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Mittwoch, 25. Januar 2023

Karl Henckell: Ist das noch. . .?

 


Ist das noch..?

Ist das noch derselbe Himmel,
Der sich über mir gespannt,
Als im flackernden Gewimmel
Wilder Feuer ich gebrannt?
Ist das noch dieselbe Erde,
Die mein rascher Fuß betrat,
Als mit glühender Gebärde
Ich verschwendet Zukunftssaat?

Erd und Himmel sind die gleichen,
Und die gleichen Sonnen loh’n,
Doch die Seele rückt ihr Zeichen
In begrenzte Felder schon.
Schritt für Schritt wird nun gemessen,
Noch im Schwunge geizt die Hand,
Fiel doch manch ein Korn indessen
Auf Morganas Wüstensand…

Karl Henkell (1864 - 1929), aus: Pan, 5. Jahrg., 2. Hälfte, November 1899 bis April 1900

Das Bild ist von Károly Ferenczy (1862 - 1917)

Karl Henckell: Ruhe meine Seele

 


Ruhe, meine Seele

Nicht ein Lüftchen
Regt sich leise,
Sanft entschlummert
Ruht der Hain;
Durch der Blätter
Dunkle Hülle
Stiehlt sich lichter
Sonnenschein.

Ruhe, ruhe,
Meine Seele,
Deine Stürme
Gingen wild,
Hast getobt und
Hast gezittert,
Wie die Brandung,
Wenn sie schwillt!

Diese Zeiten
Sind gewaltig,
Bringen Herz und
Hirn in Not –
Ruhe, ruhe,
Meine Seele,
Und vergiß,
Was dich bedroht!

Karl Henckell, geboren am 17. April 1864 in Hannover; gestorben am 30. Juli 1929 in Lindau am Bodensee, Lyriker und Schriftsteller. Dieses Gedicht wurde von Richard Strauss vertont. 

Das Bild ist von Hiasl Maier-Erding (1894 - 1933)


        

Samstag, 1. Januar 2022

Karl Henckell: Mein Neujahrswunsch

 

          

         Mein Neujahrswunsch

 

Was ich erwünsche vom neuen Jahre?

Dass ich die Wurzel der Kraft mir wahre,

Festzustehen im Grund der Erden,

Nicht zu lockern und morsch zu werden,

Mit den frisch ergrünenden Blättern

 

Wieder zu trotzen Wind und Wettern,

Mag es ächzen und mag es krachen,

Stark zu rauschen, ruhig zu lachen,

So in Regen wie Sonnenschein

Freunden ein Baum des Lebens zu sein.

 

Karl Henckell, geboren am 17. April 1864 in Hannover; gestorben am 30. Juli 1929 in Lindau am Bodensee.

Karl Henckell schrieb als „Nachtigall am Zukunftsmeer“ sozialkritische Gedichte, erfüllt von einem utopischen Glauben an das Proletariat: „Heil dir, Retterheld der Erde, Siegfried Proletariat!“, überzeugt, mit seinen Gedichten die sozialen Verhältnisse ändern zu können.

Zur Verbreitung seiner Gedichte, die während des Sozialistengesetzes (1878–90) verboten waren, gründete er in Zürich einen eigenen Verlag. Zürich war auch Verlagsort der sozialkritischen Gedichtbände Henckells, die 1885–1890 erschienen, bis Henckell die nächste Sammlung Trutznachtigall mit dem zweiten Verlagsort Leipzig herausbringen konnte. Immer wieder trat H. als Vortragender für seine Zeitgenossen ein und versuchte, breite Volkskreise, insbesondere die Arbeiterschaft, für die Lyrik zu gewinnen. Eine Frucht seiner Bemühungen ist die Sammlung „Buch der Freiheit“ (1893) mit der Widmung: „Ich widme dies Buch der Freiheit den Hand- und Kopfarbeitern deutscher Zunge. Möge es ihnen Hammer der Tat und Glocke des Gedankens, Rufer im Kampf der Tage und Genosse stillerer Stunden sein, Feuersäule aus der Oede der Lebensnot und Oase der liebesdurstigen Seele! …“. Später verzichtete er auf die lyrische Gestaltung sozialer und aktueller Ideen und Ereignisse und zog sich auf die „reine Poesie“ zurück.

 

 

Das Foto zeigt die Alte Eiche bei Fredelsloh, ein Naturdenkmal