Sonntag, 25. Oktober 2026

Zwei frühe Gedichte von Jakob Haringer

 




Zwei frühe Gedichte von Jakob Haringer, einer meiner Lieblingsdichter. Das erste ein wunderlicher innerer Monolog, angereichert mit romantischen Versatzstücken, ganz aus der Zeit gefallen, Stereotypen treffen auf seltsame Bilder, dann wieder recht kühne Formulierungen, die auf schnell Dahingeworfenes prallen. Dazu ein paar expressionistische Einsprengsel, dem Geist der Zeit geschuldet. Ein merkwürdiges Werk, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob ich es wirklich „gut“ finde. Doch eine gewisse Faszination geht davon auf mich aus, weshalb ich es zusammen mit einem zweiten aus dem gleichen Heft hier einmal einstelle. „Nach Kinderzürnen lach ich Sonnenschein!“


Die Ampel irrt, ihr Strahl umwirft den Raum,
Um goldne Säulen bleicher Frühling blüht,
Aus meiner Laute quillt ein brünftig Lied,
Schmerz spinnt im Dunkeln spät verworrnen Traum.
Dort hinter Gondeln bricht der Mond hervor,
Wie Elfenbein und spielt lichtübersät.
Mein Blick vom Himmel einen Stern ersteht,
Viel Heimweh fließt und säuselt durch das Rohr.
O helles Lenztal, in der Nachtigall
Brautweißen Ton rauscht leiser Bronnenschall,
Den Fliederstrauch buntflattert wilder Wein.
Die Birken weihn, der Rasen treibt, und Klee,
Du starkes Herz nur weinst im Blumenschnee!
Ein Drosselruf singt in mein Lied hinein -

Dein Leben ist wie Glas und wirft die Not
Mit lauter Ruhm zurück, die Pracht wird arm,
Blick in den Grund - mein Herz blüht gelb und warm -
Was ist mein Wandeln - ach der Weg zum Tod!
Was rankt mein Gleiten, weit ein Sommerland -
Gewittersturm, Rausch, Wind, Fest, Saatgeruch -
Und Blätter fallen stumm, ein schneeig Tuch -
Der Strahl spielt traumhaft schwer mit müdem Tand.
Bin Reif und Glut, streu Berg und träge Zeit,
Ein süß Erinnern gibst du, Einsamkeit,
Der Strom verrauscht - dein Mond blinkt licht wie Gras.
Dein Lachen ist ein Glockenspiel und lau -
In meine Wunden träuft sein Honigtau -
O Einsamkeit dein Leben ist wie Glas!

Dir Wunderstrahlen, Reinen kreis ich vor!
Um goldnen Bachrain glänzt verdorrtes Laub,
Demütig wild - wie lieb ist Wind, der taub -
In fremden Augen ruht, was ich verlor!
Am Abend küsst ein Reif die Mispeln leis,
Von müden Lippen tropft ein Sommerfließ,
Wirft deine Locken mir, voll Duft und süß -
Schling Tanz und Reich zu früher Tänze Preis!
Der Wagen brach, Last trug ihm Fracht und Korn,
Auf Teich und Unkraut träumt die Frucht verlorn -
Bald wird es schnein - Herbstnebel trällert stumm -
Glück - - süßes Mahl, im Leid ist Lust dein Kern!
Herzbrand glüh auf - dir lacht ein weißer Stern!
Ein Ahorn streckt im Grau die Finger krumm - -

Was ist es? Tau? um Leid und süßer Lust?
Dass alles war und heimlich wieder wird,
Entschwundnes Lied am Herzen jung erblüht,
Warum bliebs nimmer wie Sternensommer hell,
Da trug der Wind uns Wein, Frucht, Garben ein
Voll dunkler Träume - klärend Duft und Tal.
Fern schläft, sehnt weißer Klang vom Garten leis,
Rauscht müd von wilder Märchen Ährengold,
Du Blut im Schnee, ach lass mich Glück allein
Und Firnenlicht blitzt Flut und wogt und springt,
Bricht Bild in Qual o ewig Tod, Blick, Sein
Ruht wie der Mond - keimt, sät, wird Glut und singt.

Du wirst als Stern von allen Himmeln rieseln
Längst ist das güldne Bronnenbild verglast,
Und diese Bäche mit den Zauberstiefeln
Blühn leis die Hänge deiner Rosenlast,
Beblümter Pfad! o dass ich strauchelnd glänze
Um Schlaf und Tod. Erglühte Frucht im Tau,
Ein Lächeln wirft mich durch verlorne Lenze,
Gebärt dich Schicksal auf zerdornter Au,
Die blinden Augen fließen Licht und klingen,
Versiegte Flüsse tragen Welt. Ach dir
Streun süße Vögel. Tausend Sonnen schwingen
In meinen Falten - sternen ewig irr -

Bin ich Gewölk, Saphir, groß Strahl allein,
Milch Öl und Licht - ihr andern Puppen seid,
Mein Ball rollt Lärm, taut lieblich Lust und Leid,
Nach Kinderzürnen lach ich Sonnenschein!
Doch ganz der Baum nur von den Blüten lebt,
Und tief dass Meer von allen Tropfen trinkt.
Ach ohne euch mein spiegelnd Sein versinkt -
All meine Herrlichkeit rinnt trüb und bebt!
Ward ihr zu Stahl, kalt ich das dunkle Heft,
Stoßt in die Nacht, die süß den Tag beschläft!
Blut wird euch Wein - Todseufzen warm Gebet - -
Müsst allen Feinden wild ein Gleiches tun,
O Schmerz auf blassen Leibern stark sich ruhn!
Ein müder Schnitter, der die Saat gemäht - -

Nun blühn die Astern. Deine Frucht wankt schwer,
Ich geh voll Dämmer durch die Hügel hin,
Musst auch umdornt maisüße Lust entfliehn,
Du lebst in mir - der toten Stadt am Meer
Und ob die Schicksalsberge mich bedräun,
Der Wehmut Türme wund zerbröckelnd schaun,
Wenn du dich nahst, entschwindet tiefstes Graun,
Wo du, muss alles Trübe Helle sein,
Ach Leben überlastet krankes Lied,

Die Welt im roten Tau sank weit - versprüht,
Nur Mütter bitten uns Gotthimmel her,
Verwester Abend! Licht! Was rankst du fern?
Du nur ein Lächeln, o ich glüh zum Stern
Und spiegle meiner Blässe Hauch ins Meer - -

Lenzhäuser müd gleich Schwalbennestern hängen,
Turmblicken trunken ferner Gärten Schall,
Leer Felder triefen blaun aus Zaubergängen,
Dorfmühle rauscht entweihter Stimmen Schwall
Verloren blick ich tiefster Wasser Ringen,
Wild donnern Fälle, jäh stürzt sichrer Wall,
Steinschalen brachen glückhaft mich umfingen,
Urworte sterben. Blasse Taube streift
Und kann sich nimmer aus den Himmeln schwingen,
Ein süßer Wind in alte Lauten greift,
Bleich zittert früher Kränze Abendrot,
Leidnis Goldfrucht im Dunkel hoffend reift,
Ach helle Furt, bedorntes Blütenboot,
Fiel Nebel wankend pfadentrückte Feier,
Nachttannenwälder kreisen flammend. Not
Rinnt Gnade, gleitend Haupt senkt Winterschleier.

Die süße Kirchturmuhr brummt von hellen Wiesen,
Der Venusberg glüht bang sein Springbrunndrängen,
Und dunkles Weinlaub will fern Lieder fließen.
O Jahrmarkt! Erster Blick aus deinen Klängen. -
Ach armes Ziegelhaus! Ihr Rosenbänke,
Des Fremden sanfte Märchen, goldne Mühlen;
O Dirnenwort in gottentflammter Schenke,
Lass mich wie einst mir deinen Sternen spielen.

Verweste Himmel rieseln Glückslied, Leid,
Weltschoß lenzt Grab, löst armer Ernten Zeit.
Bin ich noch Glas? ach Mut stürmt Not - Nacht, Mut,
Schlammberge drohn, giftfiebernd irrt mein Blut,
Herzblasse Lachen spiegeln Gott und blühn,
Was muss ich Tor die güldnen Kammern fliehn.
Moortürme glühn, Landglocken rauschen fern,
O fänd ich Ruh - - - - in Eis zerschellt mein Stern.


Der Tod des Narcissus

Gefäß des Schweigens ewiger Einsamkeit,
Mein Leben blieb zerstückt wie Silberabendgläser,
O ewig perlt an fremdem Stern sein Leid.
Du Gang im Mond führst Bettlern Goldne Gräser
Und dunkle Garben, die der Träumer fand,
Dein Lächeln bänd sie licht zu stillen Ufergarben.
Zerschlagner Welten Trümmer schimmern Tand
Im Licht des Falters, wenn sie schmerzvoll starben.
Wer wird den Kindern Weihnachtshimmel streun?
Verklungne Zither, - ach mein Sein ward eine Träne
Von Gott! und fiel auf bittren Dornenhain,
O leise sinkt sie durch die Welt allein.

Aus der Zeitschrift Der Komet, 1. Jahrgang 1918, Dezember, Blatt 3.

Mit dem Schlussvermerk: Der Inhalt dieses Blattes ist von Jan Jacob Haringer. Es wurde verlegt beim Dresdner Verlag von 1917, welcher im Laufe dieses Jahres noch eine Buchausgabe Haringerscher Gedichte veranstaltet.

Jakob Haringer, Lyriker, geboren am 16. März 1898 in Dresden als Johann Franz Albert; gestorben am 3. April 1948 in Zürich. „Ein Sonntagskind, in einer Welt ohne Sonntage“, nannte Hermann Hesse den Dichter. René Schwachhofer schrieb 1947 in der verdienstvollen Auswahl vergessener, von den Faschisten verfemter Lyriker „Vom Schweigen befreit!: „Haringer hat einige der schönsten deutschen Gedichte geschrieben; sie könnten im Volksmund umgehen. Einst wird man fragen: Wer war ihr Verfasser?“

Hier der link zum Manuskript im Internet Archive

Das Portrait des zweiundzwanzigjährigen Jakob Haringer ist von Emil Betzler (1892 -
1974)

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