Der Kirchhof
Du nimmst die Geräte
und trittst in die Gasse
zwischen dunkel sich senkende Häuser.
Du rufst zu den Kindern,
die in dämmernder Baumreihe lärmen.
Dann gehst du hinaus auf die Ebene,
über das Licht sich breitet.
Am Hügel ist der Kirchhof,
und ich geleite dich zu seiner Pforte.
Dann schreite ich höher hinauf
und schaue von oben dir zu,
emsig sorgst du um das Grab,
trägst Wasser, pflanzest Blumen
und schaust öfter gens´ Licht.
Klein, unscheinbar bückst du dich übers Grab.
Endlich aber kommst du hinauf unter den Birken,
dein helles Angesicht blickt voll Freude,
und ich nehme die Geräte, die köstlich sind
von deiner Mühe und Arbeit.
Langsame Tropfen Bluts lösen sich
von der letzten Sonne.
Inniges, leises Liebeswort
sagt deinen Dank.
Im Allerhellsten
„Komm auf den Hügel, Lieb!
Sieh das Allerhellste am langen Tag.“
Wir wandeln schweigend den Hang höher,
Hand in Hand durch die Wacholder,
die uns bescheiden streifen
und dein Gewand küssen,
als seien sie Kinder, traurig und still.
Wenn wir leise die Arme voneinander lösen,
wenn wir anhalten und den Blick von unserm Pfad erheben,
blicken wir in tiefe Täler,
denen dein Dienst und deine Sorge gehören.
Du trittst frei auf die einsame Höhe
ins allerhellste Abendlicht.
„Laß uns niedersitzen im Moos,
solang bis die Nebel die Höhe feuchten.
Laß mich vom Lieben erzählen,
laß meine Hand auf deinem Busen.“
So sinne ich und sehe dich,
wie du mich prüfend anblickst.
Die fernen Blitze auf den Seen erlöschen,
daß sie wärmen,
und ich küsse dich zärtlich,
Liebste, lang deinen Mund!
Über den Tälern
Ich schweige,
es spricht in meinem Herzen
eine laute Glocke
und dröhnt über versunkenen Tälern:
Wenn du in die Weite fliegst,
so fliege ich mit dir,
und wir werden Gatten sein.
Wenn du in der Enge dich bindest,
dein Herz an meines sich legt,
so werden wir Liebende sein.
Wenn immer du weinst,
Liebe in Tränen dein Angesicht badet:
Laß es von Liebe sein so groß,
daß dein armes Herz
vor Schrecken und Zagen vergeht.
Möge es nie vor Schmerzen sein,
weil es zu wenig ist,
was ich ihm geben kann.
Adolf Knoblauch, aus: Der Zweemann, Monatsblätter für Dichtung und Kunst, herausgegeben von Hans Schiebelhuth und Christof Spengemann, die erste Jahresfolge, das vierte Heft, Februar 1920
Adolf Knoblauch, Schriftsteller und Übersetzer, geboren am 25. Mai 1882 in Hamburg, gestorben am 26. Juli 1951 in Berlin. Unter anderem übersetzte er ausgewählte Dichtungen von William Blake (1907)
Der Holzschnitt „Dichter Adolf Knoblauch und Frau“ (1915) ist von Ernst Ludwig Kirchner (1880 - 1938)



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