dem ihrem, und du hättest schöne Witze erzählt und Schüttelreime, worüber sie sehr gelacht hätten, und es war sehr schön ... und jene Bübchen, die sich weltweit dünken, weil sie von Schönheit reden und sagen, daß sie den Jünglingskörper wahnsinnig gern sähen und verächtlich von den Weibern reden und schelten, wenn andre sie anschaun, namentlich "Weiber", und die so merkwürdig sicher urteilen über Menschen, Könner und Nichtkönner - meistens sind's Nichtkönner und fast immer Leute, wie sie schön sagen und uns schöne Worte verderben - und die kein Auge verwenden von denen, die gedruckt sind, und von Weibern, wenn sie glauben, man folge ihren Augen nicht; auch ihren innern...

Oder tun sie dir leid, Erich Mühsam, wie man so warmes Mitleid fühlt mit den kleinen Mädchen, denen man nichts gesagt hat, und um deren Augen heiße einsame wunschtolle Nachtstunden dunkle Schatten zeichnen?

Du bist Einer, den wir lieben.
Wie wir Peter Hille lieben, über den du so wundervoll geschrieben hast, Peter Hille, den wunderfeinen Menschen, dessen feinen Körper, dessen wunderfeine Seele man durch den Gehrock sah, den er statt der Toga trug, dem wir die feinen weißen Hände küssen konnten, - mit einer Liebe der Art lieben wir dich, Erich Mühsam.

Wären wir nicht stolz, würden wir sagen, es sei ein Stück heilige Ehrfurcht in dieser Liebe.

- Ich glaube: Du meinst immer noch, du seiest ein Zyniker. Und wenn Du den Radikalismus predigst, dann ist der Egoismus dein Fanal. - Ach Erich Mühsam, wer soll dir das glauben, der einmal in deine Augen gesehen hat, wenn du wußtest, daß einem geholfen werden müsse; der dich in deinem großen, stets halbdunklen Zimmer herumlaufen sah, dessen Wände Bilder tragen von Margarethe Beutler und Wilhelm Bölsche und manchen andern und Federzeichnungen und die heilige Maria, die deiner Wirtin gehört und deinen Schlaf beschirmt, - die Augen ratlos, die Hände tief in den Hosentaschen, den Kopf vorgestreckt und "Donnerwetter, was macht man da?!" murmelnd ...

Wer soll dir das glauben, der dich von deinem letzten Fünfgroschenstück sechs Sechser weggeben sah für Zigaretten, da irgendein lieber Kamerad gefragt , ob du welche habest, und Mittag hattest du noch nicht gegessen...Wer glauben, der deine Empörung gesehn, wenn du andre vergewaltigt sahst, der dich reden gehört in Versammlungen.

Und wer da weiß, daß man auf dich rechnen kann in jeder Stunde, und daß du dein Caféhaus opferst, wenn es nicht gerade dich angeht, was dazu veranlassen könnte, und wie du alles für andre hast: Zeit und Geld, erarbeitetes und erpumptes, Kraft, Worte, Hände...
Leider auch Gedichte.

Bei Eiselt sind sie erschienen in Gr.-Lichterfelde-Berlin, Büttenpapier, Buchschmuck von Kaspar Hauser, und kosten M. 2,40. "Wüste" heißen sie.

Deine Gedichte sind gut, Erich Mühsam. Nicht gar sehr oft sind bessre erschienen. Und öfter nicht gute, wie diese. Ich habe sie mit dem tiefen Atmen gelesen, das uns die Brust hebt, wenn der Flügelschlag des Genies den Alltagstag gestreift. Und mir tut es leid, Erich Mühsam, daß du deine Wüstengedichte in die Welt gesendet hast; hinausgestreut. Nicht, weil sie so wunderfein klangen aus dem individuellen tönenden Manuskriptpapier, darauf dein Herz sie geschrieben, auch nicht, weil schlechte darunter, die nicht du sind, sondern Heine sein sollen und andre, - sondern weil "Man" sie lesen wird, wenn man gerade eine halbe Stunde Zeit hat und auf der Couchette liegt oder auf der Hochbahn fährt, und weil man von ihnen sagen wird: sie seien süß oder frech oder goldig oder entzückend oder weil man hinzufügen wird: "Donnerwetter, das hätt' ich diesem Mühsam nicht zugetraut!" O Gott, dieses "Man" und dieses "zutraun"! Zum Teufel mit beiden und mit allen, die Dir was zutraun und nicht zutraun! Als seiest du eine Maschine, die man mit veritablen Pferdekräften mißt, und als hättest du sie für sie geschrieben. Aber sie haben sie ja gekauft bei Lazarus oder bei Lilienthal für M. 2,40.

Aber von uns laß dir danken. Wir wissen, daß du ein Guter bist, und ich weiß, daß du ein Könner bist, den ich so gern bei Dalbelli neben Peter Hille sah, dieser menschgewordene [!] Aesthetik, dieser körperlichen Harmonie. Und du bist das menschgewordene Leben mit seinen Tiefen und Untiefen, mit seinen öden zerstörenden Wüsten und seinen goldenen Sommertagen, seinem tosenden Frühlingsföhn und seinen sehnenden, aufpeitschenden Winternächten. Und seinen Caféhausnächten.
Ach ja, Erich Mühsam, seinen Caféhausnächten! -

Und wenn sie sagen, ich hätte Blödsinn über dich geschrieben, das sei gar nichts, dann sehn wir uns an, und du drückst mir wieder die Hand, wie nur wenige mir sie gedrückt haben. Dein Auge blickt mich an mit dem merkwürdigen augurenlächelnden Kinderblick, - den du wohl gelernt hast, als du den Kamin ließest und auf die Straße gingst...
Damals kannte ich dich nicht, aber ich liebte dich damals. Ich liebe überhaupt immer Abstraktes.

Es sind jetzt sieben Jahre vorüber, da diese Zeilen geschrieben wurden. Der sie schrieb war ein Zwanzigjähriger. Heute ist er auf achtundzwanzig Jahre in der Citatelle zu Warschau begraben. Im Namen der russischen Willkür. Dem er sie schrieb, Erich Mühsam, darbt in dem Nationalzuchthaus Deutschland. Im Namen der deutschen Presse. Ein Protest unserer Großen (Heinrich Mann, Thomas Mann, Frank Wedekind) gegen das Folterverfahren unserer Redaktionen verpuffte wirkungslos. Denn unbarmherziger als alle Zarendiener sind deutsche Zeitungen. Sie schämen sich nicht, Unbeträchtlichkeiten vom Schlage eines Leo Heller zu drucken und Dichter auszuhungern. Daß sie im Falle Mühsam einen schmunzelnden Zuschauer in Karl Kraus gefunden haben, sei nur nebenbei erwähnt.

Franz Pfemfert.

Senna Hoy: Erich Mühsam. In: Die Aktion 1. Jg. 1911. Nr. 5. Sp. 139-141. Zuerst in: Das neue Magazin Nr. 73. 1904. S. 292f.

Senna Hoy (eigentlich Johannes Holzmann; * 30. Oktober 1882 in Tuchel; † 28. April 1914 in Meschtscherskoje bei Moskau), deutscher Anarchist und Schriftsteller.

Senna Hoy

Seit du begraben liegst auf dem Hügel,
Ist die Erde süß.

Wo ich hingehe nun auf Zehen,
Wandele ich über reine Wege.

O deines Blutes Rosen
Durchtränken sanft den Tod.

Ich habe keine Furcht mehr
Vor dem Sterben.

Auf deinem Grabe blühe ich schon
Mit den Blumen der Schlingpflanzen.

Deine Lippen haben mich immer gerufen,
Nun weiß mein Name nicht mehr zurück.

Jede Schaufel Erde, die dich barg,
Verschüttete auch mich.

Darum ist immer Nacht an mir
Und Sterne schon in der Dämmerung.

Und ich bin unbegreiflich unseren Freunden
Und ganz fremd geworden.

Aber du stehst am Tor der stillsten Stadt
Und wartest auf mich, du Großengel.

Else Lasker Schüler





Dienstag, 30. Dezember 2014

Erich Mühsam - Ode (Zum Jahreswechsel 1916 / 17)











                             Ode

Zum Jahreswechsel 1916 / 1917

Es birst ein Jahr und fährt in die Ewigkeit.
Ein Jahr des Todes und dunkler Geschicke voll
stürzt es dem vorigen nach in sein Blutmeer,
räumt es der Zukunft die trostlosen Stätten.

Die kommt gezogen zögernd im Faltenkleid,
umraucht vom Kriege, doch über dem Haupte schon
dämmert ihr neblig ein flackernder Lichtkranz.
Naht sich dem Weltall die Hoffnung auf Frieden?

Es betet brünstig, wer noch an Götter glaubt,
sie möchten enden den schrecklichen Völkermord,
über den Trümmern verschütteter Sehnsucht
Schöneres aufbaun, als Grabmäler decken.

Denn unten faule ewig in Staub und Schutt
der arge Geist, der den Menschen die Waffen schliff.
Nimmer erwache den Völkern die Machtgier:
Feindin der Schönheit und Urgrund des Hasses.

Die Tränen aber, jeglichen Tropfen Bluts,
der Mütter Leid und der Bräute zerstörtes Glück,
sammelt im Herzen zu eifernder Andacht,
wehred dem Kriegszorn mit sieghafter Liebe.



Erich Mühsam (6. 4. 1878 - 10. 7. 1934), Dichter, Anarchist, Suchender mit kindlichem Herzen, Mitinitiator der Münchner Räterepublik, dafür von den Nazis gehasst und schließlich im KZ Oranienburg ermordet.

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Erich Mühsam - Herbstmorgen im Kerker





 
     Herbstmorgen im Kerker

Wenn morgens über Gras und Moor
sich weißlich-trüb der Nebel bauscht,
unfroher Wind mit müdem Stoß
im dürren Laub des Herbstes rauscht;
wenn eiterig der fahle Tau
von welken Blütenresten tränt,
des Äthers dichtverquollenes Grau
dem neuen Tag entgegengähnt   -
und du, gefangen Jahr um Jahr,
gräbst deinen Blick in Dunst und Nichts:
da wühlt die Hand dir wohl im Haar,
und hinter deinen Augen sticht´s.
Du starrst und suchst gedankenleer
Nach etwas, was du einst gedacht,
bis endlich, wie aus Fernen, schwer
das Wissen um dein Selbst erwacht.
Du musterst kalt das Eisennetz,
das dich in deinen Kerker bannt;
in dir erhebt sich das Gesetz,
zu dem dein Wille sich ermannt:
Treu sein dem Werk und treu der Pflicht,
der Liebe treu, die nach dir bangt;
treu sein dir selbst, ob Nacht  -  ob Licht,
dem Leben treu, das dich verlangt!. . .
Aus jedem Morgen wird ein Tag,
und wie die Sonne einmal doch
durch Dunst und Schleier drängen mag,
so bleibt auch dir die Hoffnung noch. 
Im Nebel dort schläft Zukunftsland.
Du drehst den Kopf zurück und blickst
an der gekalkten Zellenwand
zu deines Weibes Bild. Und nickst.

(Erstdruck: Erich Mühsam, Sammlung, 1928)

Erich Mühsam (6. 4. 1878 - 10. 7. 1934), Dichter, Anarchist, Suchender mit kindlichem Herzen, Mitinitiator der Münchner Räterepublik, dafür von den Nazis gehasst und schließlich im KZ Oranienburg ermordet. Die Erfahrungen für dieses Gedicht "durfte" er 1919 - 1924 in Festungshaft machen.