
Die Hölle im Himmel
Ehrlich gesprochen, ich pfeif' auf mein Leben!
Ich hätt' nichts dagegen, es hinzugeben
Und gleich zu verlassen das Erdengetümmel,
Aber ich fürcht' mich, ich komm' in den Himmel!
Wenn ich bedenk': vom irdischen Stengel
Reißt man mich ab und macht mich zum Engel,
So hoch in der Luft, . . . im ätherischen Saal – –
Für mich ist der Himmel bestimmt kein Lokal,
Da bringen mich keine zehn Rösser hinein,
Gott soll mich schützen, ein Engel zu sein!
Stell'n Sie sich vor, das Leben hört auf,
Man ist gestorben und fliegt hinauf! . . .
Schon die Gemeinheit, von toten Gerechten,
Die doch jetzt endlich schon Ruh' haben möchten,
Zu verlangen, daß gleich sie im Äther sich wiegen
Und etliche zehntausend Meilen hoch fliegen . . .!
Ich bitt' Sie um alles, was sind das für Sachen:
Als Toter soll ich noch Kunststücke machen?!
Ich bin doch gestorben, um Ruhe zu haben,
Hab' ich mich dazu lassen begraben,
Daß ich als Flieger mich produzier'n soll
Und noch einmal mein Leben riskier'n soll?!
Statt mich zu legen bequem in die Gruft,
Soll ich auf einmal jetzt geh'n in die Luft,
Steigen hinauf und fliegen davon?
Bin ich ein Vogel? Ein Luftballon?
Wenn ich so mühsame Sachen soll treiben,
Hätt' ich doch gleich können – leben bleiben?!
Aber schön, ich bin tot und flieg' schon nach oben,
Und – Gott soll es geben! – zum Schluß bin ich droben.
No schön . . . Und was dann? . . . No was soll dann sein?
Ich klopf' an den Himmel und geh' hinein.
Das heißt, ich habe mich ausgedrückt schlecht nur:
Ich geh' nämlich gar nicht hinein, ich möcht' nur.
Ich putz mir erst ab meine staubigen Schuh',
Dann klopf' ich ans Türl, mach' auf – is's zu!
Das Haustor vom Himmel ist zugemacht!
Und ich – steh' draußen in bitterer Nacht. – –
Kalt ist's da droben – – und zieh'n tut's zum Weinen,
Hausschlüssel hab' ich ja leider noch keinen –
Ich muß also läuten und warten dann hier,
Bis der Portier endlich aufmacht die Tür!
No, kommt Ihnen das nicht sehr komisch schon vor:
Wozu hat der Himmel jetzt wirklich ein Tor?
Kommen nur ehrlich Menschen hinein,
Könnt' er doch auch in der Nacht offen sein;
Und dürfen hinein auch verdächtige Lümmel,
Ist doch das Ganze wieder kein Himmel!?
Aber lassen wir diese Erörterung sein,
Sonst kommen wir nie in den Himmel hinein!
Das Haustor ist da, – was es immer bedeutet –
Und nehmen wir an, daß, nachdem ich geläutet,
Der Portier mit dem Schlüssel zur Himmelstür schwebt
Und endlich also zu öffnen erlebt;
Sperrsechserl hab' ich ihm auch schon gegeben
Und geh' also ein in das ewige Leben!
Es bleibt aber wieder nur bei dem Versuch,
Denn vor dem Hineingeh'n kommt's Fremdenbuch.
Hier trag' ich mich ein im Scheine der Lichter:
»Fritz Grünbaum, verstorbener, seliger Dichter,
Geboren zu Brünn, verendet in Wien,
Derzeit Engel im Himmel drin.«
Erst wenn ich das tat, werd' ich weitergebeten
Und bin also endlich – hineingetreten.
Erst ist es ganz schön: Die Luft ist so rein,
Wo man nur hinschaut, steh'n Engelein,
Die kommen gleich freundlich herangeflogen,
Und man fühlt sich von ihnen – angezogen,
Aber komische Leut' hat das himmlische Haus:
Erst zieh'n sie mich an, dann zieh'n sie mich aus.
Denn alles Malheur war bis heute nur Probe,
Jetzt kommt erst die Qual mit der Himmelsgard'robe.
Denn ich kann doch nicht so in den Erdengewändern
In der Ewigkeit droben als Mensch herumschlendern;
Vergessen Sie nicht, daß ich nicht mehr in Wien,
Sondern im Himmel und Engel dort bin!
Oder haben Sie schon einen Engel geseh'n
In Lackschuh'n, mit Frack und Spazierstock 'rumgeh'n?
Ich darf also weiter nicht Zeit verlier'n
Und muß mich sofort als Engel maskier'n.
Zunächst also werd'n mir die Strümpf' ausgespannt,
Weil bloßfüßig dort nur herum wird gerannt;
Das ist der Beginn schon vom Paradies,
Daß ich sofort mir soll waschen die Füß'!!
Hierauf bekomm' ich ein weißes Gewand,
Und statt dem Spazierstock krieg' ich in die Hand
Anderthalb Meter Lilienstengel – –
Und das Ganze heißt: Grünbaum im Himmel als Engel!
No, bitte sehr, können Sie vorstell'n sich dies:
Grünbaum, Lilien und nackte Füß'?!
Nicht um ein Schloß möcht' ich schau'n in den Spiegel,
Aber das Schrecklichste sind erst die Flügel!
Sagen Sie mir, was soll das bezwecken,
Sich hinten Federn hineinzustecken?!
Halten wir einmal nur ehrlich Gericht,
Wozu braucht man Flügel? Zum Fliegen doch nicht!
Denn da ich sie doch erst hab' oben bezogen,
Wie bin ich dann bis in den Himmel geflogen?!
Bei der Abfahrt hab' ich noch keine gehabt,
Und trotzdem hat doch die Reise geklappt;
Vom Erdball zum Himmel hinaufzugelangen,
Ist also ganz ohne Flügel gegangen,
Und jetzt, nach der Ankunft im Himmelreich da,
Brauch' ich die Flügel auf einmal ja?
Die einfachste Logik mithin also spricht:
Zum Fliegen braucht man die Flügel nicht;
Sie dienen somit nicht so sehr für den Schwung,
Sondern vielmehr zur Verschönerung! –
No, ist das so schön, mit Flügeln zu geh'n?
Die Gans macht das auch und ist doch nicht schön!
Ich lass' mich nicht zwingen, Flügel zu tragen.
Lachen möchten die Leut' und sagen,
Wenn sie mich in diesem Aufzug erblicken:
»Da geht der Grünbaum mit Federn am Rücken!«
Kurz, wo man es anpackt, man merkt doch zum Schluß,
Im Himmel hat man nichts wie Verdruß.
Was einem aber im Magen liegt,
Ist die Beschäftigung, die man dort kriegt.
Zur Marter z. B. der Himmel wird,
Wenn man als Schutzengel funktioniert.
Wissen Sie, was das für Qualen sind,
Schutzengel spielen bei einem Kind? – –
Wenn sich herabsenkt des Abends Kühle
Und ich kaum steh'n kann und schläfrig mich fühle,
Begibt sich das Kindlein, das holde, zur Ruh',
Und ich soll ihm drücken die Augen zu;
Ins Ohr soll ich flüstern ihm Wiegenlieder,
Ich bin müd' und der Fratz legt sich nieder!
Aber früh', schon um sechs, wenn er ausgeruht ist,
Und mir von der Nachtwach' schon mehr als nicht gut ist,
Klettert der Balg über Felsen und Stein,
Und ich muß als Schutzengel hinter ihm d'rein.
Statt ihm herunterzuhauen zwei Watschen,
Hab' ich die Ehre, ihm nachzuhatschen.
No, möchten Sie sagen mir, wie man das macht:
Klettern bei Tag und singen bei Nacht?
Bergpartie'n tags, daß mir krachen die Glieder,
Und dann bei Nacht wieder Wiegenlieder?
Klettern und Singen und Wachesteh'n? . . .
Wann darf ich eigentlich schlafen geh'n?
Und wenn ich schon schlafen darf, schlaf' ich nicht süß,
Weil es mich friert auf die nackten Füß';
Und schlaf' ich schon ein auf dem Wolkenhügel,
Stör'n mich beim Liegen am Rücken die Flügel;
Und leg' ich sie ab samt dem Lilienstengel,
Bin ich doch wieder ein Mensch und kein Engel;
Und wenn ich ein Mensch und kein Engel bin,
Was such' ich dann wieder im Himmel drin?
Für mich wär' der Himmel die schlimmste Erfahrung,
Denn erstens sind Wolken für mich keine Nahrung,
Dann zweitens sind Flügel für mich kein Gewand,
Und drittens ist das für mich kein Stand,
Auf einen Lausbuben aufzupassen,
Welchen die Eltern herumkriechen lassen!
Drum muß ich erklären hier feierlich:
Der Himmel ist kein Kaffeehaus für mich,
Da bringen mich keine zehn Rösser hinein,
Gott soll mich schützen, ein Engel zu sein!
Fritz Grünbaum, aus: Die Hölle im Himmel und andere Kleinkunst, Löcker Verlag, wien München 1985
Fritz Grünbaum, geboren am 7. April 1880 in Brünn, Österreich-Ungarn; gestorben am 14. Januar 1941 im KZ Dachau), Kabarettist, Operetten- und Schlagerautor.
Am 10. März 1938, dem Tag vor dem Einmarsch der deutschen Truppen nach Österreich spielte er mit Karl Farkas ein letztes Mal im Simplicissimus. Danach erließ die Reichskulturkammer Auftrittsverbote für jüdische Künstler. Grünbaum versuchte einen Tag später mit seiner Frau in die Tschechoslowakei zu flüchten, wurde an der Grenze aber abgewiesen. Eine Weile versteckte er sich in Wien; dann wurde er verraten und am 24. Mai 1938 in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Später wurde er nach Buchenwald und schließlich wieder nach Dachau gebracht. Er starb – laut Totenschein „an Herzlähmung abgegangen“ – am 14. Januar 1941 im KZ Dachau, nachdem er an Silvester noch ein letztes Mal vor seinen Leidensgenossen aufgetreten war. Er starb entkräftet von Tuberkulose, trotzdem verstummte seine spitze Zunge bis zum Schluss nicht. Er conferierte zum Beispiel, wie er das „Tausendjährige Reich“ zu besiegen gedenke oder dass der völlige Mangel und das systematische Hungern das beste Mittel gegen die Zuckerkrankheit sei. Als ihm ein KZ-Aufseher ein Stück Seife verweigerte, antwortete Grünbaum: „Wer für Seife kein Geld hat, soll sich kein KZ halten“ (Wiki)
Das Foto ist von Else Ernestine Neuländer-Simon, geboren am 26. Januar 1900 in Berlin, ermordet 1942 im Vernichtungslager Sobibor, Fotografin mit den Schwerpunkten Akt-, Portrait- und Modefotografie. Das Futuristische Selbsportrait von ihr ist von 1926.

Die Kirche
Kegelkugel trifft die Königin -
Die Granate traf den Kirchturm.
Hohe Kirchentürenflügel sprangen auf
Und das glorreich bunte Bogenfenster
Brach entzwei mit einem schrillen Schrei.
Aber immer auch, du heilige Höhle,
Kühlst du uns zu Kindern, kalten Hauchs,
Auf dem Fließen hallt und lallt der Schritt,
Und das Dunkel duckt den Krieg in uns.
Dämmernde Schlucht Gottes! Schweigenstief,
Nur die stumme Orgel hat das Wort.
An den Becher, an das Messgewand
Wagte sich kein Schuft, verzagte Hand!
Dieses Gold glüht ja von Schmerzen so.
Dieser Seide Wollust schreckt den Griff.
Tod ist diesem Tand hier beigemischt!
Das gemalte Muttergottesauge
Sieht durch Brust und Schärpe dich, das Kind.
Reiter Georg, dessen Schimmel bäumt,
Zielt dem Züngeldrachen, dir, der Gier.
Zeuge ist die Ampel ohne Oel.
„Kain!“ - so flüsterts hinter dem Altar.
Der verwilderte Soldat, wie zahm,
Nur ein Bäuerlein, es kniet bekreuzt.
November 1914
Bauernstube
Ewig schwingt die Wiege,
Holzgehöhltes Tröglein.
Auf dem Ofenlager
Altvergilbte Ahnin
Zieht das Wiegenzugband
Stetig wie die Wanduhr.
Und die Katze wärmt sich
Weichgeknäult beim Ofen.
Weißes Kleid ist Sonntag!
Zöpfe, eingeflochten
In die bunte Quaste.
Blankgewichste Stiefel.
Dir Ruthenenmutter
Lehnt beim Fensterguckloch.
Eisbeblaute Scheibe,
Schneebegrabnes Bergdorf.
Aufgewacht das Kindlein,
Heiß und runde Wange.
Hält mit beiden Fäusten
Mütterliche Brust fest.
Saugt mit guter Lunge
Mütterliche Labe.
Süßer Milchdunst dämmert
In der lauen Stube.
Bauer ist verschollen
Wo im wirren Kriege.
Bäurin in der Scheune
Fügt sich den Soldaten.
Wohlig spinnt die Katze,
Wohlig gluckst das Kindlein.
Bald bewegt die Wiege
Ihre Welle wieder.
März 1915
Die Schlacht
Unbesorgt, ob die Hölle brüllt auf dem Hügel -
Ja der Mensch, der Mensch nur hat die Hölle erfunden -
Geht im Tal der Bauer, führt seinen Pflug vor.
Unbekümmert um den Triumph der Minen -
Hochauf quirlen die schwarzen Säulen Jehovas -
Läuft im Tal das Bauernkind, wo der Pflug geht.
Unbesorgt um den tanzenden Ekrasitberg -
Märtyrer schweben ohne Hände und Füße -
Gräbt der der Pflug seine Furche - der Bauer sein Kreuz schlägt.
Unbekümmert um die zerworfenen Puppen -
Droben am Berghang, buntverkleidete Leichen
Trabt im Tal die Stute, froh schreit das Fohlen.
Unbesorgt um die giftige, rotbraune Wolke -
Wo seit Nächten der Wald brennt, riesige Esse -
Kreist um das Fohlen eifersüchtig die Stute.
Rosige Wölkchen seh ich gemalt und schwarzes Gewölke,
Breit am Firmament die brandige Glorie
Und der braunen Hälse Spiel in den Gräsern
April 1915
Berthold Viertel, maschinengeschriebenes Skript, aus: Gedichte aus den Jahren 1914 / 1915, typisierte Abschriften, unterzeichnet und datiert Oktober 1915. Vermutlich für Herausgebertätigkeit Österreichischer Almanach auf das Jahr 1916, die hier vorliegenden wurden nicht aufgenommen. Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethemuseum, aus dem Werknachlass von Hugo von Hofmannsthal.
Berthold Viertel wurde am 28. Juni 1885 in Wien geboren und starb am 24. September 1953 ebendort, Schriftsteller, Dramaturg, Essayist, Übersetzer und Film- und Theaterregisseur, der in Deutschland, den USA und Großbritannien wirkte.
Unter anderem wurde er in den Jahren 1910 / 1911 Mitarbeiter bei Der Fackel von Karl Kraus. März 1910 erschien dort sein erstes Gedicht. Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war er als Schauspieler und Regisseur in Berlin tätig, musste wegen seiner jüdischen Herkunft nach Frankreich emigrieren und arbeitete abermals in England und den USA. In New York war er 1944 Mitbegründer von Wieland Herzfeldes Aurora-Verlag.
Im Jahr 1947 kehrte er nach Europa zurück, arbeitete zunächst in London bei der BBC, dann ab 1948 als Regisseur in Zürich und ab 1949 schließlich wieder in Wien.
Das Bild ist von Hans Baluschek (1870 - 1935), aus der Mappe Der Krieg 1914 - 1916, Hugo Bermüllerverlag, Berlin-Lichterfelde 1915

Traumbild
Aus der verfallenen Schänke
dringt Klirren.
Der einsame Wirt
zerschlägt Krug um Krug.
Lange entfloh der Hausschwalbe
Schwirren.
Kein Gast mehr betrat die
verlassene Schwelle.
Nun scheint der Mond durch
zerbröckelnde Wände
und badet sein Licht
im vergossenen Wein.
Die Kerze flackert. Und zitternde
Hände
versuchen die Scherben
zusammenzufügen.
1940
Marianne (Dora) Rein, aus: An den Wind geschrieben, Lyrik der Freiheit 1933 – 1945, gesammelt, ausgewählt und eingeleitet von Manfred Schlösser unter Mitarbeit von Hans-Rolf Ropertz; Schriftenreihe Agora, Darmstadt 1960; mit der Anmerkung: „Das hier mitgeteilte Gedicht verdanken wir Herrn Jacob Picard, der es erstmals in „Christ und Welt“ (10. 4. 1958) veröffentlichte.
Marianne Dora Rein, geboren am 2. Januar 1911, war eine junge hoffnungsvolle jüdische Dichterin aus Würzburg. Am 27. November 1941 wurde Marianne Rein zusammen mit ihrer Mutter mit dem ersten aus Würzburg abgehenden Transport zusammen mit weiteren 200 Personen, darunter 40 Kindern und Jugendlichen, deportiert. Der Transport ging über Nürnberg nach Riga. Die Deportierten wurden, so eine Überlebende, in den eiskalten Wirtschaftsgebäuden des Jungfernhofes bei Riga untergebracht. Von dort gingen ab Februar 1942 Transporte ab, zuletzt am 26. März 1942 ein Transport mit ca. 1700 Menschen. Alle Abtransportierten wurden am gleichen Tag in einem Wald bei Riga erschossen. Von den im November 1941 aus Franken nach Riga Deportierten haben, soweit bekannt, zwei Personen überlebt.
Das Bild ist ein gezeichnetes Selbstportrait aus einem Brief an Jacob Picard.
Ich schlafe in der Nacht –
Ich schlafe in der Nacht an fremden Wänden
Und wache in der Frühe auf an fremder Wand.
Ich legte mein Geschick in harten Händen
Und reihe Tränen auf,
So dunkle Perlen ich nie fand.
Ich habe einmal einen blauen Pfad gekannt
Doch weiß ich nicht mehr
Wo ich mich vor dieser Welt befand.
Und – meine Sehnsucht will nicht enden! ....
Vom Himmel her sind beide wir verwandt
Und unsere Seelen schweben übers Heilige Land
In einem Sternenkleide leuchtend um die Lenden.
Else Lasker-Schüler, aus dem Nachlass, Manuskript: The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive (Arc. Ms. Var. 501 02 95).
Else Lasker-Schüler, geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld, gestorben am 22. 1. 1945 in Jerusalem

Wie Wolfsgeheule dröhnt des Windes Klage
laut in die Nacht hinaus.
Der Wald rumort.
Das Sternenbild der Waage
hält über unserm Haus.
Am fahlen Himmel strahlen seine Schalen,
beide gleich hoch, gleich schwer.
Bald ist es Mitternacht! Dann wird sich zeigen,
welche sich neigen wird und welche steigen -
und ob sie voll des Glücks ist - oder leer!
Yvan Goll
Aus einem Brief von Kurt Finkenstein an Käte Westhoff, in: Briefe aus der Haft 1935 – 1943, herausgegeben, kommentiert und eingeleitet von Dietfrid Krause-Vilmar, Mitarbeit: Susanne Schneider; 1. Auflage, Verlag Winfried Jenior, Kassel 2001; vorangestellt die Bemerkung: „Um zum Schlafen zu kommen und mich abzulenken, versuchte ich heute Nacht die Verse wiederzufinden - von meinem Freund Y. Goll -, die ich Dir wohl schon früher einmal gesagt habe und die zu meinen Lieblingsgedichten gehören - plötzlich standen sie wie eine Schrift vor meinem inneren Auge“
Der Herausgeber merkte dazu an: „Diese Verse ließen sich im Werk Yvan Golls nicht nachweisen. Es könnte sich nach Auffassung von Frau Glauert-Hesse gleichwohl um ein frühes Gedicht von ihm handeln, das nicht veröffentlicht worden ist.“ (Barbara Glauert-Hesse studierte Germanistik und Amerikanistik in Mainz, Berlin und den USA. Sie arbeitete in Mainz und Frankfurt am Main als Rundfunkredakteurin und Verlagslektorin. Im Auftrag der Deutschen Schillergesellschaft katalogisierte sie gemeinsam mit Claire Goll die Werkbestände im Pariser Archiv von Yvan und Claire Goll. 1969 lernte sie, ebenfalls in Paris, auch Paul Celan und Gisèle Celan-Lestrange kennen, deren Werke sie für eine Ausstellung im Gutenberg-Museum zu Mainz vermittelte. Nach Claire Golls Tod 1977 setzte sie die Arbeit an den Goll-Nachlässen im Deutschen Literaturarchiv Marbach am Neckar und in Saint-Dié-des-Vosges, Frankreich, fort. Seit 1988 ediert sie die Gesamtwerke beider Autoren.)
Yvan Goll (auch Iwan oder Ivan Goll, eigentlich Isaac Lang; geboren am 29. März 1891 in Saint-Dié, Frankreich; gestorben am 27. Februar 1950 bei Paris), deutsch-französischer Dichter, er war verheiratet mit der Schriftstellerin Claire Goll (1890 – 1977)
Kurt Finkenstein wurde als Sohn eines deutschen Offiziers und einer polnischen Jüdin am 27.3.1893 in Straßburg geboren. Seine pazifistische Gesinnung und literarische Interessen führten ihn zur Mitarbeit an der Zeitschrift. "Die Aktion" (Hg. Franz Pfemfert). 1935 wurde er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Käte Westhoff verhaftet. Mehr als 27 Monate war er in Kasseler Gefängnissen in Untersuchungshaft; im November 1937 wurde er zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" verurteilt. Käte Westhoff wurde nach ihrem Freispruch 1937 in das (Frauen-)KZ Moringen, von dort in das KZ Lichtenburg gebracht. In der Gefangenschaft erfuhr Finkenstein vom Tod seiner früheren Frau und seiner beiden Söhne, die als Soldaten in Russland ihr Leben ließen. Am letzten Tage der Verbüßung der Zuchthausstrafe wurde er von der Gestapo in Schutzhaft genommen und erneut nach Breitenau, später von dort nach Auschwitz deportiert, wo er am 29. Januar 1944 ums Leben kam.
Das Bild ist von Jézef Pankiewicz (1866 - 1944)
Wunsch
Aus der Erde müsst es steigen
Wie ein Zauber rot und schön
Müsst in tausend Farben glänzen
Weiter, als der Frühling wehn
Müsste rauschen, müsste klingen
Wie die Quellen, wie das Meer
Müsste schweigen wie die Wälder
Gottesstill und träumeschwer
Müsste goldne Flügel geben
Dass die Seele freudig fliegt
Müsste feste Kerker bauen
Drin der Gram gefangen liegt
Anna Luise Cohn, aus: Die Jüdische Frau, Jahrgang 2, Heft 15/16, Berlin 1926
Anna Luise Cohn, geboren am 24. 7. 1870 in Berlin, ermordet am 13. 3. 1943 in Theresienstadt
Das Bild ist von Csontváry Kosztka Tivadar (1853 - 1919)

Frage
Der kleine Vogel hockt in seinem Bauer
Und sehnt sich nach den Brüdern in der Welt.
Ich fühle mich verwandt ihm zugestellt,
Mich trennt wie ihm vom Leben eine Mauer.
Da sitz´ ich oft gleich ihm in banger Trauer
Und weiß, da draußen brandet eine Welt,
Vor die die Mauer brennend sich gestellt,
In die mich´s hinzieht mit heißer Sehnsucht Schauer.
Ich hör´ den Lärm von fern gedämpft im Ohre,
Das ist des Lebens wahre Melodie!
Der Du mich fernhältst diesem großen Chore,
Ist es zu meiner eignen Harmonie?
Soll abseits von dem Strom ich in Dich münden,
Wo nehm´ ich Lieder her, um Dich zu künden?
Elly Groß, aus: Jüdische Rundschau, Nr. 53, 6. VII. 1937, darunter geschrieben: „Das vorstehende Gedicht stammt von einer blinden jüdischen Dichterin. - Red."
Elly Groß, geboren am 29. 6. 1894 in Hannover, gestorben am 18. 8. 1942 im Ghetto Riga, sie wurde kurz nach ihrer Ankunft in den umliegenden Wäldern ermordet. Sie schrieb Aufsätze, Essays, Artikel und Gedichte für verschiedene jüdische Zeitschriften in Deutschland.
Bild von Kris auf Pixabay