Samstag, 10. Oktober 2026

Adolf Knoblauch: Drei Gedichte

 



Der Kirchhof

Du nimmst die Geräte
und trittst in die Gasse
zwischen dunkel sich senkende Häuser.
Du rufst zu den Kindern,
die in dämmernder Baumreihe lärmen.
Dann gehst du hinaus auf die Ebene,
über das Licht sich breitet.

Am Hügel ist der Kirchhof,
und ich geleite dich zu seiner Pforte.
Dann schreite ich höher hinauf
und schaue von oben dir zu,
emsig sorgst du um das Grab,
trägst Wasser, pflanzest Blumen
und schaust öfter gens´ Licht.
Klein, unscheinbar bückst du dich übers Grab.

Endlich aber kommst du hinauf unter den Birken,
dein helles Angesicht blickt voll Freude,
und ich nehme die Geräte, die köstlich sind
von deiner Mühe und Arbeit.

Langsame Tropfen Bluts lösen sich
von der letzten Sonne.
Inniges, leises Liebeswort
sagt deinen Dank.


Im Allerhellsten

„Komm auf den Hügel, Lieb!
Sieh das Allerhellste am langen Tag.“

Wir wandeln schweigend den Hang höher,
Hand in Hand durch die Wacholder,
die uns bescheiden streifen
und dein Gewand küssen,
als seien sie Kinder, traurig und still.

Wenn wir leise die Arme voneinander lösen,
wenn wir anhalten und den Blick von unserm Pfad erheben,
blicken wir in tiefe Täler,
denen dein Dienst und deine Sorge gehören.
Du trittst frei auf die einsame Höhe
ins allerhellste Abendlicht.

„Laß uns niedersitzen im Moos,
solang bis die Nebel die Höhe feuchten.
Laß mich vom Lieben erzählen,
laß meine Hand auf deinem Busen.“

So sinne ich und sehe dich,
wie du mich prüfend anblickst.
Die fernen Blitze auf den Seen erlöschen,
daß sie wärmen,
und ich küsse dich zärtlich,
Liebste, lang deinen Mund!


Über den Tälern

Ich schweige,
es spricht in meinem Herzen
eine laute Glocke
und dröhnt über versunkenen Tälern:

Wenn du in die Weite fliegst,
so fliege ich mit dir,
und wir werden Gatten sein.
Wenn du in der Enge dich bindest,
dein Herz an meines sich legt,
so werden wir Liebende sein.

Wenn immer du weinst,
Liebe in Tränen dein Angesicht badet:
Laß es von Liebe sein so groß,
daß dein armes Herz
vor Schrecken und Zagen vergeht.
Möge es nie vor Schmerzen sein,
weil es zu wenig ist,
was ich ihm geben kann.

Adolf Knoblauch, aus: Der Zweemann, Monatsblätter für Dichtung und Kunst, herausgegeben von Hans Schiebelhuth und Christof Spengemann, die erste Jahresfolge, das vierte Heft, Februar 1920

Adolf Knoblauch, Schriftsteller und Übersetzer, geboren am 25. Mai 1882 in Hamburg, gestorben am 26. Juli 1951 in Berlin. Unter anderem übersetzte er ausgewählte Dichtungen von William Blake (1907)

Der Holzschnitt „Dichter Adolf Knoblauch und Frau“ (1915) ist von Ernst Ludwig Kirchner (1880 - 1938)

Donnerstag, 8. Oktober 2026

Maximilian Lazarowitz: Gassen

 


Gassen

In grauer Fronten endlos langer Reihe
steht Haus an Haus geduckt und wie verflucht.
In dieser armen Steinwelt ist nicht Weihe
und nicht ein Plätzchen, das vom Licht besucht.

Vom Licht, das drüberhin sich hell verschwendet
und alle großen Plätze reich beglückt,
und ab und zu ein Strählchen nur entsendet,
das dann ein Kindesauge ganz entzückt.

Das sind die Gassen in der Armut Enge,
das Leben flutet über sie hinweg.
Nur manchmal tun dir helle Kinderklänge
kund ihren nicht erfüllten Daseinszweck.

Maximilian Lazarowitz, aus der Zeitschrift Ver!, herausgegeben von Karl F. Kocmata, Wien, 1. November 1917

Maximilian Lazarowitz, geboren am 14, Juli 1895 in Karlsbad, Böhmen, war seit 1915 schriftstellerisch tätig, wurde 1916 Mitglied der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei« und war seit 1917 in der sozialdemokratischen Jugendbewegung in Wien aktiv. Am 15. Februar 1941 in das so genannte Ghetto Opole Lubelskie deportiert und dort nach dem März 1942 ermordet.

Die Illustration ist eine Zeichnung von Arthur Streiter (1905  -  1946) mit dem Titel Großstadthöfe, veröffentlicht in der Zeitschrift Besinnung und Aufbruch, Jahrgang 2 / Heft 3 Juli 1930 

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Walter Lindenbaum: Irgendwo

 



Irgendwo

Irgendwo, da kommt ein Mensch zur Welt,
Irgendwo, baut man ein großes Haus,
Irgendwo vermengt sich Geld mit Geld
Und irgendwo geht eine Lampe aus.

Irgendwo herrscht eine Hungersnot,
Irgendwo bestellt man Kaviar.
Irgendwo kämpft man um trocknes Brot
Und irgendwo tanzt man in einer Bar.

Irgendwo, tobt eine Schlacht,
Irgendwo sitzt man beim Hochzeitsmahl,
Irgendwo singt jemand umgebracht
Und irgendwo wird jemand umgebracht
Und irgendwo singt eine Nachtigall.

Irgendwo sind alle Menschen froh,
Irgendwo sagt er: „Ich liebe Dich“.
Irgendwo sucht einer . . . . . irgendwo
Und irgendwo da bin auch ich.
-.-.-.-.-.-.-

Blätterst Du einst in diesem Buche
Von der Erinnerung getrieben,
Verweile auch bei diesem Spruche
Und denk an den, der ihn geschrieben.
Das Schicksal treibt wie lose Blätter

Uns hin und her noch sicherlich.
Ich wünsch Dir schönes Schicksalswetter
- - - - - - - - - 

Und irgendwo, da bin auch ich!

Walter Lindenbaum, Typoskript, Theresienstadt 20. April 1944; Jüdisches Museum Prag

Walter Lindenbaum, geboren am 11. Dezember 1907 in Wien; Journalist und Autor jüdischen Glaubens. 1943 wurde er mit seiner Familie in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Er wurde am 28. September 1944 nach Auschwitz überstellt und kam von dort mit einem „Evakuierungstransport“ in das KZ Buchenwald, wo er am 20. Februar 1945 umkam. Seine Frau Rahel und seine Tochter Ruth wurden in Auschwitz-Birkenau ermordet. Leben und Werk des Arbeiterschriftstellers sind u. a. dokumentiert in: Walter Lindenbaum, Von Sehnsucht wird man hier nicht fett. Texte aus einem jüdischen Leben, hrsg. v. Herbert Exenberger und Eckart Früh, Mandelbaum 1998

Dienstag, 6. Oktober 2026

Camill Hoffmann: Aus "Theresienstädter Sonetten"

 



Aus „Theresienstädter Sonetten“


I.

In dieser Stadt der abgeschiednen Seelen
Verbat die Straße mir ein Mann in Grau.
„Ich bin wie Du“, so sprach er, „und mir fehlen
Die Tränen, zu beweinen, was ich schau.

Mir stockt das Herz, zu fassen, was ich schau
An Untergang, Verrat und Sichzerquälen,
Und folge doch dem Sternenruf. Vertrau!
Du bist wie ich. Wir haben nicht zu wählen!“

Ich sah den Grauen an. Er war aus Staub,
Und Staub bedeckte Antlitz ihm und Hände.
Die Stimme raschelte wie totes Laub,

Das mit dem Wirbel hinfuhr längs der Wände.
Allein aus seinen Augen schlug ein Feuer
Wie Wetterleuchten, still und ungeheuer.

II.

Staubwirbel jagten, und die Stimme sprach:
„Nun, sind wir Ungefragte Staub und kehren
Zu Staub zurück, ins Nichts, das nach und nach
Mich einhüllt, sieh, wir halten doch im schweren

Wachtraum der Welt die alten Wunderlehren.
Die Gottheit nur kann Not und Ungemach
Aufs Herz Dir laden, und Du wirst sie ehren.
Du wirst gerecht sie preisen selbst in Schmach.

O Glück, o Wunder! Seit der Dornbusch lohte,
Ist Deiner Brust das Bündnis eingebrannt,
Das Staubkorn nicht mehr Staubkorn, sondern Bote

Der Allmacht und der Gottheit eng verwandt.
Wer wollte je ein solches Bündnis lösen!“
Die graue Stirn erstrahlte, rein vom Bösen.

III.

„Die Zeit versinkt“, so sprach der graue Mann,
„Getrennt vom Raum, den sinnvoll jede Stunde
Durchmaß, fragst Du vergeblich: Wann?
Denn Tag und Nacht sind Irren in der Runde,

Das Heute trägt erniedrigt Acht und Bann.
Was gestern war, ist unvernarbte Wunde.
Und selbst der Glaube, den das Herz gewann,
Weicht oft dem Zweifel, ob die Welt gesunde.

Wie leuchtet da die Hoffnung lieb und kühn,
Der Blütenstrauch, der, tausendfach entfaltet,
Die Knospen treibt, in Balsamduft Dich hüllt!

Du atmest nicht von dem, was sich erfüllt.
Du blühst von Träumen, und die Träume blühn,
Wenn holder Glanz der Hoffnung sie umwandelt.“

Camill Hoffmann, handschriftliches Manuskript, Jüdisches Museum in Prag

Camill Hoffmann wurde am 31. Oktober 1878 in Kolín, Böhmen geboren; 1942 wurden er und seine Frau in das Ghetto Theresienstadt eingeliefert, im Oktober 1944 wurde er im KZ Auschwitz ermordet.

Samstag, 3. Oktober 2026

Erika Taube: Ich gehe träumend durch die Zeit / Ein jüdisches Kind / Einsicht / Wenn einmal

 



Ich gehe träumend durch die Zeit

Ich gehe träumend durch die Zeit,
ich wach' und träume doch,
ich leb' in der Vergangenheit
und trag' das heut'ge Joch.
Die Zukunft ist mein schönster Traum,
und böse Gegenwart,
spüre ich nicht, ich fühl' sie kaum,
sei sie auch noch so hart.
So geh ich träumend durch die Zeit,
sie eilt an mir vorbei,
bald ist sie schon Vergangenheit
und ich bin wach und frei.


Ein jüdisches Kind

Du bist ein Kind wie all die vielen, 
die auf der ganzen Erde sind, 
wie all die anderen Gespielen 
und doch bist du so anders, Kind. 

Du bist ein Kind, dem Heimat fehlt, 
in allen Städten bist du fremd. 
So lang dich nicht das Wort beseelt: 
Heimat, dein Herz ist ungehemmt.


Einsicht

Als ich noch Buttersemmeln aß
und alles auf der Welt besaß,
was heut ich so begehre;
da merkt ich´s nicht, dass ich vergaß
des Lebens Wert, den ich nicht maß,
drum heut ich´s so entbehre.


Wenn einmal

Wenn einmal alles umgekehrt
und die Vernunft regiert die Welt,
wenn man den Menschen wieder ehrt,
und nicht den Krieger mehr als Held,
wenn alles Leben wieder blüht,
und alle Worte wieder frei,
und jedes Herz nach Liebe glüht,
wenn uns ersteht einmal der Mai,
dann wird die Erde erst erstrahlen
in ihrem echten klaren Glanz,
der beste Maler kann nicht malen
die Schönheit, die dann voll und ganz.
Dann wird der kleine Mensch erst sehn,
was Gott ist und auch die Natur
und wird das Leben erst verstehn,
wenn einmal endlich. . . wann denn nur?

Erika Taube, aus: Theresienstädter Skizzenbuch, Gedanken im Ghetto, Theresienstadt 13. 7. 1943

Erika Taube, geborene Steiger, geboren am 18. Juli 1913 in Wien; 1938 floh sie aus Wien nach Prag, wo sie den Komponisten Carlo S. Taube kennenlernte und im April 1941 heiratete. Nur wenige Monate später wurden beide in dem seit 1939 von der Wehrmacht besetzten Prag verhaftet und am 10. Dezember in das Ghetto Theresienstadt deportiert.

Carlo S. Taube führte dort seine Kompositionen und unmenschlichen Bedingungen fort und leitete auch ein eigenes Lagerorchester. Eines seiner Orchesterwerke trägt den Titel „Theresianische Suite“ auch „Theresienstädter Symphonie“ genannt. Mehrere der Gedichte Erikas, wie etwa das „Wiegenlied“ wurden von ihrem Mann vertont.

Am 4. Oktober wurde Erika Taube von Theresienstadt in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert, drei Tage nach ihrem Mann, und unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet.


                         



Mittwoch, 23. September 2026

Hedda Sauer: So hab´ ich denn verträumet. . .

 



So habʼ ich denn verträumet
Die lange Winternacht,
Habʼ nun den Lenz versäumet,
Den mir dein Augʼ gebracht.
So lang habʼ ich geharret,
So lang habʼ ich geweint –
Nun bleibt mein Augʼerstarret,
Wie warm das Licht auch scheint.
Auf Berg und Thal hernieder
Der Sonnensegen weht –
Kommt auch der Frühling wieder –
Er kommt für mich zu spät.

Hedda Sauer, aus: Gedichte, Prag 1895

Hedda Sauer, geboren am 24. September 1875 in Prag; gestorben am 21. März 1953 ebenda, Dichterin und Übersetzerin in Prag. Sie gehörte mit ihrem Mann Prof. August Sauer zur dortigen Kultur- und Künstlerszene und hatte Kontakte zu Rainer Maria Rilke, Ellen Key, Bertha von Suttner und anderen Persönlichkeiten.

Das Bild ist von Harald Sohlberg (1869 - 1935)

Donnerstag, 27. August 2026

Marianne Dora Rein: Europa

 


Europa

Die Mädchen gingen durch erblühte Fluren.
Voran die Schönste - vollen Laufs, geschmeidig.
Vom nahen Felde glänzte, wein und seidig,
- zertret´ne Halme wiesen seine Spuren -

der Leib des Tieres mit dem Widerriste,
den es, fast anmutsvoll, herabgebogen,
so, dass von seinem Anblick hingezogen,
und ahnungslos, dass es sie überliste

das Mädchen sich auf seinen Rücken schwang,
die Nüstern kraulte, die vom Atem dampfte.
Indes das Tier sich hob, und schnob und stampfte,

bleiben die andern unbewegt und bang.
Sie sah´n den Gott nicht, den die Nachwelt glaubte,
den brünst´gen Stier nur, der die Jungfrau raubte.

Marianne Dora Rein, handschriftliches Manuskript, Archiv Leo Baeck Institute NewYork

Marianne Dora Rein, geboren am 2. Januar 1911, war eine junge hoffnungsvolle jüdische Dichterin aus Würzburg. Am 27. November 1941 wurde Marianne Rein zusammen mit ihrer Mutter mit dem ersten aus Würzburg abgehenden Transport zusammen mit weiteren 200 Personen, darunter 40 Kindern und Jugendlichen, deportiert. Der Transport ging über Nürnberg nach Riga. Die Deportierten wurden, so eine Überlebende, in den eiskalten Wirtschaftsgebäuden des Jungfernhofes bei Riga untergebracht. Von dort gingen ab Februar 1942 Transporte ab, zuletzt am 26. März 1942 ein Transport mit ca. 1700 Menschen. Alle Abtransportierten wurden am gleichen Tag in einem Wald bei Riga erschossen. Von den im November 1941 aus Franken nach Riga Deportierten haben, soweit bekannt, zwei Personen überlebt.

Das Leo Baeck Institut (LBI) ist eine unabhängige Forschungs- und Dokumentationseinrichtung für die Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums mit drei Teilinstituten in Jerusalem, London und New York City mit Zweigstelle in Berlin. Es wurde 1955 von Hannah Arendt, Martin Buber, Siegfried Moses, Gershom Sholem, Ernst Simon und Robert Weltsch gegründet und setzt sich zum Ziel, deutsch-jüdische Geschichte und Kultur wissenschaftlich zu erforschen und ihr Erbe zu bewahren.

Das Bild ist von „Der Raub von Europa“ ist von Girolamo da Santacore (1480 – 1556)