Donnerstag, 28. Dezember 2023

Emmy Hennings: Gefängnis

 



Gefängnis

I

Am Seil der Hoffnung ziehn wir uns zu Tode.
Beneidet auf Gefängnishöfen sind die Raben.
Oft zucken unsre nie geküssten Lippen.
Ohnmächtige Einsamkeit, du bist erhaben.
Da draußen liegt die Welt, da rauscht das Leben.
Da dürfen Menschen gehn, wohin sie wollen.
Einmal gehörten wir doch auch zu denen,
Und jetzt sind wir vergessen und verschollen.
Nachts träumen wir Wunder auf schmalen Pritschen,
Tags gehn wir einher gleich scheuen Tieren.
Wir lugen traurig durchs Eisengitter
Und haben nichts mehr zu verlieren
Als unser Leben, das Gott uns gab.
Der Tod nur liegt in unsrer Hand.
Die Freiheit kann uns niemand nehmen:
Zu gehen in das unbekannte Land.


II

Im Süden rauscht das Wasser Seide.
Wir wohnen in den schmalen Zellen.
durchs Gitter dringt in kleinen Wellen
Die Sehnsucht nach der fernen Heide.

Mein Taschentuch hat grünen Saum.
Ein gelbes Feld ist in der Mitte.
Und auf und ab sechs kleine Schritte. . .
Mein Taschentuch - mein grüner Baum.


III

Es war in der heiligen Weihenacht,
Ich lag in stiller Zelle.
In überirdischer Helle
Der Stern von Bethlehem hielt wacht.

„Vom Himmel hoch, da komm ich her“
Es läuten alle Glocken.
Im Sträflingskleid auf Socken:
„Ich bring euch gute neue Mär.“

Emmy Hennings, aus: Helle Nacht, Gedichte, verlegt bei Erich Reiss, Berlin 1922

Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, Dichterin, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich. 1914 war sie wegen Diebstahls und Verdachts auf Beihilfe zur Fahnenflucht für mehrere Monate in einem Münchner Gefängnis inhaftiert.

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