Geheimnisse
Wolken löschten Sonnenfeuer,
Kommt die Nacht der Abenteuer:
Tauchen aus dem Himmel Sterne,
Machen Lichter still und ferne,
Dunkeln Wege unter Bäumen,
Funkeln Augen heiß in Träumen,
Rascheln Tiere durch das Laub,
Schleichen heimlich und verstohlen,
Schleichen, schleichen Menschensohlen.
Rudolf Leonhard, aus: Saturn, Eine Monatsschrift, herausgegeben von Hermann Meister und Herbert Großberger, Heft 1 Januar 1913
Der Spiegel
O, ich weiß es jede Nacht:
Meines Tages strenge Helle
Hat an eine klare Quelle
Leise leitend mich gebracht -
Aber wenn ich mich geneigt,
Durstig, hastend, nah heran -
Seh ich: aus dem Spiegel schweigt
Mich mein eigner Blick nur an.
Aus: Saturn, Heft 5, Mai 1913
Mit geschlossenen Augen
Hebe die besonnten Züge
Drängender ans lichte Licht -
Sieh, nun strömen Wolkenflüge
Schattend über dein Gesicht;
Fremde Winde fühlst du ringen,
Fühlst sie kreisend sich begegnen,
Singend ineinanderschwingen,
Und dich kühlen, und dich segnen.
Aus: Saturn, Heft 5, Mai 1913, auch in: Der Weg durch den Wald, Gedichte von Rudolf Leonhard, Saturn-Verlag Hermann Meister, Heidelberg 1913
Rudolf Leonhard, geboren am 27. Oktober 1889 in Lissa; gestorben am 19. Dezember 1953 in Ost-Berlin. Er schrieb zunächst expressionistische Lyrik, später realistische Lyrik, Dramen und Erzählungen, ferner Essays und Übersetzungen. Seit 1919 freischaffend, war er Autor der Weltbühne und arbeitete für den Verlag Die Schmiede als Lektor und Herausgeber u. a. der bedeutenden Reportagenreihe „Außenseiter der Gesellschaft“. 1939 bis 1944 wurde er im Lager Le Vernet interniert.
Das Bild ist von Egon Schiele, geboren am 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Österreich-Ungarn; gestorben am 31. Oktober 1918 in Wien, Maler des Expressionismus

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