15
Ich seh mit Staunen im kristallnen Bach
die Kiesel sich als Edelsteine zeigen.
Wie sich die Gräser zueinander neigen,
als ob sie flüsterten! Der Wind ist wach.
Ich heb das Haupt. Durch dichtes Blätterdach
blitzt Blaues. Über mir ein Mückenreigen.
Ringsum der Bäume klangerfülltes Schweigen.
Es lauscht der Wald verschollnem Liede nach.
Jetzt regt sichs im Gebüsch. Sind Schritte nah?
Ein Zweig nur fiel. Es raschelt welkes Laub.
In mir ist Freude. Was mir je geschah,
bekam erst seinen Sinn. Viel ward zu Staub,
was Gold mir schien, und ward des Windes Raub.
Und schimmernd grü6t, was einst ich düster sah.
16
Wie bin ich tief verstrickt mit meinen Träumen
in einen Traum aus Kinderland! Vielleicht
ist alles noch wie eh, und nichts entweicht
und wird zu Schatten in verlornen Räumen.
Ich glaubte, immer mehr mich zu versäumen.
Nun weiß ich, daß. mein Herz mich erst erreicht.
Ich geh mit leichtem Schritt. Der Frühwind streicht
mir um das Haar. Es regt sich in den Bäumen.
Und lang vergeßne Freuden sind erwacht
und Kinderbangen, knospende Gefühle,
in Tränentau bereit, sich zu entfalten
als eine Blume, die ins Lichte lacht.
Und hingegeben diesem Wunderwalten,
schreit ich mit feuchten Blicken durch die Kühle.
17
In nun harten Fesseln lagen die Gedanken
und wurden Wunden, wollten sie sich rühren.
sind sie frei, und offen sind die Türen,
und ihre Bahn ist hell und ohne Schranken.
Ob sie sich hoben, ob sie niedersanken,
ich weiß, sie werden Gottes Atem spüren.
Gern lass ich mich von ihrem Flug verführen,
und meine leichten Schritte nicht mehr wanken.
Wo ich auch bin, ich bin so gut geborgen,
daß nichts mich findet, was mich neu bedroht.
Ein großes Lächeln ist im Abendrot
und strahlt mir wieder im erwachten Morgen.
Ich fühl mein eignes Lächeln sich verklären
und fühl im Armebreiten ferne Sphären.
Alfred Grünewald, aus: Renatos Gesang - Ein Buch der Einsamkeit, mit Steinzeichnungen von Fritz Czuczka. Verlag Paul Stern, Wien 1921
Alfred Grünewald wurde am 17. März 1884 in Wien geboren. Nach den Novemberpogromen 1938 wurde er am 14. November 1938 in das KZ Dachau verbracht, im Januar 1939 wurde er wieder entlassen. Er floh über die Schweiz nach Südfrankreich, nach Kriegsausbruch wurde er in der Fort-Carré in Antibes und im Lager Les Milles interniert, bis Herbst 1942 lebte er in Nizza. Dort wurde er von der Polizei des Vichy-Regimes festgenommen und an die SS ausgeliefert. In Auschwitz wurde er am 9. September 1942 ermordet.
Bild aus: Meister des Gîtâ-Govinda-Manuskripts (1760 - 1765)
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