Mittwoch, 18. Februar 2026

Henni Lehmann: Hiddensee, Dem Geist des Lichts, Abendsonne

 



Hiddensee

Um meine Insel singt das Meer sein Lied.
Sie schwimmt in Flut gleich schmalem grünen Blatte,
Sie reckt in Dünen Heide, Moor und matte
Leuchtfeuer glimmen, und die Möve zieht.

Es singt von toter Sonne, die verschied,
Damit die Nacht mit Frieden uns umschatte,
Von Himmelswölkchen, weich wie Flöckchen Watte,
Vom Sturm, der jauchzend in die Ferne flieht.

Die Lieder alle singt es, die sie sangen
An fremden Ufern, Chöre, die erklangen
Aus Orgeln, von den Betern, die dort knien.

Und wie am Inselstrand in Muscheln, Kieseln
Die feinen Wasserfäden sacht verrieseln,
Empfängt es meiner Seele Melodien.


Dem Geist des Lichts


Tritt ein in meinen Garten, Geist des Lichts,
Und gib mir deine kühlen frommen Hände,
Daß ich den Strom der Liebe zu dir wende,
Verklärte Form des Gottesangesichts.

Wie einst am Tag verkündeten Gerichts
Sich ew’gen Segens heilig frohe Spende
Ergießt in Welten ohne Zahl und Ende,
So rette mich erlösend aus dem Nichts.

Es gibt noch Sonnen, die am Himmel brennen,
Es gibt noch Wege, die wir beide kennen,
Dort lass uns freudig und in Frieden wandeln!

Und dort, in der geweihten Stille,
Erwächst aus Wunsch und Traum der Wille,
Und Wille hebt sich zu befreitem Handeln.


Abendsonne

Verglühter Abend, deine Strahlen sinken
Auf Veilchenbeete, die nun rötlich glühen,
Und droben seh ich ros’ge Veilchen blühen
Am Himmel, dessen Glanz die Lüfte trinken.

Im Busch ertönt noch später Schlag der Finken,
Vom Turme Glockentöne, die den Mühen
Des Tags ein Ziel verkünden, da die frühen
Verträumten Sterne schon am Himmel blinken.

Das alles ist so licht und leicht und schwebend,
So ganz in Duft und Glanz und Reinheit lebend,
Daß Träume sich mit goldnen Reifen krönen.

Nun zur Erfüllung wird das kaum Geahnte,
Zum Pfade gangbar wird das ungebahnte,
Der Sehnsucht Welle ebbt im ewig Schönen.

Henriette „Henni“ Lehmann, aus: Es singt das Meer, Sonette und Terzinen, Weimar: W. von Kornatzki 1922.

Henriette „Henni“ Lehmann, geboren am 10. Oktober 1862 als Henriette Straßmann in Berlin, gestorben am 18. Februar 1937 ebendort, politisch und sozial engagierte Künstlerin und Autorin.

1911 zog sie mit ihrer Familie nach Göttingen, nachdem ihr Mann eine Professur an der Universität Göttingen erhalten hatte. Während des Ersten Weltkriegs war sie Leiterin der Göttinger Abteilung des Nationalen Frauendienstes (NFD) innerhalb des Vaterländischen Kriegshilfsdiensts. 1919 wurde sie Mitglied der SPD.

Nach dem Tod ihres Mannes blieb sie zunächst in Göttingen, übersiedelte dann aber 1922 nach Weimar. Während der Weimarer Republik engagierte sie sich in der Arbeiterwohlfahrt. Sie schrieb sozial engagierte Romane und hielt Vorträge. Auch trat sie gegen den Antisemitismus auf.

Ab 1907 verbrachte die Familie Lehmann die Sommerferien regelmäßig auf der Insel Hiddensee und erwarb im selben Jahr ein Grundstück in Vitte, auf dem Henni Lehmann ein Landhaus errichten ließ, das bis 1937 als Sommersitz genutzt wurde.

Henni Lehmann engagierte sich auf Hiddensee für die Schaffung besserer Lebensumstände und zählte 1909 zu den Gründungsmitgliedern der Genossenschaftsreederei. 1913 gab sie den Insulanern ein Darlehen zum Bau eines Arzthauses, und 1914 gehörte sie zu den Mitbegründern und ersten Vorstandsmitgliedern des Natur- und Heimatschutzbundes Hiddensee.

Um 1919 kaufte Henni Lehmann noch die neben ihrem Landhaus befindliche Bäckerscheune, die sie zu einem Atelier mit Ausstellungsraum umbauen ließ. Sie erhielt die Bezeichnung Blaue Scheune und wurde zum Zentrum des Hiddenseer Künstlerinnenbundes, zu dem unter anderem Clara Arnheim, Elisabeth Büchsel und Käthe Löwenthal gehörten. Durch die NS-Herrschaft war dies ab 1933 nicht mehr möglich.

Etwa 1935 wurde bei ihr Krebs diagnostiziert. In der Hoffnung auf eine fachgerechte medizinische Versorgung fuhr sie danach häufig nach Berlin und wohnte dort bei ihrer Freundin und Mitarbeiterin Clara Arnheim. Am 18. Februar 1937 nahm sie sich dort das Leben.

Das Bild „Bäuerin auf der Straße in Kloster (Hiddensee)“, gemalt 1918, ist von ihr.


Dienstag, 3. Februar 2026

Lili Grün: Geliebter Freund, Angst vor dem Herbst, An meinen Mann. . .

 



Geliebter Freund

Du hast mir nun geschrieben
Und hast gefragt wie es mir geht
Und was mit Arbeit ist und Geldverdienen
Und wie’s im Allgemeinen um mich steht.

Du schreibst, ganz ohne Groll und Hader,
Was du mir angetan, es soll vergeben sein
Und all mein Schmerz und meine bittren Tränen
In Gottes Namen willst du dir verzeihen.

Du wohnst bei deinem Schwiegervater,
Er nahm dich gerne auf in Kost und in Quartier …
Ich find’ die Sache ja ein bißchen schäbig,
Nicht einen Pfennig Mitgift gab er ihr.

Zum Schluß meinst du, ich soll dir Antwort schreiben,
Natürlich nur in dein Geschäft,
Denn deine junge Frau, sie könnte drunter leiden
Und wenn sie meinen Brief erwischt,
Dann ging’s dir schlecht.

Geliebter Freund, ich hab’ dir nichts zu sagen:
Denn du bist fremd und fern und alles ist vorbei.
Ich hab’ dich sehr geliebt … es ist vorüber,
Ich sprech’ nicht gern davon … kurz: Schwamm darüber!

Lili Grün, aus: Tempo, 1. November 1929


Angst vor dem Herbst

Manchmal kommt es vor, dass ich erschrecke,
Und ich eil zu meinem Spiegel hin.
Staunend blick ich mir daraus entgegen.
Ist es wahr, dass ich erwachsen bin?

Bin ich nicht noch gestern Kind gewesen,
Durft´ in meinen Märchenbüchern lesen,
Bin auf meiner Mutter Schoß gesessen,
Hab von einem bunten Tellerchen gegessen,

Hab von allen Engelchen geträumt,
Wiesenblumen haben meinen Weg umsäumt,
War ein ungezognes, liebes Kind,
Bin am Sonntag schreiend Karussell gefahren -
War das wirklich vor so langen Jahren?

Ach, ich hab gelernt zu resignieren,
Glauben, Treu und Hoffnung zu verlieren,
Hab gelernt mich anzupassen,
Zu beneiden und zu hassen.
Grau und trostlos ist das Heute. . .
. . . Ja, aus Kindern werden Leute. . .

Lili Grün, aus: Prager Montagsblatt, 17. September 1934


An meinen Mann. . .

Immer bist Du schlechter Laune,
Selten bist Du nett zu mir,
Höflich bist Du nur zu andern Frauen,
Zu mir kommst Du mit gefurchten Augenbrauen
Und den Sorgenfalten auf der Stirn.

Alles tu ich, um Dir zu gefallen,
Seh die Welt mit Deinen Augen an,
Ich bin Wachs in Deinen Händen,
Du bleibst fremd und fern,
Du bist ein Mann.

Manchmal legst Du Deine Hand auf meinen Scheitel
Und ich sehe Deine Augen über mir
Und mein Herz droht fast zu brechen
Und ich denke mir, jetzt wirst Du sprechen,
Doch die Worte ungesprochen
Bleiben in Dir.

Wie Du lachst, und wie Du lärmst,
Wie Du tobst und wie Du schwärmst,
Wissen alle andern.
Doch Dein Antlitz gramerfüllt,
Wie es Gott erschuf nach seinem Ebenbild,
Deine Seele, hilflos, zart und kinderrein,
Kenn nur ich allein. . .

Lili Grün, aus: Prager Montagsblatt. 23. Juli 1934, unter dem Titel Lied einer Ehefrau. In: Der Wiener Tag. 5. August 1937

Lili Grün wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit Freundinnen und Freunden aus der Künstlerszene ein literarisch-politisches Kabarett eröffnete. Zurück in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz über Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Mit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und am 1. Juni 1942 mit anderen Opfern, darunter die Dichterin Alma Johanna Koenig, im weißrussischen Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.

Das Foto der Künstlerin aus: Der Tag vom 6. 12. 1936

Mittwoch, 28. Januar 2026

Kurt Finkenstein: Reue / Hoffnung

 



Reue


Mich reut der Tag, der Dir kein neues Glück gebracht,
die Nacht, die Dir nicht neue Liebe schenkte!
Mich reut, dass ich nicht klüger über Dich gewacht,
als uns das Unheil schon so nah bedrängte.
Mich reut manch rasches Wort, das einst Dich kränkte,
schnell hingeschwatzt - so mühsam wieder gut gemacht!
Mich reut der Schritt, der nicht in Deinen Arm mich lenkte,
und der Gedanke, den ich nicht für Dich gedacht.
Mich reut, dass ich den schnöden Heuchlern nicht misstraute,
doch stur des Freundes ernste Mahnung überhörte,
mich reut, dass ich die öden Schmeichler nicht durchschaute,
weil meinen Sinn ein Lügenspuk betörte!
Mich reut, dass ich Dein Glück achtlos auf Flugsand baute. -
Mich reut im Tode noch, dass ich Dein Leben so zerstörte.


Hoffnung


Wie darf ich hoffen, je Dir abzubitten
schmerzliche Scham, die Du um meine Schuld erlitten,
unbillig Leid, das Du um mein Versehn erfahren
in lebensfernen, leeren Schreckensjahren!
Hab ich denn auf dem falschen Platz gestritten?
Muss dies geschehn, weil ohne Arg inmitten
geahnter, nicht gefürchteter Gefahren
wir so verwegen blindlings glücklich waren?

Dass immer nur mein leicht erregtes Herz in Flammen,
um mitgefühltes Unglück meiner Freunde stand,
weißt Du gewiss - Du wirst es nicht verdammen!
O wär es doch, wenn ich dies Grauen einmal überwand,
dass Du verzeihend gingst mit mir zusammen
den abendlichen Wegrest Hand in Hand!

Kurt Finkenstein, aus einem Brief an Käte Westhoff vom 23. 10. 1938, in: Briefe aus der Haft 1935 - 1943, herausgegeben, kommentiert und eingeleitet von Dietfried Krause-Vilmar, Mitarbeit Susanne Schneider, Verlag Winfried Jenior, Kassel 2001

Kurt Finkenstein wurde als Sohn eines deutschen Offiziers und einer polnischen Jüdin am 27.3.1893 in Straßburg geboren. Seine pazifistische Gesinnung und literarische Interessen führten ihn zur Mitarbeit an der Zs. "Die Aktion" (Hg. Franz Pfemfert). Nach dem Krieg ließ Kurt Finkenstein sich in Kassel als anerkannter Zahntechniker nieder. Er war ein politischer Intellektueller; er hatte zuerst der USPD, dann der KPD bis 1925 angehört. Kunst, Theater, Musik und Literatur waren seine Welt. Als Kommunist, Pazifist und Jude wurde er von den Nazis verfolgt und bereits 1933 im KZ Breitenau eingesperrt. 1935 wurde Kurt Finkenstein gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Käte Westhoff verhaftet. Mehr als 27 Monate war er in Kasseler Gefängnissen in Untersuchungshaft; im November 1937 wurde er zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" verurteilt. Käte Westhoff wurde nach ihrem Freispruch 1937 in das (Frauen-)KZ Moringen, von dort in das KZ Lichtenburg gebracht. In der Gefangenschaft erfuhr Kurt Finkenstein vom Tod seiner früheren Frau und seiner beiden Söhne, die als Soldaten in Russland ihr Leben ließen. Am letzten Tage der Verbüßung der Zuchthausstrafe wurde er von der Gestapo in Schutzhaft genommen und erneut nach Breitenau, später von dort nach Auschwitz deportiert, wo er am 29. Januar 1944 ums Leben kam.

Samstag, 24. Januar 2026

Alfred Grünewald - Aus: Renatos Gesang (10 - 12)

 



10

Ihr fragt mich heut nach meinem Siedlerleben
und drängt euch nah zu mir. Mein Angesicht
zeigt euch ein Lächeln, und ich rede nicht.
Und dennoch hab ich Antwort euch gegeben.

Mein Lächeln sagt: Seht her, in mir ist Licht. -
Ich breite meine Arme. Ohne Beben
weist meine Hand nach Wolken, die entschweben.
Ihr fühlt, was meine stumme Lippe spricht.

Geht hin, ihr Kinder. Meines Lächelns Gabe
nehmt sie mit euch, so wie sie euch gegönnt.
Und zürnet nicht, daß ich verweigert habe,

was ich doch nimmermehr gewähren könnt.
Geht hin und lernt das Schweigende beschwören.
Ihr werdet meine Stimme rufen hören.


11

Heut kann so vieles mich zutiefst beglücken
und war mir gestern kaum noch zugetan.
Ein süßes Drängen ist in meinem Wahn
und will mich stets zu neuem Lied entzücken.

Ich kann die Worte mir wie Blumen pflücken.
Was meine Blicke nur im Traume sahn,
begegnet mir auf meiner Wanderbahn.
Von Stern zu Stern bau ich mir Silberbrücken.

O daß ich endlich singe, der ich lange
in Schweigen schritt auf unerlöster Fährte!
O daß ich Abgewandter nun empfange,

was mir verweigert war, als ich begehrte!
Nun weiß ich, ein Sich-Rüsten zum Gesange
war dieses Schweigen, das mein Herz verzehrte.


12

Wer ist bei mir, der leiser ist als Hauch
und sanfter mich berührt? Ich glaub, die Dinge
erkennen ihn. Wenn er mich dicht umfinge,
vielleicht erriete ihn mein Fühlen auch.

Ich tret ans Fenster. Abend neigt sich. Rauch
wird weiße Wolke. Silbernes Gesinge
ist in der Luft. - Da mein ich, eine Schwinge
streift meine Stirne. Ist dies Geisterbrauch?

Es pocht mein Blut in ahnendem Erwarten.
Vergeßnes Wort kommt jäh mir in den Sinn.
Ich flüstere: „Du weißt es, wer ich bin.

Zeigst du dich jenen nicht, die deiner harrten?“ -
Mit heißen Blicken, die sich kühl befeuchten,
schau ich ins Gartenland. Die Blumen leuchten.

Alfred Grünewald, aus: Renatos Gesang - Ein Buch der Einsamkeit, mit Steinzeichnungen von Fritz Czuczka. Verlag Paul Stern, Wien 1921

Alfred Grünewald wurde am 17. März 1884 in Wien geboren. Nach den Novemberpogromen 1938 wurde er am 14. November 1938 in das KZ Dachau verbracht, im Januar 1939 wurde er wieder entlassen. Er floh über die Schweiz nach Südfrankreich, nach Kriegsausbruch wurde er in der Fort-Carré in Antibes und im Lager Les Milles interniert, bis Herbst 1942 lebte er in Nizza. Dort wurde er von der Polizei des Vichy-Regimes festgenommen und an die SS ausgeliefert. In Auschwitz wurde er am 9. September 1942 ermordet.

Das Bild ist von Sidney Herbert Sime (1865 - 1941)

Freitag, 23. Januar 2026

Ernst Blass - Aus: Die Gedichte von Trennung und Licht

 



ICH bin nur Staubkorn - riesig ragt die Nacht.
Mein Weg treibt durch Laternen und viel Stein.
Als ich von Menschen wollt´ verlassen sein,
Hab ich es mir nicht als so groß gedacht.

Ich kann nun nichts von alledem erreichen,
Was gar nicht fern man redet und man lacht.
Nur Nacht wird lang um meine Wangen streichen,
Bis ich mich Einsamen nach Haus gebracht.

Ich werd in ein entferntes Bett mich legen
Und wissen, dass ich schied, bestimmt bedrückt
Von dem, was ich verließ, doch nicht vergaß,

Und dennoch fühlen dies als einen Segen:
Es war doch überviel, was ich besaß,
Was nun die Nacht der Stunden mir entrückt.


ICH gehe zwischen Gärten jetzt, in Straßen,
Wo Abend ward, und nichts sich sehr bewegt,
Feind dieser Menschen, die mich nicht vergaßen.
Baumlaub erduftet, Glocke klopfend schlägt.

Ich, dessen Stimme, Nähe und Gestalt
Sie früh entzünden konnte und betören,
Geh fern - es dämmert tief - verhüllt, umwallt,
Wissend: wir werden oft noch von uns hören.

Den ihr verleumdetet, der euch verstößt,
Euch nicht mehr achten darf, weiß wohl: ihm war
Einst du der Freund und du einst seine Frau.

Ein Engelsschatten steht, das Schwert entblößt,
Wache zu halten vor verbotnen Bau,
Dem nicht ein Frühling winket durch das Jahr.


NUN wandeln zwischen uns die Segelschiffe,
Die morgens aufstehn im erwachten Duft,
Wo Fisch und Pflanze zarter sind, als griffe
Bangnis und Hoffnung ein in ihre Luft.

Nun ruhen zwischen uns die Nachmittage,
Von einem End zum andern hin gespannt.
Zu ihnen flüstern wir wie eine Sage:
Uns trennte wenig und nun trennt uns Land.

Und manche Stunden sind wie Glockenschläge
Von dunklem Hasten und im Anschlag kurz,
Und unsre Herzen sehen ihre Wege
Vielleicht zum letztem in ihrem Sturz.

Ernst Blass, aus: Die Gedichte von Trennung und Licht, Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1915

Am 23. Januar 1939 starb in Berlin nach schwerer Krankheit und vereinsamt der Dichter Ernst Blass, geboren am 17. Oktober 1890 in Berlin, der 25 Jahre vorher zu den bekanntesten Lyrikern des Expressionismus gehörte. Sein erster Gedichtband - „Die Straßen komme ich entlang geweht“ erschien 1912. Von einem Lyriker wünschte er sich: „. . . daß er manchmal recht ins Alltägliche hineingeklebt ist; der noch in der Erhebung weiß, daß man nicht immer erhoben ist.“

1909 lernte er im Café des Westens den Schriftsteller Kurt Hiller kennen, über dessen Neuen Club er mit Georg Heym und Jakob van Hoddis in Kontakt kam. Mit ihnen bildete er alsbald „das Terzett der bedeutenden Dichter im Club“. Anfang 1911 trat er mit Hiller und anderen aus dem Club aus und gründete mit ihm das konkurrierende Literarische Cabaret GNU. Veröffentlichungen von Gedichten in den wichtigsten Zeitschriften des literarischen Frühexpressionismus wie Die Aktion und Der Sturm oder auch Die Fackel von Karl Kraus folgten.

1926 begann sein tuberkulöses Augenleiden, das im Laufe der Jahre zu fast vollständiger Erblindung führte. Mit Beginn des Dritten Reiches wurden seine Arbeits- und Publikationsmöglichkeiten immer eingeschränkter. Schließlich verstarb er verarmt im Berliner Krankenhaus der jüdischen Gemeinde an den Folgen einer lange unerkannt gebliebenen Lungentuberkulose; sein Tod blieb selbst in Exilkreisen weitgehend unbeachtet.

Samstag, 17. Januar 2026

Emmy Hennings: Die müde Tänzerin / Apachenlied

 



Die müde Tänzerin


Jetzt geh ich viele Gassen auf und ab.
Türmen sich Tage, türmt sich mein Grab.
Mein Grab wird hoch, mein Grab wird weit,
Umfängt mich Todeshügel der Vergänglichkeit.

Und immer träume ich im tanzen, tanz in Träumen.
Ich blüh in Räumen, und verwelk in Räumen.
Meine Augen sind ein Sehn und ein Versehn.
Meine Haare sind ein Wehn und ein Verwehn.

Meine Hände sind ein Halten und ein Fallen.
Meine Worte sind ein Schrei und ein Verhallen.
Und ach, meine Tage sind ein Versinken.
Die Frühe will schon dem Abend winken.

Meine Rosen glühn, wenn grauer Himmel schneit.
Mein junger Morgen träumt in weicher Dunkelheit.
Und hab doch soviel Zärtlichkeit verhaucht in manche Ohren.
Wo wohnt die Lust, die ich versang? So tief verloren. . .?

Wo schwebt mein Sein, mein süß Verlieben?
Wo ist mein Lieben nun, in dich hineingeliebt, geblieben?
Im Gruß liegt Abschied. Im Anfang liegt Ende.
Nur Sehnsucht leuchtet durch alle Wände. . .

Aus: Der Kranz, Gedichte von Emmy Hennings, machinengeschriebenes Manuskript aus dem Nachlass, in anderer Version veröffentlicht als „Türmen sich Tage“ in Simplicissimus, Heft 3 1925


Apachenlied

Wir essen feinbelegte Schrippen.
Die hellen Lampen brennen schon.
Ein sommerliches Feld von Mohn
Liegt süß auf Deinen edlen Lippen.

Mein Prinz, Ihr ließet einst mich glauben -
Behandlet bitte mich wie zwanzig Schneppen!
Lasst Euch um 3 Mark 50 neppen!
Und Illusion soll man nicht rauben.

O dass Du so verändert bist!
Bin eine von den Oftgeküssten.
In meinen kleinen Mädchenbrüsten
Auch all Dein Leid verborgen ist.

Ich flüchtend grauer, wehender Fetzen!
Ich gehe still und stumm nachhaus.
Ich lösche alle Lichter aus.
Und Géry soll das Messer wetzen.

Emmy Ball-Hennings, maschinengeschriebenes Skript aus dem Nachlass, Schweizerische Nationalbibliothek

Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, Dichterin, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich.

„Niemals hat die Dichterin auf der Sonnenseite gelebt und es leicht gehabt, vielleicht hat sie es auch niemals ernstlich sich gewünscht. Sie lebt lieber unter den Kämpfenden, Armen, Bedrückten, sie liebt die Leidenden, sie fühlt für die Verfolgten und Rechtlosen. Sie bejaht das Leben auch in seiner Härte und Grausamkeit und liebt die Menschen bis in alle Verirrung und Not hinein.“ Hermann Hesse über Emmy Hennings

Das Foto ist aus dem Bestand des Münchner Stadtmuseums, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Graphik / Gemälde, Inventarnr. G-63/11105. Ehemals Sammlung Rolf von Hoerschelmann, München


Freitag, 16. Januar 2026

Alfred Grünewald - Aus: Renatos Gesang (7 - 9)

 



7

Wer bist du, Blume, die ich nie geschaut?
Mein Flüstern will dir einen Namen geben.
Drei klare Tropfen dir im Kelche beben.
Sind sie von Gottes Wimper abgetaut?

Ich bange sehr vor meiner Stimme Laut
und wage nicht, sie klingend zu erheben.
Vielleicht bist du nur Traum und wirst entschweben,
wenn ich dir Worte sag, wie einer Braut.

Vielleicht ist deiner Farben Übermaß
nur meines trunknen Blickes Lichtverlangen.
Bist du ein Glück, das ich schon lang vergaß?

Hab ich mit dir Verlorenes empfangen?
Ich wende mich und geh durch feuchtes Gras
und fühl noch deinen Hauch an meinen Wangen.


8

Was will mein Bangen, Wind? Dein Hauch ist lau:
doch meine Wangen brennen. Dieser Schimmer
auf euch, ihr Lieblingsblumen, sind es immer
noch meine Tränen, oder ist es Tau?

Du Wiesenpfad, dem ich mich anvertrau,
wo führst du hin? Ich hab in meinem Zimmer
ein Lied gehört und ich errate nimmer,
sang es im Tale, sang des Himmels Blau.

War es ein Singen der Vergangenheit,
das mir erklang, daß es mich traurig mache?
Hat Künftiges schon meinen Sinn berührt?

Was will mein Bangen? Bin ich nicht gefeit,
wohin auch immer mich der Weg entführt?!
O Wind, o Baum! Ich lache, ja, ich lache.


9

Das Zarte ward zur Macht, und reißend schwillt
ein Strom aus Tau. Ein Sturm aus Blumendüften
saust um des Berges Gipfel und in Klüften.
Die Stille ward ein Rufen, heiß und wild.

Aus bleichen Schatten ward ein Purpurbild,
gemalt auf Himmel. Qual entstieg den Grüften
und ward ein lichtes Singen in den Lüften.
Mein Herz von tausend Herzen überquillt.

Wie bin ich bang des Zaubers und beseligt
von dem, was ich entfesselte, befehligt!
Es kam ein großer Frühling in die Welt.

Ich sah sein Blühn in meines Traumes Wähnen
und seine Wurzeln tränkte ich mit Tränen,
von Gott in meine Einsamkeit gestellt.

Alfred Grünewald, aus: Renatos Gesang - Ein Buch der Einsamkeit, mit Steinzeichnungen von Fritz Czuczka. Verlag Paul Stern, Wien 1921

Alfred Grünewald wurde am 17. März 1884 in Wien geboren. Nach den Novemberpogromen 1938 wurde er am 14. November 1938 in das KZ Dachau verbracht, im Januar 1939 wurde er wieder entlassen. Er floh über die Schweiz nach Südfrankreich, nach Kriegsausbruch wurde er in der Fort-Carré in Antibes und im Lager Les Milles interniert, bis Herbst 1942 lebte er in Nizza. Dort wurde er von der Polizei des Vichy-Regimes festgenommen und an die SS ausgeliefert. In Auschwitz wurde er am 9. September 1942 ermordet.

„Sie sagten ferner, daß auf einer der beiden, hier vorhandenen Einsiedeleien sich ein vornehmer französischer Cavalier, namens Renato, als Einsiedler . . . befände“ (Cervantes, aus: Irrfahrten des Persiles und der Sigismunda, eine nordische Geschichte, Cervantes sämtliche Werke, Leipzig 1825)

Das Bild ist von Séraphine Louis, geboren am 2. September 1864 in Arsy, Oise, französische Malerin, sie zählt zu den bedeutendsten Vertreterinnen der „Naiven Kunst“ in Frankreich. 1932 wurde bei ihr Schizophrenie diagnostiziert und sie in einer Psychiatrie in Clermont untergebracht. Total vernachlässigt aufgrund des während der deutschen Besetzung für „Irrenanstalten“ angeordneten Versorgungsnotstands, verhungerte Séraphine Louis 1942 im Alter von 78 Jahren.