Montag, 18. März 2019

Erich Mühsam: Ich bin ein Pilger. . . / Karl F. Kocmata: Der Dichter




Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt;
Der Feuer sieht und weiß nicht, wo es brennt;
Vor dem die Welt in fremde Sonnen rennt.

Ich bin ein Träumer, den ein Lichtschein narrt;
Der im Sonnenstrahl nach Golde scharrt;
Der das Erwachen flieht, auf das er harrt.

Ich bin ein Stern, der seinen Gott erhellt;
Der seinen Glanz in dunkle Seelen stellt;
Der einst in fahle Ewigkeiten fällt.

Ich bin ein Wasser, das nie mündend fließt;
Das tauentströmt in Wolken sich ergießt;
Das küsst und fortschwemmt - weint und froh genießt.

Wo ist, der meines Wesens Namen kennt?
Der meine Welt von meiner Sehnsucht trennt?
Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt.

Erich Mühsam (1878 - 1934)


Der Dichter

Dem Kameraden Erich Mühsam

Ich bin ein Fluss, der keine Mündung findet;
ich bin ein Narr, der keine Wege hat.
Bin ein Prophet, der seine Wahrheit kündet
und ein Apostel, der kein Lager hat.
Ich bin ein Wanderer auf schwankem Grunde
und bin ein Bettler ohne Raum und Zeit.
Ich bin ein Sprecher, und aus meinem Munde
spricht Liebe, Haß und reichste Ewigkeit.
Ich bin der Tag und weiche vor den Nächten,
ich bin die Nacht und Schatten ist mein Licht.
Ich bin der Satan mit der Sünde Prächten
und bin ein Mensch und such die Götter nicht.
Ich bin der Groll, der sich zum Donner rundet,
und bin der Blitz, der in die Welten schlägt,
wo Nichtstun sich zu strafender Vergeltung stundet:
ich bin der Mensch, der Herz und Haupt hoch trägt.

Karl F. Kocmata (1890 – 1941)

Aus: Karl Franz Kocmata - Einsamer Wald, Ausgewählte Dichtungen
Verlag von Frisch & Co., Wien und Leipzig, (1919)

Erich Mühsam (6. 4. 1878 - 10. 7. 1934), Dichter, Anarchist, Suchender mit kindlichem Herzen, Mitinitiator der Münchner Räterepublik, dafür von den Nazis gehasst und schließlich im KZ Oranienburg ermordet.

Das Bild ist von der 2016 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch. 

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