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Freitag, 13. Oktober 2023

Emil Rudolf Weiß: Trübungen

 



Trübungen


Abbild meiner dunklen Seele, tiefverhängter, trüber Teich,
wilde, schwanke Irislilien hüten dich, von Schweigen bleich.

Wie in deiner Tiefe schwebt am Dämmerhimmel unermesslich
Eine Abendwolke, gleich dem Traume, der mir unvergesslich.

Wie die blasse Trauerweide in die kaum bewegte Flut
Taucht den sanftesten der Zweige, der vom Winde müde ruht,

einem alten, irren Wunsche, der verborgen wandert, gleich -
bist du Abbild meiner Seele, tiefverhängter, trüber Teich.

Emil Rudolf Weiß, geboren am 12. Oktober 1875 in Lahr, Baden; gestorben am 7. November 1942 in Meersburg, war Typograf, Medailleur, Grafiker, Maler, Lehrer und Dichter.

Da er sein Augenmerk nicht nur auf alle gestalterischen Aspekte eines Buches richtete – das heißt neben Satz und Schrift auch auf Illustration, Einband- und Umschlaggestaltung –, sondern regelmäßig auch die poetischen Texte selbst beisteuerte, wurden seine Bücher echte Gesamtkunstwerke.

Dienstag, 24. Januar 2023

Emil Rudolf Weiß: Der bunte Dämon

 


Der bunte Dämon

Sei du der Panther dieser neuen Häuser,
Aus Glas und Eisen, aus Beton und Licht,
In denen keine Tiere hausen.
Sei Katze du, mit langen Hüften, kühn und ohne Tränen.
Sei hartes Tier, dass nichts vom Tode weiß, bevor es stirbt.
Sei hold, du holdes Tier, daß nichts vom Tode weiß, bevor es stirbt.
In sich verkrümmtes Tier, wie Feuer glänzend,
Vor Freude bebend, blutig und beschwingt in seiner Leidenschaft,
Auf Inseln wohnend, ohne seinesgleichen.
Von Inseln bringe Schmerzensschrei und stärkste Lust,
und im gesenkten Hals endloses
Weites Schreiten ohne Müdigkeiten.
Von jenen Inseln, die im Meere starren,
Wo harte Blumen unüberwindlich bunt aus Bitterlauge wachsen,
Und sich in giftigen Meereswogen spiegeln wie am süßen See. . .
Sei immer!
Sei Glühfaden, immer zitternd in den leeren Lampenbirnen,
immer leuchtend, so lang du lebst,
Mehr Stern als Sterne!
Bunter Dämon!
Tanze ewigen Frühling, ewiges Licht.
Tanze den ersten Kuß der Geschlechter, die ewige
Rechtfertigung Gottes
Umkreise die Sonne, bunter Dämon, mit der Sonne
tanzt du um Gott.

Emil Rudolf Weiß, aus: Die Aktion, Ausgabe 06, 1916

Emil Rudolf Weiß, geboren am 12. Oktober 1875 in Lahr, Baden; gestorben am 7. November 1942 in Meersburg, war Typograf, Medailleur, Grafiker, Maler, Lehrer und Dichter.

Der fachmann ..., der nichts ist als buchmann, schriftmann, ist ganz gewiß notwendig und wichtig, aber nur der Künstler, der schöpferisch tätige, der schöpferisch zerstörende, erfindende und aufbauende Mensch ist wesentlich, einmalig und unersetzlich.

Emil Rudolf Weiß in einem Vortrag, 1931 (Groß- und Kleinschreibung so im Original)

Da er sein Augenmerk nicht nur auf alle gestalterischen Aspekte eines Buches richtete – das heißt neben Satz und Schrift auch auf Illustration, Einband- und Umschlaggestaltung –, sondern regelmäßig auch die poetischen Texte selbst beisteuerte, wurden seine Bücher echte Gesamtkunstwerke.

Seit 1910 als Professor an der Unterrichtsanstalt des Staatlichen Kunstgewerbemuseums in Berlin tätig, wurde er aufgrund einiger als entartet verunglimpften Gemälde 1933 von den Nationalsozialisten in den vorzeitigen Ruhestand versetzt.

Das Bild „Der Lärm der Straße. . .“ ist von Umberto Boccioni (1882 - 1916)

Dienstag, 7. November 2017

Emil Rudolf Weiß:Frühsommerphilosophie / Dein Bild

Ein Bild der Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch


Frühsommerphilosophie

Die roten Tulpenflammen sind verglüht;
Maiglocken wachen auf; der Flieder blüht;
Die Eiche, die so lange sich besann,
Steht nun in Laub; es steckt die Kerzen an,
Die grünen Kerzen, übertrieft von Saft,
Der alten Fichten innerliche Kraft.
Um jede Blüte ist ein Surretanz
Von Schwebewesen, ein lebend´ger Kranz
Von Schillerflügeln gelb, grün, blau von Glanz,
Und an den Stengeln kriecht im Drängelauf
Das Käfervolk bunt, tausendfüßig auf.

Die liebe Welt! Ob sie auch lange ruht,
Sie machts zuletzt doch immer wieder gut.
Mag sie nicht schelten.
Eh´ eine andre uns nicht voller mißt,
Glaub ich einstweil, daß sie die beste ist
Von allen Welten.

Aus: Emil Rudolf Weiss. Der Wanderer. Mit acht symbolischen Holzschnitten und Buchumschlag. 1895 bis 1900. Baden-Baden, Eigenverlag 1900.

Emil Rudolf Weiß, geboren am 12. Oktober 1875 in Lahr, Baden; gestorben am 7. November 1942 in Meersburg, war Typograf, Medailleur, Grafiker, Maler, Lehrer und Dichter.

Da er sein Augenmerk nicht nur auf alle gestalterischen Aspekte eines Buches richtete – das heißt neben Satz und Schrift auch auf Illustration, Einband- und Umschlaggestaltung –, sondern regelmäßig auch die poetischen Texte selbst beisteuerte, wurden seine Bücher echte Gesamtkunstwerke.

Seit 1910 als Professor an der Unterrichtsanstalt des Staatlichen Kunstgewerbemuseums in Berlin tätig, wurde er aufgrund einiger als entartet verunglimpften Gemälde 1933 von den Nationalsozialisten in den vorzeitigen Ruhestand versetzt.


Dein Bild

Der Regen rauscht
schwer nieder,
mein Herz lauscht
auf Lieder.

Meine Augen gehen
von den frühen Blumen,
die im Glase stehen
vor deinem Bild,

in die Regenwelt,
stumm und kühl und wild,
die dein Bild im Herzen
einzig mir erhellt.