Dienstag, 27. Oktober 2026

Albert Dreyfus: Atelier

 


Atelier

Der Wind wirft Regen an die großen Scheiben
wie Pfeile bald und bald wie Klagelaute;
vom Ofen rot schwingt Wärme, und die Lampe
streut goldne Strahlen aus der seidnen Hülle.
Vom Licht umsponnen sitzest du und schaust
und rührst mit keinem Ton und keinem Wunsch an
die Stille dieses Raumes und schenkst dich ganz
doch mir und schenkst dich so, als hätte sich
von draußen in der Welt die Schönheit aus
dem Lärm des Leides, dem die Scheiben wehren,
zu dir geflüchtet.

Albert Dreyfus, geboren am 29. Januar 1876 in Frankfurt am Main, gestorben 1945, genaues Todesdatum nicht bekannt; Schriftsteller, Kunsthistoriker und Übersetzer, aus: Der Sturm, 18. August 1910

Das Bild ist von Ernst Ludwig Kirchner (1880 - 1938) (Erna im Atelier, 1925)

Montag, 26. Oktober 2026

August Stramm: Weltwehe

 



Weltwehe

Nichts Nichts Nichts
Haucht
Nichts
Hauchen
Nichts
Hauch
Wagen
Wagen wegen
Wegen regen
Stauen
Lauen
Weben schweben wallen ballen
Warmen
Biegen bogen
Wärmen
Drehen drehen
Dunsten
Streifen glimmen
Fachen
Hitzen
Glühen
Wellen
Sieden brodeln rauschen brausen
Züngeln springen
Flammen spritzen
Platzen
Knatter knallen krachen
Tausend
Null Null Null
Tausend
Null
Milliarden
Null Null Null
Weissen
Lichten
Kreisen kreisen
Bahnen
Fliegen
Kreisen kreisen
Rollen
Kugeln
Kugeln kugeln
Glatten
Kugeln
Platten
Kugeln
Kreisen
Kugeln
Dichten schichten wichten
Walzen wälzen
Festen
Kreisen
Pressen
Kugeln
Schmieden
Kreisen
Kernen
Kugeln
Kern
Halten fassen kraften schwingen
Ruhen reissen sprengen
Heben senken falten
Schieben wagen
Starren
Heissen
Beben
Schweigen
Beben leben
Atmen
Leben
Leben leben
Zeugen
Bären
Leben leben
Blühen
Wachsen
Leben leben
Brennen
Starken marken
Rollen rollen
Leuchten trocknen feuchten lichten
Streben ranken
Tönen
Ringen
Kämpfen
Ringen
Ringen
Wollen
Können
Schwanken
Können
Wollen
Blühen
Wollen
Rollen
Können
Kranken
Placken racken ächzen
Rollen
Wollen
Lallen
Wollen wollen
Ranken
Wollen wollen
Rollen
Drehen wehen rollen
Wollen wollen
Stürmen wollen
Drehen
Matten wollen matten
Rollen drehen
Wehen wehen
Wollen
Kreisen
Engen
Kreisen
Schwanken
Wanken
Zittern
Schwingen
Wiegen kreisen engen lockern
Trudeln krudeln
Trudeln
Schlacken
Lockern
Schlacken
Bröckeln
Aschen
Trollen trollen
Aschen
Trollen trollen
Sollen
Wollen
Stocken reissen
Sacken rasen
Rasen
Sprengen
Platzen
Schmettern
Stäuben stäuben stäuben
Schweben
Weben
Wallen
Weben
Fallen
Wegen
Reigen
Wolken
Schleichen
Flaken
Weiten
Flaken
Wachten
Steinen
Nachten
Nebeln
Nachten
Weiten
Nachten nachten
Losen
Nachten nachten
Raumen
Nachten nachten
Zeiten nachten
Weiten raumen zeiten
Nachten
Zeiten nachten
Weiten
Weiten
Nichts nichts nichts
Nichts

August Stramm, illustriert von Hugo Meier-Thur, Hamburger Handdrucke, Erstes Buch der Zierbücher, Druck der Werkstatt Lerchenfeld zu Hamburg unter Leitung von Johannes Schulz, Verlag Der Sturm, Berlin 1922

August Stramm, geboren am 28. Juli 1874 in Münster, gestorben, „gefallen“, beim Angriff auf russische Stellungen bei Horodec, heute Weißrussland am 1. September 1915.. Er war wegweisender Dichter und Dramatiker des Expressionismus durch damals unerhört neue Sprachexperimente. Einer der vielen Dichter der expressionistischen Generation, die aus diesem sinnlosen Krieg nicht zurück kamen. Das Gedicht Weltwehe entstand 1915 und erschien zuerst in der Zeitschrift Der Sturm im April 1915.

Hugo Meier-Thur (eigentlich Arthur Hugo Meier); geboren am 26. Oktober 1881 in Elberfeld; ermordet am 5. Dezember 1943 im KZ Fuhlsbüttel, expressionistischer Graphiker und Maler. In der Zeit von 1910 bis 1943 lehrte er an der Kunstgewerbeschule Hamburg, die in der Zeit des Nationalsozialismus in Hansische Hochschule für Bildende Künste umbenannt wurde. Nach Denunziationen wegen seiner Äußerungen gegen das NS-Regime wurde er 1943 nach einer niedergeschlagenen Anklage beim Volksgerichtshof in „Schutzhaft“ genommen und nach schwerer Folter von der Gestapo ermordet.

Von 1908 bis 1910 studierte er an der Kunstgewerbeschule am Lerchenfeld in Hamburg bei Carl Otto Czeschka. Nach Studienabschluss wurde er als Lehrkraft verpflichtet und unterrichtete Graphik und Typographie, nach dem ersten Weltkrieg war er seit Januar 1919 wieder an der Kunstgewerbeschule als Lehrkraft tätig, ab 1927 im Rang eines Professors.

Seit 1935 zeichnete sich ein Konflikt mit dem NS-Regime ab, als 15 Exemplare seiner 1922 entstandenen expressionistischen Illustrationen zu Welt-Wehe. Ein Schwarzweißspiel in Marmorätzungen zu einem Gedicht von August Stramm als „entartet“ aus der Erfurter Sammlung des Angermuseums entfernt wurden. 1937 schließlich wurden weitere acht Exemplare von „Welt-Wehe“ aus der Hamburger Kunsthochschule beschlagnahmt und später vernichtet.

Anfang September 1943 wurde er verhaftet und in das Gestapo-Quartier in der Johnsallee abtransportiert, im Oktober 1943 wurde er als „Schutzhäftling“ in das KZ Fuhlsbüttel verbracht wegen angeblichen Verstoßes gegen das „Heimtückegesetz“. Dort wurde er am 5. Dezember 1943 bei einem Verhör nach schwerer Folter ermordet.

Auf meinen Blog Die anderen Seiten habe ich sämtliche Illustrationen eingestellt: 

Sonntag, 25. Oktober 2026

Zwei frühe Gedichte von Jakob Haringer

 




Zwei frühe Gedichte von Jakob Haringer, einer meiner Lieblingsdichter. Das erste ein wunderlicher innerer Monolog, angereichert mit romantischen Versatzstücken, ganz aus der Zeit gefallen, Stereotypen treffen auf seltsame Bilder, dann wieder recht kühne Formulierungen, die auf schnell Dahingeworfenes prallen. Dazu ein paar expressionistische Einsprengsel, dem Geist der Zeit geschuldet. Ein merkwürdiges Werk, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob ich es wirklich „gut“ finde. Doch eine gewisse Faszination geht davon auf mich aus, weshalb ich es zusammen mit einem zweiten aus dem gleichen Heft hier einmal einstelle. „Nach Kinderzürnen lach ich Sonnenschein!“


Die Ampel irrt, ihr Strahl umwirft den Raum,
Um goldne Säulen bleicher Frühling blüht,
Aus meiner Laute quillt ein brünftig Lied,
Schmerz spinnt im Dunkeln spät verworrnen Traum.
Dort hinter Gondeln bricht der Mond hervor,
Wie Elfenbein und spielt lichtübersät.
Mein Blick vom Himmel einen Stern ersteht,
Viel Heimweh fließt und säuselt durch das Rohr.
O helles Lenztal, in der Nachtigall
Brautweißen Ton rauscht leiser Bronnenschall,
Den Fliederstrauch buntflattert wilder Wein.
Die Birken weihn, der Rasen treibt, und Klee,
Du starkes Herz nur weinst im Blumenschnee!
Ein Drosselruf singt in mein Lied hinein -

Dein Leben ist wie Glas und wirft die Not
Mit lauter Ruhm zurück, die Pracht wird arm,
Blick in den Grund - mein Herz blüht gelb und warm -
Was ist mein Wandeln - ach der Weg zum Tod!
Was rankt mein Gleiten, weit ein Sommerland -
Gewittersturm, Rausch, Wind, Fest, Saatgeruch -
Und Blätter fallen stumm, ein schneeig Tuch -
Der Strahl spielt traumhaft schwer mit müdem Tand.
Bin Reif und Glut, streu Berg und träge Zeit,
Ein süß Erinnern gibst du, Einsamkeit,
Der Strom verrauscht - dein Mond blinkt licht wie Gras.
Dein Lachen ist ein Glockenspiel und lau -
In meine Wunden träuft sein Honigtau -
O Einsamkeit dein Leben ist wie Glas!

Dir Wunderstrahlen, Reinen kreis ich vor!
Um goldnen Bachrain glänzt verdorrtes Laub,
Demütig wild - wie lieb ist Wind, der taub -
In fremden Augen ruht, was ich verlor!
Am Abend küsst ein Reif die Mispeln leis,
Von müden Lippen tropft ein Sommerfließ,
Wirft deine Locken mir, voll Duft und süß -
Schling Tanz und Reich zu früher Tänze Preis!
Der Wagen brach, Last trug ihm Fracht und Korn,
Auf Teich und Unkraut träumt die Frucht verlorn -
Bald wird es schnein - Herbstnebel trällert stumm -
Glück - - süßes Mahl, im Leid ist Lust dein Kern!
Herzbrand glüh auf - dir lacht ein weißer Stern!
Ein Ahorn streckt im Grau die Finger krumm - -

Was ist es? Tau? um Leid und süßer Lust?
Dass alles war und heimlich wieder wird,
Entschwundnes Lied am Herzen jung erblüht,
Warum bliebs nimmer wie Sternensommer hell,
Da trug der Wind uns Wein, Frucht, Garben ein
Voll dunkler Träume - klärend Duft und Tal.
Fern schläft, sehnt weißer Klang vom Garten leis,
Rauscht müd von wilder Märchen Ährengold,
Du Blut im Schnee, ach lass mich Glück allein
Und Firnenlicht blitzt Flut und wogt und springt,
Bricht Bild in Qual o ewig Tod, Blick, Sein
Ruht wie der Mond - keimt, sät, wird Glut und singt.

Du wirst als Stern von allen Himmeln rieseln
Längst ist das güldne Bronnenbild verglast,
Und diese Bäche mit den Zauberstiefeln
Blühn leis die Hänge deiner Rosenlast,
Beblümter Pfad! o dass ich strauchelnd glänze
Um Schlaf und Tod. Erglühte Frucht im Tau,
Ein Lächeln wirft mich durch verlorne Lenze,
Gebärt dich Schicksal auf zerdornter Au,
Die blinden Augen fließen Licht und klingen,
Versiegte Flüsse tragen Welt. Ach dir
Streun süße Vögel. Tausend Sonnen schwingen
In meinen Falten - sternen ewig irr -

Bin ich Gewölk, Saphir, groß Strahl allein,
Milch Öl und Licht - ihr andern Puppen seid,
Mein Ball rollt Lärm, taut lieblich Lust und Leid,
Nach Kinderzürnen lach ich Sonnenschein!
Doch ganz der Baum nur von den Blüten lebt,
Und tief dass Meer von allen Tropfen trinkt.
Ach ohne euch mein spiegelnd Sein versinkt -
All meine Herrlichkeit rinnt trüb und bebt!
Ward ihr zu Stahl, kalt ich das dunkle Heft,
Stoßt in die Nacht, die süß den Tag beschläft!
Blut wird euch Wein - Todseufzen warm Gebet - -
Müsst allen Feinden wild ein Gleiches tun,
O Schmerz auf blassen Leibern stark sich ruhn!
Ein müder Schnitter, der die Saat gemäht - -

Nun blühn die Astern. Deine Frucht wankt schwer,
Ich geh voll Dämmer durch die Hügel hin,
Musst auch umdornt maisüße Lust entfliehn,
Du lebst in mir - der toten Stadt am Meer
Und ob die Schicksalsberge mich bedräun,
Der Wehmut Türme wund zerbröckelnd schaun,
Wenn du dich nahst, entschwindet tiefstes Graun,
Wo du, muss alles Trübe Helle sein,
Ach Leben überlastet krankes Lied,

Die Welt im roten Tau sank weit - versprüht,
Nur Mütter bitten uns Gotthimmel her,
Verwester Abend! Licht! Was rankst du fern?
Du nur ein Lächeln, o ich glüh zum Stern
Und spiegle meiner Blässe Hauch ins Meer - -

Lenzhäuser müd gleich Schwalbennestern hängen,
Turmblicken trunken ferner Gärten Schall,
Leer Felder triefen blaun aus Zaubergängen,
Dorfmühle rauscht entweihter Stimmen Schwall
Verloren blick ich tiefster Wasser Ringen,
Wild donnern Fälle, jäh stürzt sichrer Wall,
Steinschalen brachen glückhaft mich umfingen,
Urworte sterben. Blasse Taube streift
Und kann sich nimmer aus den Himmeln schwingen,
Ein süßer Wind in alte Lauten greift,
Bleich zittert früher Kränze Abendrot,
Leidnis Goldfrucht im Dunkel hoffend reift,
Ach helle Furt, bedorntes Blütenboot,
Fiel Nebel wankend pfadentrückte Feier,
Nachttannenwälder kreisen flammend. Not
Rinnt Gnade, gleitend Haupt senkt Winterschleier.

Die süße Kirchturmuhr brummt von hellen Wiesen,
Der Venusberg glüht bang sein Springbrunndrängen,
Und dunkles Weinlaub will fern Lieder fließen.
O Jahrmarkt! Erster Blick aus deinen Klängen. -
Ach armes Ziegelhaus! Ihr Rosenbänke,
Des Fremden sanfte Märchen, goldne Mühlen;
O Dirnenwort in gottentflammter Schenke,
Lass mich wie einst mir deinen Sternen spielen.

Verweste Himmel rieseln Glückslied, Leid,
Weltschoß lenzt Grab, löst armer Ernten Zeit.
Bin ich noch Glas? ach Mut stürmt Not - Nacht, Mut,
Schlammberge drohn, giftfiebernd irrt mein Blut,
Herzblasse Lachen spiegeln Gott und blühn,
Was muss ich Tor die güldnen Kammern fliehn.
Moortürme glühn, Landglocken rauschen fern,
O fänd ich Ruh - - - - in Eis zerschellt mein Stern.


Der Tod des Narcissus

Gefäß des Schweigens ewiger Einsamkeit,
Mein Leben blieb zerstückt wie Silberabendgläser,
O ewig perlt an fremdem Stern sein Leid.
Du Gang im Mond führst Bettlern Goldne Gräser
Und dunkle Garben, die der Träumer fand,
Dein Lächeln bänd sie licht zu stillen Ufergarben.
Zerschlagner Welten Trümmer schimmern Tand
Im Licht des Falters, wenn sie schmerzvoll starben.
Wer wird den Kindern Weihnachtshimmel streun?
Verklungne Zither, - ach mein Sein ward eine Träne
Von Gott! und fiel auf bittren Dornenhain,
O leise sinkt sie durch die Welt allein.

Aus der Zeitschrift Der Komet, 1. Jahrgang 1918, Dezember, Blatt 3.

Mit dem Schlussvermerk: Der Inhalt dieses Blattes ist von Jan Jacob Haringer. Es wurde verlegt beim Dresdner Verlag von 1917, welcher im Laufe dieses Jahres noch eine Buchausgabe Haringerscher Gedichte veranstaltet.

Jakob Haringer, Lyriker, geboren am 16. März 1898 in Dresden als Johann Franz Albert; gestorben am 3. April 1948 in Zürich. „Ein Sonntagskind, in einer Welt ohne Sonntage“, nannte Hermann Hesse den Dichter. René Schwachhofer schrieb 1947 in der verdienstvollen Auswahl vergessener, von den Faschisten verfemter Lyriker „Vom Schweigen befreit!: „Haringer hat einige der schönsten deutschen Gedichte geschrieben; sie könnten im Volksmund umgehen. Einst wird man fragen: Wer war ihr Verfasser?“

Hier der link zum Manuskript im Internet Archive

Das Portrait des zweiundzwanzigjährigen Jakob Haringer ist von Emil Betzler (1892 -
1974)

Mittwoch, 14. Oktober 2026

Bruno Kesstecher: Der Großvater

 



Der Großvater


I.

Wenn du schwiegest, sang dein Herz
Eine alte, ferne Melodie,
Warm und süß und voller Schmerz.
Wo du bist, da ist auch sie.

Und es rang mein Blut in mir,
Rang bis an das Morgengrauen.
Bin ich ich, vergibst du mir?
Wag dein Antlitz kaum zu schauen,

Wag dich kaum zu tasten und die Wärme
Deines Bartes, grau und altersschwer.
Denn ich fühle, wie ich dich verhärme,
Und du schweigst und antwortest nicht mehr.

Wann, o wann darf deinen Blick ich blicken,
Den die Nacht des Grabes schon umfängt. . . ?
Sah ich dich nicht freundlich zu mir nicken. . .? -
Wie mein Herz an deinem Barte hängt. . . !

II.

Wie mein Herz an deinem Barte hängt,
Großer, grauer Mann, du stiller Streiter.
Deine Lieder, die du mir geschenkt,
Klingen immer in mir weiter.

Wunderbar war deines Mundes beten,
Und ich kniete mich in deine Worte,
Und mir war, Geschlechterreihen träten
Aus geheimnistiefem, fernen Orte.

Wenn dein stummer Mund sprach ein Gebet,
Schwang das Leid des Lebens in dir mit,
Wenn dein Mund sprach Klagewort und Bitt,
Wie es in alten Büchern steht.

Zwischen Tag und Ewigkeit gestellt,
Schufst du dir ein innres Paradies.
Fremd, geheimnisvoll, o schön war deine Welt,
die den Weg ins innre Land mir wies.

Benno Kesstecher, aus: Die Wunderleiter, Gedichte, Joachim Goldstein, Jüdischer Buchverlag, Berlin 1938

Benno Kesstecher, geboren am 20.03.1917 in Köln, Deportation am 04.04.1944 von Mechelen ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz, später Konzentrationslager Neuengamme und 04.1945 Konzentrationslager Bergen-Belsen. Nach dem Krieg für tot erklärt.

Joachim M. Goldstein, geboren am 23. November 1904 in Berlin; gestorben 24. November 1969 in West-Berlin, Theateragent und Verleger. 1926 gründete er in Berlin-Niederschöneweide seine „Verlags- und Versandbuchhandlung Joachim Goldstein“ und brachte die Bücherreihe Selbstverlag junger Autoren heraus. 1928 gründete er den Theaterverlag Literatur und Bühne. Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 erhielt Goldstein ein Berufsverbot für seine bisherigen Aktivitäten. Er gründete den „Joachim Goldstein Jüdischer Buchverlag“, der nur noch Werke jüdischer Autoren für den Kulturbund Deutscher Juden drucken durfte

Der Kulturbund Deutscher Juden, ab April 1935 Jüdischer Kulturbund, war im nationalsozialistischen Deutschland eine von jüdischen Initiatoren ins Leben gerufene Selbsthilfeorganisation für vom Berufsverbot betroffene jüdische Künstler. Behördlich wurde der Kulturbund bis 1941 geduldet und zur Kontrolle und Isolierung der jüdischen Künstler eingesetzt.



Montag, 12. Oktober 2026

Rudolf Leonhard: Geheimnisse / Der Spiegel / Mit geschlossenen Augen

 



Geheimnisse

Wolken löschten Sonnenfeuer,
Kommt die Nacht der Abenteuer:
Tauchen aus dem Himmel Sterne,
Machen Lichter still und ferne,
Dunkeln Wege unter Bäumen,
Funkeln Augen heiß in Träumen,
Rascheln Tiere durch das Laub,
Schleichen heimlich und verstohlen,
Schleichen, schleichen Menschensohlen.

Rudolf Leonhard, aus: Saturn, Eine Monatsschrift, herausgegeben von Hermann Meister und Herbert Großberger, Heft 1 Januar 1913


Der Spiegel

O, ich weiß es jede Nacht:
Meines Tages strenge Helle
Hat an eine klare Quelle
Leise leitend mich gebracht -

Aber wenn ich mich geneigt,
Durstig, hastend, nah heran -
Seh ich: aus dem Spiegel schweigt
Mich mein eigner Blick nur an.

Aus: Saturn, Heft 5, Mai 1913


Mit geschlossenen Augen


Hebe die besonnten Züge
Drängender ans lichte Licht -
Sieh, nun strömen Wolkenflüge
Schattend über dein Gesicht;

Fremde Winde fühlst du ringen,
Fühlst sie kreisend sich begegnen,
Singend ineinanderschwingen,
Und dich kühlen, und dich segnen.

Aus: Saturn, Heft 5, Mai 1913, auch in: Der Weg durch den Wald, Gedichte von Rudolf Leonhard, Saturn-Verlag Hermann Meister, Heidelberg 1913

Rudolf Leonhard, geboren am 27. Oktober 1889 in Lissa; gestorben am 19. Dezember 1953 in Ost-Berlin. Er schrieb zunächst expressionistische Lyrik, später realistische Lyrik, Dramen und Erzählungen, ferner Essays und Übersetzungen. Seit 1919 freischaffend, war er Autor der Weltbühne und arbeitete für den Verlag Die Schmiede als Lektor und Herausgeber u. a. der bedeutenden Reportagenreihe „Außenseiter der Gesellschaft“. 1939 bis 1944 wurde er im Lager Le Vernet interniert.

Das Bild ist von Egon Schiele, geboren am 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Österreich-Ungarn; gestorben am 31. Oktober 1918 in Wien, Maler des Expressionismus

Hans Ehrenbaum-Degele: Gedicht

 



Gedicht

Meiner rauhen Gebärde trotzige Gegenwart
Wurde längs des Meeres ein versonnener Gang.
Was mein Blut durchklirrte, kampfheiß und hart,
Ist nun zu seligen Inseln leiser Nachtgesang.

Mein verwildertes Haar lieben die Abendwinde.
Alle Gärten atmen mein erblühtes Geschick.
Wenn ich Rosenfülle reich um die Stirne winde,
Hab ich aller Sterne Glück und Geleucht im Blick.

Und die Wunder des Tags haben mich tief geweiht:
Mit verwunschenen Wolken in die Fernen getragen,
Schweb ich ohne Ziele über verträumte Zeit,
Schimmernd überschimmert von den goldenen Tagen,
Ohne Ziele über verträumte Zeit.

Hans Ehrenbaum-Degele, aus der Zeitschrift Der Sturm 1912 / 13

Hans Ehrenbaum-Degele, geboren am 24. Juli 1889 in Berlin; gestorben am 28. Juli 1915 am Narew, Lyriker und Herausgeber. 1911 erschienen seine ersten Gedichte u. a. In Der Sturm (Hrsg. Herwarth Walden) und in Die Bücherei Maiandros (Hrsg. Alfred Richard Meyer) In den Jahren 1912 und 1913 trat er in Kurt Hillers Kabarett Gnu auf. Ab 1913 gab er zudem gemeinsam mit Robert Renato Schmidt, Ludwig Meidner und Paul Zech die Zeitschrift Das neue Pathos heraus. Kurt Erich Meurer widmete ihm und Paul Zech seinen 1913 erschienenen Gedichtband Jeder Tag hißt Fahnen. Vier Tage nach seinem 26. Geburtstag „fiel“ er 1915 an der Ostfront.

Das Bild ist von Hiasl Maier-Erding (1894 - 1933)

Sonntag, 11. Oktober 2026

Arthur Sakheim: Wacher Traum

 



Wacher Traum

Uns haben Rosenflocken
Mit Gluten überschneit;
Uns klang das große Locken,
Uns weckte wildes Leid.

Uns hat der weite Reigen
Mit Segen überglänzt;
Uns hat das linde Schweigen
Den kühlen Kelch kredenzt.

Es gaben flügge Englein
Uns munteres Geleit; -
Tomatenrote Wänglein
Zu losem Bund gereiht.

Wir glitten geisterleise
Ins violette Land,
Von tiefgeheimer Weise
In Rausch und Glück gebannt.

Arthur Sakheim, aus: Magnificat, Gedichte, Verlag von Carl Reissner, Dresden 1912

Arthur Sakheim, geboren am 27. Oktober 1889 in Libau; Schriftsteller, Journalist und Dramaturg. Im Sommer 1931 wurde er vom Intendanten des Schauspielhauses, selbst jüdischer Herkunft, wegen seines „undeutschen“ Spielplans fristlos entlassen. Er erkrankte im Sommerurlaub in Hiddensee an einer Blinddarmentzündung. Bald nach der Operation bekam er eine Lungenentzündung; er starb am 23. August 1931 in der Charié in Berlin.

Das Bild ist von John Bauer (1882 - 1918)