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Mittwoch, 25. Januar 2023

Theobald Tiger - Zum Andenken an Felix Fechenbach: Stimmen in der Nacht

 


Zum Andenken an Felix Fechenbach: Stimmen in der Nacht

Einer liegt nach gutem Mahle
tief im Bett als Hosenmatz.
In dem Bauch die Bierkaltschale,
auf dem Nachttisch Rudolf Stratz.
Wohlig blüht das Fett, das weiche,
populär im ganzen Reiche ...
Knackten Möbel –?
Und er träumt von einem blassen
Grand-Ouvert mit lauter Assen ...
Sprach da einer –?
In der Ecke zirpt es schwach.
Und man hört die Schränke knistern
und ein kleines Stimmchen flüstern:
»Fechenbach.«

Leicht gestörte Augenblicke
in dem Traum des Schlafgefechts.
Tiefer atmend wälzt der Dicke
sich behaglich-schwer nach rechts.
Seine Hand will sich verstecken
unter Kissen, unter Decken ...
Ging da einer –?
Träume, Schlaf und Ruhe schwinden.
Und er kann sie nicht mehr finden ...
Klappten Türen –?
Schläft er oder ist er wach –?
Aus den Fenstern, aus den Wänden
immer klingt es allerenden:
»Fechenbach! Fechenbach!«

Aufgerichtet, unruhvollen
Auges lauscht er in die Zeit.
Stimmen, die dem Nichts entquollen,
rufen aus der Dunkelheit:
»Während du auf bunten Messen
redetest, saß er vergessen
in der Zelle!
Legtest ab den Papagei-Eid:
Einigkeit und Recht und Freiheit ...
Und die Zelle –?
Hör sein Weinen tausendfach!
Mensch, das Recht ist in Bedrängnis!
Gib ihn frei aus dem Gefängnis –!
Fechenbach!
Fechenbach!
Fechenbach!«

Aber er hatte immer, was das betraf,
eine gute Verdauung und guten Schlaf.

Theobald Tiger (Kurt Tucholsky 1890 - 1935) in: Die Weltbühne, 19.06.1924, Nr. 25, S. 862.

Felix Fechenbach wurde vom Münchner Volksgericht zu elf Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust verurteilt. Auch Artikel zur Kriegsschuld Deutschlands waren Prozessgegenstand. Fechenbach musste aber auf Grund des öffentlichen Drucks gegen das Urteil nur bis zu seiner Begnadigung 1924 im Zuchthaus bleiben.

Felix Fechenbach, geboren am 28. Januar 1894 in Mergentheim, wurde am 7. August 1933 im Kleinenberger Wald zwischen Paderborn und Warburg während seiner Deportation in das KZ Dachau von den Nationalsozialisten „auf der Flucht erschossen“. Er war ein politischer Journalist und Dichter, Sozialdemokrat und überzeugter Pazifist.

Drei im Dritten Reich verfemte Autoren: Felix Fechenbach, Ernst Toller und Erich Mühsam.
Nicht nur die Verachtung nach 1933 verbindet Fechenbach, Toller und Mühsam. Es handelt sich um drei Autoren, deren Lebenswege sich bereits zuvor kreuzten. Alle drei waren an der Novemberrevolution 1918 in München beteiligt, alle drei verbrachten bis in das Jahr 1924 einige Zeit als politische Häftlinge in süddeutschen Zuchthäusern. Bei aller Verschiedenheit, gar Gegensätzlichkeit, weisen ihre Schicksale eine Gemeinsamkeit auf: Antidemokraten und die politische Rechte verachteten Fechenbach, Toller und Mühsam als Novemberrevolutionäre, als Pazifisten, als antiautoritäre Geister, als Juden.


Samstag, 28. Januar 2017

Zum Gedenken an Felix Fechenbach, Kurt Eisner, Ernst Toller

Felix Fechenbach, geboren am 28. Januar 1894 in Mergentheim, wurde am 7. August 1933 im Kleinenberger Wald zwischen Paderborn und Warburg während seiner Deportation in das Konzentrationslager Dachau von den Nationalsozialisten "auf der Flucht erschossen". Er war ein politischer Journalist und Dichter, Sozialdemokrat und überzeugter Pazifist. 



An Ernst Toller


Du bist fein raus.
Nicht einen Tag geschenkt.
Wobei man an Herrn von Arco denkt.

Sei gegrüßt! Du kamst ans Licht!
Herr Ebert kümmert sich um dich nicht.

Er mag sich nicht mit Bayern schlagen.
Und da hat er auch nichts zu sagen.

Vor den Rechtsausschuß gingst du? Gar nicht schlecht.
Da findest du alles – nur kein Recht.

Wer Gefangene schindet, ist der nicht ehrlos?
Herr Held ist ein Held; die sind ja wehrlos.

Sag es laut! Gott gab dir den Schrei.
Sag es – du warst ja mit dabei!

Und denk auch an ihn, der im Ungemach,
an ihn:
an Felix Fechenbach.


Theobald Tiger
                                 (Die Weltbühne, 14.08.1924, Nr. 33, S. 265.)


Felix Fechenbach wurde vom Münchner Volksgericht zu elf Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust verurteilt. Auch Artikel zur Kriegsschuld Deutschlands waren Prozessgegenstand. Fechenbach musste aber auf Grund des öffentlichen Drucks gegen das Urteil nur bis zu seiner Begnadigung 1924 im Zuchthaus bleiben.

1925 brachte er das Buch: Im Haus der Freudlosen - Bilder aus dem Zuchthaus. (J. H. W. Dietz Nachf., Berlin 1925) heraus. Diesem Buch ist folgendes Gedicht von Kurt Eisner voran gestellt:

               Letzter Marsch (Beim Rundgang im Kerkerhof zu singen)


Schritt für Schritt,
O, Freund, geh mit!
Die Not
Wirbt Mut.
Blick umher
Die Zeit läuft quer!
Der Tod
Säuft Blut.

Ich und du
Verjagen Ruh:
Die Stadt
Wird wach;
Schreitet schwer,
Ein düstres Heer.
Verrat
Schleicht nach.

Schritt für Schritt,
Der Tod geht mit.
Das Haupt
Trag hoch!
Liegt nichts dran:
Du warst ein Mann!
Wer glaubt
Siegt doch!

Kurt Eisner (Eisner wurde am 21. Februar 1919 von einem völkisch-antisemitischen Attentäter erschossen.)

„Zum Geleit


Ich kam nicht ins Zuchthaus wie tausend andere. Mein Dasein im grauen Haus der Freudlosen war nicht das gleiche wie das der sogenannten »gemeinen Verbrecher«. Aber ich habe Augen und Ohren. Und was ich beobachtet, geschaut und erlebt habe, erzählen – soweit es die besonderen bayerischen Verhältnisse gestatten – diese Blätter.

Wißt, daß es Schicksale von Menschen sind, die zermalmt werden von all dem Leid, der Entseelung und Entwürdigung des Zuchthauses.

Lest dies Buch und gleitet dann noch gedankenlos über Nachrichten von Zuchthausurteilen in Zeitungen weg – wenn Ihr es könnt.

Dresden, Februar 1925
Felix Fechenbach“


Zum "Schwalbenbuch" von Ernst Toller geht es hier: 

http://dingefinders-lesebuch.blogspot.de/search/label/Ernst%20Toller