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Donnerstag, 27. August 2026

Marianne Dora Rein: Europa

 


Europa

Die Mädchen gingen durch erblühte Fluren.
Voran die Schönste - vollen Laufs, geschmeidig.
Vom nahen Felde glänzte, wein und seidig,
- zertret´ne Halme wiesen seine Spuren -

der Leib des Tieres mit dem Widerriste,
den es, fast anmutsvoll, herabgebogen,
so, dass von seinem Anblick hingezogen,
und ahnungslos, dass es sie überliste

das Mädchen sich auf seinen Rücken schwang,
die Nüstern kraulte, die vom Atem dampfte.
Indes das Tier sich hob, und schnob und stampfte,

bleiben die andern unbewegt und bang.
Sie sah´n den Gott nicht, den die Nachwelt glaubte,
den brünst´gen Stier nur, der die Jungfrau raubte.

Marianne Dora Rein, handschriftliches Manuskript, Archiv Leo Baeck Institute NewYork

Marianne Dora Rein, geboren am 2. Januar 1911, war eine junge hoffnungsvolle jüdische Dichterin aus Würzburg. Am 27. November 1941 wurde Marianne Rein zusammen mit ihrer Mutter mit dem ersten aus Würzburg abgehenden Transport zusammen mit weiteren 200 Personen, darunter 40 Kindern und Jugendlichen, deportiert. Der Transport ging über Nürnberg nach Riga. Die Deportierten wurden, so eine Überlebende, in den eiskalten Wirtschaftsgebäuden des Jungfernhofes bei Riga untergebracht. Von dort gingen ab Februar 1942 Transporte ab, zuletzt am 26. März 1942 ein Transport mit ca. 1700 Menschen. Alle Abtransportierten wurden am gleichen Tag in einem Wald bei Riga erschossen. Von den im November 1941 aus Franken nach Riga Deportierten haben, soweit bekannt, zwei Personen überlebt.

Das Leo Baeck Institut (LBI) ist eine unabhängige Forschungs- und Dokumentationseinrichtung für die Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums mit drei Teilinstituten in Jerusalem, London und New York City mit Zweigstelle in Berlin. Es wurde 1955 von Hannah Arendt, Martin Buber, Siegfried Moses, Gershom Sholem, Ernst Simon und Robert Weltsch gegründet und setzt sich zum Ziel, deutsch-jüdische Geschichte und Kultur wissenschaftlich zu erforschen und ihr Erbe zu bewahren.

Das Bild ist von „Der Raub von Europa“ ist von Girolamo da Santacore (1480 – 1556)

Sonntag, 10. Mai 2026

Alfred Grünewald, aus: Renatos Gesang (15 - 17)

 



15

Ich seh mit Staunen im kristallnen Bach
die Kiesel sich als Edelsteine zeigen.
Wie sich die Gräser zueinander neigen,
als ob sie flüsterten! Der Wind ist wach.

Ich heb das Haupt. Durch dichtes Blätterdach
blitzt Blaues. Über mir ein Mückenreigen.
Ringsum der Bäume klangerfülltes Schweigen.
Es lauscht der Wald verschollnem Liede nach.

Jetzt regt sichs im Gebüsch. Sind Schritte nah?
Ein Zweig nur fiel. Es raschelt welkes Laub.
In mir ist Freude. Was mir je geschah,

bekam erst seinen Sinn. Viel ward zu Staub,
was Gold mir schien, und ward des Windes Raub.
Und schimmernd grü6t, was einst ich düster sah.


16

Wie bin ich tief verstrickt mit meinen Träumen
in einen Traum aus Kinderland! Vielleicht
ist alles noch wie eh, und nichts entweicht
und wird zu Schatten in verlornen Räumen.

Ich glaubte, immer mehr mich zu versäumen.
Nun weiß ich, daß. mein Herz mich erst erreicht.
Ich geh mit leichtem Schritt. Der Frühwind streicht
mir um das Haar. Es regt sich in den Bäumen.

Und lang vergeßne Freuden sind erwacht
und Kinderbangen, knospende Gefühle,
in Tränentau bereit, sich zu entfalten

als eine Blume, die ins Lichte lacht.
Und hingegeben diesem Wunderwalten,
schreit ich mit feuchten Blicken durch die Kühle.


17

In nun harten Fesseln lagen die Gedanken
und wurden Wunden, wollten sie sich rühren.
sind sie frei, und offen sind die Türen,
und ihre Bahn ist hell und ohne Schranken.

Ob sie sich hoben, ob sie niedersanken,
ich weiß, sie werden Gottes Atem spüren.
Gern lass ich mich von ihrem Flug verführen,
und meine leichten Schritte nicht mehr wanken.

Wo ich auch bin, ich bin so gut geborgen,
daß nichts mich findet, was mich neu bedroht.
Ein großes Lächeln ist im Abendrot

und strahlt mir wieder im erwachten Morgen.
Ich fühl mein eignes Lächeln sich verklären
und fühl im Armebreiten ferne Sphären.

Alfred Grünewald, aus: Renatos Gesang - Ein Buch der Einsamkeit, mit Steinzeichnungen von Fritz Czuczka. Verlag Paul Stern, Wien 1921

Alfred Grünewald wurde am 17. März 1884 in Wien geboren. Nach den Novemberpogromen 1938 wurde er am 14. November 1938 in das KZ Dachau verbracht, im Januar 1939 wurde er wieder entlassen. Er floh über die Schweiz nach Südfrankreich, nach Kriegsausbruch wurde er in der Fort-Carré in Antibes und im Lager Les Milles interniert, bis Herbst 1942 lebte er in Nizza. Dort wurde er von der Polizei des Vichy-Regimes festgenommen und an die SS ausgeliefert. In Auschwitz wurde er am 9. September 1942 ermordet.

Bild aus: Meister des Gîtâ-Govinda-Manuskripts (1760 - 1765)

Sonntag, 3. Mai 2026

Hermann von Boetticher: Sonette des Zurückgekehrten

 


Sonette des Zurückgekehrten (1919)

Dies ist wie Grab. Schwarz sinken Schatten
auf meine aufgebäumten Schultern nieder,
der bleiche Himmel fällt und ein Gefieder
von Dunkelheiten will mich ganz ermatten.

Die Bäume stehen still - freudlose Lieder
erfüllen alle Luft. Durch morsche Latten
kriecht Unkraut zügellos im tiefen Schatten.
Blaß spiegeln Pfützen tränenfeuchte Lider.

Verschüttet ist mein Mund, ich kann nicht schreien
ich gehe durch die Straßen ohne Licht
in fremde Augen meinen Schmerz zu streuen

bis ihn ein falsches Lächeln ganz zerbricht.
O Stern, der durch die Nacht der Erde gütig scheint
verhüll mein Angesicht das schreilos weint.

* * *

Verhüll mein Angesicht das tränenlos
Empörungsstille, ich will dies erleiden
will jeden Schmucks und Trostes mich entkleiden
bis daß der Himmel wieder weit und groß.

Den Lärm der Hoffnung will wie Gift ich meiden.
die Macht verachten, bis sie nackt und bloß
zurückgefallen in der Güte Schoß,
in deren Falten milde Sonnen weiden.

Die Erde hat ihr Innerstes erbrochen
an ihrem Schachte stehen Tote still.
Ich stehe lauschend bis die Stunde reift
die nach dem Sitze meines Schmerzes greift.

* * *

Im bleichen Saale rauchen die Grimassen
um meine Einsamkeit wie Nebelwehen
hinter Gesichtergittern letzte Seelen stehen
indeß Verirrte Ordensbänder fassen.

Auf Winterfelde wie ein Busch von Schlehen
will bittere Beeren streuend ich nicht lassen
von meiner Trauer bis in allen Gassen
die Menschen zornentbrannt im Lichte stehen.

Auch Zarte, die im halbvergessnen Scheine
einst vor mir stand und Gnade auf mich goß
sei fremd mir wie im süßgemischten Weine

die Färbung die nicht aus der Traube floß.
Wohl zuckt in meinem Innern eine Flamme
doch sie gehört dem Volk wie Blitz dem ganzen Stamme.

* * *

Ich habe Tage lang so hingesessen
wie eine Frau die nie Liebe sah
wie einer Lichtbetrogenen geschah
mir diese Zeit vom Wahnsinn ganz besessen.

Die alten Wälder standen um mich da
wie von der Ewigkeit im Spiel vergessen
wie um den Unterschied an mir zu messen
flogen die Vögel meinem Haupt ganz nah.

Ich will in ihre Schwingen taumelnd greifen
verführt von süßem Traum und leichtem Flug
ihr banger Schrei läßt mich den Trug begreifen -

Wer war es der so tief mich niederschlug?
Umfängt Natur mich oder zimmerkranke Wände:
geschändet ist das Sein durch Menschenhände.

* * *

Die Wolken gehen tief die Blätter klagen
im feuchten Laube raschelt leis mein Tritt
an meinen kalten Händen schreiten Tote mit
indeß die Bäume dunkel um uns ragen.

Über die Wipfel rauscht so fern der Wagen
der dumpfen Zeit. Ein Vogel schreit Kiwitt -
die Ewigkeit fällt mein Herz - mein Schritt
verhallt. Lautlos die Lüfte in den Dünsten jagen.

Nun lösen sich die schmerzgeballten Flächen
in meine Seele quillt die Melodie
zeitloser Zeit und jetzt in Silberbächen

erstrahlt der Glanz verlorner Alchemie.
Vorm letzten Kampfe ruht im Blut der Wille
und in mir brauset Gottes tiefste Stille.

* * *

In Gottes Stille bin ich tief versunken
von meinen Händen fließt das bittre Leid
um meine Schultern weht Sein weites Kleid
von unsichtbarem Glanze ganz durchtrunken.

Was mich zerschlug ist von mir abgesunken
die Tore meines Herzens stehen weit
zu dem Empfang von neuem Schmerz bereit
und alles Blut wallt in mir sterbetrunken.

Den Himmel füllt ein Dämmerlicht ganz leise
die Bäume wehen güld´ne Blätter hin
und Silberwinde bringen mir die Speise.

Ich weiß nicht, ob ich träume oder bin.
Doch durch des Todes schmerzensdunkle Wehung
schreit ich in neuem Licht zur Auferstehung.

* * *

Ein bittrer Trug, beschwerten nur Gewichte
des Augenblicks die Seelen die entstellt
ein schlimmer Geist in kalten Händen hält
sich selbst und seinen Jüngern zum Gerichte.

Weiß stehen Kinder bald in anderm Lichte,
von ihren dunkelgroßen Augen fällt
die Häßlichkeit der Zeit und zart erhellt
ein tiefer Schein die gläubigen Gesichte.

Das Licht ist ewig und wir müssen
die Strahlen uns ums Haupt versammeln
die von den großen Toten zu uns grüßen.

Was soll uns dieser Tage wirres Stammeln?
Der wilde Lärm der laut nach dir begehrt
ist Bruder deine Seelennot nicht wert.

* * *

Mein Bruder, deine roten Würgerhände
sind nichts als Gottes dunkle Strahlen
hervorgebrochen aus den Schalen
von seiner Sanftmut wie Legende.

Vom letzten Lichte trennen dich nur Wände
die Seine Stunden über Nacht zermahlen
dann wirst auch du in einem Glanz erstrahlen
und rein aufstehen von des Kampfes Ende.

Die Ewigkeit spielt lächelnd mit den Dingen
die blutiggroß in dir geschrieben stehn
und während die Planeten Hymnen singen

wird was du tatest lautlos untergehn:
Vor eines Herzens Lächeln bricht in Stücke
Dein lauter Ruhm und alle seine Tücke.

Sonette des Zurückgekehrten, Bruno Wollbrück Verlag, Weimar 1919

Hermann von Boetticher, geboren am 13. August 1887 in Eldingen; ermordet am 28. April 1941 in NS-Tötungsanstalt Sonnenstein, Sachsen) Er ist beigesetzt auf dem Stadtfriedhof Göttingen

Mittwoch, 18. Februar 2026

Henni Lehmann: Hiddensee, Dem Geist des Lichts, Abendsonne

 



Hiddensee

Um meine Insel singt das Meer sein Lied.
Sie schwimmt in Flut gleich schmalem grünen Blatte,
Sie reckt in Dünen Heide, Moor und matte
Leuchtfeuer glimmen, und die Möve zieht.

Es singt von toter Sonne, die verschied,
Damit die Nacht mit Frieden uns umschatte,
Von Himmelswölkchen, weich wie Flöckchen Watte,
Vom Sturm, der jauchzend in die Ferne flieht.

Die Lieder alle singt es, die sie sangen
An fremden Ufern, Chöre, die erklangen
Aus Orgeln, von den Betern, die dort knien.

Und wie am Inselstrand in Muscheln, Kieseln
Die feinen Wasserfäden sacht verrieseln,
Empfängt es meiner Seele Melodien.


Dem Geist des Lichts


Tritt ein in meinen Garten, Geist des Lichts,
Und gib mir deine kühlen frommen Hände,
Daß ich den Strom der Liebe zu dir wende,
Verklärte Form des Gottesangesichts.

Wie einst am Tag verkündeten Gerichts
Sich ew’gen Segens heilig frohe Spende
Ergießt in Welten ohne Zahl und Ende,
So rette mich erlösend aus dem Nichts.

Es gibt noch Sonnen, die am Himmel brennen,
Es gibt noch Wege, die wir beide kennen,
Dort lass uns freudig und in Frieden wandeln!

Und dort, in der geweihten Stille,
Erwächst aus Wunsch und Traum der Wille,
Und Wille hebt sich zu befreitem Handeln.


Abendsonne

Verglühter Abend, deine Strahlen sinken
Auf Veilchenbeete, die nun rötlich glühen,
Und droben seh ich ros’ge Veilchen blühen
Am Himmel, dessen Glanz die Lüfte trinken.

Im Busch ertönt noch später Schlag der Finken,
Vom Turme Glockentöne, die den Mühen
Des Tags ein Ziel verkünden, da die frühen
Verträumten Sterne schon am Himmel blinken.

Das alles ist so licht und leicht und schwebend,
So ganz in Duft und Glanz und Reinheit lebend,
Daß Träume sich mit goldnen Reifen krönen.

Nun zur Erfüllung wird das kaum Geahnte,
Zum Pfade gangbar wird das ungebahnte,
Der Sehnsucht Welle ebbt im ewig Schönen.

Henriette „Henni“ Lehmann, aus: Es singt das Meer, Sonette und Terzinen, Weimar: W. von Kornatzki 1922.

Henriette „Henni“ Lehmann, geboren am 10. Oktober 1862 als Henriette Straßmann in Berlin, gestorben am 18. Februar 1937 ebendort, politisch und sozial engagierte Künstlerin und Autorin.

1911 zog sie mit ihrer Familie nach Göttingen, nachdem ihr Mann eine Professur an der Universität Göttingen erhalten hatte. Während des Ersten Weltkriegs war sie Leiterin der Göttinger Abteilung des Nationalen Frauendienstes (NFD) innerhalb des Vaterländischen Kriegshilfsdiensts. 1919 wurde sie Mitglied der SPD.

Nach dem Tod ihres Mannes blieb sie zunächst in Göttingen, übersiedelte dann aber 1922 nach Weimar. Während der Weimarer Republik engagierte sie sich in der Arbeiterwohlfahrt. Sie schrieb sozial engagierte Romane und hielt Vorträge. Auch trat sie gegen den Antisemitismus auf.

Ab 1907 verbrachte die Familie Lehmann die Sommerferien regelmäßig auf der Insel Hiddensee und erwarb im selben Jahr ein Grundstück in Vitte, auf dem Henni Lehmann ein Landhaus errichten ließ, das bis 1937 als Sommersitz genutzt wurde.

Henni Lehmann engagierte sich auf Hiddensee für die Schaffung besserer Lebensumstände und zählte 1909 zu den Gründungsmitgliedern der Genossenschaftsreederei. 1913 gab sie den Insulanern ein Darlehen zum Bau eines Arzthauses, und 1914 gehörte sie zu den Mitbegründern und ersten Vorstandsmitgliedern des Natur- und Heimatschutzbundes Hiddensee.

Um 1919 kaufte Henni Lehmann noch die neben ihrem Landhaus befindliche Bäckerscheune, die sie zu einem Atelier mit Ausstellungsraum umbauen ließ. Sie erhielt die Bezeichnung Blaue Scheune und wurde zum Zentrum des Hiddenseer Künstlerinnenbundes, zu dem unter anderem Clara Arnheim, Elisabeth Büchsel und Käthe Löwenthal gehörten. Durch die NS-Herrschaft war dies ab 1933 nicht mehr möglich.

Etwa 1935 wurde bei ihr Krebs diagnostiziert. In der Hoffnung auf eine fachgerechte medizinische Versorgung fuhr sie danach häufig nach Berlin und wohnte dort bei ihrer Freundin und Mitarbeiterin Clara Arnheim. Am 18. Februar 1937 nahm sie sich dort das Leben.

Das Bild „Bäuerin auf der Straße in Kloster (Hiddensee)“, gemalt 1918, ist von ihr.


Samstag, 24. Januar 2026

Alfred Grünewald - Aus: Renatos Gesang (10 - 12)

 



10

Ihr fragt mich heut nach meinem Siedlerleben
und drängt euch nah zu mir. Mein Angesicht
zeigt euch ein Lächeln, und ich rede nicht.
Und dennoch hab ich Antwort euch gegeben.

Mein Lächeln sagt: Seht her, in mir ist Licht. -
Ich breite meine Arme. Ohne Beben
weist meine Hand nach Wolken, die entschweben.
Ihr fühlt, was meine stumme Lippe spricht.

Geht hin, ihr Kinder. Meines Lächelns Gabe
nehmt sie mit euch, so wie sie euch gegönnt.
Und zürnet nicht, daß ich verweigert habe,

was ich doch nimmermehr gewähren könnt.
Geht hin und lernt das Schweigende beschwören.
Ihr werdet meine Stimme rufen hören.


11

Heut kann so vieles mich zutiefst beglücken
und war mir gestern kaum noch zugetan.
Ein süßes Drängen ist in meinem Wahn
und will mich stets zu neuem Lied entzücken.

Ich kann die Worte mir wie Blumen pflücken.
Was meine Blicke nur im Traume sahn,
begegnet mir auf meiner Wanderbahn.
Von Stern zu Stern bau ich mir Silberbrücken.

O daß ich endlich singe, der ich lange
in Schweigen schritt auf unerlöster Fährte!
O daß ich Abgewandter nun empfange,

was mir verweigert war, als ich begehrte!
Nun weiß ich, ein Sich-Rüsten zum Gesange
war dieses Schweigen, das mein Herz verzehrte.


12

Wer ist bei mir, der leiser ist als Hauch
und sanfter mich berührt? Ich glaub, die Dinge
erkennen ihn. Wenn er mich dicht umfinge,
vielleicht erriete ihn mein Fühlen auch.

Ich tret ans Fenster. Abend neigt sich. Rauch
wird weiße Wolke. Silbernes Gesinge
ist in der Luft. - Da mein ich, eine Schwinge
streift meine Stirne. Ist dies Geisterbrauch?

Es pocht mein Blut in ahnendem Erwarten.
Vergeßnes Wort kommt jäh mir in den Sinn.
Ich flüstere: „Du weißt es, wer ich bin.

Zeigst du dich jenen nicht, die deiner harrten?“ -
Mit heißen Blicken, die sich kühl befeuchten,
schau ich ins Gartenland. Die Blumen leuchten.

Alfred Grünewald, aus: Renatos Gesang - Ein Buch der Einsamkeit, mit Steinzeichnungen von Fritz Czuczka. Verlag Paul Stern, Wien 1921

Alfred Grünewald wurde am 17. März 1884 in Wien geboren. Nach den Novemberpogromen 1938 wurde er am 14. November 1938 in das KZ Dachau verbracht, im Januar 1939 wurde er wieder entlassen. Er floh über die Schweiz nach Südfrankreich, nach Kriegsausbruch wurde er in der Fort-Carré in Antibes und im Lager Les Milles interniert, bis Herbst 1942 lebte er in Nizza. Dort wurde er von der Polizei des Vichy-Regimes festgenommen und an die SS ausgeliefert. In Auschwitz wurde er am 9. September 1942 ermordet.

Das Bild ist von Sidney Herbert Sime (1865 - 1941)

Freitag, 23. Januar 2026

Ernst Blass - Aus: Die Gedichte von Trennung und Licht

 



ICH bin nur Staubkorn - riesig ragt die Nacht.
Mein Weg treibt durch Laternen und viel Stein.
Als ich von Menschen wollt´ verlassen sein,
Hab ich es mir nicht als so groß gedacht.

Ich kann nun nichts von alledem erreichen,
Was gar nicht fern man redet und man lacht.
Nur Nacht wird lang um meine Wangen streichen,
Bis ich mich Einsamen nach Haus gebracht.

Ich werd in ein entferntes Bett mich legen
Und wissen, dass ich schied, bestimmt bedrückt
Von dem, was ich verließ, doch nicht vergaß,

Und dennoch fühlen dies als einen Segen:
Es war doch überviel, was ich besaß,
Was nun die Nacht der Stunden mir entrückt.


ICH gehe zwischen Gärten jetzt, in Straßen,
Wo Abend ward, und nichts sich sehr bewegt,
Feind dieser Menschen, die mich nicht vergaßen.
Baumlaub erduftet, Glocke klopfend schlägt.

Ich, dessen Stimme, Nähe und Gestalt
Sie früh entzünden konnte und betören,
Geh fern - es dämmert tief - verhüllt, umwallt,
Wissend: wir werden oft noch von uns hören.

Den ihr verleumdetet, der euch verstößt,
Euch nicht mehr achten darf, weiß wohl: ihm war
Einst du der Freund und du einst seine Frau.

Ein Engelsschatten steht, das Schwert entblößt,
Wache zu halten vor verbotnen Bau,
Dem nicht ein Frühling winket durch das Jahr.


NUN wandeln zwischen uns die Segelschiffe,
Die morgens aufstehn im erwachten Duft,
Wo Fisch und Pflanze zarter sind, als griffe
Bangnis und Hoffnung ein in ihre Luft.

Nun ruhen zwischen uns die Nachmittage,
Von einem End zum andern hin gespannt.
Zu ihnen flüstern wir wie eine Sage:
Uns trennte wenig und nun trennt uns Land.

Und manche Stunden sind wie Glockenschläge
Von dunklem Hasten und im Anschlag kurz,
Und unsre Herzen sehen ihre Wege
Vielleicht zum letztem in ihrem Sturz.

Ernst Blass, aus: Die Gedichte von Trennung und Licht, Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1915

Am 23. Januar 1939 starb in Berlin nach schwerer Krankheit und vereinsamt der Dichter Ernst Blass, geboren am 17. Oktober 1890 in Berlin, der 25 Jahre vorher zu den bekanntesten Lyrikern des Expressionismus gehörte. Sein erster Gedichtband - „Die Straßen komme ich entlang geweht“ erschien 1912. Von einem Lyriker wünschte er sich: „. . . daß er manchmal recht ins Alltägliche hineingeklebt ist; der noch in der Erhebung weiß, daß man nicht immer erhoben ist.“

1909 lernte er im Café des Westens den Schriftsteller Kurt Hiller kennen, über dessen Neuen Club er mit Georg Heym und Jakob van Hoddis in Kontakt kam. Mit ihnen bildete er alsbald „das Terzett der bedeutenden Dichter im Club“. Anfang 1911 trat er mit Hiller und anderen aus dem Club aus und gründete mit ihm das konkurrierende Literarische Cabaret GNU. Veröffentlichungen von Gedichten in den wichtigsten Zeitschriften des literarischen Frühexpressionismus wie Die Aktion und Der Sturm oder auch Die Fackel von Karl Kraus folgten.

1926 begann sein tuberkulöses Augenleiden, das im Laufe der Jahre zu fast vollständiger Erblindung führte. Mit Beginn des Dritten Reiches wurden seine Arbeits- und Publikationsmöglichkeiten immer eingeschränkter. Schließlich verstarb er verarmt im Berliner Krankenhaus der jüdischen Gemeinde an den Folgen einer lange unerkannt gebliebenen Lungentuberkulose; sein Tod blieb selbst in Exilkreisen weitgehend unbeachtet.

Freitag, 16. Januar 2026

Alfred Grünewald - Aus: Renatos Gesang (7 - 9)

 



7

Wer bist du, Blume, die ich nie geschaut?
Mein Flüstern will dir einen Namen geben.
Drei klare Tropfen dir im Kelche beben.
Sind sie von Gottes Wimper abgetaut?

Ich bange sehr vor meiner Stimme Laut
und wage nicht, sie klingend zu erheben.
Vielleicht bist du nur Traum und wirst entschweben,
wenn ich dir Worte sag, wie einer Braut.

Vielleicht ist deiner Farben Übermaß
nur meines trunknen Blickes Lichtverlangen.
Bist du ein Glück, das ich schon lang vergaß?

Hab ich mit dir Verlorenes empfangen?
Ich wende mich und geh durch feuchtes Gras
und fühl noch deinen Hauch an meinen Wangen.


8

Was will mein Bangen, Wind? Dein Hauch ist lau:
doch meine Wangen brennen. Dieser Schimmer
auf euch, ihr Lieblingsblumen, sind es immer
noch meine Tränen, oder ist es Tau?

Du Wiesenpfad, dem ich mich anvertrau,
wo führst du hin? Ich hab in meinem Zimmer
ein Lied gehört und ich errate nimmer,
sang es im Tale, sang des Himmels Blau.

War es ein Singen der Vergangenheit,
das mir erklang, daß es mich traurig mache?
Hat Künftiges schon meinen Sinn berührt?

Was will mein Bangen? Bin ich nicht gefeit,
wohin auch immer mich der Weg entführt?!
O Wind, o Baum! Ich lache, ja, ich lache.


9

Das Zarte ward zur Macht, und reißend schwillt
ein Strom aus Tau. Ein Sturm aus Blumendüften
saust um des Berges Gipfel und in Klüften.
Die Stille ward ein Rufen, heiß und wild.

Aus bleichen Schatten ward ein Purpurbild,
gemalt auf Himmel. Qual entstieg den Grüften
und ward ein lichtes Singen in den Lüften.
Mein Herz von tausend Herzen überquillt.

Wie bin ich bang des Zaubers und beseligt
von dem, was ich entfesselte, befehligt!
Es kam ein großer Frühling in die Welt.

Ich sah sein Blühn in meines Traumes Wähnen
und seine Wurzeln tränkte ich mit Tränen,
von Gott in meine Einsamkeit gestellt.

Alfred Grünewald, aus: Renatos Gesang - Ein Buch der Einsamkeit, mit Steinzeichnungen von Fritz Czuczka. Verlag Paul Stern, Wien 1921

Alfred Grünewald wurde am 17. März 1884 in Wien geboren. Nach den Novemberpogromen 1938 wurde er am 14. November 1938 in das KZ Dachau verbracht, im Januar 1939 wurde er wieder entlassen. Er floh über die Schweiz nach Südfrankreich, nach Kriegsausbruch wurde er in der Fort-Carré in Antibes und im Lager Les Milles interniert, bis Herbst 1942 lebte er in Nizza. Dort wurde er von der Polizei des Vichy-Regimes festgenommen und an die SS ausgeliefert. In Auschwitz wurde er am 9. September 1942 ermordet.

„Sie sagten ferner, daß auf einer der beiden, hier vorhandenen Einsiedeleien sich ein vornehmer französischer Cavalier, namens Renato, als Einsiedler . . . befände“ (Cervantes, aus: Irrfahrten des Persiles und der Sigismunda, eine nordische Geschichte, Cervantes sämtliche Werke, Leipzig 1825)

Das Bild ist von Séraphine Louis, geboren am 2. September 1864 in Arsy, Oise, französische Malerin, sie zählt zu den bedeutendsten Vertreterinnen der „Naiven Kunst“ in Frankreich. 1932 wurde bei ihr Schizophrenie diagnostiziert und sie in einer Psychiatrie in Clermont untergebracht. Total vernachlässigt aufgrund des während der deutschen Besetzung für „Irrenanstalten“ angeordneten Versorgungsnotstands, verhungerte Séraphine Louis 1942 im Alter von 78 Jahren.

Donnerstag, 13. November 2025

Hertha Kräftner: Geh ohne Mantel und vergiss. . . / Sonett an deine Hände

 




Geh ohne Mantel und vergiss . . .

Geh ohne Mantel und vergiss,
was deine Heimat war.
Erfahre früh, daß nur der Riß
der Welten dich gebar
und daß du selber Zwiespalt bist,
ein Ding aus Traum und Zeit.
Und wenn die Liebe unterwegs dich küßt,
dann gehst du doppelt weit.


Sonett an deine Hände

Ihr seid ein schmaler Weg, ganz mondenweiß,
auf dem die Sehnsucht durch die Nächte geht,
und wie der Stern, der über blauen Wäldern steht,
drängt ihr die Angst aus eurem Kreis.

Vor eurer Süße werden Mädchen blind und heiß
und sinken in euch wie in ein Gebet;
und wie der Wind, der aus der Ferne weht,
verschenkt ihr Dinge, deren Namen man nicht weiß.

Ihr seid von blassem Samt ein Kissen,
wie die, auf denen Königinnen gar
den Stolz in Demut wandeln müssen.

Und seid ein bleiches Gift, doch süß und klar,
daß, die es tranken, dann noch lächeln müssen,
wenn sie der Tod schon nimmt an ihrem Haar.


„Noch nie fühlte ich die Bedeutung der Hände so sehr.
Die Hände der Liebenden leben ein eigenes Leben. Und wenn der Mund der Rand der Seele ist, so sind die Hände der Liebenden die Schale, darin sie ruht.
Und wenn ihre Hände sich berühren, so ist es, als ob der Inhalt zweier Schalen ineinander fließe.“


Aus einem Brief an Otto Hirss vom 17. 11.1947

Aus: Hertha Kräftner Kühle Sterne
Gedichte, Prosa, Briefe
Aus dem Nachlaß herausgegeben von Gerhard Altmann und Max Blaeulich
Mit zwei Nachworten, Wieser Verlag 1997

Hertha Kräftner, geboren am 26. April 1928 in Wien; gestorben am 13. November 1951 ebenda

Sie wuchs im burgenländischen Mattersburg auf, 1947 zog sie nach Wien In den literarischen Kreisen der österreichischen Hauptstadt erlangte sie bald Anerkennung und fand sich im Oktober 1948 erstmals gedruckt: Hermann Hakel, Kräftners erster literarischer Förderer, veröffentlichte in seiner Zeitschrift Lynkeus ihr Gedicht „Einem Straßengeiger“.

1950 trat sie mit dem literarischen Zirkel um Hans Weigel im Café Raimund in Verbindung, sprach und korrespondierte mit Schriftstellern wie René Altmann, H.C. Artmann, Gerhard Fritsch, Friederike Mayröcker, Jeannie Ebner und Andreas Okopenko, die in der Zeitschrift Neue Wege publizierten. Auch Kräftners Werke erschienen dort und in anderen Blättern, z. B. Stimmen der Gegenwart, wurden im Wiener Volksbildungshaus Urania sowie im Rundfunk vorgestellt.

Trotz dieser ersten schriftstellerischen Erfolge fühlte sich Kräftner unverändert einsam und traurig. Im August 1950 flüchtete sie nach Paris zu Marguerite Rebois, die sie in Norwegen kennengelernt hatte. Es gelang ihr, sich ein wenig zu zerstreuen, so dass sie dort eine nach eigenen Aussagen sehr glückliche Zeit verbrachte. Unter diesem Eindruck entstand das "Pariser Tagebuch", das von der Zeitschrift Neue Wege 1951 mit dem Prosapreis gewürdigt wurde. Außerdem begann sie, auf Anregung Frankls an ihren „Notizen zu einem Roman in Ich-Form“ zu arbeiten. Dieser Roman blieb jedoch Fragment. Auch ihre 1949 begonnene Dissertation zum Thema „Die Stilprinzipien des Surrealismus, nachgewiesen an Franz Kafka“ schloss sie nicht ab.

In der Nacht vom 12. auf den 13. November 1951 nahm sie sich mit einer Überdosis Veronal das Leben.

Donnerstag, 3. Juli 2025

Fritz Brügel: Landschaft in der Ostravica / Fremdes Land / Brief an einen Arbeiterdichter in Dachau

 



Landschaft in der Ostravica


Hier starben viele; Abend ist verschwiegen;
der unerlöste Himmel ist verbrannt!
Es droht der Fluß! Vermeide seinen Strand,
Es wird sein Atem deinen Traum besiegen.

Der Landschaft Schatten habe ich erkannt
und seltene Vögel sah ich sichtbar fliegen;
nie wird sich Licht um diese Berge schmiegen
und ihre Felsen faulen früh im Sand.

Es war ein Wald und Bäume waren nah -
oh, ungeahnten Äthers Tag und Tau -
wie eine Fahne wölbte sich das Blau,
das an dem Himmel dieser Zeit geschah,
Ich war der Dämon, der in trunkener Schau
das Land der Sünde heilig schweigen sah!


Fremdes Land

Oh, fremdes Land der bunten Fahnen
und fremdes Wort, das mich bezwang.
In hellen Fenstern brennt Gesang.
Musik läßt tiefen Kummer ahnen.

Ich werde niemals heimwärts kommen,
mich schlug der Weg ins Labyrinth.
Aus dunkler Kirche bringt der Wind
das stumme Lied der wahrhaft Frommen.

Ich bin im Dunkel und verkünde
zu fremder Uhr die fremde Zeit.
Ich seh´ dich nicht, ich bin zu weit,
ich bin im Dunkel und erblinde.

Fritz Brügel, aus: Drei Gedichte, in Die Wage, 17. III. 1923


Brief an einen Arbeiterdichter in Dachau


Lieber Freund! Wir können uns nicht sprechen,
Weil man dich aus der Gemeinschaft strich,
Um dir Geist und Ehre zu zerbrechen,
Denn - die mächtigen Feinde fürchten sich,
Fürchten sich vor uns, die gar nichts haben
Als der Wahrheit Wort und das Recht,
Das sie täglich töten und begraben,
Das sich täglich aufzustehn erfrecht.
Unsre Feinde fürchten die paar Worte,
Die man nächtens für die Zukunft schrieb,
Und sie hoffen, daß dein Herz verdorrte,
Weil die Mörderfaust dich niederhieb;
Doch ich weiß, was sie auch immer machten,
Was sie dir an Schimpf und Qual verhängt;
Du wirst diese Meute stumm verachten,
Die, bewaffnet, zehn um einen drängt.

Mitten unter euch, wie ihr im Lager,
Hat sich als Genossin euch gesellt:
Mutter Deutschland, aufgereckt und hager,
Wundgeschlagen, aber nicht gefällt.

Sie wie ihr erwartet eine Stunde,
Sie wie ihr ist vor Empörung bleich,
Sie wie ihr weiß, daß sie einst gesunde,
Sie wie ihr harrt auf das freie Reich!
Sie wird eines Tages allen sichtbar
Sich erheben und zum Aufruhr schrein,
Dann ist der Bedränger Meute sichtbar. . .
Und ihr Werk wird nie gewesen sein!

Fritz Brügel, unter dem Pseudonym Wenzel Sladek, in Bunte Woche, Nr. 3, 21. 1. 1934, Wien

Fritz Brügel, geboren am 13. Februar 1897 in Wien; gestorben am 4. Juli 1955 in London. Er wuchs in Prag auf und studierte Geschichte an der Universität Wien. 1921 promovierte er mit einer Arbeit über die Geschichte der Deutschen in Böhmen zum Doktor der Philosophie. Anschließend war er Leiter der Sozialwissenschaftlichen Studienbibliothek der Wiener Arbeiterkammer. Nach dem Scheitern des Februaraufstandes 1934 floh Brügel in die Tschechoslowakei. Nachdem ihm 1935 die österreichische Staatsbürgerschaft aberkannt worden war, nahm er die tschechoslowakische an. Er war als Legationsrat im Außenministerium der Tschechoslowakei tätig und lieferte Beiträge für verschiedene Zeitschriften. 1936 führte ihn eine Reise in die Sowjetunion. Nach dem Münchner Abkommen vom September 1938 emigrierte Brügel nach Frankreich. Er hielt sich in Paris, später in Südfrankreich auf. 1941 gelang ihm die Flucht über Spanien und Portugal nach Großbritannien. In London war er bis 1945 für die tschechoslowakische Exilregierung und als Autor für die österreichische Exilzeitung Zeitspiegel tätig.


Mittwoch, 18. September 2024

Maria Lazar: Ich trauere

 



Ich trauere

Was ich erlebt, erscheint mir nun verflossen
in längst verblassten und entschwundenen Zeiten
wie alte Bilder, die vorüber gleiten
an meinen Augen, die sich schon geschlossen.

Was ich jedoch am meisten hab genossen,
kann heute auch noch Sehnsucht mir bereiten:
es sind die unbegrenzten Möglichkeiten,
die jeder Tag einst über mich ergossen.

Ich trauere um die Pracht der fernen Städte,
der Meere, Länder, wo ich nie gewesen,
um Liebe, die vielleicht ich noch gefunden hätte,

um Worte, die noch nicht in mir erwachten,
um tausend Bücher, die ich nicht gelesen
und die mich dennoch reich und glücklich machten.

Aus: Marion Neuhold, „Maria Lazar (1895 - 1948), Analyse ihres Exilromans „Die Eingeborenen von Maria Blut“, Diplomarbeit, Wien 2012

Maria Lazar, Pseudonym Esther Grenen, geboren am 22. November 1895 in Wien, Österreich-Ungarn; gestorben am 30. März 1948 in Stockholm war eine österreichische Schriftstellerin.

Im Sommer 1933 folgte sie einer Einladung der Schriftstellerin Karin Michaëlis und ging ins Exil auf die dänische Insel Thurø, zusammen mit Bertolt Brecht und Helene Weigel. Während der Jahre ihres Exils schrieb Lazar zahlreiche Beiträge für skandinavische und Schweizer Zeitungen und lebte unter anderem von Übersetzungen literarischer Werke aus dem Dänischen und Schwedischen ins Deutsche. 1939 zog sie, durch die Heirat mit Strindberg schwedische Staatsbürgerin geworden, mit ihrer Tochter Judith Lazar nach Schweden. Nachdem bei ihr eine unheilbare Knochenkrankheit diagnostiziert worden war, beendete sie am 30. März 1948 in Stockholm ihr Leben durch Suizid.

Das Bild ist von Arthur B. Davies (1862 - 1928)

Samstag, 30. Dezember 2023

Jesse Thoor: In einem Haus / In der Fremde / Auferstehungssonett

 



In einem Haus

In einem Haus, auf feinem Tannenreiser,
sitzen ein Bettelmann und ein Kaiser.

Beide summen und lachen und trinken
und reden laut und leise und winken.

Ein volles Jahr rollt über das Dach.
Ein volles Jahr rollt über das Dach.


In der Fremde

Ist es so auf Erden?

Bin in die Welt gegangen.
Habe mancherlei angefangen.
Aber die Leute lachten.

Auf dem Felde gegraben.
Einen Wagen gezogen.
Einen Zaun gerade gestellt.
Tür und Fenster gestrichen.
Warme Kleider genäht.
Hölzerne Truhe gezimmert.
Feine Stoffe gewoben.
Goldenes Ringlein geschmiedet.

Was soll nun werden?

Werde nach Hause wandern,
und barfuß ankommen.


Auferstehungssonett

Die Wolken ziehn am Horizont wie weiße Vögel schon gelassen hin.
Doch traumverwirrt noch schläft der Glockenblume blauer Schlag.
Es liegen staunend Dachs und Hund und Hamster auf den Knien.
Und wundersam von zarter Röte überhaucht erwacht der jüngste Tag.

Dies ist der milde Atem wohl, der tröstend in den Lüften schwebt.
Schon regt es sich in allen Zweigen und die Bäche raunen.
Von allen Gipfeln zittert es beglückt und drängt und bebt,
dem Sphärenjubel ähnlich und den Liedern himmlischer Posaunen.

Wer spricht hier noch, wie fern ich war im Strome wesenloser Dinge?
Nun blühe ich empor aus jedem Tropfen und aus jedem Blatt,
und trinke mich mit tausend Mündern an der frühen Klarheit satt.

Aus Zedernholz sind meine Flügel, die ich rauschend schwinge.
Aus Meerschaum ist mein Leib, und meine Füße sind Kristall.
Und Sonnenstaub ist alles, was ich schuf aus meinem tiefsten Fall.

Jesse Thoor, aus: Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975

Jesse Thoor, geboren am 23. Januar 1905 als Peter Karl Höfler in Berlin; gestorben am 15. August 1952 in Lienz/Osttirol, deutsch-österreichischer Schriftsteller. Er begab sich früh auf Wanderschaft quer durch Europa. Sein Vagantenleben führte ihn nach Italien, Spanien, Ungarn und die Niederlande, wobei er zeitweise als Heizer in der Küstenschifffahrt arbeitete. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ging Thoor 1933 nach Österreich. Er lebte in Wien und arbeitete als Tischler, Bildhauer und Silberschmied. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 floh er nach Brünn in der Tschechoslowakei. Hier nahm er sein Pseudonym „Jesse Thoor“ an. Im Dezember 1938 erhielt er, auf Anregung von Franz Werfel, durch Vermittlung der American Guild for German Cultural Freedom für sich und seine Frau Friederike Blumenfeld eine Einreiseerlaubnis nach Großbritannien. Allerdings war er zeitweise als „Feindlicher Ausländer“ in Devon und auf der Isle of Man interniert. Nach der Entlassung arbeitete Thoor in Heimarbeit für einen Londoner Goldschmied. (Wiki)

Das Bild ist von Félix Vallotton (1865 - 1925)

Sonntag, 10. Dezember 2023

Hans Kaltneker: Aufblick

 



Aufblick

In irgend einem fernen Forste schlagen
sie für den Winter Holz — horch, Scheit um Scheit!
Nicht "uns'ren" Winter. Deinen — meinen. Weit
ist's, wo du einkehrst, nie werd' ich's erfragen.

Du hast ein Heim, du lebst in stiller Zeit,
du fandest Hände, die dich gütig tragen. —
Ich werde dich den leeren Wänden sagen,
ich bin dem Dunkel und dem Frost bereit.

Gut war der Sommer! Gut ist alles Leben!
Ich ahne deine Hände aus dem Blau
- zwei große, stille Falter - niederschweben -

nie ward'st du alle Welt, geliebte Frau!
Es blieb nur Du - - ! Noch ein paar Sommertage
halt aus, mein Herz! Sei selig, — weine, — trage - - !

Hans Kaltneker (eigentlich Hans Kaltnecker von Wallkampf), geboren am 2. Februar 1895 in Temesvár, Königreich Ungarn, Österreich-Ungarn; gestorben am 29. September 1919

in Gutenstein (Niederösterreich), Dramatiker, Lyriker und Erzähler. Er war einer der Hauptvertreter des österreichischen Expressionismus, er verstarb früh an Tuberkulose. Felix Salten nannte ihn „eine Flamme, die leuchtend und hoch aufloderte, und plötzlich erlosch, vom ewigen Dunkel verschlungen.“

Das Bild ist von Carl Friedrich Wilhelm Trauschhold (1815 - 1877)

Mittwoch, 6. Dezember 2023

Gustav Sack: Die Zeit

 



Die Zeit

Noch kommt mit der Unsterblichkeit gepaart
die Zukunft ewig strömend zu dir her
und schafft auf ihrem unbewegten Meer
in dir den Wellenschaum der Gegenwart;

sie prallt in unergründlich schneller Fahrt
aufgischend an an deiner Seele Wehr
und bricht durch dich in einem Sturze, der
schon als Vergangenheit sich offenbart.

Bis eines Tages sich der Schaum zerstreut
und deiner Seele Balkenwerk zerfällt -
und Strom ist nicht mehr Strom, still steht die Zeit:

fort strömt die Zeit und trägt die tote Welt
auf ungeteilter Flut zur Ewigkeit,
wo sie mit ihrer Last als Wort zerschellt.

Gustav Sack, aus: Gesammelte Werke in zwei Bänden, herausgegeben von Paula Sack, Zweiter Band, S. Fischer Verlag, Berlin 1920

Gustav Sack, geboren am 28. Oktober 1885 in Schermbeck; „gefallen“ am 5. Dezember 1916 bei Finta Mare, Rumänien), Schriftsteller, Lyriker und Dramatiker.

Die Illustration ist von Cristoforo de Predis (1440 - 1486)

Dienstag, 5. Dezember 2023

Gustav Sack: Der Traum

 



Der Traum

Er kam von Nirgendwo, er nahm mir leise
der Dinge Metermaß und Stundenglas
und gab mir, was ich lange schon vergaß,
zurück in wundersam verzerrter Weise:

Was einst ich stammelnd schrieb zu deinem Preise,
wird jetzt ein Jauchzen ohne Ziel und Maß -
ob deine Nacktheit, die ich nie besaß,
tanzt um mich weiße, fieberwilde Kreise!

Sie tanzt - ! du rast, du bist ganz tolle Glut,
umwogt von deines Haars wildgoldnen Strähnen
umkreist mich deine liebesgierge Wut

gleich einem Roß mit strumzerzausten Mähnen - -
oh schönen Traumes heiße Bilderflut,
aus der ich aufwach unter bitteren Tränen!

Gustav Sack, aus: Gesammelte Werke in zwei Bänden, herausgegeben von Paula Sack, Zweiter Band, S. Fischer Verlag, Berlin 1920

Gustav Sack, geboren am 28. Oktober 1885 in Schermbeck; „gefallen“ am 5. Dezember 1916 bei Finta Mare, Rumänien), Schriftsteller, Lyriker und Dramatiker.

Sonntag, 3. Dezember 2023

Fritz Löhner-Beda: Sonett auf das Revier im KZ Buchenwald

 



Sonett auf das Revier im KZ Buchenwald


Da liegen sie in ihren weißen Betten,
Ein leises Atmen geistert durch den Raum,
In scheuen Augen glänzt ein schwerer Traum,
Was träumen sie? Von Brot und Zigaretten!

Von fernher klirren nur des Tages Ketten,
Des Lagers Schrei ebbt an des Hauses Saum.
Durchs Fenster blinzelt ein verschneiter Baum.
Zeitweilig schlägt der Tod die Kastagnetten.

Der Mann in Weiß, der seine Kranken pflegt,
Geht durch den Saal mit freundlichen Gebärden.
Unsichtbar ist die Bürde, die er trägt.

Ward solches Schicksal je gelebt auf Erden?
Da liegen Fiebernde, vom Schmerz zersägt,
Und zittern angstgepeitscht, gesund zu werden!

(Winter 1940)

Fritz Löhner-Beda, am 24 Juni 1883 als Fritz Löwy in Wildenschwert geboren. Er studiert Jura und promoviert 1905 an der Universität Wien zum Dr. jur. Vor dem Ersten Weltkrieg schreibt er Satiren, 1920 erscheint der Lyrikband „Ecce ego“. Als Librettist von Franz Lehárs Operette "Land des Lächelns" erlangt er 1928 Weltruhm.

Ende März 1938, nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich, wird er sofort verhaftet und am 1. April mit dem sogenannten "Prominententransport", dem ersten Transport von Österreichern, ins KZ Dachau eingeliefert. Im September 1938 wird er nach Buchenwald überstellt, arbeitet in der Strumpfstopferei und ab September 1939 im Gärtnerei-Kommando. Vergeblich hofft er, Franz Lehár werde sich für seine Freilassung einsetzen. Im Lager beteiligt er sich an Kleinkunst-Aufführungen für Mithäftlinge. 1938 dichtet er den Text des "Buchenwald-Liedes", den Hermann Leopoldi vertont. Im Oktober 1942 wird Fritz Löhner-Beda in das KZ Auschwitz-Monowitz deportiert. Beim Morgenappell wird er durch Schläge eines SS-Mannes so schwer verletzt, daß er am 4. Dezember 1942 stirbt.

Dienstag, 21. November 2023

Walter Benjamin: Sonette - XIV.

 



Sonette - XIV.


Ich bin im Bunde mit der alten Nacht
Und wurde alt von ihr nicht unterschieden
Hat Traurigkeit im Herzen ohne Frieden
Die Herdstatt ihrer Schatten angefacht

Was so entfernte Not zu Einer macht
Die sonnenlose irdische hienieden
Und mein Verfinstern das der Freund gemieden
Das habe ich im Wachen oft bedacht

In solcher Nacht ist Schlafen mehr denn selten
Dem Schlummerlosen schenkt sie ihre Helle
Die könnte nicht für Tag den Menschen gelten

Und doch bestrahlt sie seine wahren Welten
Kein andres Licht blüht ja auf seiner Schwelle
Erinnerung sein Mond und sein Geselle.

Walter Benjamin, geboren am 15. Juli 1892 in Berlin; gestorben am 26. September 1940 in Portbou, Spanien, Philosoph, Kulturkritiker und Übersetzer.

1933 entzog er sich als säkularisierter Jude der NS-Herrschaft und ging ins Pariser Exil. Nach der Besetzung Frankreichs durch die deutschen Truppen nahm er sich auf einer missglückten Flucht in der spanischen Grenzstadt Portbou das Leben.

Walter Benjamins Sonette galten als verschollen. Erst 1981 wurden sie in der Pariser Nationalbibliothek aufgefunden. Benjamin hatte sie mit anderen ihm wichtigen Papieren vor seiner Flucht im Frühjahr 1940 Georges Bataille übergeben. 1986 erschienen sie in der Bibliothek Suhrkamp.

Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)

Sonntag, 12. November 2023

Georg Trakl: Ein Herbstabend

 



Ein Herbstabend

An Karl Röck

Das braune Dorf. Ein Dunkles zeigt im Schreiten
Sich oft an Mauern, die im Herbste stehn,
Gestalten: Mann wie Weib, Verstorbene gehn
In kühlen Stoben jener Bett bereiten.

Hier spielen Knaben. Schwere Schatten breiten
Sich über braune Jauche. Mägde gehn
Durch feuchte Bläue und bisweilen sehn
Aus Augen sie, erfüllt von Nachtgeläuten.

Für Einsames ist eine Schenke da;
Das säumt geduldig unter dunklen Bogen,
Von goldenem Tabaksgewölk umzogen.

Doch immer ist das Eigne schwarz und nah.
Der Trunkne sinnt im Schatten alter Bogen
Den wilden Vögeln nach, die ferngezogen.

Georg Trakl, aus: Gedichte (Der jüngste Tag Band 7/8) Sammlung, K. Wolff Leipzig Juli 1913

Karl Röck, dem das Gedicht gewidmet ist, war Mitarbeiter der Zeitschrift "Der Brenner" in Innsbruck. Er war mit Trakl freundschaftlich, aber auch kritisch verbunden.

Georg Trakl, geboren am 3. Februar 1887 in Salzburg geboren, gestorben am 3. November 1914 starb. Trakl wurde als Militärapotheker einberufen und begab sich angesichts der Gräuel, welcher er an der Front teilhaftig wurde, in den Freitod.

Das Bild „Pappelallee im Herbst“ ist von Vincent van Gogh (1853 - 1890)

Samstag, 28. Oktober 2023

Victor Wittner: Und steht sie still die Uhr. . .

 



Und steht sie still die Uhr
des Herzens einst, und schwebt
dein Geist in den Azur,
von Körpers Last befreit:

- Wie hast du deine Spur,
fragt Gott, hineingelebt
in Geist, Fleisch und Natur?
Wie fülltest du die Zeit?

- Ach, hab ein wenig geschrieben.
Geliebt und phantasiert,
mich viel herumgetrieben
in Straßen ohne Ziel

und viel und viel
telephoniert.

Victor Wittner (1896 – 1949), aus: Alltag der Augen - Sonette, Morgarten-Verlag Aktiengesellschaft Zürich 1942

Nach Kriegsende 1914 wurde er in Wien als freier Schriftsteller und Theaterkritiker tätig, unter anderem bei der Zeitung Die Stunde und der Zeitschrift Die Bühne. Er arbeitete ab 1928 als Redakteur und von Januar 1930 bis Mai 1933 als Chefredakteur der in Berlin herausgegebenen Kulturzeitschrift Der Querschnitt. Magazin der aktuellen Ewigkeitswerte.

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 ging er zurück nach Wien, wo er aus Armut häufig die Wohnung wechseln musste. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 floh er nach Prag und dann in die Schweiz.

Donnerstag, 26. Oktober 2023

Leo Sternberg: Als was bin ich gedacht im Weltenplan?

 



Als was bin ich gedacht im Weltenplan?

Ich suche mich, solang ich denken kann,
betrachte mich im Spiegel aller Wesen
und will aus Freund- und Feindesblicken lesen:
Als was bin ich gedacht im Weltenplan?

Mit Suchen hab ich meine Zeit vertan.
Was soll ein Werk, von Gott nicht zugewiesen!
Ich hielt mit Großen Rat, die mitumschließen,
was in der Schöpfung ruht von Anfang an.

Bin ich ein überflüssiger? Betrogen
beim Wurf der Lose? Aus Beruf ein Kind,
das müßig sein soll? Christus auf den Wogen?

Ein luftgeschaffnes Nichts? Ein Brückenbogen,
über den Strom gespannt, durch den die Welle rinnt,
durchflogen von der Schwalbe, kahndurchzogen?

Leo Sternberg, aus: Im Weltgesang, Berlin 1916

Leo Sternberg, geboren am 7. Oktober 1876 in Limburg an der Lahn, er schrieb Lyrik und schuf eine Reihe von kulturhistorischen Werken. Seine Lyrik erschien unter anderem in den Zeitschriften Die Aktion, Hochland, Der Brenner, Jugend und Der Feuerreiter. Als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie trat er 1906 aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft aus und 1933 der katholischen Kirche bei. Als „Nicht-Arier“ wurde er 1934 vom Dienst als Amtsrichter suspendiert, vorzeitig in den Ruhestand versetzt und hatte fortan Schwierigkeiten, seine Werke zu veröffentlichen. 1937 reiste Sternberg mit seiner Frau nach Jugoslawien, um Recherchen zu einem Romanprojekt über den Kaiser Diokletian anzustellen. Seine Tochter war bereits zuvor nach Jugoslawien ausgewandert. Wenige Tage nach seiner Ankunft im Oktober starb er auf der Insel Hvar in Dalmatien und wurde dort beerdigt. Sein Bruder Hugo Max Sternberg, dessen Frau Lola und die gemeinsame Tochter Lili wurden 1943 in Auschwitz ermordet.

Das Bild ist von Georges Rochegrosse (1859 - 1938)

Dienstag, 17. Oktober 2023

Arthur Kronfeld: Five 0´clock / Der Verlorene / Bekannte / Frühling

 



Five o´clock

Im braunen Lederzimmer Kirchenstühle,
Lastend, hager, violett gebeizte. . .
Fraisefarbnen Sammet strahlt der matt geheizte
Kamin, Reflexe zittern auf der Diele -

Wie deutsch ich mich in diesen Wänden fühle!
Ein Sentiment, das sonst zum Lächeln reizte,
Umhüllt mich: Der noch nie mit Pointen geizte,
Wird wohlig-bourgeois, streckt sich auf dem Pfühle

Des mütterlichen Sofas, ahnt den Segen
Von Häuslichkeit, Beruf und Kapital.
Die Paradoxe zaudern; halb verlegen

Nimmt er den Tee und fühlt durchaus sozial
Und spricht von Botticelli und vom Regen -
Und spürt die ewigen Werte der Moral.

Arthur Kronfeld, aus: Die Aktion, Nr. 9, 17. April 1911


Der Verlorene

Er taucht in Nacht. Die rotgeschwellten Lider
Schließen sich halb; fahl ist sein Blick und fern.
Fremdrot, verblutet, hohl erloschner Stern.
Ein Zucken kriecht ihn durch die müden Glieder.

„Lass mich. . . Und ruf Gestorbnes mir nicht wieder.“
Doch ich: „So treibt aus dem verdorrten Kern
Kein Same mehr? Opferst denn du dich gern
Zufriednem Hohn der Knirpse? - Er sieht nieder:

„Nein. . . Aber flutwärts treibt mein welkes Boot
Vor sattem Wind des Spottes, der nicht denkt.“
- „Doch di bist´s, dem im Watt die Leuchte loht!

Sei du es, der mit eignem Nerv es lenkt,
Lachend der Schäume, die umsonst gedroht!“
- Da weint er, zag und tot und grabversenkt. . .

Aus: Die Aktion, Nr. 13, 15. Mai 1911


Bekannte

Der fettig Lächelnde aus Oesterreich
Reicht zu jovialem Gruße mir die Hand.
Franziska lehnt zerrissen an der Wand ;
Hassblitzend mustert sie und geil und bleich
Mich und den fettigen Herrn aus Oesterreich.
Er stellt uns beide vor, und formgewandt
Verzieht er sich. Ich bin korrekt-galant,
Sie fassungslos. Ich werde plötzlich weich
Und sage leise: Zartes junges Tier,
Hast Du denn Angst? und Ekel?
Zieht Dich nicht 
Unter der Schwelle rassig fahle Gier
Dennoch hinüber in das heiße Licht?
Du schriebst mir . . . und doch Ekel? und vor mir ? —-
Sie senkt die Lider. Und ich schweige schlicht.

Aus: Der Sturm, Nummer 61, 29. April 1911


Frühling

Dick und sprachlos stehn zwei gelbe Rinder
Auf der grünen Wiese, wie zwei Flecke.
Hinter rosaweiß punktierter Hecke
Orgelt stramm, in schmutzigem Zylinder,
Ein Soldat gewesener Binder.
Und sein Rhesusfreund in greller Decke
Denkt zerfurcht dem ärgerlichen Zwecke
Dieses Orgelns nach und lockt die Kinder.
Alle stehn sie, rot und ungewaschen,
Glotzend, aufgeplustert, wie die Kröten;
Eins wagt nach dem Tierchen zag zu haschen.
Fette Töne purzeln, kollern, flöten?
Und ein milder Herr greift in die Taschen,
Interesselos, doch mit Erröten.

Aus: Der Sturm, Nummer 65, 10. Juni 1911

Arthur Kronfeld, geboren am 9. Januar 1886 in Berlin; gestorben am 16. Oktober 1941 in Moskau) war ein deutsch-russischer Psychotherapeut, Psychologe, Sexualwissenschaftler und Wissenschaftstheoretiker, sowie darüber hinaus auch politisch engagiert. Er war philosophisch geschult und hatte künstlerische Neigungen, war doppelt promoviert und wirkte zuletzt als Professor an der Charité der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin sowie im Moskauer Exil am „Neuropsychiatrischen Forschungsinstitut der UdSSR Pjotr B. Gannuschkin“, dem heutigen „Forschungsinstitut für Psychiatrie“. Dort nahm er sich, als der Einmarsch der deutschen Truppen drohte, unter ungeklärten Umständen zusammen mit seiner Frau Lydia das Leben.

Das Foto zeigt Arthur Kronfeld 1919