November
Nun gießt das Jahr aus dem geneigten Kruge
die letzten Tropfen glänzend-bunten Scheins.
Gerötet sind die Ranken wilden Weins.
Wildgänse schreien im Vorüberfluge.
Geerntet ist, was Feld und Wiese boten,
geborgen alles ackerauf- und ab.
Dort drüben auf dem Erntefeld der Toten
entbrennen Kerzen über jedem Grab.
Auf jedem Hügel weiße Chrysanthemen.
Es ist, als wollte deren mildes Licht
wie Freundeshand dich bei den Händen nehmen,
dich trösten wie ein Freundesangesicht.
Es ist, als raunt´ es in den Friedhofseschen:
„Bald kommt ihr nach, ihr Wandrer in der Zeit.
Lasst nur die Leuchte Liebe nicht erlöschen
und seid gesammelt, still und schnittbereit.“
Aus: Am häuslichen Herd, Schweizerische illustrierte Monatsschrift, 46. Jahrgang, Nr. 3, Zürich, 1. November 1942
Das gelbe Blatt
Auf glatter Fläche schwimmt ein gelbes Blatt,
wer weiß, aus welcher Ferne hergeweht.
Des Windes leichte Hand hat es gesät
in einen Teich unweit der großen Stadt.
Es schwebt wie eine Blütenflocke, die
ihr leuchtend Gold dem Wassergrün vermählt:
ein Stückchen Leben, licht- und glanzbeseelt
auf einem Grunde von Melancholie.
Aus: Am häuslichen Herd, Schweizerische illustrierte Monatsschrift, 50. Jahrgang, Nr. 1, Zürich, 1. Oktober 1946
Sanfter Herbst
Ein sanfter Herbst geht seinem Ende zu
Die Bäume, schon im Purpur der Verdrängnis,
schwer von der Früchte reifender Bedrängnis,
ermüdeten und sehnen sich nach Ruh´.
Vom Pflug zerrissen liegt das Land im Hauch
des blauen Tags. Es strömt aus jeder Rille
Geruch von Erde. O geliebte, stille,
verträumte Zeit! Was macht es, wenn dann auch
der Winter kommen muss nach dem Gebot,
dem das Geschaffne hörig ist und pflichtig?
In dieser Stunde ist nur eines wichtig:
das Leben lieben treu bis in den Tod.
Aus: Am häuslichen Herd, Schweizerische illustrierte Monatsschrift, 46. Jahrgang, Heft 2, Zürich, 15. Oktober 1942
Hilda Bergmann, geboren am 9. November 1878 in Prachatitz, Böhmen; gestorben am 22. November 1947 in Schweden), österreichische Schriftstellerin und Übersetzerin.
Nachdem die Familie im Jahre 1897 nach Wien umgezogen war, schloss sie dort 1898 eine Ausbildung als Volksschullehrerin ab, wo sie an verschiedenen Schulen arbeitete. 1908 schied sie aus Gesundheitsgründen aus dem Schuldienst aus. Im selben Jahr heiratete sie den Witwer Alfred Kohner. Dieser brachte einen Sohn namens Hans in die Ehe. Da Alfred Kohner sich als Jude nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich 1938 in Gefahr befand, wanderte die Familie nach Åstorp in Schweden aus. Eine Rückkehr in ihre Heimatstadt Prachatitz war ihr wegen der Kriegs- und Nachkriegsereignisse verwehrt. Im Exil in Schweden starb Hilda Bergmann am 22. November 1947.
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