Im Zimmer wird es langsam dunkel
Komm, bleib’ auf dem Sofa liegen!
Woll’n uns aneinanderschmiegen,
Du bist groß und ich bin klein,
Laß’ uns bißchen kitschig sein.
Draußen — weißt du — ist das „Leben“:
Alltagssorgen,
Heute — Morgen — Uebermorgen
Schulden zahlen — Schulden machen,
Industrien und Banken krachen.
Laß den Unsinn draußen sein,
Wir sind hier — wir sind allein.
Weißt du, wir sind kleine Kinder,
Haben uns im Wald verirrt.
Schmiegen wir uns aneinander,
Weil es kalt und dunkel wird.
Und die böse, böse Hexe,
Schrecklich drohend, furchtbar, schaurig
Ernst, mein Freund, ich bin so traurig —
Ich bin klein und schrecklich dumm
Ernst, nicht wahr, du bringst sie um?
Du hast einen großen Teppich
Und wir setzen uns darauf,
Fliegen rasch zur Sonne auf,
Haben dort ein Rendezvous
Und sind auch gleich auf Du und Du …
Komm, bleib auf dem Sofa liegen,
Glaube mir, wir haben Zeit.
Du bist groß und ich bin klein.
Wenn wir weggeh’n aus dem Zimmer,
Müssen wir erwachsen sein.
Lili Grün, aus: Prager Monatsblatt, 57. Jahrgang, Nr. 37, 10. September 1934
Lili Grün wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit Freundinnen und Freunden aus der Künstlerszene ein literarisch-politisches Kabarett eröffnete. Zurück in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz über Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Mit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und am 1. Juni 1942 mit anderen Opfern, darunter die Dichterin Alma Johanna Koenig, im weißrussischen Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.
Sommer
Ich bin weithin gegangen,
durchs sonnverbrannte Land.
Der Wind hat sich verfangen,
in Haar mir und Gewand.
Die Bauern sind beim Heuen,
Duft weht zu mir heran,
mein Herz ist ganz der neuen
Wegfreude aufgetan.
Den Hang hinabgestiegen,
komm ich in guter Ruh.
Ein Büblein mit zwei Ziegen
ruft seinen Gruß mir zu.
Das Zicklein liebt die Blüten,
hoch an die Brust gedrückt
kann ich den Strauß kaum hüten,
den ich für dich gepflückt ...
Alma Johanna Koenig, aus: Liebesgedichte
F. G. Speidel'sche Verlagsbuchhandlung Wien und Leipzig 1930
Alma Johanna Koenig, geboren am 18. August 1887 in Prag; ermordet am 1. Juni 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez (bei Minsk), Lyrikerin und Erzählerin.