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Mittwoch, 30. August 2023

Christian Morgenstern: Ein einunddreißigster August

 



Ein einunddreißigster August

Das war der letzte leuchtende August:
Der Sommer gipfelte in diesem Tage.
Und Glück erklang wie eine Seegrundsage
in den Vinetatiefen unsrer Brust.

Ein leises fernes Läuten kam gegangen -
und welche wollten selbst die Türme sehn,
in denen unsres Glückes Glocken schwangen:
so klar ließ Flut und Himmel sie verstehn.

Der Tag versank. Mit ihm Vinetas Stunde.
Septembrisch ward die Welt, das Herz, das Glück.
Ein Rausch nur wie von Tönen blieb zurück
und schwärmt noch über dem verschwiegnen Grunde.

Christian Morgenstern, geboren am 6. 5. 1871 in München, gestorben am 31. 3. 1914 in Untermais, Tirol; aus: Monatsgedichte, herausgegeben von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell, Reclam

Das Bild ist von Félix Valloton (1865 - 1925)

Donnerstag, 30. März 2023

Christian Morgenstern: Die Weide am Bache

 



Die Weide am Bache


Weißt Du noch, Phanta,
Wie wir jüngst
Eine Nyade,
Eine der tausend Göttinnen der Nacht,
Bei ihrem Abendwerk
Belauschten?

Einer Weide
Half sie, sorglich
Wie eine Mutter,
In´s Nachthemd,
Das sie zuvor
Aus den Nebel-Linnen des Bachs
Kunstvoll gefertigt.
Ungeschickt
Streckte der Baum die Arme aus,
Hineinzukriechen
In´s Schlafgewand.
Da warf es die Nymphe
Lächelnd ihm über den Kopf,
Zog es herab,
Strich es ihm glatt an den Leib,
Knöpfte an Hals und Händen
Es ordentlich zu
Und eilte weiter.

Die Weide aber,
In ihrem Nachtkleid
Sah ganz stolz
Empor zu Luna.
Und Luna lächelte,
Und der Bach murmelte,
Und wir beide,
Wir fanden wieder einmal
Die Welt sehr lustig.

Christian Morgenstern, geboren am 6. 5. 1871 in München, gestorben am 31. 3. 1914 in Untermais, Tirol, aus: In Phanta´s Schloss, Berlin Schuster und Löfffler, 1891, seinem ersten veröffentlichten Gedichtband.

Das Bild ist von Nikolai Astrup (1880 - 1928)

Samstag, 10. Dezember 2022

Lou Andreas-Salomé: Märzglück

 



Lou Andreas-Salomé, geborene Louise von Salomé, geboren am 12. Februar 1861 in St. Petersburg; gestorben am 5. Februar 1937 in Göttingen, Erzählerin, Essayistin und Psychoanalytikerin. Befreundet war sie unter anderem mit Friedrich Nietzsche und Rainer Maria Rilke, mit dem sie auch zwei Russlandreisen unternahm. „Die letzten 25 Lebensjahre dieser außerordentlichen Frau gehörten der Psychoanalyse an, zu der sie wertvolle wissenschaftliche Arbeiten beitrug und die sie auch praktisch ausübte. Ich sage nicht viel, wenn ich bekenne, dass wir es alle als eine Ehre empfanden, als sie in die Reihen unserer Mitarbeiter und Mitkämpfer eintrat … Meine Tochter [Anna], die mit ihr vertraut war, hat sie bedauern gehört, dass sie die Psychoanalyse nicht in ihrer Jugend kennengelernt hatte. Freilich gab es damals noch keine …“ Sigmund Freud, Nachruf auf Lou Andreas-Salomé

Das Bild ist von Gustaf Fjæstad (1868 - 1948)


Lou Salomé mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche 1882, Fotografie von Jules Bonnet

Christian Morgenstern, geboren am 6. 5. 1871 in München, gestorben am 31. 3. 1914 in Untermais, Tirol, aus dem Nachlass



Dienstag, 8. November 2022

Christian Morgenstern: Acht lustige Könige

 

 

Wie die Galgenlieder entstanden

Es waren einmal acht lustige Könige; die lebten. Sie hießen aber so und so. Wer heißt überhaupt? Man nennt ihn. Eines Tages aber sprachen die lustigen Könige zueinander, wie Könige zueinander sprechen. „Die Welt ist ohne Salz; laßt uns nach Salz gehen!“ sagte der zweite. „Und wenn es Pfeffer wäre“ meinte der sechste. „Wer weiß das Neue?“ fragte der fünfte. „Ich!“ rief der siebente. „Wie nennst du´s?“ fragte der erste. „Das Unterirdische,“ erwiderte der siebente, „das Links, das Rechts, das Dazwischen, das Nächtliche, die Quadrate des Unsinnlichen über den drei Seiten des Sinnlichen.“ „Und der Weg dazu?“ fragte der achte. „Das einarmige Kreuz ohne Kopf und der Basis über dem Winkel!“ sagte der siebente. „Also der Galgen!“ sagte der vierte. „Esto“ sprach der dritte. Und alle wiederholten „Esto“, das heißt „Jawohl“.

Und die acht lustigen Könige rafften ihre Gewänder und ließen sich von ihrem Narren hängen. Den Narren aber verschlang allsogleich der Geist der Vergessenheit - -

 

 



 







 

„Betrachten wir den Galgenberg als ein Lugaus der Phantasie ins Rings. Im Rings befindet sich noch viel Stummes.

 

Die Galgenpoesie ist ein Stück Weltanschauung. Es ist die skrupellose Freiheit des Ausgeschalteten, Entmaterialisierten, die sich in ihr ausspricht. Man weiß, was ein mulus ist: Die beneidenswerte Zwischenstufe zwischen Schulbank und Universität. Nun wohl: ein Galgenbruder ist die beneidenswerte Zwischenstufe zwischen Mensch und Universum. Nichts weiter. Man sieht vom Galgen die Welt anders an und man sieht andre Dinge als Andre“.

Christian Morgenstern, geboren am 6. 5. 1871 in München, gestorben am 31. 3. 1914 in Untermais, Tirol

Musik im Video: Dingefinder, erstellt mit Music Maker Jam und MuseScore, bis auf die Soloflöte, Syrinx von Claude Debussy

Es wurden Bilder verwendet im Video von Alice Bailly, Robert Bateman, John Bauer, Albert Bierstadt, Hieronymus Bosch, Edmund Dulac, Augusto Giacometti, Paul Goesch, Max Frey, Vilhelm Hammershøi, Hugo Henneberg, Ferdinand Hodler, Eero Järrnefelt, Heinrich Lefler, Sidney Lomg, Edward Okun, Niko Pirosmani, Ernest Procter, Arthur Rackham, Andrea Rausch, Herbert von Reyl-Hanisch, Briton Rivière, Eric Harald Macbeth Robertson, Henry Rousseau, Georg Schrimpf, Carlos Schwabe, Franz Sedlacek, Jessie Willcox Smith, Ernst Stöhr, Sergei Jurijewitsch Sudeikin, Hans Thoma, Anna Traquair, Victor Vasnetsov,  Elihu Vedder, Sarah Stilwell Weber, Henryk Weyssenhoff, Michal Wygrzywalski u. a.

Die Bilder sind gemeinfrei bis auf das von der 2016 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch, mit freundlicher Genehmigung der Hedi-Kupfer-Stiftung Fredelsloh als Nachlassverwalterin.

Dingefinders LYRA:  LYRA  ist die Abkürzung für LYrikRAdio und bezieht sich auf die Audiospur. Die Bilder sind für YouTube dazu gekommen. Das Projekt verfolgt keinerlei kommerzielle Zwecke, weder der Blog (Dingefinders Lesebuch) noch der YouTube-Kanal sind monetarisiert. Die Reihe wird fortgesetzt.








Mittwoch, 25. Januar 2017

Christian Morgenstern: Palmström wird Staatsbürger (und andere aus dem Nachlass)


Palmström wird Staatsbürger

I

Palmström weigert sich (ganz selbstverständlich),
irgendwelchen Heeresdienst zu tun.
Doch die Mehrzahl schilt dies feig und schändlich.

Denn man ist noch rings um ihn katholisch
oder protestantisch usw.
und da gilt es diabolisch,

einen Christenmenschen nicht zu morden,
heischen dies Gott, König, Vaterland.
Palmström ist hierauf verhaftet worden.

II

Im Gefängnis sitzt der Brave,
doch er sagt sich: ins Gefängnis
sollte jeder, der kein Sklave.

Alle wahrhaft freien Seelen
sollten diese ihrer einzig
werte Stätte nicht verfehlen.

Ohne Murren, ohne Zucken
Sollten sich der Freien Nacken
unter der Gewalt Joch ducken.

Bis das Volk der breiten Fährte
erst durch Staunen, dann durch Denken
gleichfalls sich zur Freiheit klärte.

III

Korf geht mitten durch die Wachen,
die ihn pflichtbeflissen greifen,
doch sie greifen in die Leere.

Und sie stoßen die Gewehre
hin und her durch ihn, doch heiter
wandert er zu Palmström weiter.

IV

Mit dem Wärter, der das Essen
bringt, betritt er die Kamurke,
drin sein Freund der Schurke Palmström,
haust.

Stotternd, stolpernd, stürzt der Wächter
fort und fabuliert von Geistern,
die er nicht zu meistern wisse. . .
Man

kommt in copore gelaufen. . .
Alle werfen sich auf Korfen - -
Doch umsonst geworfen! Korf ist –
    Geist. . .

V

Es ist unmöglich, Palmström zu behalten
(obwohl er selbst am liebsten bleiben möchte);
denn Korfs Erscheinung ist nicht auszuschalten.

In zwölf Gefängnissen ist Palm gewesen. . .
Doch haben überall so Direktoren
wie Untergebne den Verstand verloren.

So daß man ihn mit aufgehobnen Händen
zuletzt beschwört, sich heimwärts zu entschließen,
und ihm erlaubt, niemanden totzuschießen.

Ein Interview

Palmström wird gefragt, wie er sich zu der
Todesstrafe stelle.
Er erwidert: „Lieber Herr ud Bruder,

gibt´s denn da noch wirklich ein Sich-Stellen
innert eine Welt
menschlicher Geschwister und Gesellen?

Bester Herr, was wollen Sie dem Armen
mit Gewehr und Beil?
Ist der Mensch so bar noch an Erbarmen?

Oder lassen sie mich anders sprechen:
Ist man ohne Teil
an dem sei´s auch traurigstem Verbrechen?

Wer es ist, der trete vor und hebe
seine Hand zum Licht. . .
Oder aber unser Bruder - - lebe!“

Die Heldin

Muhme Kunkel geht voraus
wo´s ein Tier zu schützen gilt.
Tapfer hält sie ihren Schild
vor die kleinste Ackermaus.

Ihre Dienstmagd Lulu Hammer,
welche Fleisch frißt wie ein Wolf
sperrt sie, samt dem Kälblein Rolf
eines Tags in ihre Kammer.

Legt ein Beilchen ihr parat,
spricht: Wofern dir Fleisch tut not
schlag denn dieses Fleisch selbst tot  -
oder aber iß Salat.

Lulu, ganz in sich gewandelt
fühlt, wie grauslich ihre Gier,
bittet ab dem Bruder Tier.
Ja, noch mehr, sie hat gehandelt

wie sonst nur des Helden Weise:
Nämlich gab, fürwahr, sie tat es,
Rolf die Köpfe des Salates
und verblieb selbst ohne Speise.

Schließlich ruft sie nach der Muhme. . .
Diese läßt die Zwei heraus.
Lulu lebt seither im Haus
reinerer Moral zum Ruhme.

Christian Morgenstern, geboren am 6. 5. 1871 in München, gestorben am 31. 3. 1914 in Untermais, Tirol

Freitag, 26. Dezember 2014

Christian Morgenstern - Schicksal



                Schicksal


Der Wolke Zickzackzunge spricht:
„Ich bringe dir, mein Hammel, Licht.“

Der Hammel, der im Stalle stand,
ward links und hinten schwarz gebrannt.

Sein Leben grübelt er seitdem:
warum ihm das geschah von wem.


Christian Morgenstern (1871  -  1914) Über ihn und seine Galgenlieder braucht nicht mehr viel erzählt werden. Außer, dass solche lyrischen Kleinodien wie das obige nicht oft genug wieder hervorgesucht werden können.