Montag, 18. Mai 2026

Bertha Pappenheim: Mir ward die Liebe nicht. . . , Leise, leise, ohne Weise. . .

 



Mir ward die Liebe nicht. . .


Mir ward die Liebe nicht –
Drum leb ich wie die Pflanze,
Im Keller ohne Licht.
Mir ward die Liebe nicht –
Drum tön ich wie die Geige,
Der man den Bogen bricht.
Mir ward die Liebe nicht –
Drum wühl ich mich in Arbeit
Und leb mich wund an Pflicht.
Mir ward die Liebe nicht –
Drum denk ich gern des Todes,
Als freundliches Gesicht.

Bertha Pappenheim, aus: Leo Baeck Institute Bertha Pappenheim Collection, Series III, Publications, writings, poems, undated.

„Das letzte Wort, das sie wenige Tage vor ihrem Tod noch mit leiser Stimme diktierte, war ein schlichtes, kleines Gedicht, das zugleich ein letztes Gebet war. Bertha Pappenheim hatte kaum jemals gedichtet, die Lyrik war ihr fremd. Sie glaubte an den Geist; aber sie glaubte nicht an das Wort. Zumal als lyrisches erschien es ihr wohl zu rauschhaft, zu sehr die Wahrheit vernebelnder Weihrauch und damit als ein Ausweichen vor der lebendigen Wahrheit, die Entscheidung ist, - oder als ein Gefängnis des Geistes, das wie die Wölbung eines Domes von Einem, vom Geist immer wieder durchbrochen wird. - Und aus einem eng verwandten Grunde misstraute sie auch der Liebe zu einem einzelnen Menschen. Wie das Wort die reine Wahrheit, so verhüllte ihr die Liebe zu einem Einzelnen die Liebe zur Menschheit. - Es zeugt von der ganzen Begnadung ihres Lebens, dass beide: Wort und Liebe sie, wie nur unendlich selten einen Menschen, auf leisen Botenfüßen bis in den Tod begleiteten. Wie man in ihren letzten Stunden ihre Hand gewaltsam von einer treuen Hand, die sie nicht lassen wollte, lösen musste, so kamen ihr, der schwer Leidenden, wenige Tage vor ihrem Tode ganz stille, wunderbar gelöste Worte, die ihr ganzes Leben in Frage und Antwort noch einmal umfassen und wie im Traum in einen grenzenlosen Frieden hinüberleiten:

Leise, leise, ohne Weise
Geht die Zeit.
Bin ich bereit
Mit Dir zu gehen.
Leise, leise ohne Weise
Muss man sein bereit
Für Zeit und Ewigkeit.
Wer ist das, Du?
Gib mir die Ruh.

Ihr wacher Geist fragte bis zuletzt; aber ihr Herz wusste, dass von dort die große Ruhe kommt.“

Margarete Susman, aus Bertha Pappenheims geistige Welt, in Blätter des Jüdischen Frauenbundes, Berlin Juli / August 1936, XII. Jahrgang Nummer 7 / 8, Biko-Verlag, Sonderausgabe „Bertha Pappenheim zum Gedächtnis“

Bertha Pappenheim, geboren am 27. Februar 1859 in Wien, gestorben am 28. Mai 1936 in Neu-Isenburg, Schriftstellerin, Publizistin und Frauenrechtlerin. Sie war die Patientin Anna O. Die von Josef Breuer zusammen mit Sigmund Freud in den Studien über Hysterie veröffentlichte Fallgeschichte war für Freud Ausgangspunkt für die Entwicklung seiner Theorie der Hysterie und damit der Psychoanalyse. Die wahre Identität der Anna O. wurde erst 1953 bekannt.

Nach ihrem Umzug nach Frankfurt im Jahre 1888, der Heimatstadt ihrer Mutter, veröffentlichte sie verschiedene Kinderbücher und begann ihre soziale Arbeit. 1895 wurde sie Heimleiterin im jüdischen Mädchen-Waisenhaus, gründete 1902 den Israelitischen Mädchenclub und 1904 den Jüdischen Frauenbund. 1907 wurde das Heim in Neu-Isenburg bei Frankfurt eröffnet. Sie unternahm Reisen nach Galizien und Nahost, auf denen sie sich über die dortige Lage der jüdischen Bevölkerung informierte und darüber Berichte veröffentlichte. Ganz besonders interessierte sie sich überall für die Situation der Frauen. Schon 1901 hatte sie an einer Konferenz zum Thema Mädchenhandel teilgenommen, und 1923 wandte sich der Jüdische Frauenbund im Kampf gegen Mädchenhandel und Prostitution sogar an den Völkerbund.

Am 16. April 1936 folgte Bertha Pappenheim, schon von tödlicher Krankheit gezeichnet, einer Vorladung der Gestapo nach Offenbach. Zwar konnte sie alle Beschuldigungen widerlegen, aber nach ihrer Rückkehr nach Isenburg verließ sie ihr Bett nicht mehr und starb am 28. Mai 1936. Der Jüdische Frauenbund wurde 1938 zwangsweise aufgelöst, die Heime in Neu-Isenburg 1942 geschlossen und die darin Wohnenden in die Vernichtungslager deportiert.

Margarete Susman, geboren am 14. Oktober 1872 in Hamburg; gestorben am 16. Januar 1966 in Zürich, Religionsphilosophin, Kultur-Essayistin und Poetin. Sie schrieb zuerst Lyrik, dann Bücher und Essays über Dichtung, Feminismus, die Revolution sowie über das Judentum, seine Religion und seine Stellung in einer christlichen Umwelt.

Das Foto ist ein Passbild von 1907

Dienstag, 12. Mai 2026

Hertha Kanner: Auf einem Trompetenbaum

 



Auf einem Trompetenbaum


Aus dem grünen Rassen, holder Fremdling,
Neigst du zögernd dich dem fremden Winde,
Fremde Sonne malt auf deine Rinde

Fremde Runen.
Ungehört verklingen, armer Fremdling,
Die Fanfaren deiner Blütendolde,
Und kein Echo kennt die seltsam holde,
Fremde Weise.

Hertha Kanner, aus: Central- Verein- Zeitung, Allgemeine Zeitung des Judentums, XV. Jahrgang, Nr. 15. Berlin, 9. April 1936

Hertha Kanner, geboren am 10. 5. 1893 in Berlin, Journalistin für verschiedene Zeitschriften, sie schrieb Aufsätze, Rezensionen, Portaits, Essais, aber auch Lyrik. Sie versuchte über Frankreich zu emigrieren, doch scheiterte, sie wurde am 10. 8. 1942 über das Sammellager Drancy nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Die Illustration ist aus einem Buch aus dem 19. Jahrhundert

Sonntag, 10. Mai 2026

Alfred Grünewald, aus: Renatos Gesang (15 - 17)

 



15

Ich seh mit Staunen im kristallnen Bach
die Kiesel sich als Edelsteine zeigen.
Wie sich die Gräser zueinander neigen,
als ob sie flüsterten! Der Wind ist wach.

Ich heb das Haupt. Durch dichtes Blätterdach
blitzt Blaues. Über mir ein Mückenreigen.
Ringsum der Bäume klangerfülltes Schweigen.
Es lauscht der Wald verschollnem Liede nach.

Jetzt regt sichs im Gebüsch. Sind Schritte nah?
Ein Zweig nur fiel. Es raschelt welkes Laub.
In mir ist Freude. Was mir je geschah,

bekam erst seinen Sinn. Viel ward zu Staub,
was Gold mir schien, und ward des Windes Raub.
Und schimmernd grü6t, was einst ich düster sah.


16

Wie bin ich tief verstrickt mit meinen Träumen
in einen Traum aus Kinderland! Vielleicht
ist alles noch wie eh, und nichts entweicht
und wird zu Schatten in verlornen Räumen.

Ich glaubte, immer mehr mich zu versäumen.
Nun weiß ich, daß. mein Herz mich erst erreicht.
Ich geh mit leichtem Schritt. Der Frühwind streicht
mir um das Haar. Es regt sich in den Bäumen.

Und lang vergeßne Freuden sind erwacht
und Kinderbangen, knospende Gefühle,
in Tränentau bereit, sich zu entfalten

als eine Blume, die ins Lichte lacht.
Und hingegeben diesem Wunderwalten,
schreit ich mit feuchten Blicken durch die Kühle.


17

In nun harten Fesseln lagen die Gedanken
und wurden Wunden, wollten sie sich rühren.
sind sie frei, und offen sind die Türen,
und ihre Bahn ist hell und ohne Schranken.

Ob sie sich hoben, ob sie niedersanken,
ich weiß, sie werden Gottes Atem spüren.
Gern lass ich mich von ihrem Flug verführen,
und meine leichten Schritte nicht mehr wanken.

Wo ich auch bin, ich bin so gut geborgen,
daß nichts mich findet, was mich neu bedroht.
Ein großes Lächeln ist im Abendrot

und strahlt mir wieder im erwachten Morgen.
Ich fühl mein eignes Lächeln sich verklären
und fühl im Armebreiten ferne Sphären.

Alfred Grünewald, aus: Renatos Gesang - Ein Buch der Einsamkeit, mit Steinzeichnungen von Fritz Czuczka. Verlag Paul Stern, Wien 1921

Alfred Grünewald wurde am 17. März 1884 in Wien geboren. Nach den Novemberpogromen 1938 wurde er am 14. November 1938 in das KZ Dachau verbracht, im Januar 1939 wurde er wieder entlassen. Er floh über die Schweiz nach Südfrankreich, nach Kriegsausbruch wurde er in der Fort-Carré in Antibes und im Lager Les Milles interniert, bis Herbst 1942 lebte er in Nizza. Dort wurde er von der Polizei des Vichy-Regimes festgenommen und an die SS ausgeliefert. In Auschwitz wurde er am 9. September 1942 ermordet.

Bild aus: Meister des Gîtâ-Govinda-Manuskripts (1760 - 1765)

Sonntag, 3. Mai 2026

Hermann von Boetticher: Sonette des Zurückgekehrten

 


Sonette des Zurückgekehrten (1919)

Dies ist wie Grab. Schwarz sinken Schatten
auf meine aufgebäumten Schultern nieder,
der bleiche Himmel fällt und ein Gefieder
von Dunkelheiten will mich ganz ermatten.

Die Bäume stehen still - freudlose Lieder
erfüllen alle Luft. Durch morsche Latten
kriecht Unkraut zügellos im tiefen Schatten.
Blaß spiegeln Pfützen tränenfeuchte Lider.

Verschüttet ist mein Mund, ich kann nicht schreien
ich gehe durch die Straßen ohne Licht
in fremde Augen meinen Schmerz zu streuen

bis ihn ein falsches Lächeln ganz zerbricht.
O Stern, der durch die Nacht der Erde gütig scheint
verhüll mein Angesicht das schreilos weint.

* * *

Verhüll mein Angesicht das tränenlos
Empörungsstille, ich will dies erleiden
will jeden Schmucks und Trostes mich entkleiden
bis daß der Himmel wieder weit und groß.

Den Lärm der Hoffnung will wie Gift ich meiden.
die Macht verachten, bis sie nackt und bloß
zurückgefallen in der Güte Schoß,
in deren Falten milde Sonnen weiden.

Die Erde hat ihr Innerstes erbrochen
an ihrem Schachte stehen Tote still.
Ich stehe lauschend bis die Stunde reift
die nach dem Sitze meines Schmerzes greift.

* * *

Im bleichen Saale rauchen die Grimassen
um meine Einsamkeit wie Nebelwehen
hinter Gesichtergittern letzte Seelen stehen
indeß Verirrte Ordensbänder fassen.

Auf Winterfelde wie ein Busch von Schlehen
will bittere Beeren streuend ich nicht lassen
von meiner Trauer bis in allen Gassen
die Menschen zornentbrannt im Lichte stehen.

Auch Zarte, die im halbvergessnen Scheine
einst vor mir stand und Gnade auf mich goß
sei fremd mir wie im süßgemischten Weine

die Färbung die nicht aus der Traube floß.
Wohl zuckt in meinem Innern eine Flamme
doch sie gehört dem Volk wie Blitz dem ganzen Stamme.

* * *

Ich habe Tage lang so hingesessen
wie eine Frau die nie Liebe sah
wie einer Lichtbetrogenen geschah
mir diese Zeit vom Wahnsinn ganz besessen.

Die alten Wälder standen um mich da
wie von der Ewigkeit im Spiel vergessen
wie um den Unterschied an mir zu messen
flogen die Vögel meinem Haupt ganz nah.

Ich will in ihre Schwingen taumelnd greifen
verführt von süßem Traum und leichtem Flug
ihr banger Schrei läßt mich den Trug begreifen -

Wer war es der so tief mich niederschlug?
Umfängt Natur mich oder zimmerkranke Wände:
geschändet ist das Sein durch Menschenhände.

* * *

Die Wolken gehen tief die Blätter klagen
im feuchten Laube raschelt leis mein Tritt
an meinen kalten Händen schreiten Tote mit
indeß die Bäume dunkel um uns ragen.

Über die Wipfel rauscht so fern der Wagen
der dumpfen Zeit. Ein Vogel schreit Kiwitt -
die Ewigkeit fällt mein Herz - mein Schritt
verhallt. Lautlos die Lüfte in den Dünsten jagen.

Nun lösen sich die schmerzgeballten Flächen
in meine Seele quillt die Melodie
zeitloser Zeit und jetzt in Silberbächen

erstrahlt der Glanz verlorner Alchemie.
Vorm letzten Kampfe ruht im Blut der Wille
und in mir brauset Gottes tiefste Stille.

* * *

In Gottes Stille bin ich tief versunken
von meinen Händen fließt das bittre Leid
um meine Schultern weht Sein weites Kleid
von unsichtbarem Glanze ganz durchtrunken.

Was mich zerschlug ist von mir abgesunken
die Tore meines Herzens stehen weit
zu dem Empfang von neuem Schmerz bereit
und alles Blut wallt in mir sterbetrunken.

Den Himmel füllt ein Dämmerlicht ganz leise
die Bäume wehen güld´ne Blätter hin
und Silberwinde bringen mir die Speise.

Ich weiß nicht, ob ich träume oder bin.
Doch durch des Todes schmerzensdunkle Wehung
schreit ich in neuem Licht zur Auferstehung.

* * *

Ein bittrer Trug, beschwerten nur Gewichte
des Augenblicks die Seelen die entstellt
ein schlimmer Geist in kalten Händen hält
sich selbst und seinen Jüngern zum Gerichte.

Weiß stehen Kinder bald in anderm Lichte,
von ihren dunkelgroßen Augen fällt
die Häßlichkeit der Zeit und zart erhellt
ein tiefer Schein die gläubigen Gesichte.

Das Licht ist ewig und wir müssen
die Strahlen uns ums Haupt versammeln
die von den großen Toten zu uns grüßen.

Was soll uns dieser Tage wirres Stammeln?
Der wilde Lärm der laut nach dir begehrt
ist Bruder deine Seelennot nicht wert.

* * *

Mein Bruder, deine roten Würgerhände
sind nichts als Gottes dunkle Strahlen
hervorgebrochen aus den Schalen
von seiner Sanftmut wie Legende.

Vom letzten Lichte trennen dich nur Wände
die Seine Stunden über Nacht zermahlen
dann wirst auch du in einem Glanz erstrahlen
und rein aufstehen von des Kampfes Ende.

Die Ewigkeit spielt lächelnd mit den Dingen
die blutiggroß in dir geschrieben stehn
und während die Planeten Hymnen singen

wird was du tatest lautlos untergehn:
Vor eines Herzens Lächeln bricht in Stücke
Dein lauter Ruhm und alle seine Tücke.

Sonette des Zurückgekehrten, Bruno Wollbrück Verlag, Weimar 1919

Hermann von Boetticher, geboren am 13. August 1887 in Eldingen; ermordet am 28. April 1941 in NS-Tötungsanstalt Sonnenstein, Sachsen) Er ist beigesetzt auf dem Stadtfriedhof Göttingen

Sonntag, 19. April 2026

Gertrud Kantorowicz - Aus: Verse aus Theresienstadt

 




Dresden - Theresienstadt

(6. VIII. 42)

Stumme Fahrt durch blumige Gesteine:
Jeder Felsengrat bewegt beflügelt
- Mit dem Sprühquell zart ins Laub gezügelt -
Hebt er Stamm um Stamm zum oberen Haine.
Berghaupt Gotthaupt lugt aus grünem Schreine.

Schlank Gewild ins Schlingwerk steil gegliedert
- Wie´s die Finger heiliger Frauen schufen -
Dorf Burg Teich Wall - vielen Lebens Stufen
Sprühen im Glanz wo Strahl den Strahl erwidert.
Nur der Westhang lauscht blau überfliedert.

Dunkler Strom - all dies in ihm gespiegelt
Zauberisch gelöst tief eingezwängt -
Lichtlos. Warum Dämmerung gewiegelt
Folgt dem Bild mein Blick bang angedrängt?
Welt Nacht Schönheit! Nimm was Dir verhängt.


Das Sterben

Brennender Durst in deiner armen Kehle,
Um vergehende Glieder des Todes Duft,
Immer, immer näher der dunklen Kluft −
Heiterer Geist, freudige Seele
Wohin schwankt ihr, eh noch der Atem schwand?
Daß ich den Blick, den vertrauten im brechenden Blick nicht mehr fand
− Fühlst du von drüben nicht, wie Gedenken mich quäle? −
Wenn nun die Nacht kam, wenn mein Traum dich entbannt.
Kehr, o zurück wie du warst, daß nicht der Freund mir,
Nicht der Gefährte mir fehle!

(16. November 1942)


                                                    10. Februar 1943

So welkst Du und der Schritt der Stunden altert
Kein Lachen säumt mehr unserer Wochen Ernst
Dass Du die dunklen Gänge gehen lernst
Die lebend Licht und Blume nur umflattert.

Tochter des Tages! nun Du Dich entfernst
Unwissend folgend dem erhabenen Müssen
Greisin die Du den Augenblick besternst -
Wie still wir die beringten Finger küssen

Und decken Dich mit Falten seidnen schweren
Gestickten Randwerks - Vogel Schilf und Wald -
Verwandlung greift nach Dir: groß die Gestalt
Gelassen droht Dein Mund - und wir verehren.


* * *

Listiger schneidet das Leben
                                  seinen betäubenden Willen
Menschen durch Auge und Sinn
                                 als unser Stolz sich versieht.
Heute noch ging ich den leichten Pfad
                                 durch die Gänge des Frühlings
Wundersam Freude geneigt
                                 spielend mit Welten der Kraft.
Nah da am Zaun schlug die Lippe ganz so
                                 ein Ästlein vom Flieder
Wie einst im Gärtchen das Kind -
                                 Träne so rinne denn hin.

Gertrud Kantorowicz, aus: Verse aus Theresienstadt

Gertrud Kantorowicz wurde in Poznan (Posen) geboren. Sie war Kunsthistorikerin und Übersetzerin. Einst gehörte sie zum Kreis um den Dichter Stefan George. Sie wurde am 6. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 19./20.April 1945, also wenige Tage vor der Befreiung, starb. Ihre im Ghetto geschriebenen Gedichte erschienen 1948 unter dem Titel Verse aus Theresienstadt.

In der Reihe der Personen um Stefan George spielte die Dichterin eine besondere Rolle: Sie war die einzige Frau, die George für würdig befand, in seinen „Blättern für die Kunst“ eigene Arbeiten zu veröffentlichen. So erschien in der vierten Folge der „Blätter“ im Jahr 1899 eine Auswahl von Gedichten der dreiundzwanzigjährigen „Poetessa“, wie Friedrich Gundolf sie nannte.

Samstag, 7. März 2026

Ricarda Huch: Zwei Gärten

 



Zwei Gärten

Schwer von Jasminduft, weht aus dunklen Gärten
Der Mittagswind:
Ich denke euer, die ihr Spielgefährten
Mir ward als Kind.

Der Tulpenbaum mit grünen Blumenbechern,
Drin Nektar quillt,
Der gute Birnbaum, der uns kleinen Zechern
Die Hand gefüllt.

Vorüber eilt man scheu dem feuchten Grunde,
Wo moosbefleckt,
Dämonenbös mit schwarzem Schlangenmunde
Der Brunnen schreckt.

Der Ton von Bienen, die den Honig mischen,
Summt überall,
Unendlich klagt des Nachts aus Duftgebüschen
Die Nachtigall.

Ein Garten war, da blühten Georginen
Im Purpurflor
Und Sonnenblumen mit des Cherubs Mienen
Am offenen Tor.

Mohnpuppen kamen auch, die schönberockten,
Im grünen Schal,
Wenn die Holunderblütenküchlein lockten
Zu duftgen Mahl.

Der weiße Elefant verbarg im Grase
Sein Rosenohr,
Das rote Bällchen sich als Seifenblase
Im Blau verlor.

Es weht mich an, Erinnerungen trunken,
Der Mittagswind.
An alte Gärten denk ich, die versunken
Auf immer sind.

Ricarda Huch, aus: Herbstfeuer, Gedichte, Insel-Verlag, 1948

Ricarda Huch, geboren am 18. Juli 1864 in Braunschweig, gestorben am 17. November 1947 in Schönberg/Taunus, Schriftstellerin, Historikerin, Philosophin

Das Bild „Bauerngarten mit Sonnenblumen“ ist von Gustav Klimt (1862 - 1918)

Dienstag, 3. März 2026

Ricarda Huch: Vorfrühling

 



Vorfrühling

Lass uns vergessen die Qual
Des langen Winters und die Totenklage!
Stehn auch die Wälder noch kahl,
Gekommen sind die braunen Veilchentage.

Du siehst noch nichts Grünes ringsum,
Du hörst noch nicht der Lerche junge Lieder
Und nicht der Bienen Gesumm,
Nur Krähen krächzen traurig hin und wieder.

Doch blüht es schon gelb und blau
Aus welken Buchenblättern, faulig feuchten,
Die Lüfte sind weich und lau,
Und an den Stämmen hängt ein schwaches Leuchten.

Noch zittert das wunde Herz, -
Wir waren allzu schwer, zu tief getroffen.
Vergiss nun, vergiss! Es ist März,
Der Schmerz verklingt, wir werden wieder hoffen!

Ricarda Huch, aus: Herbstfeuer, Gedichte, Insel-Verlag, 1948

Ricarda Huch, geboren am 18. Juli 1864 in Braunschweig, gestorben am 17. November 1947 in Schönberg/Taunus, Schriftstellerin, Historikerin, Philosophin

Das Bild „Early Spring“ ist von Alexei Sarvrasov (1830 - 1897)