Sonntag, 3. Mai 2026

Hermann von Boetticher: Sonette des Zurückgekehrten

 


Sonette des Zurückgekehrten (1919)

Dies ist wie Grab. Schwarz sinken Schatten
auf meine aufgebäumten Schultern nieder,
der bleiche Himmel fällt und ein Gefieder
von Dunkelheiten will mich ganz ermatten.

Die Bäume stehen still - freudlose Lieder
erfüllen alle Luft. Durch morsche Latten
kriecht Unkraut zügellos im tiefen Schatten.
Blaß spiegeln Pfützen tränenfeuchte Lider.

Verschüttet ist mein Mund, ich kann nicht schreien
ich gehe durch die Straßen ohne Licht
in fremde Augen meinen Schmerz zu streuen

bis ihn ein falsches Lächeln ganz zerbricht.
O Stern, der durch die Nacht der Erde gütig scheint
verhüll mein Angesicht das schreilos weint.

* * *

Verhüll mein Angesicht das tränenlos
Empörungsstille, ich will dies erleiden
will jeden Schmucks und Trostes mich entkleiden
bis daß der Himmel wieder weit und groß.

Den Lärm der Hoffnung will wie Gift ich meiden.
die Macht verachten, bis sie nackt und bloß
zurückgefallen in der Güte Schoß,
in deren Falten milde Sonnen weiden.

Die Erde hat ihr Innerstes erbrochen
an ihrem Schachte stehen Tote still.
Ich stehe lauschend bis die Stunde reift
die nach dem Sitze meines Schmerzes greift.

* * *

Im bleichen Saale rauchen die Grimassen
um meine Einsamkeit wie Nebelwehen
hinter Gesichtergittern letzte Seelen stehen
indeß Verirrte Ordensbänder fassen.

Auf Winterfelde wie ein Busch von Schlehen
will bittere Beeren streuend ich nicht lassen
von meiner Trauer bis in allen Gassen
die Menschen zornentbrannt im Lichte stehen.

Auch Zarte, die im halbvergessnen Scheine
einst vor mir stand und Gnade auf mich goß
sei fremd mir wie im süßgemischten Weine

die Färbung die nicht aus der Traube floß.
Wohl zuckt in meinem Innern eine Flamme
doch sie gehört dem Volk wie Blitz dem ganzen Stamme.

* * *

Ich habe Tage lang so hingesessen
wie eine Frau die nie Liebe sah
wie einer Lichtbetrogenen geschah
mir diese Zeit vom Wahnsinn ganz besessen.

Die alten Wälder standen um mich da
wie von der Ewigkeit im Spiel vergessen
wie um den Unterschied an mir zu messen
flogen die Vögel meinem Haupt ganz nah.

Ich will in ihre Schwingen taumelnd greifen
verführt von süßem Traum und leichtem Flug
ihr banger Schrei läßt mich den Trug begreifen -

Wer war es der so tief mich niederschlug?
Umfängt Natur mich oder zimmerkranke Wände:
geschändet ist das Sein durch Menschenhände.

* * *

Die Wolken gehen tief die Blätter klagen
im feuchten Laube raschelt leis mein Tritt
an meinen kalten Händen schreiten Tote mit
indeß die Bäume dunkel um uns ragen.

Über die Wipfel rauscht so fern der Wagen
der dumpfen Zeit. Ein Vogel schreit Kiwitt -
die Ewigkeit fällt mein Herz - mein Schritt
verhallt. Lautlos die Lüfte in den Dünsten jagen.

Nun lösen sich die schmerzgeballten Flächen
in meine Seele quillt die Melodie
zeitloser Zeit und jetzt in Silberbächen

erstrahlt der Glanz verlorner Alchemie.
Vorm letzten Kampfe ruht im Blut der Wille
und in mir brauset Gottes tiefste Stille.

* * *

In Gottes Stille bin ich tief versunken
von meinen Händen fließt das bittre Leid
um meine Schultern weht Sein weites Kleid
von unsichtbarem Glanze ganz durchtrunken.

Was mich zerschlug ist von mir abgesunken
die Tore meines Herzens stehen weit
zu dem Empfang von neuem Schmerz bereit
und alles Blut wallt in mir sterbetrunken.

Den Himmel füllt ein Dämmerlicht ganz leise
die Bäume wehen güld´ne Blätter hin
und Silberwinde bringen mir die Speise.

Ich weiß nicht, ob ich träume oder bin.
Doch durch des Todes schmerzensdunkle Wehung
schreit ich in neuem Licht zur Auferstehung.

* * *

Ein bittrer Trug, beschwerten nur Gewichte
des Augenblicks die Seelen die entstellt
ein schlimmer Geist in kalten Händen hält
sich selbst und seinen Jüngern zum Gerichte.

Weiß stehen Kinder bald in anderm Lichte,
von ihren dunkelgroßen Augen fällt
die Häßlichkeit der Zeit und zart erhellt
ein tiefer Schein die gläubigen Gesichte.

Das Licht ist ewig und wir müssen
die Strahlen uns ums Haupt versammeln
die von den großen Toten zu uns grüßen.

Was soll uns dieser Tage wirres Stammeln?
Der wilde Lärm der laut nach dir begehrt
ist Bruder deine Seelennot nicht wert.

* * *

Mein Bruder, deine roten Würgerhände
sind nichts als Gottes dunkle Strahlen
hervorgebrochen aus den Schalen
von seiner Sanftmut wie Legende.

Vom letzten Lichte trennen dich nur Wände
die Seine Stunden über Nacht zermahlen
dann wirst auch du in einem Glanz erstrahlen
und rein aufstehen von des Kampfes Ende.

Die Ewigkeit spielt lächelnd mit den Dingen
die blutiggroß in dir geschrieben stehn
und während die Planeten Hymnen singen

wird was du tatest lautlos untergehn:
Vor eines Herzens Lächeln bricht in Stücke
Dein lauter Ruhm und alle seine Tücke.

Sonette des Zurückgekehrten, Bruno Wollbrück Verlag, Weimar 1919

Hermann von Boetticher, geboren am 13. August 1887 in Eldingen; ermordet am 28. April 1941 in NS-Tötungsanstalt Sonnenstein, Sachsen) Er ist beigesetzt auf dem Stadtfriedhof Göttingen

Sonntag, 19. April 2026

Gertrud Kantorowicz - Aus: Verse aus Theresienstadt

 




Dresden - Theresienstadt

(6. VIII. 42)

Stumme Fahrt durch blumige Gesteine:
Jeder Felsengrat bewegt beflügelt
- Mit dem Sprühquell zart ins Laub gezügelt -
Hebt er Stamm um Stamm zum oberen Haine.
Berghaupt Gotthaupt lugt aus grünem Schreine.

Schlank Gewild ins Schlingwerk steil gegliedert
- Wie´s die Finger heiliger Frauen schufen -
Dorf Burg Teich Wall - vielen Lebens Stufen
Sprühen im Glanz wo Strahl den Strahl erwidert.
Nur der Westhang lauscht blau überfliedert.

Dunkler Strom - all dies in ihm gespiegelt
Zauberisch gelöst tief eingezwängt -
Lichtlos. Warum Dämmerung gewiegelt
Folgt dem Bild mein Blick bang angedrängt?
Welt Nacht Schönheit! Nimm was Dir verhängt.


Das Sterben

Brennender Durst in deiner armen Kehle,
Um vergehende Glieder des Todes Duft,
Immer, immer näher der dunklen Kluft −
Heiterer Geist, freudige Seele
Wohin schwankt ihr, eh noch der Atem schwand?
Daß ich den Blick, den vertrauten im brechenden Blick nicht mehr fand
− Fühlst du von drüben nicht, wie Gedenken mich quäle? −
Wenn nun die Nacht kam, wenn mein Traum dich entbannt.
Kehr, o zurück wie du warst, daß nicht der Freund mir,
Nicht der Gefährte mir fehle!

(16. November 1942)


                                                    10. Februar 1943

So welkst Du und der Schritt der Stunden altert
Kein Lachen säumt mehr unserer Wochen Ernst
Dass Du die dunklen Gänge gehen lernst
Die lebend Licht und Blume nur umflattert.

Tochter des Tages! nun Du Dich entfernst
Unwissend folgend dem erhabenen Müssen
Greisin die Du den Augenblick besternst -
Wie still wir die beringten Finger küssen

Und decken Dich mit Falten seidnen schweren
Gestickten Randwerks - Vogel Schilf und Wald -
Verwandlung greift nach Dir: groß die Gestalt
Gelassen droht Dein Mund - und wir verehren.


* * *

Listiger schneidet das Leben
                                  seinen betäubenden Willen
Menschen durch Auge und Sinn
                                 als unser Stolz sich versieht.
Heute noch ging ich den leichten Pfad
                                 durch die Gänge des Frühlings
Wundersam Freude geneigt
                                 spielend mit Welten der Kraft.
Nah da am Zaun schlug die Lippe ganz so
                                 ein Ästlein vom Flieder
Wie einst im Gärtchen das Kind -
                                 Träne so rinne denn hin.

Gertrud Kantorowicz, aus: Verse aus Theresienstadt

Gertrud Kantorowicz wurde in Poznan (Posen) geboren. Sie war Kunsthistorikerin und Übersetzerin. Einst gehörte sie zum Kreis um den Dichter Stefan George. Sie wurde am 6. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 19./20.April 1945, also wenige Tage vor der Befreiung, starb. Ihre im Ghetto geschriebenen Gedichte erschienen 1948 unter dem Titel Verse aus Theresienstadt.

In der Reihe der Personen um Stefan George spielte die Dichterin eine besondere Rolle: Sie war die einzige Frau, die George für würdig befand, in seinen „Blättern für die Kunst“ eigene Arbeiten zu veröffentlichen. So erschien in der vierten Folge der „Blätter“ im Jahr 1899 eine Auswahl von Gedichten der dreiundzwanzigjährigen „Poetessa“, wie Friedrich Gundolf sie nannte.

Samstag, 7. März 2026

Ricarda Huch: Zwei Gärten

 



Zwei Gärten

Schwer von Jasminduft, weht aus dunklen Gärten
Der Mittagswind:
Ich denke euer, die ihr Spielgefährten
Mir ward als Kind.

Der Tulpenbaum mit grünen Blumenbechern,
Drin Nektar quillt,
Der gute Birnbaum, der uns kleinen Zechern
Die Hand gefüllt.

Vorüber eilt man scheu dem feuchten Grunde,
Wo moosbefleckt,
Dämonenbös mit schwarzem Schlangenmunde
Der Brunnen schreckt.

Der Ton von Bienen, die den Honig mischen,
Summt überall,
Unendlich klagt des Nachts aus Duftgebüschen
Die Nachtigall.

Ein Garten war, da blühten Georginen
Im Purpurflor
Und Sonnenblumen mit des Cherubs Mienen
Am offenen Tor.

Mohnpuppen kamen auch, die schönberockten,
Im grünen Schal,
Wenn die Holunderblütenküchlein lockten
Zu duftgen Mahl.

Der weiße Elefant verbarg im Grase
Sein Rosenohr,
Das rote Bällchen sich als Seifenblase
Im Blau verlor.

Es weht mich an, Erinnerungen trunken,
Der Mittagswind.
An alte Gärten denk ich, die versunken
Auf immer sind.

Ricarda Huch, aus: Herbstfeuer, Gedichte, Insel-Verlag, 1948

Ricarda Huch, geboren am 18. Juli 1864 in Braunschweig, gestorben am 17. November 1947 in Schönberg/Taunus, Schriftstellerin, Historikerin, Philosophin

Das Bild „Bauerngarten mit Sonnenblumen“ ist von Gustav Klimt (1862 - 1918)

Dienstag, 3. März 2026

Ricarda Huch: Vorfrühling

 



Vorfrühling

Lass uns vergessen die Qual
Des langen Winters und die Totenklage!
Stehn auch die Wälder noch kahl,
Gekommen sind die braunen Veilchentage.

Du siehst noch nichts Grünes ringsum,
Du hörst noch nicht der Lerche junge Lieder
Und nicht der Bienen Gesumm,
Nur Krähen krächzen traurig hin und wieder.

Doch blüht es schon gelb und blau
Aus welken Buchenblättern, faulig feuchten,
Die Lüfte sind weich und lau,
Und an den Stämmen hängt ein schwaches Leuchten.

Noch zittert das wunde Herz, -
Wir waren allzu schwer, zu tief getroffen.
Vergiss nun, vergiss! Es ist März,
Der Schmerz verklingt, wir werden wieder hoffen!

Ricarda Huch, aus: Herbstfeuer, Gedichte, Insel-Verlag, 1948

Ricarda Huch, geboren am 18. Juli 1864 in Braunschweig, gestorben am 17. November 1947 in Schönberg/Taunus, Schriftstellerin, Historikerin, Philosophin

Das Bild „Early Spring“ ist von Alexei Sarvrasov (1830 - 1897)

Mittwoch, 18. Februar 2026

Henni Lehmann: Hiddensee, Dem Geist des Lichts, Abendsonne

 



Hiddensee

Um meine Insel singt das Meer sein Lied.
Sie schwimmt in Flut gleich schmalem grünen Blatte,
Sie reckt in Dünen Heide, Moor und matte
Leuchtfeuer glimmen, und die Möve zieht.

Es singt von toter Sonne, die verschied,
Damit die Nacht mit Frieden uns umschatte,
Von Himmelswölkchen, weich wie Flöckchen Watte,
Vom Sturm, der jauchzend in die Ferne flieht.

Die Lieder alle singt es, die sie sangen
An fremden Ufern, Chöre, die erklangen
Aus Orgeln, von den Betern, die dort knien.

Und wie am Inselstrand in Muscheln, Kieseln
Die feinen Wasserfäden sacht verrieseln,
Empfängt es meiner Seele Melodien.


Dem Geist des Lichts


Tritt ein in meinen Garten, Geist des Lichts,
Und gib mir deine kühlen frommen Hände,
Daß ich den Strom der Liebe zu dir wende,
Verklärte Form des Gottesangesichts.

Wie einst am Tag verkündeten Gerichts
Sich ew’gen Segens heilig frohe Spende
Ergießt in Welten ohne Zahl und Ende,
So rette mich erlösend aus dem Nichts.

Es gibt noch Sonnen, die am Himmel brennen,
Es gibt noch Wege, die wir beide kennen,
Dort lass uns freudig und in Frieden wandeln!

Und dort, in der geweihten Stille,
Erwächst aus Wunsch und Traum der Wille,
Und Wille hebt sich zu befreitem Handeln.


Abendsonne

Verglühter Abend, deine Strahlen sinken
Auf Veilchenbeete, die nun rötlich glühen,
Und droben seh ich ros’ge Veilchen blühen
Am Himmel, dessen Glanz die Lüfte trinken.

Im Busch ertönt noch später Schlag der Finken,
Vom Turme Glockentöne, die den Mühen
Des Tags ein Ziel verkünden, da die frühen
Verträumten Sterne schon am Himmel blinken.

Das alles ist so licht und leicht und schwebend,
So ganz in Duft und Glanz und Reinheit lebend,
Daß Träume sich mit goldnen Reifen krönen.

Nun zur Erfüllung wird das kaum Geahnte,
Zum Pfade gangbar wird das ungebahnte,
Der Sehnsucht Welle ebbt im ewig Schönen.

Henriette „Henni“ Lehmann, aus: Es singt das Meer, Sonette und Terzinen, Weimar: W. von Kornatzki 1922.

Henriette „Henni“ Lehmann, geboren am 10. Oktober 1862 als Henriette Straßmann in Berlin, gestorben am 18. Februar 1937 ebendort, politisch und sozial engagierte Künstlerin und Autorin.

1911 zog sie mit ihrer Familie nach Göttingen, nachdem ihr Mann eine Professur an der Universität Göttingen erhalten hatte. Während des Ersten Weltkriegs war sie Leiterin der Göttinger Abteilung des Nationalen Frauendienstes (NFD) innerhalb des Vaterländischen Kriegshilfsdiensts. 1919 wurde sie Mitglied der SPD.

Nach dem Tod ihres Mannes blieb sie zunächst in Göttingen, übersiedelte dann aber 1922 nach Weimar. Während der Weimarer Republik engagierte sie sich in der Arbeiterwohlfahrt. Sie schrieb sozial engagierte Romane und hielt Vorträge. Auch trat sie gegen den Antisemitismus auf.

Ab 1907 verbrachte die Familie Lehmann die Sommerferien regelmäßig auf der Insel Hiddensee und erwarb im selben Jahr ein Grundstück in Vitte, auf dem Henni Lehmann ein Landhaus errichten ließ, das bis 1937 als Sommersitz genutzt wurde.

Henni Lehmann engagierte sich auf Hiddensee für die Schaffung besserer Lebensumstände und zählte 1909 zu den Gründungsmitgliedern der Genossenschaftsreederei. 1913 gab sie den Insulanern ein Darlehen zum Bau eines Arzthauses, und 1914 gehörte sie zu den Mitbegründern und ersten Vorstandsmitgliedern des Natur- und Heimatschutzbundes Hiddensee.

Um 1919 kaufte Henni Lehmann noch die neben ihrem Landhaus befindliche Bäckerscheune, die sie zu einem Atelier mit Ausstellungsraum umbauen ließ. Sie erhielt die Bezeichnung Blaue Scheune und wurde zum Zentrum des Hiddenseer Künstlerinnenbundes, zu dem unter anderem Clara Arnheim, Elisabeth Büchsel und Käthe Löwenthal gehörten. Durch die NS-Herrschaft war dies ab 1933 nicht mehr möglich.

Etwa 1935 wurde bei ihr Krebs diagnostiziert. In der Hoffnung auf eine fachgerechte medizinische Versorgung fuhr sie danach häufig nach Berlin und wohnte dort bei ihrer Freundin und Mitarbeiterin Clara Arnheim. Am 18. Februar 1937 nahm sie sich dort das Leben.

Das Bild „Bäuerin auf der Straße in Kloster (Hiddensee)“, gemalt 1918, ist von ihr.


Dienstag, 3. Februar 2026

Lili Grün: Geliebter Freund, Angst vor dem Herbst, An meinen Mann. . .

 



Geliebter Freund

Du hast mir nun geschrieben
Und hast gefragt wie es mir geht
Und was mit Arbeit ist und Geldverdienen
Und wie’s im Allgemeinen um mich steht.

Du schreibst, ganz ohne Groll und Hader,
Was du mir angetan, es soll vergeben sein
Und all mein Schmerz und meine bittren Tränen
In Gottes Namen willst du dir verzeihen.

Du wohnst bei deinem Schwiegervater,
Er nahm dich gerne auf in Kost und in Quartier …
Ich find’ die Sache ja ein bißchen schäbig,
Nicht einen Pfennig Mitgift gab er ihr.

Zum Schluß meinst du, ich soll dir Antwort schreiben,
Natürlich nur in dein Geschäft,
Denn deine junge Frau, sie könnte drunter leiden
Und wenn sie meinen Brief erwischt,
Dann ging’s dir schlecht.

Geliebter Freund, ich hab’ dir nichts zu sagen:
Denn du bist fremd und fern und alles ist vorbei.
Ich hab’ dich sehr geliebt … es ist vorüber,
Ich sprech’ nicht gern davon … kurz: Schwamm darüber!

Lili Grün, aus: Tempo, 1. November 1929


Angst vor dem Herbst

Manchmal kommt es vor, dass ich erschrecke,
Und ich eil zu meinem Spiegel hin.
Staunend blick ich mir daraus entgegen.
Ist es wahr, dass ich erwachsen bin?

Bin ich nicht noch gestern Kind gewesen,
Durft´ in meinen Märchenbüchern lesen,
Bin auf meiner Mutter Schoß gesessen,
Hab von einem bunten Tellerchen gegessen,

Hab von allen Engelchen geträumt,
Wiesenblumen haben meinen Weg umsäumt,
War ein ungezognes, liebes Kind,
Bin am Sonntag schreiend Karussell gefahren -
War das wirklich vor so langen Jahren?

Ach, ich hab gelernt zu resignieren,
Glauben, Treu und Hoffnung zu verlieren,
Hab gelernt mich anzupassen,
Zu beneiden und zu hassen.
Grau und trostlos ist das Heute. . .
. . . Ja, aus Kindern werden Leute. . .

Lili Grün, aus: Prager Montagsblatt, 17. September 1934


An meinen Mann. . .

Immer bist Du schlechter Laune,
Selten bist Du nett zu mir,
Höflich bist Du nur zu andern Frauen,
Zu mir kommst Du mit gefurchten Augenbrauen
Und den Sorgenfalten auf der Stirn.

Alles tu ich, um Dir zu gefallen,
Seh die Welt mit Deinen Augen an,
Ich bin Wachs in Deinen Händen,
Du bleibst fremd und fern,
Du bist ein Mann.

Manchmal legst Du Deine Hand auf meinen Scheitel
Und ich sehe Deine Augen über mir
Und mein Herz droht fast zu brechen
Und ich denke mir, jetzt wirst Du sprechen,
Doch die Worte ungesprochen
Bleiben in Dir.

Wie Du lachst, und wie Du lärmst,
Wie Du tobst und wie Du schwärmst,
Wissen alle andern.
Doch Dein Antlitz gramerfüllt,
Wie es Gott erschuf nach seinem Ebenbild,
Deine Seele, hilflos, zart und kinderrein,
Kenn nur ich allein. . .

Lili Grün, aus: Prager Montagsblatt. 23. Juli 1934, unter dem Titel Lied einer Ehefrau. In: Der Wiener Tag. 5. August 1937

Lili Grün wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit Freundinnen und Freunden aus der Künstlerszene ein literarisch-politisches Kabarett eröffnete. Zurück in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz über Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Mit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und am 1. Juni 1942 mit anderen Opfern, darunter die Dichterin Alma Johanna Koenig, im weißrussischen Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.

Das Foto der Künstlerin aus: Der Tag vom 6. 12. 1936

Mittwoch, 28. Januar 2026

Kurt Finkenstein: Reue / Hoffnung

 



Reue


Mich reut der Tag, der Dir kein neues Glück gebracht,
die Nacht, die Dir nicht neue Liebe schenkte!
Mich reut, dass ich nicht klüger über Dich gewacht,
als uns das Unheil schon so nah bedrängte.
Mich reut manch rasches Wort, das einst Dich kränkte,
schnell hingeschwatzt - so mühsam wieder gut gemacht!
Mich reut der Schritt, der nicht in Deinen Arm mich lenkte,
und der Gedanke, den ich nicht für Dich gedacht.
Mich reut, dass ich den schnöden Heuchlern nicht misstraute,
doch stur des Freundes ernste Mahnung überhörte,
mich reut, dass ich die öden Schmeichler nicht durchschaute,
weil meinen Sinn ein Lügenspuk betörte!
Mich reut, dass ich Dein Glück achtlos auf Flugsand baute. -
Mich reut im Tode noch, dass ich Dein Leben so zerstörte.


Hoffnung


Wie darf ich hoffen, je Dir abzubitten
schmerzliche Scham, die Du um meine Schuld erlitten,
unbillig Leid, das Du um mein Versehn erfahren
in lebensfernen, leeren Schreckensjahren!
Hab ich denn auf dem falschen Platz gestritten?
Muss dies geschehn, weil ohne Arg inmitten
geahnter, nicht gefürchteter Gefahren
wir so verwegen blindlings glücklich waren?

Dass immer nur mein leicht erregtes Herz in Flammen,
um mitgefühltes Unglück meiner Freunde stand,
weißt Du gewiss - Du wirst es nicht verdammen!
O wär es doch, wenn ich dies Grauen einmal überwand,
dass Du verzeihend gingst mit mir zusammen
den abendlichen Wegrest Hand in Hand!

Kurt Finkenstein, aus einem Brief an Käte Westhoff vom 23. 10. 1938, in: Briefe aus der Haft 1935 - 1943, herausgegeben, kommentiert und eingeleitet von Dietfried Krause-Vilmar, Mitarbeit Susanne Schneider, Verlag Winfried Jenior, Kassel 2001

Kurt Finkenstein wurde als Sohn eines deutschen Offiziers und einer polnischen Jüdin am 27.3.1893 in Straßburg geboren. Seine pazifistische Gesinnung und literarische Interessen führten ihn zur Mitarbeit an der Zs. "Die Aktion" (Hg. Franz Pfemfert). Nach dem Krieg ließ Kurt Finkenstein sich in Kassel als anerkannter Zahntechniker nieder. Er war ein politischer Intellektueller; er hatte zuerst der USPD, dann der KPD bis 1925 angehört. Kunst, Theater, Musik und Literatur waren seine Welt. Als Kommunist, Pazifist und Jude wurde er von den Nazis verfolgt und bereits 1933 im KZ Breitenau eingesperrt. 1935 wurde Kurt Finkenstein gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Käte Westhoff verhaftet. Mehr als 27 Monate war er in Kasseler Gefängnissen in Untersuchungshaft; im November 1937 wurde er zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" verurteilt. Käte Westhoff wurde nach ihrem Freispruch 1937 in das (Frauen-)KZ Moringen, von dort in das KZ Lichtenburg gebracht. In der Gefangenschaft erfuhr Kurt Finkenstein vom Tod seiner früheren Frau und seiner beiden Söhne, die als Soldaten in Russland ihr Leben ließen. Am letzten Tage der Verbüßung der Zuchthausstrafe wurde er von der Gestapo in Schutzhaft genommen und erneut nach Breitenau, später von dort nach Auschwitz deportiert, wo er am 29. Januar 1944 ums Leben kam.