Mittwoch, 14. Oktober 2026

Bruno Kesstecher: Der Großvater

 



Der Großvater


I.

Wenn du schwiegest, sang dein Herz
Eine alte, ferne Melodie,
Warm und süß und voller Schmerz.
Wo du bist, da ist auch sie.

Und es rang mein Blut in mir,
Rang bis an das Morgengrauen.
Bin ich ich, vergibst du mir?
Wag dein Antlitz kaum zu schauen,

Wag dich kaum zu tasten und die Wärme
Deines Bartes, grau und altersschwer.
Denn ich fühle, wie ich dich verhärme,
Und du schweigst und antwortest nicht mehr.

Wann, o wann darf deinen Blick ich blicken,
Den die Nacht des Grabes schon umfängt. . . ?
Sah ich dich nicht freundlich zu mir nicken. . .? -
Wie mein Herz an deinem Barte hängt. . . !

II.

Wie mein Herz an deinem Barte hängt,
Großer, grauer Mann, du stiller Streiter.
Deine Lieder, die du mir geschenkt,
Klingen immer in mir weiter.

Wunderbar war deines Mundes beten,
Und ich kniete mich in deine Worte,
Und mir war, Geschlechterreihen träten
Aus geheimnistiefem, fernen Orte.

Wenn dein stummer Mund sprach ein Gebet,
Schwang das Leid des Lebens in dir mit,
Wenn dein Mund sprach Klagewort und Bitt,
Wie es in alten Büchern steht.

Zwischen Tag und Ewigkeit gestellt,
Schufst du dir ein innres Paradies.
Fremd, geheimnisvoll, o schön war deine Welt,
die den Weg ins innre Land mir wies.

Benno Kesstecher, aus: Die Wunderleiter, Gedichte, Joachim Goldstein, Jüdischer Buchverlag, Berlin 1938

Benno Kesstecher, geboren am 20.03.1917 in Köln, Deportation am 04.04.1944 von Mechelen ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz, später Konzentrationslager Neuengamme und 04.1945 Konzentrationslager Bergen-Belsen. Nach dem Krieg für tot erklärt.

Joachim M. Goldstein, geboren am 23. November 1904 in Berlin; gestorben 24. November 1969 in West-Berlin, Theateragent und Verleger. 1926 gründete er in Berlin-Niederschöneweide seine „Verlags- und Versandbuchhandlung Joachim Goldstein“ und brachte die Bücherreihe Selbstverlag junger Autoren heraus. 1928 gründete er den Theaterverlag Literatur und Bühne. Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 erhielt Goldstein ein Berufsverbot für seine bisherigen Aktivitäten. Er gründete den „Joachim Goldstein Jüdischer Buchverlag“, der nur noch Werke jüdischer Autoren für den Kulturbund Deutscher Juden drucken durfte

Der Kulturbund Deutscher Juden, ab April 1935 Jüdischer Kulturbund, war im nationalsozialistischen Deutschland eine von jüdischen Initiatoren ins Leben gerufene Selbsthilfeorganisation für vom Berufsverbot betroffene jüdische Künstler. Behördlich wurde der Kulturbund bis 1941 geduldet und zur Kontrolle und Isolierung der jüdischen Künstler eingesetzt.



Montag, 12. Oktober 2026

Rudolf Leonhard: Geheimnisse / Der Spiegel / Mit geschlossenen Augen

 



Geheimnisse

Wolken löschten Sonnenfeuer,
Kommt die Nacht der Abenteuer:
Tauchen aus dem Himmel Sterne,
Machen Lichter still und ferne,
Dunkeln Wege unter Bäumen,
Funkeln Augen heiß in Träumen,
Rascheln Tiere durch das Laub,
Schleichen heimlich und verstohlen,
Schleichen, schleichen Menschensohlen.

Rudolf Leonhard, aus: Saturn, Eine Monatsschrift, herausgegeben von Hermann Meister und Herbert Großberger, Heft 1 Januar 1913


Der Spiegel

O, ich weiß es jede Nacht:
Meines Tages strenge Helle
Hat an eine klare Quelle
Leise leitend mich gebracht -

Aber wenn ich mich geneigt,
Durstig, hastend, nah heran -
Seh ich: aus dem Spiegel schweigt
Mich mein eigner Blick nur an.

Aus: Saturn, Heft 5, Mai 1913


Mit geschlossenen Augen


Hebe die besonnten Züge
Drängender ans lichte Licht -
Sieh, nun strömen Wolkenflüge
Schattend über dein Gesicht;

Fremde Winde fühlst du ringen,
Fühlst sie kreisend sich begegnen,
Singend ineinanderschwingen,
Und dich kühlen, und dich segnen.

Aus: Saturn, Heft 5, Mai 1913, auch in: Der Weg durch den Wald, Gedichte von Rudolf Leonhard, Saturn-Verlag Hermann Meister, Heidelberg 1913

Rudolf Leonhard, geboren am 27. Oktober 1889 in Lissa; gestorben am 19. Dezember 1953 in Ost-Berlin. Er schrieb zunächst expressionistische Lyrik, später realistische Lyrik, Dramen und Erzählungen, ferner Essays und Übersetzungen. Seit 1919 freischaffend, war er Autor der Weltbühne und arbeitete für den Verlag Die Schmiede als Lektor und Herausgeber u. a. der bedeutenden Reportagenreihe „Außenseiter der Gesellschaft“. 1939 bis 1944 wurde er im Lager Le Vernet interniert.

Das Bild ist von Egon Schiele, geboren am 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Österreich-Ungarn; gestorben am 31. Oktober 1918 in Wien, Maler des Expressionismus

Hans Ehrenbaum-Degele: Gedicht

 



Gedicht

Meiner rauhen Gebärde trotzige Gegenwart
Wurde längs des Meeres ein versonnener Gang.
Was mein Blut durchklirrte, kampfheiß und hart,
Ist nun zu seligen Inseln leiser Nachtgesang.

Mein verwildertes Haar lieben die Abendwinde.
Alle Gärten atmen mein erblühtes Geschick.
Wenn ich Rosenfülle reich um die Stirne winde,
Hab ich aller Sterne Glück und Geleucht im Blick.

Und die Wunder des Tags haben mich tief geweiht:
Mit verwunschenen Wolken in die Fernen getragen,
Schweb ich ohne Ziele über verträumte Zeit,
Schimmernd überschimmert von den goldenen Tagen,
Ohne Ziele über verträumte Zeit.

Hans Ehrenbaum-Degele, aus der Zeitschrift Der Sturm 1912 / 13

Hans Ehrenbaum-Degele, geboren am 24. Juli 1889 in Berlin; gestorben am 28. Juli 1915 am Narew, Lyriker und Herausgeber. 1911 erschienen seine ersten Gedichte u. a. In Der Sturm (Hrsg. Herwarth Walden) und in Die Bücherei Maiandros (Hrsg. Alfred Richard Meyer) In den Jahren 1912 und 1913 trat er in Kurt Hillers Kabarett Gnu auf. Ab 1913 gab er zudem gemeinsam mit Robert Renato Schmidt, Ludwig Meidner und Paul Zech die Zeitschrift Das neue Pathos heraus. Kurt Erich Meurer widmete ihm und Paul Zech seinen 1913 erschienenen Gedichtband Jeder Tag hißt Fahnen. Vier Tage nach seinem 26. Geburtstag „fiel“ er 1915 an der Ostfront.

Das Bild ist von Hiasl Maier-Erding (1894 - 1933)

Sonntag, 11. Oktober 2026

Arthur Sakheim: Wacher Traum

 



Wacher Traum

Uns haben Rosenflocken
Mit Gluten überschneit;
Uns klang das große Locken,
Uns weckte wildes Leid.

Uns hat der weite Reigen
Mit Segen überglänzt;
Uns hat das linde Schweigen
Den kühlen Kelch kredenzt.

Es gaben flügge Englein
Uns munteres Geleit; -
Tomatenrote Wänglein
Zu losem Bund gereiht.

Wir glitten geisterleise
Ins violette Land,
Von tiefgeheimer Weise
In Rausch und Glück gebannt.

Arthur Sakheim, aus: Magnificat, Gedichte, Verlag von Carl Reissner, Dresden 1912

Arthur Sakheim, geboren am 27. Oktober 1889 in Libau; Schriftsteller, Journalist und Dramaturg. Im Sommer 1931 wurde er vom Intendanten des Schauspielhauses, selbst jüdischer Herkunft, wegen seines „undeutschen“ Spielplans fristlos entlassen. Er erkrankte im Sommerurlaub in Hiddensee an einer Blinddarmentzündung. Bald nach der Operation bekam er eine Lungenentzündung; er starb am 23. August 1931 in der Charié in Berlin.

Das Bild ist von John Bauer (1882 - 1918)

Samstag, 10. Oktober 2026

Adolf Knoblauch: Drei Gedichte

 



Der Kirchhof

Du nimmst die Geräte
und trittst in die Gasse
zwischen dunkel sich senkende Häuser.
Du rufst zu den Kindern,
die in dämmernder Baumreihe lärmen.
Dann gehst du hinaus auf die Ebene,
über das Licht sich breitet.

Am Hügel ist der Kirchhof,
und ich geleite dich zu seiner Pforte.
Dann schreite ich höher hinauf
und schaue von oben dir zu,
emsig sorgst du um das Grab,
trägst Wasser, pflanzest Blumen
und schaust öfter gens´ Licht.
Klein, unscheinbar bückst du dich übers Grab.

Endlich aber kommst du hinauf unter den Birken,
dein helles Angesicht blickt voll Freude,
und ich nehme die Geräte, die köstlich sind
von deiner Mühe und Arbeit.

Langsame Tropfen Bluts lösen sich
von der letzten Sonne.
Inniges, leises Liebeswort
sagt deinen Dank.


Im Allerhellsten

„Komm auf den Hügel, Lieb!
Sieh das Allerhellste am langen Tag.“

Wir wandeln schweigend den Hang höher,
Hand in Hand durch die Wacholder,
die uns bescheiden streifen
und dein Gewand küssen,
als seien sie Kinder, traurig und still.

Wenn wir leise die Arme voneinander lösen,
wenn wir anhalten und den Blick von unserm Pfad erheben,
blicken wir in tiefe Täler,
denen dein Dienst und deine Sorge gehören.
Du trittst frei auf die einsame Höhe
ins allerhellste Abendlicht.

„Laß uns niedersitzen im Moos,
solang bis die Nebel die Höhe feuchten.
Laß mich vom Lieben erzählen,
laß meine Hand auf deinem Busen.“

So sinne ich und sehe dich,
wie du mich prüfend anblickst.
Die fernen Blitze auf den Seen erlöschen,
daß sie wärmen,
und ich küsse dich zärtlich,
Liebste, lang deinen Mund!


Über den Tälern

Ich schweige,
es spricht in meinem Herzen
eine laute Glocke
und dröhnt über versunkenen Tälern:

Wenn du in die Weite fliegst,
so fliege ich mit dir,
und wir werden Gatten sein.
Wenn du in der Enge dich bindest,
dein Herz an meines sich legt,
so werden wir Liebende sein.

Wenn immer du weinst,
Liebe in Tränen dein Angesicht badet:
Laß es von Liebe sein so groß,
daß dein armes Herz
vor Schrecken und Zagen vergeht.
Möge es nie vor Schmerzen sein,
weil es zu wenig ist,
was ich ihm geben kann.

Adolf Knoblauch, aus: Der Zweemann, Monatsblätter für Dichtung und Kunst, herausgegeben von Hans Schiebelhuth und Christof Spengemann, die erste Jahresfolge, das vierte Heft, Februar 1920

Adolf Knoblauch, Schriftsteller und Übersetzer, geboren am 25. Mai 1882 in Hamburg, gestorben am 26. Juli 1951 in Berlin. Unter anderem übersetzte er ausgewählte Dichtungen von William Blake (1907)

Der Holzschnitt „Dichter Adolf Knoblauch und Frau“ (1915) ist von Ernst Ludwig Kirchner (1880 - 1938)

Donnerstag, 8. Oktober 2026

Maximilian Lazarowitz: Gassen

 


Gassen

In grauer Fronten endlos langer Reihe
steht Haus an Haus geduckt und wie verflucht.
In dieser armen Steinwelt ist nicht Weihe
und nicht ein Plätzchen, das vom Licht besucht.

Vom Licht, das drüberhin sich hell verschwendet
und alle großen Plätze reich beglückt,
und ab und zu ein Strählchen nur entsendet,
das dann ein Kindesauge ganz entzückt.

Das sind die Gassen in der Armut Enge,
das Leben flutet über sie hinweg.
Nur manchmal tun dir helle Kinderklänge
kund ihren nicht erfüllten Daseinszweck.

Maximilian Lazarowitz, aus der Zeitschrift Ver!, herausgegeben von Karl F. Kocmata, Wien, 1. November 1917

Maximilian Lazarowitz, geboren am 14, Juli 1895 in Karlsbad, Böhmen, war seit 1915 schriftstellerisch tätig, wurde 1916 Mitglied der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei« und war seit 1917 in der sozialdemokratischen Jugendbewegung in Wien aktiv. Am 15. Februar 1941 in das so genannte Ghetto Opole Lubelskie deportiert und dort nach dem März 1942 ermordet.

Die Illustration ist eine Zeichnung von Arthur Streiter (1905  -  1946) mit dem Titel Großstadthöfe, veröffentlicht in der Zeitschrift Besinnung und Aufbruch, Jahrgang 2 / Heft 3 Juli 1930 

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Walter Lindenbaum: Irgendwo

 



Irgendwo

Irgendwo, da kommt ein Mensch zur Welt,
Irgendwo, baut man ein großes Haus,
Irgendwo vermengt sich Geld mit Geld
Und irgendwo geht eine Lampe aus.

Irgendwo herrscht eine Hungersnot,
Irgendwo bestellt man Kaviar.
Irgendwo kämpft man um trocknes Brot
Und irgendwo tanzt man in einer Bar.

Irgendwo, tobt eine Schlacht,
Irgendwo sitzt man beim Hochzeitsmahl,
Irgendwo singt jemand umgebracht
Und irgendwo wird jemand umgebracht
Und irgendwo singt eine Nachtigall.

Irgendwo sind alle Menschen froh,
Irgendwo sagt er: „Ich liebe Dich“.
Irgendwo sucht einer . . . . . irgendwo
Und irgendwo da bin auch ich.
-.-.-.-.-.-.-

Blätterst Du einst in diesem Buche
Von der Erinnerung getrieben,
Verweile auch bei diesem Spruche
Und denk an den, der ihn geschrieben.
Das Schicksal treibt wie lose Blätter

Uns hin und her noch sicherlich.
Ich wünsch Dir schönes Schicksalswetter
- - - - - - - - - 

Und irgendwo, da bin auch ich!

Walter Lindenbaum, Typoskript, Theresienstadt 20. April 1944; Jüdisches Museum Prag

Walter Lindenbaum, geboren am 11. Dezember 1907 in Wien; Journalist und Autor jüdischen Glaubens. 1943 wurde er mit seiner Familie in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Er wurde am 28. September 1944 nach Auschwitz überstellt und kam von dort mit einem „Evakuierungstransport“ in das KZ Buchenwald, wo er am 20. Februar 1945 umkam. Seine Frau Rahel und seine Tochter Ruth wurden in Auschwitz-Birkenau ermordet. Leben und Werk des Arbeiterschriftstellers sind u. a. dokumentiert in: Walter Lindenbaum, Von Sehnsucht wird man hier nicht fett. Texte aus einem jüdischen Leben, hrsg. v. Herbert Exenberger und Eckart Früh, Mandelbaum 1998