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Donnerstag, 3. Juli 2025

Fritz Brügel: Landschaft in der Ostravica / Fremdes Land / Brief an einen Arbeiterdichter in Dachau

 



Landschaft in der Ostravica


Hier starben viele; Abend ist verschwiegen;
der unerlöste Himmel ist verbrannt!
Es droht der Fluß! Vermeide seinen Strand,
Es wird sein Atem deinen Traum besiegen.

Der Landschaft Schatten habe ich erkannt
und seltene Vögel sah ich sichtbar fliegen;
nie wird sich Licht um diese Berge schmiegen
und ihre Felsen faulen früh im Sand.

Es war ein Wald und Bäume waren nah -
oh, ungeahnten Äthers Tag und Tau -
wie eine Fahne wölbte sich das Blau,
das an dem Himmel dieser Zeit geschah,
Ich war der Dämon, der in trunkener Schau
das Land der Sünde heilig schweigen sah!


Fremdes Land

Oh, fremdes Land der bunten Fahnen
und fremdes Wort, das mich bezwang.
In hellen Fenstern brennt Gesang.
Musik läßt tiefen Kummer ahnen.

Ich werde niemals heimwärts kommen,
mich schlug der Weg ins Labyrinth.
Aus dunkler Kirche bringt der Wind
das stumme Lied der wahrhaft Frommen.

Ich bin im Dunkel und verkünde
zu fremder Uhr die fremde Zeit.
Ich seh´ dich nicht, ich bin zu weit,
ich bin im Dunkel und erblinde.

Fritz Brügel, aus: Drei Gedichte, in Die Wage, 17. III. 1923


Brief an einen Arbeiterdichter in Dachau


Lieber Freund! Wir können uns nicht sprechen,
Weil man dich aus der Gemeinschaft strich,
Um dir Geist und Ehre zu zerbrechen,
Denn - die mächtigen Feinde fürchten sich,
Fürchten sich vor uns, die gar nichts haben
Als der Wahrheit Wort und das Recht,
Das sie täglich töten und begraben,
Das sich täglich aufzustehn erfrecht.
Unsre Feinde fürchten die paar Worte,
Die man nächtens für die Zukunft schrieb,
Und sie hoffen, daß dein Herz verdorrte,
Weil die Mörderfaust dich niederhieb;
Doch ich weiß, was sie auch immer machten,
Was sie dir an Schimpf und Qual verhängt;
Du wirst diese Meute stumm verachten,
Die, bewaffnet, zehn um einen drängt.

Mitten unter euch, wie ihr im Lager,
Hat sich als Genossin euch gesellt:
Mutter Deutschland, aufgereckt und hager,
Wundgeschlagen, aber nicht gefällt.

Sie wie ihr erwartet eine Stunde,
Sie wie ihr ist vor Empörung bleich,
Sie wie ihr weiß, daß sie einst gesunde,
Sie wie ihr harrt auf das freie Reich!
Sie wird eines Tages allen sichtbar
Sich erheben und zum Aufruhr schrein,
Dann ist der Bedränger Meute sichtbar. . .
Und ihr Werk wird nie gewesen sein!

Fritz Brügel, unter dem Pseudonym Wenzel Sladek, in Bunte Woche, Nr. 3, 21. 1. 1934, Wien

Fritz Brügel, geboren am 13. Februar 1897 in Wien; gestorben am 4. Juli 1955 in London. Er wuchs in Prag auf und studierte Geschichte an der Universität Wien. 1921 promovierte er mit einer Arbeit über die Geschichte der Deutschen in Böhmen zum Doktor der Philosophie. Anschließend war er Leiter der Sozialwissenschaftlichen Studienbibliothek der Wiener Arbeiterkammer. Nach dem Scheitern des Februaraufstandes 1934 floh Brügel in die Tschechoslowakei. Nachdem ihm 1935 die österreichische Staatsbürgerschaft aberkannt worden war, nahm er die tschechoslowakische an. Er war als Legationsrat im Außenministerium der Tschechoslowakei tätig und lieferte Beiträge für verschiedene Zeitschriften. 1936 führte ihn eine Reise in die Sowjetunion. Nach dem Münchner Abkommen vom September 1938 emigrierte Brügel nach Frankreich. Er hielt sich in Paris, später in Südfrankreich auf. 1941 gelang ihm die Flucht über Spanien und Portugal nach Großbritannien. In London war er bis 1945 für die tschechoslowakische Exilregierung und als Autor für die österreichische Exilzeitung Zeitspiegel tätig.


Mittwoch, 18. September 2024

Maria Lazar: Ich trauere

 



Ich trauere

Was ich erlebt, erscheint mir nun verflossen
in längst verblassten und entschwundenen Zeiten
wie alte Bilder, die vorüber gleiten
an meinen Augen, die sich schon geschlossen.

Was ich jedoch am meisten hab genossen,
kann heute auch noch Sehnsucht mir bereiten:
es sind die unbegrenzten Möglichkeiten,
die jeder Tag einst über mich ergossen.

Ich trauere um die Pracht der fernen Städte,
der Meere, Länder, wo ich nie gewesen,
um Liebe, die vielleicht ich noch gefunden hätte,

um Worte, die noch nicht in mir erwachten,
um tausend Bücher, die ich nicht gelesen
und die mich dennoch reich und glücklich machten.

Aus: Marion Neuhold, „Maria Lazar (1895 - 1948), Analyse ihres Exilromans „Die Eingeborenen von Maria Blut“, Diplomarbeit, Wien 2012

Maria Lazar, Pseudonym Esther Grenen, geboren am 22. November 1895 in Wien, Österreich-Ungarn; gestorben am 30. März 1948 in Stockholm war eine österreichische Schriftstellerin.

Im Sommer 1933 folgte sie einer Einladung der Schriftstellerin Karin Michaëlis und ging ins Exil auf die dänische Insel Thurø, zusammen mit Bertolt Brecht und Helene Weigel. Während der Jahre ihres Exils schrieb Lazar zahlreiche Beiträge für skandinavische und Schweizer Zeitungen und lebte unter anderem von Übersetzungen literarischer Werke aus dem Dänischen und Schwedischen ins Deutsche. 1939 zog sie, durch die Heirat mit Strindberg schwedische Staatsbürgerin geworden, mit ihrer Tochter Judith Lazar nach Schweden. Nachdem bei ihr eine unheilbare Knochenkrankheit diagnostiziert worden war, beendete sie am 30. März 1948 in Stockholm ihr Leben durch Suizid.

Das Bild ist von Arthur B. Davies (1862 - 1928)

Samstag, 30. Dezember 2023

Jesse Thoor: In einem Haus / In der Fremde / Auferstehungssonett

 



In einem Haus

In einem Haus, auf feinem Tannenreiser,
sitzen ein Bettelmann und ein Kaiser.

Beide summen und lachen und trinken
und reden laut und leise und winken.

Ein volles Jahr rollt über das Dach.
Ein volles Jahr rollt über das Dach.


In der Fremde

Ist es so auf Erden?

Bin in die Welt gegangen.
Habe mancherlei angefangen.
Aber die Leute lachten.

Auf dem Felde gegraben.
Einen Wagen gezogen.
Einen Zaun gerade gestellt.
Tür und Fenster gestrichen.
Warme Kleider genäht.
Hölzerne Truhe gezimmert.
Feine Stoffe gewoben.
Goldenes Ringlein geschmiedet.

Was soll nun werden?

Werde nach Hause wandern,
und barfuß ankommen.


Auferstehungssonett

Die Wolken ziehn am Horizont wie weiße Vögel schon gelassen hin.
Doch traumverwirrt noch schläft der Glockenblume blauer Schlag.
Es liegen staunend Dachs und Hund und Hamster auf den Knien.
Und wundersam von zarter Röte überhaucht erwacht der jüngste Tag.

Dies ist der milde Atem wohl, der tröstend in den Lüften schwebt.
Schon regt es sich in allen Zweigen und die Bäche raunen.
Von allen Gipfeln zittert es beglückt und drängt und bebt,
dem Sphärenjubel ähnlich und den Liedern himmlischer Posaunen.

Wer spricht hier noch, wie fern ich war im Strome wesenloser Dinge?
Nun blühe ich empor aus jedem Tropfen und aus jedem Blatt,
und trinke mich mit tausend Mündern an der frühen Klarheit satt.

Aus Zedernholz sind meine Flügel, die ich rauschend schwinge.
Aus Meerschaum ist mein Leib, und meine Füße sind Kristall.
Und Sonnenstaub ist alles, was ich schuf aus meinem tiefsten Fall.

Jesse Thoor, aus: Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975

Jesse Thoor, geboren am 23. Januar 1905 als Peter Karl Höfler in Berlin; gestorben am 15. August 1952 in Lienz/Osttirol, deutsch-österreichischer Schriftsteller. Er begab sich früh auf Wanderschaft quer durch Europa. Sein Vagantenleben führte ihn nach Italien, Spanien, Ungarn und die Niederlande, wobei er zeitweise als Heizer in der Küstenschifffahrt arbeitete. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ging Thoor 1933 nach Österreich. Er lebte in Wien und arbeitete als Tischler, Bildhauer und Silberschmied. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 floh er nach Brünn in der Tschechoslowakei. Hier nahm er sein Pseudonym „Jesse Thoor“ an. Im Dezember 1938 erhielt er, auf Anregung von Franz Werfel, durch Vermittlung der American Guild for German Cultural Freedom für sich und seine Frau Friederike Blumenfeld eine Einreiseerlaubnis nach Großbritannien. Allerdings war er zeitweise als „Feindlicher Ausländer“ in Devon und auf der Isle of Man interniert. Nach der Entlassung arbeitete Thoor in Heimarbeit für einen Londoner Goldschmied. (Wiki)

Das Bild ist von Félix Vallotton (1865 - 1925)

Sonntag, 10. Dezember 2023

Hans Kaltneker: Aufblick

 



Aufblick

In irgend einem fernen Forste schlagen
sie für den Winter Holz — horch, Scheit um Scheit!
Nicht "uns'ren" Winter. Deinen — meinen. Weit
ist's, wo du einkehrst, nie werd' ich's erfragen.

Du hast ein Heim, du lebst in stiller Zeit,
du fandest Hände, die dich gütig tragen. —
Ich werde dich den leeren Wänden sagen,
ich bin dem Dunkel und dem Frost bereit.

Gut war der Sommer! Gut ist alles Leben!
Ich ahne deine Hände aus dem Blau
- zwei große, stille Falter - niederschweben -

nie ward'st du alle Welt, geliebte Frau!
Es blieb nur Du - - ! Noch ein paar Sommertage
halt aus, mein Herz! Sei selig, — weine, — trage - - !

Hans Kaltneker (eigentlich Hans Kaltnecker von Wallkampf), geboren am 2. Februar 1895 in Temesvár, Königreich Ungarn, Österreich-Ungarn; gestorben am 29. September 1919

in Gutenstein (Niederösterreich), Dramatiker, Lyriker und Erzähler. Er war einer der Hauptvertreter des österreichischen Expressionismus, er verstarb früh an Tuberkulose. Felix Salten nannte ihn „eine Flamme, die leuchtend und hoch aufloderte, und plötzlich erlosch, vom ewigen Dunkel verschlungen.“

Das Bild ist von Carl Friedrich Wilhelm Trauschhold (1815 - 1877)

Mittwoch, 6. Dezember 2023

Gustav Sack: Die Zeit

 



Die Zeit

Noch kommt mit der Unsterblichkeit gepaart
die Zukunft ewig strömend zu dir her
und schafft auf ihrem unbewegten Meer
in dir den Wellenschaum der Gegenwart;

sie prallt in unergründlich schneller Fahrt
aufgischend an an deiner Seele Wehr
und bricht durch dich in einem Sturze, der
schon als Vergangenheit sich offenbart.

Bis eines Tages sich der Schaum zerstreut
und deiner Seele Balkenwerk zerfällt -
und Strom ist nicht mehr Strom, still steht die Zeit:

fort strömt die Zeit und trägt die tote Welt
auf ungeteilter Flut zur Ewigkeit,
wo sie mit ihrer Last als Wort zerschellt.

Gustav Sack, aus: Gesammelte Werke in zwei Bänden, herausgegeben von Paula Sack, Zweiter Band, S. Fischer Verlag, Berlin 1920

Gustav Sack, geboren am 28. Oktober 1885 in Schermbeck; „gefallen“ am 5. Dezember 1916 bei Finta Mare, Rumänien), Schriftsteller, Lyriker und Dramatiker.

Die Illustration ist von Cristoforo de Predis (1440 - 1486)

Dienstag, 5. Dezember 2023

Gustav Sack: Der Traum

 



Der Traum

Er kam von Nirgendwo, er nahm mir leise
der Dinge Metermaß und Stundenglas
und gab mir, was ich lange schon vergaß,
zurück in wundersam verzerrter Weise:

Was einst ich stammelnd schrieb zu deinem Preise,
wird jetzt ein Jauchzen ohne Ziel und Maß -
ob deine Nacktheit, die ich nie besaß,
tanzt um mich weiße, fieberwilde Kreise!

Sie tanzt - ! du rast, du bist ganz tolle Glut,
umwogt von deines Haars wildgoldnen Strähnen
umkreist mich deine liebesgierge Wut

gleich einem Roß mit strumzerzausten Mähnen - -
oh schönen Traumes heiße Bilderflut,
aus der ich aufwach unter bitteren Tränen!

Gustav Sack, aus: Gesammelte Werke in zwei Bänden, herausgegeben von Paula Sack, Zweiter Band, S. Fischer Verlag, Berlin 1920

Gustav Sack, geboren am 28. Oktober 1885 in Schermbeck; „gefallen“ am 5. Dezember 1916 bei Finta Mare, Rumänien), Schriftsteller, Lyriker und Dramatiker.

Sonntag, 3. Dezember 2023

Fritz Löhner-Beda: Sonett auf das Revier im KZ Buchenwald

 



Sonett auf das Revier im KZ Buchenwald


Da liegen sie in ihren weißen Betten,
Ein leises Atmen geistert durch den Raum,
In scheuen Augen glänzt ein schwerer Traum,
Was träumen sie? Von Brot und Zigaretten!

Von fernher klirren nur des Tages Ketten,
Des Lagers Schrei ebbt an des Hauses Saum.
Durchs Fenster blinzelt ein verschneiter Baum.
Zeitweilig schlägt der Tod die Kastagnetten.

Der Mann in Weiß, der seine Kranken pflegt,
Geht durch den Saal mit freundlichen Gebärden.
Unsichtbar ist die Bürde, die er trägt.

Ward solches Schicksal je gelebt auf Erden?
Da liegen Fiebernde, vom Schmerz zersägt,
Und zittern angstgepeitscht, gesund zu werden!

(Winter 1940)

Fritz Löhner-Beda, am 24 Juni 1883 als Fritz Löwy in Wildenschwert geboren. Er studiert Jura und promoviert 1905 an der Universität Wien zum Dr. jur. Vor dem Ersten Weltkrieg schreibt er Satiren, 1920 erscheint der Lyrikband „Ecce ego“. Als Librettist von Franz Lehárs Operette "Land des Lächelns" erlangt er 1928 Weltruhm.

Ende März 1938, nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich, wird er sofort verhaftet und am 1. April mit dem sogenannten "Prominententransport", dem ersten Transport von Österreichern, ins KZ Dachau eingeliefert. Im September 1938 wird er nach Buchenwald überstellt, arbeitet in der Strumpfstopferei und ab September 1939 im Gärtnerei-Kommando. Vergeblich hofft er, Franz Lehár werde sich für seine Freilassung einsetzen. Im Lager beteiligt er sich an Kleinkunst-Aufführungen für Mithäftlinge. 1938 dichtet er den Text des "Buchenwald-Liedes", den Hermann Leopoldi vertont. Im Oktober 1942 wird Fritz Löhner-Beda in das KZ Auschwitz-Monowitz deportiert. Beim Morgenappell wird er durch Schläge eines SS-Mannes so schwer verletzt, daß er am 4. Dezember 1942 stirbt.

Dienstag, 21. November 2023

Walter Benjamin: Sonette - XIV.

 



Sonette - XIV.


Ich bin im Bunde mit der alten Nacht
Und wurde alt von ihr nicht unterschieden
Hat Traurigkeit im Herzen ohne Frieden
Die Herdstatt ihrer Schatten angefacht

Was so entfernte Not zu Einer macht
Die sonnenlose irdische hienieden
Und mein Verfinstern das der Freund gemieden
Das habe ich im Wachen oft bedacht

In solcher Nacht ist Schlafen mehr denn selten
Dem Schlummerlosen schenkt sie ihre Helle
Die könnte nicht für Tag den Menschen gelten

Und doch bestrahlt sie seine wahren Welten
Kein andres Licht blüht ja auf seiner Schwelle
Erinnerung sein Mond und sein Geselle.

Walter Benjamin, geboren am 15. Juli 1892 in Berlin; gestorben am 26. September 1940 in Portbou, Spanien, Philosoph, Kulturkritiker und Übersetzer.

1933 entzog er sich als säkularisierter Jude der NS-Herrschaft und ging ins Pariser Exil. Nach der Besetzung Frankreichs durch die deutschen Truppen nahm er sich auf einer missglückten Flucht in der spanischen Grenzstadt Portbou das Leben.

Walter Benjamins Sonette galten als verschollen. Erst 1981 wurden sie in der Pariser Nationalbibliothek aufgefunden. Benjamin hatte sie mit anderen ihm wichtigen Papieren vor seiner Flucht im Frühjahr 1940 Georges Bataille übergeben. 1986 erschienen sie in der Bibliothek Suhrkamp.

Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)

Sonntag, 12. November 2023

Georg Trakl: Ein Herbstabend

 



Ein Herbstabend

An Karl Röck

Das braune Dorf. Ein Dunkles zeigt im Schreiten
Sich oft an Mauern, die im Herbste stehn,
Gestalten: Mann wie Weib, Verstorbene gehn
In kühlen Stoben jener Bett bereiten.

Hier spielen Knaben. Schwere Schatten breiten
Sich über braune Jauche. Mägde gehn
Durch feuchte Bläue und bisweilen sehn
Aus Augen sie, erfüllt von Nachtgeläuten.

Für Einsames ist eine Schenke da;
Das säumt geduldig unter dunklen Bogen,
Von goldenem Tabaksgewölk umzogen.

Doch immer ist das Eigne schwarz und nah.
Der Trunkne sinnt im Schatten alter Bogen
Den wilden Vögeln nach, die ferngezogen.

Georg Trakl, aus: Gedichte (Der jüngste Tag Band 7/8) Sammlung, K. Wolff Leipzig Juli 1913

Karl Röck, dem das Gedicht gewidmet ist, war Mitarbeiter der Zeitschrift "Der Brenner" in Innsbruck. Er war mit Trakl freundschaftlich, aber auch kritisch verbunden.

Georg Trakl, geboren am 3. Februar 1887 in Salzburg geboren, gestorben am 3. November 1914 starb. Trakl wurde als Militärapotheker einberufen und begab sich angesichts der Gräuel, welcher er an der Front teilhaftig wurde, in den Freitod.

Das Bild „Pappelallee im Herbst“ ist von Vincent van Gogh (1853 - 1890)

Samstag, 28. Oktober 2023

Victor Wittner: Und steht sie still die Uhr. . .

 



Und steht sie still die Uhr
des Herzens einst, und schwebt
dein Geist in den Azur,
von Körpers Last befreit:

- Wie hast du deine Spur,
fragt Gott, hineingelebt
in Geist, Fleisch und Natur?
Wie fülltest du die Zeit?

- Ach, hab ein wenig geschrieben.
Geliebt und phantasiert,
mich viel herumgetrieben
in Straßen ohne Ziel

und viel und viel
telephoniert.

Victor Wittner (1896 – 1949), aus: Alltag der Augen - Sonette, Morgarten-Verlag Aktiengesellschaft Zürich 1942

Nach Kriegsende 1914 wurde er in Wien als freier Schriftsteller und Theaterkritiker tätig, unter anderem bei der Zeitung Die Stunde und der Zeitschrift Die Bühne. Er arbeitete ab 1928 als Redakteur und von Januar 1930 bis Mai 1933 als Chefredakteur der in Berlin herausgegebenen Kulturzeitschrift Der Querschnitt. Magazin der aktuellen Ewigkeitswerte.

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 ging er zurück nach Wien, wo er aus Armut häufig die Wohnung wechseln musste. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 floh er nach Prag und dann in die Schweiz.

Donnerstag, 26. Oktober 2023

Leo Sternberg: Als was bin ich gedacht im Weltenplan?

 



Als was bin ich gedacht im Weltenplan?

Ich suche mich, solang ich denken kann,
betrachte mich im Spiegel aller Wesen
und will aus Freund- und Feindesblicken lesen:
Als was bin ich gedacht im Weltenplan?

Mit Suchen hab ich meine Zeit vertan.
Was soll ein Werk, von Gott nicht zugewiesen!
Ich hielt mit Großen Rat, die mitumschließen,
was in der Schöpfung ruht von Anfang an.

Bin ich ein überflüssiger? Betrogen
beim Wurf der Lose? Aus Beruf ein Kind,
das müßig sein soll? Christus auf den Wogen?

Ein luftgeschaffnes Nichts? Ein Brückenbogen,
über den Strom gespannt, durch den die Welle rinnt,
durchflogen von der Schwalbe, kahndurchzogen?

Leo Sternberg, aus: Im Weltgesang, Berlin 1916

Leo Sternberg, geboren am 7. Oktober 1876 in Limburg an der Lahn, er schrieb Lyrik und schuf eine Reihe von kulturhistorischen Werken. Seine Lyrik erschien unter anderem in den Zeitschriften Die Aktion, Hochland, Der Brenner, Jugend und Der Feuerreiter. Als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie trat er 1906 aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft aus und 1933 der katholischen Kirche bei. Als „Nicht-Arier“ wurde er 1934 vom Dienst als Amtsrichter suspendiert, vorzeitig in den Ruhestand versetzt und hatte fortan Schwierigkeiten, seine Werke zu veröffentlichen. 1937 reiste Sternberg mit seiner Frau nach Jugoslawien, um Recherchen zu einem Romanprojekt über den Kaiser Diokletian anzustellen. Seine Tochter war bereits zuvor nach Jugoslawien ausgewandert. Wenige Tage nach seiner Ankunft im Oktober starb er auf der Insel Hvar in Dalmatien und wurde dort beerdigt. Sein Bruder Hugo Max Sternberg, dessen Frau Lola und die gemeinsame Tochter Lili wurden 1943 in Auschwitz ermordet.

Das Bild ist von Georges Rochegrosse (1859 - 1938)

Dienstag, 17. Oktober 2023

Arthur Kronfeld: Five 0´clock / Der Verlorene / Bekannte / Frühling

 



Five o´clock

Im braunen Lederzimmer Kirchenstühle,
Lastend, hager, violett gebeizte. . .
Fraisefarbnen Sammet strahlt der matt geheizte
Kamin, Reflexe zittern auf der Diele -

Wie deutsch ich mich in diesen Wänden fühle!
Ein Sentiment, das sonst zum Lächeln reizte,
Umhüllt mich: Der noch nie mit Pointen geizte,
Wird wohlig-bourgeois, streckt sich auf dem Pfühle

Des mütterlichen Sofas, ahnt den Segen
Von Häuslichkeit, Beruf und Kapital.
Die Paradoxe zaudern; halb verlegen

Nimmt er den Tee und fühlt durchaus sozial
Und spricht von Botticelli und vom Regen -
Und spürt die ewigen Werte der Moral.

Arthur Kronfeld, aus: Die Aktion, Nr. 9, 17. April 1911


Der Verlorene

Er taucht in Nacht. Die rotgeschwellten Lider
Schließen sich halb; fahl ist sein Blick und fern.
Fremdrot, verblutet, hohl erloschner Stern.
Ein Zucken kriecht ihn durch die müden Glieder.

„Lass mich. . . Und ruf Gestorbnes mir nicht wieder.“
Doch ich: „So treibt aus dem verdorrten Kern
Kein Same mehr? Opferst denn du dich gern
Zufriednem Hohn der Knirpse? - Er sieht nieder:

„Nein. . . Aber flutwärts treibt mein welkes Boot
Vor sattem Wind des Spottes, der nicht denkt.“
- „Doch di bist´s, dem im Watt die Leuchte loht!

Sei du es, der mit eignem Nerv es lenkt,
Lachend der Schäume, die umsonst gedroht!“
- Da weint er, zag und tot und grabversenkt. . .

Aus: Die Aktion, Nr. 13, 15. Mai 1911


Bekannte

Der fettig Lächelnde aus Oesterreich
Reicht zu jovialem Gruße mir die Hand.
Franziska lehnt zerrissen an der Wand ;
Hassblitzend mustert sie und geil und bleich
Mich und den fettigen Herrn aus Oesterreich.
Er stellt uns beide vor, und formgewandt
Verzieht er sich. Ich bin korrekt-galant,
Sie fassungslos. Ich werde plötzlich weich
Und sage leise: Zartes junges Tier,
Hast Du denn Angst? und Ekel?
Zieht Dich nicht 
Unter der Schwelle rassig fahle Gier
Dennoch hinüber in das heiße Licht?
Du schriebst mir . . . und doch Ekel? und vor mir ? —-
Sie senkt die Lider. Und ich schweige schlicht.

Aus: Der Sturm, Nummer 61, 29. April 1911


Frühling

Dick und sprachlos stehn zwei gelbe Rinder
Auf der grünen Wiese, wie zwei Flecke.
Hinter rosaweiß punktierter Hecke
Orgelt stramm, in schmutzigem Zylinder,
Ein Soldat gewesener Binder.
Und sein Rhesusfreund in greller Decke
Denkt zerfurcht dem ärgerlichen Zwecke
Dieses Orgelns nach und lockt die Kinder.
Alle stehn sie, rot und ungewaschen,
Glotzend, aufgeplustert, wie die Kröten;
Eins wagt nach dem Tierchen zag zu haschen.
Fette Töne purzeln, kollern, flöten?
Und ein milder Herr greift in die Taschen,
Interesselos, doch mit Erröten.

Aus: Der Sturm, Nummer 65, 10. Juni 1911

Arthur Kronfeld, geboren am 9. Januar 1886 in Berlin; gestorben am 16. Oktober 1941 in Moskau) war ein deutsch-russischer Psychotherapeut, Psychologe, Sexualwissenschaftler und Wissenschaftstheoretiker, sowie darüber hinaus auch politisch engagiert. Er war philosophisch geschult und hatte künstlerische Neigungen, war doppelt promoviert und wirkte zuletzt als Professor an der Charité der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin sowie im Moskauer Exil am „Neuropsychiatrischen Forschungsinstitut der UdSSR Pjotr B. Gannuschkin“, dem heutigen „Forschungsinstitut für Psychiatrie“. Dort nahm er sich, als der Einmarsch der deutschen Truppen drohte, unter ungeklärten Umständen zusammen mit seiner Frau Lydia das Leben.

Das Foto zeigt Arthur Kronfeld 1919

Dienstag, 19. September 2023

Fritz Oerter: Trutzlied des Gefangenen / Das Herz noch voll . . .

 


Trutzlied des Gefangenen

(1892 / 93)

Den Leib mögt wohl ihr bannen,
Indem ihr ihn bewacht;
Mein Geist schwebt doch von dannen
Und spottet eurer Macht.

Ihn hemmt nicht Schloss noch Riegel,
Ihn schreckt kein eisern´ Tor,
Hoch über Tal und Hügel
Schwingt er sich keck empor.

Bleibt mir zu Tageszeiten
Auch nur ein enger Raum,
In unbegrenzte Weiten
Führt nachts mich doch mein Traum.

Fritz Oerter, aus: Stimmen der Freiheit, Hrsg. von Konrad Geißwanger in Nürnberg 1914


Das Herz noch voll der grausen Hiobspost
lief ich verstört ins weite Feld;
ich hoffte still, zu finden linden Trost,
wo frisch im Lenzesschmuck stand die Welt.

Und wie ich streifte in verlorenen Sinnen,
geriet ein goldner Käfer arg in Nöten;
doch eh mir inne ward noch mein Beginnen,
hatt´ ich das arme Tierchen schon zertreten.

Ich ward zum Schicksal dieser Kreatur,
wie über mir vielleicht ein gleiches waltet.
Weh´ mir, wenn es, von Mitleid keine Spur

nach meinem Beispiel blind und grausam schaltet!
Wer schafft den freien Geist des Lebens nur,
der es harmonisch und bewusst gestaltet?

Fritz Oerter, aus seinem Tagebuch 12. 6. 1914 mit der Einleitung: „Das große Dampferunglück an der kanadischen Küste veranlasste mich zu folgendem Sonett.“

Fritz Oerter, aus: Tagebücher 1914 Auf der Seite Fürth Wiki als pdf

Fritz Oerter, geboren am 19. Februar 1869 in Straubing als Friedrich Oerter, gestorben am 20. September 1935 in Fürth, Lithograph, Schriftsteller und Buchhändler.

Zunächst trat Fritz Oerter im Jahr 1890 im Alter von 21 Jahren in die SPD ein. Gleichzeitig engagierte er sich für den Anarchismus und schmuggelte gemeinsam mit seinem Bruder Sepp Oerter Agitationsmaterial von den Niederlanden nach Deutschland. Beide Brüder werden im Dezember 1892 in Mainz wegen "aufrührerischer Reden" verhaftet. Fritz Oerter verstand sich als Verfechter der Anarcho-Syndikalistischen Bewegung und als geistiger Nachfolger Gustav Landauers, einem der wichtigsten Theoretiker und Aktivisten des Anarchismus in Deutschland um die Jahrhundertwende. Zur Zeit des erstens Weltkrieges wurde Fritz Oerter als "Anti-Kriegs-Aktivist" eingestuft und zu 15 Monaten Festungshaft verurteilt.

Seine kritische Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus, die er stets auch in seinen Publikationen zum Ausdruck brachte, und seine Kontakte zum demokratischen Widerstand gegen Nationalismus und Großkapital führte immer wieder zu Verhaftungen. Zuletzt wurde Oerter im Alter von 66 Jahren im September 1935 verhaftet und durch die SA verhört. Während der einwöchigen Haft wird Oerter offensichtlich schlecht behandelt, so dass er geschwächt und gebrochen die Haft verlässt. Kurze Zeit später verstirbt Oerter am 20. September 1935 an den Folgen einer Lungenentzündung im Krankenhaus, vermutlich infolge der Misshandlungen durch die SA und der Haftbedingungen. (Wiki)

Das Foto zeigt Fritz Oertler um 1930, von einem unbekannten Fotografen, veröffentlicht auf fuerthwiki.de

Donnerstag, 14. September 2023

Rudolf Borchardt: Die September-Sonette

 



Die September-Sonette

I

Vom Tage nährt sich schon die Nacht verstohlen;
Schlaflose Stürme laufen in den Gärten
Und holen mich auf ihre blassen Fährten.
Ich binde mir die Flügel an die Sohlen
Und bin hinaus — (doch träum ich wohl). Mich holen
In ihre Reigen andere Gefährten —
Wo sah ich sie, die sich gleich Sternen mehrten
An heißen Abenden? — Ein Atemholen

Und alles hin, wie Duft. Ich bin ganz wach
Und weiß, ich geh, und sag: „Noch heute nur!"
Von Stunden ein verfließendes Gesind
Schwebt tönend fort durch Kammer, Tor und Flur.
Ich spüre vom erhobenen Gemach
Atmende Nacht und Bäume ohne Wind.


II

Atmende Nacht und Bäume ohne Wind
Verführen mich, an deinen Mund zu denken,
Und daß die Pferde, mich hinweg zu lenken,
Schon vor den Wagen angebunden sind;
Daß alles uns verließ, wie Wasser rinnt,
Daß von dem Lieblichsten, was wir uns schenken,
Nichts bleiben kann und weniges gedenken:
Blick, Lächeln, Hand und Wort und Angebind;

Und daß ich so einsam bekümmert liege,
Und dir so fern, wie du mir fern geblieben —
Die Silberdünste, die den Mond umflügeln,
Sind ihm so ferne nicht, als ich dir fliege,
So ferne Morgenrot nicht Morgenhügeln,
Als diese Lippen deinen, die sie lieben.

September 1901

Rudolf Borchardt, aus: Gedichte aus den Jahren 1898 - 1944

Rudolf Borchardt, geboren am 9. Juni 1877 in Königsberg; gestorben am 10. Januar 1945 in Trins bei Steinach in Tirol, Schriftsteller, Lyriker, Übersetzer

„Das lyrische Schaffen Rudolf Borchardts, der zunächst dem Georgekreis verbunden war, kann nur schwer bestimmten literarischen Strömungen seiner Zeit wie der Neuromantik oder dem Fin de siècle zugerechnet werden. Infolge selbstgewählter Isolation blieb er ein Solitär, ein poeta doctus mit höchstem Anspruch an sich und andere. Er wurde geprägt vom Studium der Altertumswissenschaft und durch die Dichtungen Georges und Hofmannsthals.“ (WiKi)


Das Bild ist von Félix Valloton (1865 . 1925)

Samstag, 9. September 2023

Salomo Friedlaender: Klage des Hirten

 



Klage des Hirten

Nichts klagt so endlos in die himmelblauen
Schlaftrunknen Abendtäler wie die selten
Erhörten Hirtenlieder, die von Welten
Hallen fern aller Heimat und Vertrauen.

Sie flößen bunten Wahnsinn, irres Grauen
Schwermütig in das Herz; die halb erhellten
Gründe blühn purpurn, da sie wund vergellten
Färbend mit Blut und Einsamkeit die Auen.

Ihr Abend Rufendes im Ton der stirbt
Rieselnd von Stern zu Sternen ins Vergeßne
Abklingend wie das Licht fieberhaft rot

Haucht Ahnungen verschollnen Glücks, das wirbt
Verwunschen singt und winkt ins Unermeßne -
Wir folgen traumwandelnd, sonderbar tot.

S(alomo). Friedlaender, aus: Die Aktion, Nr. 24, 31. Juli 1911

Salomo Friedlaender, geboren am 4. Mai 1871 in Gollantsch bei Posen; gestorben am 9. September 1946 in Paris.

Unter dem Pseudonym Mynona (Anonym rückwärts gelesen) debütierte Friedlaender in expressionistischen Zeitschriften, wie Der Sturm, Die Aktion, der Jugend oder den Weißen Blättern. 1919 gründete er zusammen mit dem jüngeren Bruder seines Essener Schwagers Salomon Samuel, Ernst Samuel, der sich als Autor und Publizist Anselm Ruest nannte, ebenfalls in Berlin den Stirner-Bund und die nach Stirners Hauptwerk Der Einzige und sein Eigentum benannte Zeitschrift Der Einzige.


Die Texte Friedlaenders kombinieren expressionistische und dadaistische Elemente mit den Formen der Groteske und Parodie, wodurch er der literarischen Avantgarde neue Impulse verlieh. Viele seiner Texte beinhalten überdies scharfzüngige Gesellschaftskritik. Er selbst sah sich als eine Synthese von Immanuel Kant und Charlie Chaplin.

Wenige Wochen nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten emigrierte Friedlaender nach Paris. Dort starb er verarmt im Alter von 75 Jahren am 9. September 1946.

Das Bild ist von Adolphe Valette (1876 - 1942)

Freitag, 8. September 2023

Alfred Grünewald - Aus: Renatos Gesang (4 - 6)

 



4

Das Abendmännlein hob sich aus dem Moose
und trat mich an. (Sein Scheitel reichte kaum
bis an mein Knie.) Es wisperte wie Traum
und stand vor mir in zauberischer Pose.

Und bot mir ernsthaft eine weiiße Rose.
Ihr Duft war Kindheit. Mondlicht war ihr Flaum.
Ich neigte mich, daß meiner Lippe Saum
in leisem Kuß berühr die Makellose,

Da stürzte Himmel nieder. Ich verging 
in einem Meer von lauter goldner Bläue.
Und wachte staunend Wieder auf und hing

in einem Sternenbaum; versank aufs neue.
Und taumelte empor, ein Schmetterling,
und wußte tief im Traum, daß ich mich freue.


5

Neig dich, bestrahlte Wolke, über mich
und hülle mich in goldenes Vergessen.
Dein Tau soll meine schweren Lider nässen;
denn eines tiefen Traumes harre ich.

Ich lieg im Gras. Die Nelken hauchen. Kressen
sind nahe meiner Stirn. Es öffnen sich
Mondblumen, die der Abendwind bestrich.
Die Stille liegt gebreitet unermessen.

Ist in der Kühle, die mich jetzt umwebt,
schon deines Neigens Gruß? Schweb ich nach oben?
Versank die Welt mit Taumel, Trug und Toben ?

Ist es mein Traum nur, der mir so entschwebt?
Ists noch mein Herz, was in der Brust mir bebt?
Ist mir das Herz in deinem Glanz zerstoben?


6

Ich bin so voll von tiefer Heimlichkeit,
ich mein Lächeln hüte wie Verrat.
Es flüstert um mich her auf jedem Pfad,
und jeder Halm spricht mir von Lust und Leid.

Denn die Gefühle sind nicht mehr entzweit.
Ich hegte Lachen, Weinen ja wie Saat.
Nun sprießen sie in meinen Traum. Ich bat
mein Herz von einst: O sei dem Traum bereit.

Und ich entschlief und wandle nun im Schlaf
mit sicherm Schritt und weiß, ich kann nicht fallen.
Die Blumen leuchten, wenn mein Blick sie traf,

und selig über mir die Wolken wallen.
War es Gott selbst, der meinen Traum ersann?
Ich bin zu nichts vergangen und begann.

Alfred Grünewald, aus: Renatos Gesang - Ein Buch der Einsamkeit, mit Steinzeichnungen von Fritz Czuczka. Verlag Paul Stern, Wien 1921

Alfred Grünewald wurde am 17. März 1884 in Wien geboren. Nach den Novemberpogromen 1938 wurde er am 14. November 1938 in das KZ Dachau verbracht, im Januar 1939 wurde er wieder entlassen. Er floh über die Schweiz nach Südfrankreich, nach Kriegsausbruch wurde er in der Fort-Carré in Antibes und im Lager Les Milles interniert, bis Herbst 1942 lebte er in Nizza. Dort wurde er von der Polizei des Vichy-Regimes festgenommen und an die SS ausgeliefert. In Auschwitz wurde er am 9. September 1942 ermordet.

„Sie sagten ferner, daß auf einer der beiden, hier vorhandenen Einsiedeleien sich ein vornehmer französischer Cavalier, namens Renato, als Einsiedler . . . befände“ (Cervantes, aus: Irrfahrten des Persiles und der Sigismunda, eine nordische Geschichte, Cervantes sämtliche Werke, Leipzig 1825)

Die Illustration ist aus dem Buch

Samstag, 29. Juli 2023

Paul Paquita: Deutscher Sommer / Französischer Sommer

 



Deutscher Sommer

Eh´ die Wolkenwelln in Sturmtalaren
Hohlen Hauchs die Berge überstiegen,
Muss der Wein im Schattenkrug versiegen
Gerten tränkend, die hineingefahren;

Kühl im Beerenbusch. Und wir gewahren
Weithinaus im Auseinanderbiegen
Wie die raunenden Arenen liegen
Glühnd und dunkel, dürstend und agraren.

Manchmal mit dem Donner der Geräte
Und die Erntewagen leise läuten
Wie in Orgelbrausen heilige Messen,

Und durch Mohn und Meilenstein die Drähte
Golden blinkend nach den Städten deuten
Der Paläste mit metallnen Tressen.


Französischer Sommer

Blattschattig träuft ein Schlummer im Karnat
Blutwilden Mohns, tiefdunkel und als Kunde
Ein Horn vom Föhn, vom Fieber und vom Pfad
Zu glühendmüden Mittelherzens Grunde.

Fanfaren Trümmer Trubel Traum und Psalter -
Erwacht im Wind, aus wolkenlosem Grün
Gaukelt ein blasser Zug Zitronenfalter
Her auf verblaßnen Abendavenün.

Paul Paquita, aus: Die schöne Rarität, Monatsschrift für expressionistische Literatur und Graphik, Januar 1918

Zu Paul Paquita, Pseudonym von August Ewald, geboren 1887, sind biografische Einzelheiten unbekannt, er schrieb 1913–1919 in expressionistischen und anderen Zeitschriften (Inselschiff, Horen).

Das Bild „Sommertheater“ (um 1918 – 1922) ist von Alma del Banco, geboren am 24. Dezember 1863 in Hamburg; gestorben am 8. März 1943 ebenda. In der Zeit des Nationalsozialismus als Jüdin verfolgt, starb sie 1943 durch Suizid, um der Deportation in ein Vernichtungslager zu entgehen.

Samstag, 22. Juli 2023

Max Bruns: Rumpelstilzchen / Rapunzel

 



Rumpelstilzchen

„Heute back ich, morgen brau ich,
übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;
ach wie gut, dass niemand weiß,
dass ich Rumpelstilzchen heiß!“

Bestrahltes Felsgeklüft rahmt fremd ein Bild -:
Ein emsig Männchen in der mosigen Lichtung
legt trockne Scheite zu durchlohter Schichtung,
dem Tiegel unter, drin des Mondes Schild

sich spiegelt auf dem Sud, der gährend quillt.
Oft neigt er prüfend sich zu näherer Sichtung,
raunt drohnte Strophen rauh geratner Dichtung
und eilt und schleppt und summt und lächelt wild

und wirft, die er in vollen Fäusten trug,
die kundige Mischungen trocknen Kräutersamens,
bis schwebend blau und klar die Flamme schlug.

Dann hastet er im Raum des Felsenrahmens
und tollt und tanzt und tut sich kaum genug
am krausen Klang des ungekannten Namens.


Rapunzel

„Rapunzel! Rapunzel!
Lass mir dein Haar herunter!“


Ich strählte Nacht für Nacht mit breiten Kämmen
den goldnen Strom der wogenschweren Haare;
nun wallen sie als eine wunderbare
bestrahlte Flut und sind nicht einzudämmen.

So rankt kein Birkenlaub von bleichen Stämmen.
Und wenn ich in die weichen Schleier fahre
und reiche sie hinaus, die sommerklare
tiefdunkle Nacht mit Gold zu überschwemmen,

erwacht die Nachtigall in Tau und Kühle
und strömt in die berückten Himmelmeere
und in mein Lichtgelock so süße Schwere,

dass, naht der Knabe, sich emporzuschwingen
in Duft und Glanz, ich in den goldnen Ringen
die Last des schlanken Leibes kaum noch fühle.

Max Bruns, aus: Die Lieder des Abends, Minden 1916

Max Bruns, geboren am 13. 7. 1876 in Minden, war Verleger, Übersetzer und Dichter. Unter anderem übersetzte er Charles Baudelaire: Die Blumen des Bösen, an dieser Übersetzung arbeitete er mit seiner Frau Margarete Bruns zusammen. Er starb am 23. 7. 1945 in seinem Geburtsort an den Folgen eines Raubüberfalls.

„Wenn schon dem Menschen diese beiden Mittel gegeben sind, sich selbst zu vollenden, die Liebe und die Kunst: wie sehr muß es ihm dann vergönnt sein, sich bis zu seinen äußersten Möglichkeiten zu steigern, wenn er dem Erlebnis der Liebe im Kunstwerk Ausdruck und Gestaltung gibt!“ Max Bruns

Die Illustration ist von Anne Anderson (1874 - 1952)

Freitag, 14. Juli 2023

Walter Benjamin: Sonette - LIII.

 



Sonette - LIII.


In aller Schönheit liegt geheime Trauer
Undeutlich nämlich bleibt sie immerdar
Zwiefach und zwiefach unenträtselbar
Sich selbst verhüllt und dunkel dem Beschauer

Sie gleicht nicht Lebenden in ihrer Dauer
Kein Lebender nimmt sie im Letzten wahr
An ihr bleibt Schein wie Tau und Wind im Haar
Je näher nahgerückt je ungenauer

Sie steht wie Helena im Dämmerlicht
Der beiden Welten Sprache taugt ihr nicht
Es sei denn blendend ihr Geschlecht zu trennen

Doch war es deiner Schönheit nicht gegeben
Als offner Tod aus deinem Jugendleben
Zu wachsen und sich selber zu benennen?

Walter Benjamin, geboren am 15. Juli 1892 in Berlin; gestorben am 26. September 1940 in Portbou, Spanien, Philosoph, Kulturkritiker und Übersetzer

1933 entzog er sich als säkularisierter Jude der NS-Herrschaft und ging ins Pariser Exil. Nach der Besetzung Frankreichs durch die deutschen Truppen nahm er sich auf einer missglückten Flucht in der spanischen Grenzstadt Portbou das Leben.

Walter Benjamins Sonette galten als verschollen. Erst 1981 wurden sie in der Pariser Nationalbibliothek aufgefunden. Benjamin hatte sie mit anderen ihm wichtigen Papieren vor seiner Flucht im Frühjahr 1940 Georges Bataille übergeben. 1986 erschienen sie in der Bibliothek Suhrkamp.

Das Bild ist von Hans Unger (1872 - 1936)

Samstag, 8. Juli 2023

Stefan Zweig: Oft bange ich, vom Tal der Heiterkeit

 



Oft bange ich, vom Tal der Heiterkeit

Oh, come grato ocorre
Nel tempo giovanil, quando ancor lungo
La speme e breve ha la memoria il corso,
Il rimembrar delle passate cose!

(Leopardi)

I

Oft bange ich, vom Tal der Heiterkeit
Biege mein Weg zu Stille schon und Schweigen,
Denn leiser wandelt meiner Stunden Reigen,
Wie Menschen gehn vor naher Müdigkeit.

So war, was ich, ein Kind, ein Träumer nahm
Das Leben schon? Und waren die verfrühten
Geschicke, die ich griff, schon reife Blüten,
Mit denen meine Jugend zu mir kam?

Doch Fragen sind dies, die ich klaglos spreche,
Denn keiner weiß es ganz, was er erlebt,
Da er noch Strom ist und geschnellte Schwinge,

Und erst, wenn alle Unrast fern verbebt,
Malen sich bildhaft auf der stillen Fläche
Die späten Träume der erlebten Dinge.

II

Doch diesen Glanz verlangt es mich, zu halten,
Zu fassen das, was kaum Erlebnis war,
Der Ferne Gruß, der Frauen mattes Haar,
Den lieben Schritt enteilender Gestalten,

Und solche Bilder, ehe sie verschatten,
In heißen Worten formend zu erneuern,
Daß sie, geläutert von den späten Feuern
Ein Glühen geben, das sie einst nicht hatten.

So wird, was schon verging, mir neu zu eigen
Und reicher nun. Gefangen im Gedicht
Runden die Stunden längst schon welker Lenze

Sich lächelnd wieder in den Lebensreigen,
Und ein – fast träumendes – Besinnen flicht
Die bunten Farben in die frühen Kränze.

Stefan Zweig, aus der Sammlung "Die frühen Kränze", Insel, Leipzig 1906

Stefan Zweig, geboren am 28. November 1881 in Wien; gestorben 23. Februar 1942 im Exil in Petrópolis, Bundesstaat Rio de Janeiro, Brasilien,Schriftsteller, Übersetzer und Pazifist.