Der Großvater
I.
Wenn du schwiegest, sang dein Herz
Eine alte, ferne Melodie,
Warm und süß und voller Schmerz.
Wo du bist, da ist auch sie.
Und es rang mein Blut in mir,
Rang bis an das Morgengrauen.
Bin ich ich, vergibst du mir?
Wag dein Antlitz kaum zu schauen,
Wag dich kaum zu tasten und die Wärme
Deines Bartes, grau und altersschwer.
Denn ich fühle, wie ich dich verhärme,
Und du schweigst und antwortest nicht mehr.
Wann, o wann darf deinen Blick ich blicken,
Den die Nacht des Grabes schon umfängt. . . ?
Sah ich dich nicht freundlich zu mir nicken. . .? -
Wie mein Herz an deinem Barte hängt. . . !
II.
Wie mein Herz an deinem Barte hängt,
Großer, grauer Mann, du stiller Streiter.
Deine Lieder, die du mir geschenkt,
Klingen immer in mir weiter.
Wunderbar war deines Mundes beten,
Und ich kniete mich in deine Worte,
Und mir war, Geschlechterreihen träten
Aus geheimnistiefem, fernen Orte.
Wenn dein stummer Mund sprach ein Gebet,
Schwang das Leid des Lebens in dir mit,
Wenn dein Mund sprach Klagewort und Bitt,
Wie es in alten Büchern steht.
Zwischen Tag und Ewigkeit gestellt,
Schufst du dir ein innres Paradies.
Fremd, geheimnisvoll, o schön war deine Welt,
die den Weg ins innre Land mir wies.
Benno Kesstecher, aus: Die Wunderleiter, Gedichte, Joachim Goldstein, Jüdischer Buchverlag, Berlin 1938
Benno Kesstecher, geboren am 20.03.1917 in Köln, Deportation am 04.04.1944 von Mechelen ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz, später Konzentrationslager Neuengamme und 04.1945 Konzentrationslager Bergen-Belsen. Nach dem Krieg für tot erklärt.
Joachim M. Goldstein, geboren am 23. November 1904 in Berlin; gestorben 24. November 1969 in West-Berlin, Theateragent und Verleger. 1926 gründete er in Berlin-Niederschöneweide seine „Verlags- und Versandbuchhandlung Joachim Goldstein“ und brachte die Bücherreihe Selbstverlag junger Autoren heraus. 1928 gründete er den Theaterverlag Literatur und Bühne. Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 erhielt Goldstein ein Berufsverbot für seine bisherigen Aktivitäten. Er gründete den „Joachim Goldstein Jüdischer Buchverlag“, der nur noch Werke jüdischer Autoren für den Kulturbund Deutscher Juden drucken durfte
Der Kulturbund Deutscher Juden, ab April 1935 Jüdischer Kulturbund, war im nationalsozialistischen Deutschland eine von jüdischen Initiatoren ins Leben gerufene Selbsthilfeorganisation für vom Berufsverbot betroffene jüdische Künstler. Behördlich wurde der Kulturbund bis 1941 geduldet und zur Kontrolle und Isolierung der jüdischen Künstler eingesetzt.
