Freitag, 30. Oktober 2026

Vier Gedichte von Egon Schiele; Erwin Rieger: Kunst und Künstler

 



Ein Selbstbild

Ein ewiges Träumen voll süßesten
Lebensüberschuss - rastlos, -
mit bangen Schmerzen innen, in der
Seele. - Lodert, brennt, wächst
nach Kampf, - Herzkrampf.
Wegen und wahnwitzig rege mit
angeregter Lust. - Machtlos ist
die Qual des Denkens, sinnlos, um
Gedanken zu reichen. - Sprache
die Sprache des Schöpfers und
Gabe. - Dämone! - Brecht die
Gewalt! -
Eure Sprache, - eure Zeichen, -
eure Macht.

Handgeschriebene Karte, Leopoldmuseum Wien


Landstraße

Die hohen Bäume gingen alle die
Straße entlang, in ihnen zirpten
zittrige Vögel. - Mit großen
Schritten und roten Böseaugen
Durchlief ich die nassen Straßen.

Handgeschriebene Karte, Leopoldmuseum Wien 


Tannenwald

Ich kehre ein in den rotschwarzen
Dom des dichten Tannenwaldes,
der ohne Lärmen lebt und
mimisch sich anschaut,
die Augenstämme die dicht
sich greifen und die sichtbare
nasse Luft ausatmen. -
Wie wohl! - Alles ist
       lebend tot.

Handgeschriebene Karte, Leopoldmuseum Wien 


Ein Selbstbild

Ich bin für mich und die, denen
die durstige Trunksucht nach
Freisein bei mir alles schenkt
und auch für alle, weil alle
ich auch liebe, - liebe.

Ich bin von Vornehmsten
der Vornehmste
und von Rückgebern
der Rückgebigste

Ich bin Mensch, ich liebe
den Tod und liebe
das Leben.

Handgeschriebene Karte 1910, Leopoldmuseum Wien 


Kunst und Künstler

Für Herrn Egon Schiele


Kunst sei die Kraft, die Hände so zu regen,
dass sie, ergriffen nur und nur im Zwange,
verführt von unseres Geistes wilden Drange
und doch bewusst der höchsten Arbeit pflegen

Der Schweiß ist dieser Erde tiefster Segen.
Was sich uns bietet, trägt den Kopf der Schlange.
Gefesselt sei die Not im Bild, im Klange:
Gebändigt nur kann man dem Licht entgegen.

Der Künstler ist. - Er kommt aus Kinderzeiten;
in allen Tümpeln spiegeln Seligkeiten,
aus allen Himmeln fließt die Qual. Ergebnis
ist jeder Schritt in seinem Vorwärtsschreiten
zu neuer Tat. - Lasst uns die Stirne weiten
und jung sein vor dem rauschenden Ergebnis!

Erwin Rieger, Typoskript vom September 1917, Albertina Museum, Wien

Egon Schiele, geboren am 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Österreich-Ungarn; gestorben am 31. Oktober 1918 in Wien, Maler des Expressionismus. Neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zählt er zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne. Außerdem betätigte er sich auch als Lyriker. Das Selbstportrait oben ist von 1910. 

Erwin Rieger, geboren am 13. September 1889 in Wien; gestorben am 25. November 1940 in Tunis, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer. 1918 lernte er in der Schweiz Stefan Zweig kennen, den er bei Übersetzungs- und Recherchearbeiten wesentlich unterstützte, 1936 wird Rieger Theaterkritiker der Neuen Freien Presse in Wien. Der Austrofaschismus und die Gefahr als Homosexueller verhaftet zu werden, treiben ihn außer Landes. 1938 emigriert er zunächst nach Frankreich und im selben Jahr weiter nach Tunesien, wo er unter ungeklärten Umständen stirbt. Die Vermutungen reichen von Selbstmord bis hin zu Mord.

Drei Gedichte von Ernst Stadler

 



Reinigung

Lösche alle deine Tag´ und Nächte aus!
Räume alle fremden Bilder fort aus deinem Haus!
Lass Regendunkel über deine Schollen niedergehn!
Lausche: dein Blut will klingend in dir auferstehn! -
Fühlst du: schon schwemmt die starke Flut dich neu und rein,
Schon bist du selig in dir selbst allein
Und wie mit Auferstehungslicht umhangen -
Hörst du: schon ist die Erde um dich leer und weit
Und deine Seele atemlose Trunkenheit,
Die Morgenstimme deines Gottes zu umfangen.


In Dir

Du wollstest dir entfliehn, an Fremdes dich fortschenken,
Vergangenheit auslöschen, neue Ströme in dich lenken -
Und fandest tiefer in dich selbst zurück.
Befleckung glitt von dir und ward zu Glück.
Nun fühlst du Schicksal deinem Herzen dienen,
Ganz nah bei dir, leidend von allen Sternen überschienen.


Glück

Nun sind vor meines Glückes Stimme alle Sehnsuchtsvögel weggeflogen.
Ich schaue still den Wolken zu, die über meinem Fenster in die Bläue jagen -
Sie locken nicht mehr, mich zu fernen Küsten fortzutragen,
Wie einst, da Sterne, Wind und Sonne wehrlos mich ins Weite zogen.
In deine Liebe bin ich wie in einem Mantel eingeschlagen.
Ich fühle deines Herzens Schlag, der über meinem Herzen zuckt.
Ich steige selig in die Kammer meines Glückes nieder,
Ganz tief in mir, so wie ein Vogel, der ins flaumige Gefieder
Zu sommerdunklen Traum das Köpfchen niederduckt.

Ernst Stadler, aus: Der Aufbruch, Gedichte, Kurt Wollf Verlag, München 1920, zweite Auflage, zuerst veröffentlicht im Verlag der weißen Bücher, Leipzig, 1914

Ernst Stadler, geboren am 11. August 1883 in Colmar, Elsass, Lyriker. Von 1910 bis 1914 lehrte Stadler deutsche Philologie als Professor in Brüssel. Das Angebot, als Gastprofessor nach Toronto zu gehen, musste er ausschlagen, da der Erste Weltkrieg begann und Stadler als Reserveoffizier eingezogen wurde. Noch im selben Jahr am 30. Oktober 1914 wurde er während der Ersten Flandernschlacht durch eine Granate getötet.

Donnerstag, 29. Oktober 2026

Drei Gedichte von Friedrich Glauser

 



Sehnsucht


Wenn schwarz die Schatten schweben über einsame Wände
fühlst du Schmerz vielleicht und zerfließende Wehmut.
Das Lächeln grinst so grell und flüstert (glaubst du es?)
von roten Blättern, die der Nebel streichelt.
Weiß meinst bisweilen du ein sanftes Kleid zu sehen,
verlangend breiten deine Hände sich aus nach fernem Traum
als sei er Wahrheit.
Sehr kalt jedoch und unnahbar durchaus
beschreitet lautlos unbekannter Götterzug
die ferne graue Asphodelenwiese.

Münsingen, Dez. 1918


Passion

Niemals klagt der Brunnen:
denn Er musste leiden.
Niemals singt der Mond:
denn Er musste weinen.
Und die Taube girrte nicht leise,
weil Er bluten musste.
Und doch rief Er den Vater an,
sah nicht die Mutter zu seinen Füßen.
Das Kleid aber, früher so weiß,
haben schmierige Hände geschwärzt.
Nie werden die Tränen der Heiligen genügen
es zu bleichen.
Er hat die Liebe ins Grab genommen und versteckt.
Wann wird sie auferstehn?
Lange suchte ich sie in schreienden Kirchen,
doch nur ein grauer Hund hat meine Hand geleckt.
Schwarzer Himmel will stürzend mich verschütten,
Scherben werden meine gefalteten Hände verwunden.
Ich möchte den Mond singen hören.

Genf März 1918


Paradies

Das Paradies ist seidenschwarze Nacht
und stumme Stille ohne Stern.
Das Uhrensummen rastet fern,
ein gelber Ball die Leere.
Sehr einfach spielt der Fluss auf sanfter Flöte,
Dunstschleier fallen auf den lauen Sumpf.
Orangensaft kühlt deine Lippen.
Flackernde Kerzen stören selbst den Hund,
der grau und zottig auf lautloses Fell weint.
Und durch die große Stummheit raunen
die Katzen, schwarz, die schweigend weiche Schwänze schwingen.

Genf März 1918


Aus einem Typoskript aus dem Nachlass, Ascona 1920, Schweizer Nationalbibliothek

Friedrich Glauser, geboren am 4. 2. 1896 in Wien, gestorben am 8. 12. 1938 in Nervi bei Genua. Sein Leben war geprägt von Drogenabhängigkeit und Internierungen in psychiatrischen Anstalten. Trotzdem erlangte er mit seinen Erzählungen und Feuilletons, vor allem jedoch mit seinen fünf Wachtmeister-Studer-Romanen, literarischen Ruhm.

1917 debütierte Glauser als Dichter, als er 21-jährig zusammen mit Hugo Ball und Tristan Tzara bei den legendären Dada-Soiréen im Cabaret Voltaire auftrat.

Emmi Hennings über den Dichter: «Ich lernte ihn […] in der ‹Galerie Dada›, im Sprünglihaus an der Bahnhofstrasse kennen. Dort saß ich grad mal an der Kasse, als Glauser kam, der sich die Sturmausstellung ansehen wollte. [….] Und dann sah er sich die Sturmbilder an, und fand allmählich Gefallen, öfter zu kommen. […] Glauser hat dann auch mehrmals in der Galerie gelesen, eigene Sachen und Nachdichtungen.»

«Es ist mir, auch wenn es mir ganz schlecht gegangen ist, immer gewesen, als hätte ich etwas zu sagen, etwas, was außer mir keiner imstande wäre, auf diese Art zu sagen.» (Friedrich Glauser)

Die Illustration ist von Paul Goesch, (ohne Titel, 1928), geboren am 30. August 1885 in Schwerin; gestorben am 22. August 1940 in der NS-Tötungsanstalt Brandenburg, Architekt und Maler.

Mittwoch, 28. Oktober 2026

Drei Gedichte von Thekla Mervin

 



Zwiegespräch

O Suchender, Du fragst zu viel,
Ich kann nicht Lose werfen, nicht Geschicke lenken,
Denn alle sind wir nur der dunklen Mächte Spiel.

Mein Herz, was nützt dem Sterblichen das Denken
Und bange Grübeln? - Sei ein Tor, ein Kind,
Nimm hin, was dir die Götter gnädig schenken.

Schon winkt uns Charon, weht ein kalter Wind,
Wir fallen ab wie Blätter von den Zweigen,
Wie arm sind Zeiten, die gewesen sind!

O Menschendasein, gleich und dennoch eigen,
Wie voll das Herz, wie leer ist der Verstand!
Wir heischen ewig Antwort - ewig ist die Antwort Schweigen.

Und ging ich noch einmal durch dieser Erde schönes Land,
Ich wär ein gleicher Tor und wie ein Tor besessen,
Von aller Leidenschaft und allem Unverstand.

Denn Leben, liebstes Herz, heißt suchen, lernen und vergessen.


Aus: Prager Tageblatt vom 20. 1. 1924


November

Staub und Blätter fegt der kalte Wind
Und sie sterben, uns´re süßen Tage - -
Alte Weisheit ist´s und alte Klage,
Dass wir Blättern gleich vergänglich sind.

Wie der Sturm, der durch die Bäume weht,
Brausend fliehen hin die hellen Stunden;
Wäre nur die Sehnsucht mitentschwunden
Doch sie bleibt und uns´re Jugend geht.

Also gleitet der besonnte Nachen
Immer rascher dunklen Landen zu,
Klage nicht, geliebtes Leben du,
Lass´ uns fröhlich enden, sterbend lachen!

Wie dies Glas, das trunken wir geleert,
Lass´ uns irgendwo und -wann zerschellen,
Wenn wir treiben auf des Lebens Wellen
Heiß und jauchzend, stolz und unbekehrt.


Aus: Prager Tageblatt vom 21. 10. 1923



Dann kommt ein Tag. . .


. . . Dann kommt ein Tag, an dem es kein Erwachen gibt,
Und wo du austrittst aus dem wunderlichen Reigen
Der Welt, die du gehasst und ach! geliebt.

Mag Liebe flehend sich zu deinem Lager neigen,
Die kalten Hände ruhen still im Schoß,
Die bleichen Lippen schweigen, schweigen, schweigen.

Nun bist du ferner als der Stern, der groß
Und einsam steht am nächtigen Horizonte
Und teilst doch nur das allgemeine Los.

Auge, dass sich im andern sonnte,
Was sahst du noch mit deinem starren Blick,
Das dein zerquälter Mund nicht sagen konnte?

Sahst du der ersten Jugend helles Glück?
Gingst du zurück auf allen irren Wegen?
Wahrheit gibt nur der letzte Augenblick.

Was ist dir Leiden nun, was ist dir Segen?
Wo ist der Weg, denn jetzt dein Wille geht,
Wenn sie dich in den Schoß der Erde legen?

Rasch ist die Zeit, rasch ist der Tag verweht,
Wer gibt uns Antwort auf die dunklen Fragen?
Schon ist es Abend - sieh´ es ist zu spät.

Wohl kann ich Freude noch und Schmerzen tragen,
Bin noch ein Mensch, der kämpft und hasst und liebt,
Kann weinen, jauchzen, glücklich sein und klagen.

. . . Doch kommt ein Tag, an dem es kein Erwachen gibt.

Aus: Prager Tageblatt vom 4. 11. 1923


Thekla Merwin, österreichische Schriftstellerin, wurde am 25. April 1887 in Riga geboren.

1911 erschienen Merwins erste Publikationen, anfangs noch gezeichnet mit Thekla Merwin-Blech. Sie veröffentlichte Gedichte, Feuilletons, kurze Prosawerke und Dialoge in dutzenden Zeitschriften und Zeitungen, eine selbstständige Publikation kam jedoch nicht heraus. 1933 wurde sie Mitglied der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller. Thekla und ihre Tochter Magda Merwin wurden am 24. September 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert. Mit dem Transport vom 19. Oktober 1944 wurden Mutter und Tochter ins KZ Auschwitz-Birkenau gebracht und am 20. Oktober 1944 in der Gaskammer des Krematoriums III ermordet.


Das Bild mit dem Titel Herbststurm (1912) ist von Leo Putz, geboren am 18. Juni 1869 in Meran, gestorben am 21. Juli 1840 dortselbst. 1935 lebte er in München, wurde 1936 mehrmals von der Geheimen Staatspolizei verhört und musste schließlich nach Südtirol (Italien) fliehen. 1937 wurden in der Nazi-Aktion „Entartete Kunst“ aus den Staatlichen Kunstsammlungen Kassel sein Aquarell Zwei Akte und die Druckgrafiken Liegender Frauenakt und Zwei Akte beschlagnahmt und vernichtet.

Dienstag, 27. Oktober 2026

Albert Dreyfus: Atelier

 


Atelier

Der Wind wirft Regen an die großen Scheiben
wie Pfeile bald und bald wie Klagelaute;
vom Ofen rot schwingt Wärme, und die Lampe
streut goldne Strahlen aus der seidnen Hülle.
Vom Licht umsponnen sitzest du und schaust
und rührst mit keinem Ton und keinem Wunsch an
die Stille dieses Raumes und schenkst dich ganz
doch mir und schenkst dich so, als hätte sich
von draußen in der Welt die Schönheit aus
dem Lärm des Leides, dem die Scheiben wehren,
zu dir geflüchtet.

Albert Dreyfus, geboren am 29. Januar 1876 in Frankfurt am Main, gestorben 1945, genaues Todesdatum nicht bekannt; Schriftsteller, Kunsthistoriker und Übersetzer, aus: Der Sturm, 18. August 1910

Das Bild ist von Ernst Ludwig Kirchner (1880 - 1938) (Erna im Atelier, 1925)

Montag, 26. Oktober 2026

August Stramm: Weltwehe

 



Weltwehe

Nichts Nichts Nichts
Haucht
Nichts
Hauchen
Nichts
Hauch
Wagen
Wagen wegen
Wegen regen
Stauen
Lauen
Weben schweben wallen ballen
Warmen
Biegen bogen
Wärmen
Drehen drehen
Dunsten
Streifen glimmen
Fachen
Hitzen
Glühen
Wellen
Sieden brodeln rauschen brausen
Züngeln springen
Flammen spritzen
Platzen
Knatter knallen krachen
Tausend
Null Null Null
Tausend
Null
Milliarden
Null Null Null
Weissen
Lichten
Kreisen kreisen
Bahnen
Fliegen
Kreisen kreisen
Rollen
Kugeln
Kugeln kugeln
Glatten
Kugeln
Platten
Kugeln
Kreisen
Kugeln
Dichten schichten wichten
Walzen wälzen
Festen
Kreisen
Pressen
Kugeln
Schmieden
Kreisen
Kernen
Kugeln
Kern
Halten fassen kraften schwingen
Ruhen reissen sprengen
Heben senken falten
Schieben wagen
Starren
Heissen
Beben
Schweigen
Beben leben
Atmen
Leben
Leben leben
Zeugen
Bären
Leben leben
Blühen
Wachsen
Leben leben
Brennen
Starken marken
Rollen rollen
Leuchten trocknen feuchten lichten
Streben ranken
Tönen
Ringen
Kämpfen
Ringen
Ringen
Wollen
Können
Schwanken
Können
Wollen
Blühen
Wollen
Rollen
Können
Kranken
Placken racken ächzen
Rollen
Wollen
Lallen
Wollen wollen
Ranken
Wollen wollen
Rollen
Drehen wehen rollen
Wollen wollen
Stürmen wollen
Drehen
Matten wollen matten
Rollen drehen
Wehen wehen
Wollen
Kreisen
Engen
Kreisen
Schwanken
Wanken
Zittern
Schwingen
Wiegen kreisen engen lockern
Trudeln krudeln
Trudeln
Schlacken
Lockern
Schlacken
Bröckeln
Aschen
Trollen trollen
Aschen
Trollen trollen
Sollen
Wollen
Stocken reissen
Sacken rasen
Rasen
Sprengen
Platzen
Schmettern
Stäuben stäuben stäuben
Schweben
Weben
Wallen
Weben
Fallen
Wegen
Reigen
Wolken
Schleichen
Flaken
Weiten
Flaken
Wachten
Steinen
Nachten
Nebeln
Nachten
Weiten
Nachten nachten
Losen
Nachten nachten
Raumen
Nachten nachten
Zeiten nachten
Weiten raumen zeiten
Nachten
Zeiten nachten
Weiten
Weiten
Nichts nichts nichts
Nichts

August Stramm, illustriert von Hugo Meier-Thur, Hamburger Handdrucke, Erstes Buch der Zierbücher, Druck der Werkstatt Lerchenfeld zu Hamburg unter Leitung von Johannes Schulz, Verlag Der Sturm, Berlin 1922

August Stramm, geboren am 28. Juli 1874 in Münster, gestorben, „gefallen“, beim Angriff auf russische Stellungen bei Horodec, heute Weißrussland am 1. September 1915.. Er war wegweisender Dichter und Dramatiker des Expressionismus durch damals unerhört neue Sprachexperimente. Einer der vielen Dichter der expressionistischen Generation, die aus diesem sinnlosen Krieg nicht zurück kamen. Das Gedicht Weltwehe entstand 1915 und erschien zuerst in der Zeitschrift Der Sturm im April 1915.

Hugo Meier-Thur (eigentlich Arthur Hugo Meier); geboren am 26. Oktober 1881 in Elberfeld; ermordet am 5. Dezember 1943 im KZ Fuhlsbüttel, expressionistischer Graphiker und Maler. In der Zeit von 1910 bis 1943 lehrte er an der Kunstgewerbeschule Hamburg, die in der Zeit des Nationalsozialismus in Hansische Hochschule für Bildende Künste umbenannt wurde. Nach Denunziationen wegen seiner Äußerungen gegen das NS-Regime wurde er 1943 nach einer niedergeschlagenen Anklage beim Volksgerichtshof in „Schutzhaft“ genommen und nach schwerer Folter von der Gestapo ermordet.

Von 1908 bis 1910 studierte er an der Kunstgewerbeschule am Lerchenfeld in Hamburg bei Carl Otto Czeschka. Nach Studienabschluss wurde er als Lehrkraft verpflichtet und unterrichtete Graphik und Typographie, nach dem ersten Weltkrieg war er seit Januar 1919 wieder an der Kunstgewerbeschule als Lehrkraft tätig, ab 1927 im Rang eines Professors.

Seit 1935 zeichnete sich ein Konflikt mit dem NS-Regime ab, als 15 Exemplare seiner 1922 entstandenen expressionistischen Illustrationen zu Welt-Wehe. Ein Schwarzweißspiel in Marmorätzungen zu einem Gedicht von August Stramm als „entartet“ aus der Erfurter Sammlung des Angermuseums entfernt wurden. 1937 schließlich wurden weitere acht Exemplare von „Welt-Wehe“ aus der Hamburger Kunsthochschule beschlagnahmt und später vernichtet.

Anfang September 1943 wurde er verhaftet und in das Gestapo-Quartier in der Johnsallee abtransportiert, im Oktober 1943 wurde er als „Schutzhäftling“ in das KZ Fuhlsbüttel verbracht wegen angeblichen Verstoßes gegen das „Heimtückegesetz“. Dort wurde er am 5. Dezember 1943 bei einem Verhör nach schwerer Folter ermordet.

Auf meinen Blog Die anderen Seiten habe ich sämtliche Illustrationen eingestellt: 

Sonntag, 25. Oktober 2026

Zwei frühe Gedichte von Jakob Haringer

 




Zwei frühe Gedichte von Jakob Haringer, einer meiner Lieblingsdichter. Das erste ein wunderlicher innerer Monolog, angereichert mit romantischen Versatzstücken, ganz aus der Zeit gefallen, Stereotypen treffen auf seltsame Bilder, dann wieder recht kühne Formulierungen, die auf schnell Dahingeworfenes prallen. Dazu ein paar expressionistische Einsprengsel, dem Geist der Zeit geschuldet. Ein merkwürdiges Werk, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob ich es wirklich „gut“ finde. Doch eine gewisse Faszination geht davon auf mich aus, weshalb ich es zusammen mit einem zweiten aus dem gleichen Heft hier einmal einstelle. „Nach Kinderzürnen lach ich Sonnenschein!“


Die Ampel irrt, ihr Strahl umwirft den Raum,
Um goldne Säulen bleicher Frühling blüht,
Aus meiner Laute quillt ein brünftig Lied,
Schmerz spinnt im Dunkeln spät verworrnen Traum.
Dort hinter Gondeln bricht der Mond hervor,
Wie Elfenbein und spielt lichtübersät.
Mein Blick vom Himmel einen Stern ersteht,
Viel Heimweh fließt und säuselt durch das Rohr.
O helles Lenztal, in der Nachtigall
Brautweißen Ton rauscht leiser Bronnenschall,
Den Fliederstrauch buntflattert wilder Wein.
Die Birken weihn, der Rasen treibt, und Klee,
Du starkes Herz nur weinst im Blumenschnee!
Ein Drosselruf singt in mein Lied hinein -

Dein Leben ist wie Glas und wirft die Not
Mit lauter Ruhm zurück, die Pracht wird arm,
Blick in den Grund - mein Herz blüht gelb und warm -
Was ist mein Wandeln - ach der Weg zum Tod!
Was rankt mein Gleiten, weit ein Sommerland -
Gewittersturm, Rausch, Wind, Fest, Saatgeruch -
Und Blätter fallen stumm, ein schneeig Tuch -
Der Strahl spielt traumhaft schwer mit müdem Tand.
Bin Reif und Glut, streu Berg und träge Zeit,
Ein süß Erinnern gibst du, Einsamkeit,
Der Strom verrauscht - dein Mond blinkt licht wie Gras.
Dein Lachen ist ein Glockenspiel und lau -
In meine Wunden träuft sein Honigtau -
O Einsamkeit dein Leben ist wie Glas!

Dir Wunderstrahlen, Reinen kreis ich vor!
Um goldnen Bachrain glänzt verdorrtes Laub,
Demütig wild - wie lieb ist Wind, der taub -
In fremden Augen ruht, was ich verlor!
Am Abend küsst ein Reif die Mispeln leis,
Von müden Lippen tropft ein Sommerfließ,
Wirft deine Locken mir, voll Duft und süß -
Schling Tanz und Reich zu früher Tänze Preis!
Der Wagen brach, Last trug ihm Fracht und Korn,
Auf Teich und Unkraut träumt die Frucht verlorn -
Bald wird es schnein - Herbstnebel trällert stumm -
Glück - - süßes Mahl, im Leid ist Lust dein Kern!
Herzbrand glüh auf - dir lacht ein weißer Stern!
Ein Ahorn streckt im Grau die Finger krumm - -

Was ist es? Tau? um Leid und süßer Lust?
Dass alles war und heimlich wieder wird,
Entschwundnes Lied am Herzen jung erblüht,
Warum bliebs nimmer wie Sternensommer hell,
Da trug der Wind uns Wein, Frucht, Garben ein
Voll dunkler Träume - klärend Duft und Tal.
Fern schläft, sehnt weißer Klang vom Garten leis,
Rauscht müd von wilder Märchen Ährengold,
Du Blut im Schnee, ach lass mich Glück allein
Und Firnenlicht blitzt Flut und wogt und springt,
Bricht Bild in Qual o ewig Tod, Blick, Sein
Ruht wie der Mond - keimt, sät, wird Glut und singt.

Du wirst als Stern von allen Himmeln rieseln
Längst ist das güldne Bronnenbild verglast,
Und diese Bäche mit den Zauberstiefeln
Blühn leis die Hänge deiner Rosenlast,
Beblümter Pfad! o dass ich strauchelnd glänze
Um Schlaf und Tod. Erglühte Frucht im Tau,
Ein Lächeln wirft mich durch verlorne Lenze,
Gebärt dich Schicksal auf zerdornter Au,
Die blinden Augen fließen Licht und klingen,
Versiegte Flüsse tragen Welt. Ach dir
Streun süße Vögel. Tausend Sonnen schwingen
In meinen Falten - sternen ewig irr -

Bin ich Gewölk, Saphir, groß Strahl allein,
Milch Öl und Licht - ihr andern Puppen seid,
Mein Ball rollt Lärm, taut lieblich Lust und Leid,
Nach Kinderzürnen lach ich Sonnenschein!
Doch ganz der Baum nur von den Blüten lebt,
Und tief dass Meer von allen Tropfen trinkt.
Ach ohne euch mein spiegelnd Sein versinkt -
All meine Herrlichkeit rinnt trüb und bebt!
Ward ihr zu Stahl, kalt ich das dunkle Heft,
Stoßt in die Nacht, die süß den Tag beschläft!
Blut wird euch Wein - Todseufzen warm Gebet - -
Müsst allen Feinden wild ein Gleiches tun,
O Schmerz auf blassen Leibern stark sich ruhn!
Ein müder Schnitter, der die Saat gemäht - -

Nun blühn die Astern. Deine Frucht wankt schwer,
Ich geh voll Dämmer durch die Hügel hin,
Musst auch umdornt maisüße Lust entfliehn,
Du lebst in mir - der toten Stadt am Meer
Und ob die Schicksalsberge mich bedräun,
Der Wehmut Türme wund zerbröckelnd schaun,
Wenn du dich nahst, entschwindet tiefstes Graun,
Wo du, muss alles Trübe Helle sein,
Ach Leben überlastet krankes Lied,

Die Welt im roten Tau sank weit - versprüht,
Nur Mütter bitten uns Gotthimmel her,
Verwester Abend! Licht! Was rankst du fern?
Du nur ein Lächeln, o ich glüh zum Stern
Und spiegle meiner Blässe Hauch ins Meer - -

Lenzhäuser müd gleich Schwalbennestern hängen,
Turmblicken trunken ferner Gärten Schall,
Leer Felder triefen blaun aus Zaubergängen,
Dorfmühle rauscht entweihter Stimmen Schwall
Verloren blick ich tiefster Wasser Ringen,
Wild donnern Fälle, jäh stürzt sichrer Wall,
Steinschalen brachen glückhaft mich umfingen,
Urworte sterben. Blasse Taube streift
Und kann sich nimmer aus den Himmeln schwingen,
Ein süßer Wind in alte Lauten greift,
Bleich zittert früher Kränze Abendrot,
Leidnis Goldfrucht im Dunkel hoffend reift,
Ach helle Furt, bedorntes Blütenboot,
Fiel Nebel wankend pfadentrückte Feier,
Nachttannenwälder kreisen flammend. Not
Rinnt Gnade, gleitend Haupt senkt Winterschleier.

Die süße Kirchturmuhr brummt von hellen Wiesen,
Der Venusberg glüht bang sein Springbrunndrängen,
Und dunkles Weinlaub will fern Lieder fließen.
O Jahrmarkt! Erster Blick aus deinen Klängen. -
Ach armes Ziegelhaus! Ihr Rosenbänke,
Des Fremden sanfte Märchen, goldne Mühlen;
O Dirnenwort in gottentflammter Schenke,
Lass mich wie einst mir deinen Sternen spielen.

Verweste Himmel rieseln Glückslied, Leid,
Weltschoß lenzt Grab, löst armer Ernten Zeit.
Bin ich noch Glas? ach Mut stürmt Not - Nacht, Mut,
Schlammberge drohn, giftfiebernd irrt mein Blut,
Herzblasse Lachen spiegeln Gott und blühn,
Was muss ich Tor die güldnen Kammern fliehn.
Moortürme glühn, Landglocken rauschen fern,
O fänd ich Ruh - - - - in Eis zerschellt mein Stern.


Der Tod des Narcissus

Gefäß des Schweigens ewiger Einsamkeit,
Mein Leben blieb zerstückt wie Silberabendgläser,
O ewig perlt an fremdem Stern sein Leid.
Du Gang im Mond führst Bettlern Goldne Gräser
Und dunkle Garben, die der Träumer fand,
Dein Lächeln bänd sie licht zu stillen Ufergarben.
Zerschlagner Welten Trümmer schimmern Tand
Im Licht des Falters, wenn sie schmerzvoll starben.
Wer wird den Kindern Weihnachtshimmel streun?
Verklungne Zither, - ach mein Sein ward eine Träne
Von Gott! und fiel auf bittren Dornenhain,
O leise sinkt sie durch die Welt allein.

Aus der Zeitschrift Der Komet, 1. Jahrgang 1918, Dezember, Blatt 3.

Mit dem Schlussvermerk: Der Inhalt dieses Blattes ist von Jan Jacob Haringer. Es wurde verlegt beim Dresdner Verlag von 1917, welcher im Laufe dieses Jahres noch eine Buchausgabe Haringerscher Gedichte veranstaltet.

Jakob Haringer, Lyriker, geboren am 16. März 1898 in Dresden als Johann Franz Albert; gestorben am 3. April 1948 in Zürich. „Ein Sonntagskind, in einer Welt ohne Sonntage“, nannte Hermann Hesse den Dichter. René Schwachhofer schrieb 1947 in der verdienstvollen Auswahl vergessener, von den Faschisten verfemter Lyriker „Vom Schweigen befreit!: „Haringer hat einige der schönsten deutschen Gedichte geschrieben; sie könnten im Volksmund umgehen. Einst wird man fragen: Wer war ihr Verfasser?“

Hier der link zum Manuskript im Internet Archive

Das Portrait des zweiundzwanzigjährigen Jakob Haringer ist von Emil Betzler (1892 -
1974)