Dienstag, 3. November 2026

Clara Müller-Jahnke: Drei Herbstgedichte

 


Herbst

Und nun: der Wind geht hohl und schwer,
in weißen Wogen schäumt das Meer –
nun ist der Herbst gekommen
und hat vom Feld den Morgentau
und hat das letzte Stückchen Blau
vom Himmel weggenommen.

Und nun fahr hin! – Es rauscht und zieht
durch dunkle Luft ein dunkles Lied;
ich mag nicht ruhn und träumen.
Ich liege wach die ganze Nacht
und horche auf die heiße Schlacht,
das Stöhnen in den Bäumen.

Und nun fahr hin. Das war ein Jahr,
so früchtereif, so freudenklar . . .
nun lass die Blätter treiben.
Fahr hin! Die Saat von deiner Hand,
die Ernte, die in Halmen stand,
muss doch mein eigen bleiben.


Herbstliche Liebe

Meine Seele spinnt dich ein;
schimmernde Marienfäden
sollen ihre Häscher sein.

Ihre Schlingen fühlst du kaum.
Eine rote Märtyrkrone
brech ich dir vom Eschenbaum.

Deine Stirne küß ich bleich –
und so führ ich dich gefangen
mitten durch mein Schattenreich.

Du wirst ganz mein eigen sein,
wirst verbluten und verblühen –
meine Seele spinnt dich ein.


Novembertag

Geht ein sonnenloser Tag
wiederum zur Neige,
und der graue Nebel tropft
durch die kahlen Zweige.

Leise atmend ruht die See,
müde, traumumsponnen . . .
eine Woge, schaumgekrönt,
ist im Sand zerronnen.


Aus: Clara Müller-Jahnke, Gedichte, herausgegeben und illustriert von Oskar Jahnke, Berlin: Buchhandlung Vorwärts (Hans Weber) [1910]

Clara Müller-Jahnke, geboren am 5. Februar 1860 in Lenzen, Kreis Belgard als Clara Müller; gestorben am 4. November 1905 in Wilhelmshagen bei Berlin, war Dichterin, Journalistin und Frauenrechtlerin. Sie galt in ihrer Zeit als führende sozialistische Dichterin und machte insbesondere mit ihren agitatorischen Arbeitergedichten auf die Lage der Arbeiter und der Frauen aufmerksam. Doch sie hatte auch eine andere poetische Seite.




Georg Trakl: Kindheit / Elis

 



Kindheit


Voll Früchten der Holunder; ruhig wohnte die Kindheit
In blauer Höhle. Über vergangenem Pfad,
Wo nun bräunlich das wilde Gras saust,
Sinnt das stille Geäst; das Rauschen des Laubs

Ein gleiches, wann das blaue Wasser im Felsen tönt.
Sanft ist der Amsel Klage. Ein Hirt
Folgt sprachlos der Sonne, die vom herbstlichen Hügel rollt.

Ein blauer Augenblick ist nunmehr Seele.
Am Waldsaum zeigt sich ein scheues Wild und friedlich
Ruhn am Grunde die alten Glocken und finsteren Weiler.

Frömmer kennst du den Sinn der dunklen Jahre,
Kühle und Herbst in einsamen Zimmern;
Und in heiliger Bläue läuten leuchtende Schritte fort.

Leise klirrt ein offenes Fenster; zu Tränen
Rührt der Anblick des verfallenen Friedhofs am Hügel,
Erinnerung an erzählte Legenden; doch manchmal erhellt sich die Seele,
Wenn sie frohe Menschen denkt, dunkelgoldene Frühlingstage.


Elis

1.

Vollkommen ist die Stille dieses goldenen Tags.
Unter alten Eichen
Erscheinst du, Elis, ein Ruhender mit runden Augen.

Ihre Bläue spiegelt den Schlummer der Liebenden.
An deinem Mund
Verstummen ihre rosigen Seufzer.

Am Abend zog der Fischer die schweren Netze ein.
Ein guter Hirt
führt seine Herde am Waldsaum hin.
O! wie gerecht sind, Elis, alle deine Tage.

Leise sinkt
An kahlen Mauern des Ölbaums blaue Stille,
erstirbt eines Greises dunkler Gesang.

Ein goldener Kahn
Schaukelt, Elis, dein Herz am einsamen Himmel.


2.

Ein sanftes Glockenspiel tönt in Elis´ Brust
Am Abend,
Da sein Haupt ins schwarze Kissen sinkt.

Ein blaues Wild
Blutet leise im Dorngestrüpp.

Ein brauner Baum steht abgeschieden da;
Seine blauen Früchte fielen von ihm.

Zeichen und Sterne
Versinken leise im Abendweiher.

Hinter dem Hügel ist es Winter geworden.

Blaue Trauben
Trinken nachts den eisigen Schweiß,
Der von Elis´ kristallener Stirne rinnt.

Immer tönt
An schwarzen Mauern Gottes einsamer Wind.


Georg Trakl, aus: Sebastian im Traum, Kurt Wolff Verlag, 1915

Georg Trakl, geboren am 3. Februar 1887 in Salzburg geboren, gestorben am 3. November 1914 starb. Trakl wurde als Militärapotheker einberufen und begab sich angesichts der Gräuel, welcher er an der Front teilhaftig wurde, in den Freitod.

Montag, 2. November 2026

Ernst Stadler: Segnung

 



Segnung

Die Hütte lehnt am braunen Rebenhügel,
Von der die Stunden oft ins weite Land geschaut,
Daraus sie eines Tages, auf farbiger Dämmerung Flügel,
Hintrat ins Volk, mit Grün geschmückt wie eine Braut.

Durch ihre Augen irrten blanke Sterne,
Um ihre Kinderwangen Feuer sprang,
Die Stimme bebte, da ihr Wort zum Volke drang:
„Mich ruft ein hoher Wille in die große Ferne.

Fragt nicht noch sorgt euch, was mir Schicksal werde,
Der hält mein Leben, der mir diese Sehnsucht schuf -
Aus stiller Hut reißt mich ein ungeheurer Ruf
In allen Sturm und Seligkeit der Erde.“

Sie hörte kaum, wie Greise schwach sich mühten.
Sie ging. Im Abend leuchtete wie Weizen gelb ihr Haar.
Vor ihrem Fenster die Hollunderblüten
Verglommen und verwehten Jahr um Jahr.

Doch eines Morgens, da die späten Sterne blichen
Und banges Zwielicht eisig in den Zweigen hing,
Da sah ein Weib, das Wasser schöpfen ging,
Wie sie sich fremd und fröstelnd in die Tür geschlichen.

Und seit dem Tage schwebt auf ihren Wegen
Ein Glorienschein, der Gau und Volk erhellt,
Und ihre Stimme hat den großen Segen
Der Liebenden, die Gott zu Mittlern hat bestellt.

Ernst Stadler, aus: Der Aufbruch, Gedichte, Kurt Wollf Verlag, München 1920, zweite Auflage, zuerst veröffentlicht im Verlag der weißen Bücher, Leipzig, 1914

Ernst Stadler, geboren am 11. August 1883 in Colmar, Elsass, Lyriker. Von 1910 bis 1914 lehrte Stadler deutsche Philologie als Professor in Brüssel. Das Angebot, als Gastprofessor nach Toronto zu gehen, musste er ausschlagen, da der Erste Weltkrieg begann und Stadler als Reserveoffizier eingezogen wurde. Noch im selben Jahr am 30. Oktober 1914 wurde er während der Ersten Flandernschlacht durch eine Granate getötet.

Das Bild ist von Charles Courtney Curran (1861 - 1942)

Samstag, 31. Oktober 2026

Willy Küsters: Oktoberende, Alfred (Alfons) Petzold: Herbstlicher Tag, Albert Ehrenstein: Herbst, Kurt Schwitters: Herbst

 



Oktoberende


Fern schwinden grüne Hügelketten,
Die gestern froh das Land umsäumt,
In fahlen, grauverwaschnen Tönen.
Was ich erstritten und erträumt,
Will sich in müde Ruhe betten
Und alle Dinge still versöhnen.

Willy Küsters, aus: Die Aktion 23. 10. 1912


Herbstlicher Tag

Weinberge reichen ihre Trauben
In das besonnte Land hinaus.
Zwei Rosawölkchen ziehn wie Tauben
Still über meinem Gartenhaus.

Der wilden Rebe Laub zerknittert
Und flattert auf des Weges Sand.
Das Lächeln eines Greises zittert
In der durchbrochnen Blätterwand.

Im horizontnen Vordergrunde
Fließt träge eines Flusses Schmelz -
Nachdenklich streich ich meinem Hunde
Marienfäden aus dem Pelz.

Alfred Petzold (Wien) aus: Prager Tageblatt, 25. 9. 1921, mit der Bemerkung: Aus einem Gedichtband „Einkehr“, zugleich mit den Gedichten „Das Buch von Gott“ im Verlag Strache, Warnsdorf erschienen.


Herbst

Schon sind meine Haare weiß:
aus der Höhe
fällt die Zeit
in Tropfen mir
auf meine Stirn,
von unten kommt
die Ewigkeit:
schläft der Fuß,
starrt zu Eis,
aufwärts, bis der Tod im Greis
Zeit vermählt
und Ewigkeit.

Albert Ehrenstein, aus der Zeitschrift Der Sturm, Jahrgang 1912/ 13, Seite 246


Herbst (1909)


Es schweigt der Wald in Weh.
Er muss geduldig leiden,
Dass nun sein lieber Bräutigam,
Der Sommer, wird scheiden.

Noch hält er zärtlich ihn im Arm
Und quälet sich mit Schmerzen.
Du klagtest, Liebchen, wenn ich schied,
Ruht ich noch dir am Herzen.

Kurt Schwitters, aus der Zeitschrift Der Ararat, München, Januar 1921, nach seinem Artikel Merz, geschrieben für den Ararat, 19. Dezember 1920 angehängt mit den Worten: „Ich möchte noch einige unveröffentlichte Gedichte anhängen.“ Die weiteren angehängten Gedichte zeigen den Dadaisten Kurt Schwitters, wie er bekannt ist.


Willy Küsters , geboren am 2. August 1888 in Duisburg; gestorben am 1. September 1949 in Friedrichshafen, Schriftsteller. Willy Küsters war in erster Linie Lyriker; seine Gedichte sind dem Expressionismus zuzurechnen und erschienen in der Zeit vor 1914 und während des Ersten Weltkriegs ausschließlich in Zeitschriften der expressionistischen Bewegung wie Pfemferts „Aktion“. Von 1932 bis 1944 war er als Buchhändler in Friedrichshafen tätig.

Alfred Petzold, das ist Alfons Petzold, wohl ein Versehen der Redaktion. Alfons Petzold, geboren am 24. September in Fünfhaus, gestorben am 25. Januar 1923 in Kitzbühl, österreichischer Schriftsteller und Arbeiterdichter.

Albert Ehrenstein, geboren am 23. Dezember 1886 in Ottakring, Österreich-Ungarn; gestorben am 8. April 1950 in New York, Lyriker und Erzähler. 1910 wurde er durch das Gedicht Wanderers Lied, das Karl Kraus in der Fackel veröffentlichte, über Nacht bekannt. Das Gedicht ist dem gerade beginnenden Expressionismus zuzurechnen. 1911 erschien Ehrensteins Erzählung Tubutsch mit Illustrationen seines Freundes Oskar Kokoschka. Durch Kokoschka kam er in Kontakt mit Herwarth Walden und veröffentlichte in der Folge in dessen Zeitschrift Der Sturm, später auch in Franz Pfemferts Zeitschrift Die Aktion. Schnell wurde Ehrenstein zu einer der wichtigsten Stimmen des Expressionismus. Bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 wurden seine Bücher auf den Scheiterhaufen geworfen. Sein Exil führte ihn über die Sowjetunion, die Schweiz, Frankreich bis er 1941 schließlich von Spanien aus mit einem Notvisum in die USA ausreisen konnte.

Kurt Schwitters, geboren am 20. Juni 1887 in Hannover; gestorben am 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England; Maler, Dichter, Raumkünstler und Werbegrafiker, der unter dem Kennwort Merz ein dadaistisches „Gesamtweltbild“ entwickelte. Sein Werk umfasst die Stilrichtungen Konstruktivismus, Surrealismus und Dadaismus, dem sie aber nur durch Gegensätzlichkeit ähnlich waren. Aus heutiger Sicht zählt Schwitters zu den einflussreichsten Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts.

Von den Nationalsozialisten als „entartet“ verfemt, emigrierte Schwitters im Januar 1937 nach Norwegen, wo er schon in den Jahren zuvor die Sommermonate verbracht hatte. Nach dem deutschen Überfall auf Norwegen floh er 1940 nach England.


Das Bild ist ein Ausschnitt aus dem Gemälde „Les feuilles mortes“ von Ernest Biéler (1863 - 1948)

Freitag, 30. Oktober 2026

Vier Gedichte von Egon Schiele; Erwin Rieger: Kunst und Künstler

 



Ein Selbstbild

Ein ewiges Träumen voll süßesten
Lebensüberschuss - rastlos, -
mit bangen Schmerzen innen, in der
Seele. - Lodert, brennt, wächst
nach Kampf, - Herzkrampf.
Wegen und wahnwitzig rege mit
angeregter Lust. - Machtlos ist
die Qual des Denkens, sinnlos, um
Gedanken zu reichen. - Sprache
die Sprache des Schöpfers und
Gabe. - Dämone! - Brecht die
Gewalt! -
Eure Sprache, - eure Zeichen, -
eure Macht.

Handgeschriebene Karte, Leopoldmuseum Wien


Landstraße

Die hohen Bäume gingen alle die
Straße entlang, in ihnen zirpten
zittrige Vögel. - Mit großen
Schritten und roten Böseaugen
Durchlief ich die nassen Straßen.

Handgeschriebene Karte, Leopoldmuseum Wien 


Tannenwald

Ich kehre ein in den rotschwarzen
Dom des dichten Tannenwaldes,
der ohne Lärmen lebt und
mimisch sich anschaut,
die Augenstämme die dicht
sich greifen und die sichtbare
nasse Luft ausatmen. -
Wie wohl! - Alles ist
       lebend tot.

Handgeschriebene Karte, Leopoldmuseum Wien 


Ein Selbstbild

Ich bin für mich und die, denen
die durstige Trunksucht nach
Freisein bei mir alles schenkt
und auch für alle, weil alle
ich auch liebe, - liebe.

Ich bin von Vornehmsten
der Vornehmste
und von Rückgebern
der Rückgebigste

Ich bin Mensch, ich liebe
den Tod und liebe
das Leben.

Handgeschriebene Karte 1910, Leopoldmuseum Wien 


Kunst und Künstler

Für Herrn Egon Schiele


Kunst sei die Kraft, die Hände so zu regen,
dass sie, ergriffen nur und nur im Zwange,
verführt von unseres Geistes wilden Drange
und doch bewusst der höchsten Arbeit pflegen

Der Schweiß ist dieser Erde tiefster Segen.
Was sich uns bietet, trägt den Kopf der Schlange.
Gefesselt sei die Not im Bild, im Klange:
Gebändigt nur kann man dem Licht entgegen.

Der Künstler ist. - Er kommt aus Kinderzeiten;
in allen Tümpeln spiegeln Seligkeiten,
aus allen Himmeln fließt die Qual. Ergebnis
ist jeder Schritt in seinem Vorwärtsschreiten
zu neuer Tat. - Lasst uns die Stirne weiten
und jung sein vor dem rauschenden Ergebnis!

Erwin Rieger, Typoskript vom September 1917, Albertina Museum, Wien

Egon Schiele, geboren am 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Österreich-Ungarn; gestorben am 31. Oktober 1918 in Wien, Maler des Expressionismus. Neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zählt er zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne. Außerdem betätigte er sich auch als Lyriker. Das Selbstportrait oben ist von 1910. 

Erwin Rieger, geboren am 13. September 1889 in Wien; gestorben am 25. November 1940 in Tunis, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer. 1918 lernte er in der Schweiz Stefan Zweig kennen, den er bei Übersetzungs- und Recherchearbeiten wesentlich unterstützte, 1936 wird Rieger Theaterkritiker der Neuen Freien Presse in Wien. Der Austrofaschismus und die Gefahr als Homosexueller verhaftet zu werden, treiben ihn außer Landes. 1938 emigriert er zunächst nach Frankreich und im selben Jahr weiter nach Tunesien, wo er unter ungeklärten Umständen stirbt. Die Vermutungen reichen von Selbstmord bis hin zu Mord.

Drei Gedichte von Ernst Stadler

 



Reinigung

Lösche alle deine Tag´ und Nächte aus!
Räume alle fremden Bilder fort aus deinem Haus!
Lass Regendunkel über deine Schollen niedergehn!
Lausche: dein Blut will klingend in dir auferstehn! -
Fühlst du: schon schwemmt die starke Flut dich neu und rein,
Schon bist du selig in dir selbst allein
Und wie mit Auferstehungslicht umhangen -
Hörst du: schon ist die Erde um dich leer und weit
Und deine Seele atemlose Trunkenheit,
Die Morgenstimme deines Gottes zu umfangen.


In Dir

Du wollstest dir entfliehn, an Fremdes dich fortschenken,
Vergangenheit auslöschen, neue Ströme in dich lenken -
Und fandest tiefer in dich selbst zurück.
Befleckung glitt von dir und ward zu Glück.
Nun fühlst du Schicksal deinem Herzen dienen,
Ganz nah bei dir, leidend von allen Sternen überschienen.


Glück

Nun sind vor meines Glückes Stimme alle Sehnsuchtsvögel weggeflogen.
Ich schaue still den Wolken zu, die über meinem Fenster in die Bläue jagen -
Sie locken nicht mehr, mich zu fernen Küsten fortzutragen,
Wie einst, da Sterne, Wind und Sonne wehrlos mich ins Weite zogen.
In deine Liebe bin ich wie in einem Mantel eingeschlagen.
Ich fühle deines Herzens Schlag, der über meinem Herzen zuckt.
Ich steige selig in die Kammer meines Glückes nieder,
Ganz tief in mir, so wie ein Vogel, der ins flaumige Gefieder
Zu sommerdunklen Traum das Köpfchen niederduckt.

Ernst Stadler, aus: Der Aufbruch, Gedichte, Kurt Wollf Verlag, München 1920, zweite Auflage, zuerst veröffentlicht im Verlag der weißen Bücher, Leipzig, 1914

Ernst Stadler, geboren am 11. August 1883 in Colmar, Elsass, Lyriker. Von 1910 bis 1914 lehrte Stadler deutsche Philologie als Professor in Brüssel. Das Angebot, als Gastprofessor nach Toronto zu gehen, musste er ausschlagen, da der Erste Weltkrieg begann und Stadler als Reserveoffizier eingezogen wurde. Noch im selben Jahr am 30. Oktober 1914 wurde er während der Ersten Flandernschlacht durch eine Granate getötet.

Donnerstag, 29. Oktober 2026

Drei Gedichte von Friedrich Glauser

 



Sehnsucht


Wenn schwarz die Schatten schweben über einsame Wände
fühlst du Schmerz vielleicht und zerfließende Wehmut.
Das Lächeln grinst so grell und flüstert (glaubst du es?)
von roten Blättern, die der Nebel streichelt.
Weiß meinst bisweilen du ein sanftes Kleid zu sehen,
verlangend breiten deine Hände sich aus nach fernem Traum
als sei er Wahrheit.
Sehr kalt jedoch und unnahbar durchaus
beschreitet lautlos unbekannter Götterzug
die ferne graue Asphodelenwiese.

Münsingen, Dez. 1918


Passion

Niemals klagt der Brunnen:
denn Er musste leiden.
Niemals singt der Mond:
denn Er musste weinen.
Und die Taube girrte nicht leise,
weil Er bluten musste.
Und doch rief Er den Vater an,
sah nicht die Mutter zu seinen Füßen.
Das Kleid aber, früher so weiß,
haben schmierige Hände geschwärzt.
Nie werden die Tränen der Heiligen genügen
es zu bleichen.
Er hat die Liebe ins Grab genommen und versteckt.
Wann wird sie auferstehn?
Lange suchte ich sie in schreienden Kirchen,
doch nur ein grauer Hund hat meine Hand geleckt.
Schwarzer Himmel will stürzend mich verschütten,
Scherben werden meine gefalteten Hände verwunden.
Ich möchte den Mond singen hören.

Genf März 1918


Paradies

Das Paradies ist seidenschwarze Nacht
und stumme Stille ohne Stern.
Das Uhrensummen rastet fern,
ein gelber Ball die Leere.
Sehr einfach spielt der Fluss auf sanfter Flöte,
Dunstschleier fallen auf den lauen Sumpf.
Orangensaft kühlt deine Lippen.
Flackernde Kerzen stören selbst den Hund,
der grau und zottig auf lautloses Fell weint.
Und durch die große Stummheit raunen
die Katzen, schwarz, die schweigend weiche Schwänze schwingen.

Genf März 1918


Aus einem Typoskript aus dem Nachlass, Ascona 1920, Schweizer Nationalbibliothek

Friedrich Glauser, geboren am 4. 2. 1896 in Wien, gestorben am 8. 12. 1938 in Nervi bei Genua. Sein Leben war geprägt von Drogenabhängigkeit und Internierungen in psychiatrischen Anstalten. Trotzdem erlangte er mit seinen Erzählungen und Feuilletons, vor allem jedoch mit seinen fünf Wachtmeister-Studer-Romanen, literarischen Ruhm.

1917 debütierte Glauser als Dichter, als er 21-jährig zusammen mit Hugo Ball und Tristan Tzara bei den legendären Dada-Soiréen im Cabaret Voltaire auftrat.

Emmi Hennings über den Dichter: «Ich lernte ihn […] in der ‹Galerie Dada›, im Sprünglihaus an der Bahnhofstrasse kennen. Dort saß ich grad mal an der Kasse, als Glauser kam, der sich die Sturmausstellung ansehen wollte. [….] Und dann sah er sich die Sturmbilder an, und fand allmählich Gefallen, öfter zu kommen. […] Glauser hat dann auch mehrmals in der Galerie gelesen, eigene Sachen und Nachdichtungen.»

«Es ist mir, auch wenn es mir ganz schlecht gegangen ist, immer gewesen, als hätte ich etwas zu sagen, etwas, was außer mir keiner imstande wäre, auf diese Art zu sagen.» (Friedrich Glauser)

Die Illustration ist von Paul Goesch, (ohne Titel, 1928), geboren am 30. August 1885 in Schwerin; gestorben am 22. August 1940 in der NS-Tötungsanstalt Brandenburg, Architekt und Maler.