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Dienstag, 24. Januar 2023

Franz Hessel: Ungewissheit

 


Ungewissheit

Ich sprach dich an am helligen Vormittage
In einer Gegend, wo sonst garnichts ist.
Mein Gruß war keck und deine Antwort zage,
Und dennoch glaub ich, daß du Eine bist.

In deinem Hausflur schienst du mir so bange,
Machtest auf jedem Treppenabsatz: Psst...
Und wehrtest ängstlich meinem Überschwange,
Und dennoch glab ich, daß du Eine...

Im Zimmer saß leibhaftig deine Mutter,
Links an der Wand hing: Komm, Herr Jesu Christ
Und rechts ein Blatt mit Doktor Martin Luther,
Und dennoch glaub ich, daß du...

Dein Stübchen war so ärmlich, ach und reinlich,
Wies nur bei tugendsamen Mädchen ist.
Daß auch ein Bett dastand, war mir fast peinlich,
Und dennoch glaub ich...

Und meine Küssen wurden so ausführlich,
Wie es bei mir sonst garnicht üblich ist.
Und gegen Ende warst du so - natürlich,
Und dennoch...

Es ist so schwer, sich heute auszukennen,
Und niemand weiß mehr, was der andre ist.
Ich möchte dich Adelaide nennen,
Und dennoch glaub ich, daß du Eine bist.

Franz Hessel, geboren am 21. November 1880 in Stettin; gestorben am 6. Januar 1941 in Sanary-sur-Mer) war Schriftsteller, Übersetzer und Lektor. Über Karl Wolfskehl erhielt er Anschluss an den Kreis um Stefan George und lernte Fanny Gräfin zu Reventlow kennen. Mit der „Königin von Schwabing“ und ihrem Gefährten, Baron Bohdan von Suchocki, lebte er von 1903 bis 1906 in einer Wohngemeinschaft.

Bekannt wurde er vor allem als Lyriker, Romancier und Prosaiker. Hessel blieb trotz Berufsverbots bis 1938 im nationalsozialistischen Deutschland weiterhin als Lektor im Rowohlt Verlag tätig. Das Schreiben musste er einstellen, jedoch übersetzte er Jules Romains. Schließlich folgte er dem Rat seiner Frau und seiner Freunde und emigrierte widerstrebend kurz vor dem Novemberpogrom 1938 nach Paris. Den Vormarsch der deutschen Besatzer fürchtend, übersiedelten Hessel und seine Familie in das südfranzösische Exilzentrum Sanary-sur-Mer. Schon bald darauf wurde er auf Veranlassung des französischen Innenministers Georges Mandel gemeinsam mit seinem älteren Sohn Ulrich und vielen anderen Emigranten wie beispielsweise Lion Feuchtwanger in dem Lager Les Milles bei Aix-en-Provence interniert. Der 60-jährige Hessel erlitt während des zweimonatigen Aufenthalts im Lager einen Schlaganfall und starb 1941 kurz nach seiner Entlassung an den Folgen der Lagerhaft in Sanary-sur-Mer.

Das Foto zeigt ihn um 1910 

Samstag, 6. Januar 2018

Franz Hessel: Die Vertriebenen

Ein Bild der Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch


Die Vertriebenen

Des Vaters Zorn vertrieb uns aus den Hallen.
Ich schlich an deiner starken Hand ein Kind.
Dir hat die Fahrt, der Drang, die Qual gefallen,
Ein Widerhall war dir der wilde Wind.

Du bettetest mich auf gesunknen Steinen
Verlornen Rechts und gesunkner Grenzen.
Du lehrtest mich, mein Weh nicht zu verweinen,
Die kranke Stirn mit buntem Laub zu kränzen.

Uns war genug: tägliche Not zu stillen
Am Ackerrand mit Früchten fremder Erde
Um unsrer neuen Wege Freiheit willen. –
Nun sehn ich mich nach ahnenaltem Herde.

Ich fühle deine Füße dir versagen
Und deine Stimme, die geliebte, schwach.
Du trugst mich fort: Soll ich zurück dich tragen
Nach einem mondbeschienenen Gemach?

Franz Hessel, geboren am 21. November 1880 in Stettin; gestorben am 6. Januar 1941 in Sanary-sur-Mer) war Schriftsteller, Übersetzer und Lektor.

Bekannt wurde er vor allem als Lyriker, Romancier und Prosaiker. Hessel blieb trotz Berufsverbots bis 1938 im nationalsozialistischen Deutschland weiterhin als Lektor im Rowohlt Verlag tätig. Das Schreiben musste er einstellen, jedoch übersetzte er Jules Romains. Schließlich folgte er dem Rat seiner Frau und seiner Freunde und emigrierte widerstrebend kurz vor dem Novemberpogrom 1938 nach Paris. Den Vormarsch der deutschen Besatzer fürchtend, übersiedelten Hessel und seine Familie in das südfranzösische Exilzentrum Sanary-sur-Mer. Schon bald darauf wurde er auf Veranlassung des französischen Innenministers Georges Mandel gemeinsam mit seinem älteren Sohn Ulrich und vielen anderen Emigranten wie beispielsweise Lion Feuchtwanger in dem Lager Les Milles bei Aix-en-Provence interniert. Der 60-jährige Hessel erlitt während des zweimonatigen Aufenthalts im Lager einen Schlaganfall und starb 1941 kurz nach seiner Entlassung an den Folgen der Lagerhaft in Sanary-sur-Mer.