Segnung
Die Hütte lehnt am braunen Rebenhügel,
Von der die Stunden oft ins weite Land geschaut,
Daraus sie eines Tages, auf farbiger Dämmerung Flügel,
Hintrat ins Volk, mit Grün geschmückt wie eine Braut.
Durch ihre Augen irrten blanke Sterne,
Um ihre Kinderwangen Feuer sprang,
Die Stimme bebte, da ihr Wort zum Volke drang:
„Mich ruft ein hoher Wille in die große Ferne.
Fragt nicht noch sorgt euch, was mir Schicksal werde,
Der hält mein Leben, der mir diese Sehnsucht schuf -
Aus stiller Hut reißt mich ein ungeheurer Ruf
In allen Sturm und Seligkeit der Erde.“
Sie hörte kaum, wie Greise schwach sich mühten.
Sie ging. Im Abend leuchtete wie Weizen gelb ihr Haar.
Vor ihrem Fenster die Hollunderblüten
Verglommen und verwehten Jahr um Jahr.
Doch eines Morgens, da die späten Sterne blichen
Und banges Zwielicht eisig in den Zweigen hing,
Da sah ein Weib, das Wasser schöpfen ging,
Wie sie sich fremd und fröstelnd in die Tür geschlichen.
Und seit dem Tage schwebt auf ihren Wegen
Ein Glorienschein, der Gau und Volk erhellt,
Und ihre Stimme hat den großen Segen
Der Liebenden, die Gott zu Mittlern hat bestellt.
Ernst Stadler, aus: Der Aufbruch, Gedichte, Kurt Wollf Verlag, München 1920, zweite Auflage, zuerst veröffentlicht im Verlag der weißen Bücher, Leipzig, 1914
Ernst Stadler, geboren am 11. August 1883 in Colmar, Elsass, Lyriker. Von 1910 bis 1914 lehrte Stadler deutsche Philologie als Professor in Brüssel. Das Angebot, als Gastprofessor nach Toronto zu gehen, musste er ausschlagen, da der Erste Weltkrieg begann und Stadler als Reserveoffizier eingezogen wurde. Noch im selben Jahr am 30. Oktober 1914 wurde er während der Ersten Flandernschlacht durch eine Granate getötet.
Das Bild ist von Charles Courtney Curran (1861 - 1942)
