Dresden - Theresienstadt
(6. VIII. 42)
Stumme Fahrt durch blumige Gesteine:
Jeder Felsengrat bewegt beflügelt
- Mit dem Sprühquell zart ins Laub gezügelt -
Hebt er Stamm um Stamm zum oberen Haine.
Berghaupt Gotthaupt lugt aus grünem Schreine.
Schlank Gewild ins Schlingwerk steil gegliedert
- Wie´s die Finger heiliger Frauen schufen -
Dorf Burg Teich Wall - vielen Lebens Stufen
Sprühen im Glanz wo Strahl den Strahl erwidert.
Nur der Westhang lauscht blau überfliedert.
Dunkler Strom - all dies in ihm gespiegelt
Zauberisch gelöst tief eingezwängt -
Lichtlos. Warum Dämmerung gewiegelt
Folgt dem Bild mein Blick bang angedrängt?
Welt Nacht Schönheit! Nimm was Dir verhängt.
Das Sterben
Brennender Durst in deiner armen Kehle,
Um vergehende Glieder des Todes Duft,
Immer, immer näher der dunklen Kluft −
Heiterer Geist, freudige Seele
Wohin schwankt ihr, eh noch der Atem schwand?
Daß ich den Blick, den vertrauten im brechenden Blick nicht mehr fand
− Fühlst du von drüben nicht, wie Gedenken mich quäle? −
Wenn nun die Nacht kam, wenn mein Traum dich entbannt.
Kehr, o zurück wie du warst, daß nicht der Freund mir,
Nicht der Gefährte mir fehle!
(16. November 1942)
10. Februar 1943
So welkst Du und der Schritt der Stunden altert
Kein Lachen säumt mehr unserer Wochen Ernst
Dass Du die dunklen Gänge gehen lernst
Die lebend Licht und Blume nur umflattert.
Tochter des Tages! nun Du Dich entfernst
Unwissend folgend dem erhabenen Müssen
Greisin die Du den Augenblick besternst -
Wie still wir die beringten Finger küssen
Und decken Dich mit Falten seidnen schweren
Gestickten Randwerks - Vogel Schilf und Wald -
Verwandlung greift nach Dir: groß die Gestalt
Gelassen droht Dein Mund - und wir verehren.
* * *
Listiger schneidet das Leben
seinen betäubenden Willen
Menschen durch Auge und Sinn
als unser Stolz sich versieht.
Heute noch ging ich den leichten Pfad
durch die Gänge des Frühlings
Wundersam Freude geneigt
spielend mit Welten der Kraft.
Nah da am Zaun schlug die Lippe ganz so
ein Ästlein vom Flieder
Wie einst im Gärtchen das Kind -
Träne so rinne denn hin.
Gertrud Kantorowicz, aus: Verse aus Theresienstadt
Gertrud Kantorowicz wurde in Poznan (Posen) geboren. Sie war Kunsthistorikerin und Übersetzerin. Einst gehörte sie zum Kreis um den Dichter Stefan George. Sie wurde am 6. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 19./20.April 1945, also wenige Tage vor der Befreiung, starb. Ihre im Ghetto geschriebenen Gedichte erschienen 1948 unter dem Titel Verse aus Theresienstadt.
In der Reihe der Personen um Stefan George spielte die Dichterin eine besondere Rolle: Sie war die einzige Frau, die George für würdig befand, in seinen „Blättern für die Kunst“ eigene Arbeiten zu veröffentlichen. So erschien in der vierten Folge der „Blätter“ im Jahr 1899 eine Auswahl von Gedichten der dreiundzwanzigjährigen „Poetessa“, wie Friedrich Gundolf sie nannte.