Mittwoch, 10. Dezember 2014

Erich Mühsam - Herbstmorgen im Kerker





 
     Herbstmorgen im Kerker

Wenn morgens über Gras und Moor
sich weißlich-trüb der Nebel bauscht,
unfroher Wind mit müdem Stoß
im dürren Laub des Herbstes rauscht;
wenn eiterig der fahle Tau
von welken Blütenresten tränt,
des Äthers dichtverquollenes Grau
dem neuen Tag entgegengähnt   -
und du, gefangen Jahr um Jahr,
gräbst deinen Blick in Dunst und Nichts:
da wühlt die Hand dir wohl im Haar,
und hinter deinen Augen sticht´s.
Du starrst und suchst gedankenleer
Nach etwas, was du einst gedacht,
bis endlich, wie aus Fernen, schwer
das Wissen um dein Selbst erwacht.
Du musterst kalt das Eisennetz,
das dich in deinen Kerker bannt;
in dir erhebt sich das Gesetz,
zu dem dein Wille sich ermannt:
Treu sein dem Werk und treu der Pflicht,
der Liebe treu, die nach dir bangt;
treu sein dir selbst, ob Nacht  -  ob Licht,
dem Leben treu, das dich verlangt!. . .
Aus jedem Morgen wird ein Tag,
und wie die Sonne einmal doch
durch Dunst und Schleier drängen mag,
so bleibt auch dir die Hoffnung noch. 
Im Nebel dort schläft Zukunftsland.
Du drehst den Kopf zurück und blickst
an der gekalkten Zellenwand
zu deines Weibes Bild. Und nickst.

(Erstdruck: Erich Mühsam, Sammlung, 1928)

Erich Mühsam (6. 4. 1878 - 10. 7. 1934), Dichter, Anarchist, Suchender mit kindlichem Herzen, Mitinitiator der Münchner Räterepublik, dafür von den Nazis gehasst und schließlich im KZ Oranienburg ermordet. Die Erfahrungen für dieses Gedicht "durfte" er 1919 - 1924 in Festungshaft machen.

Dienstag, 9. Dezember 2014

Gerrit Engelke - Ich will heraus aus dieser Stadt

Gefunden an einer Hauswand in Bremen Gröpelingen


     Ich will heraus aus dieser Stadt

Ich weiß, daß Berge auf mich warten,
draußen  - weit  -
und Wald und Winterfeld und Wiesengarten
voll Gotteseinsamkeit. 
Weiß, daß für mich ein Wind durch Wälder dringt,
so lange schon  -
daß Schnee fällt, daß der Mond nachtleise singt
den Ewig-Ton. 
Fühle, daß nachts Wolken schwellen,
Bäume,
daß Ebenen, Gebirge wellen
in meine Träume. 
Die Winterberge, meine Berge tönen  -
Wälder sind verschneit. 
Ich will hinaus, mit euch mich zu versöhnen!
Ich will hinaus aus dieser Zeit,
hinweg von Märkten, Zimmern, Treppenstufen,
Straßenbraus. 
Die Waldberge, die Waldberge rufen,
locken mich hinaus!
Bald hab ich diese Straßenwochen,
bald diesen Stadtbann aufgebrochen
und ziehe hin, wo Ströme durch die Ewig-Erde pochen,
ziehe selig in die Welt!

Im Jahre 1913 schrieb der bekannte Dichter Richard Dehmel an seinen Kollegen Paul Zech: „Hier schicke ich Ihnen eine Reihe Gedichte von einem jungen Unbekannten, die wie geboren für Ihre neue Zeitung sind. Der Mann heißt Gerrit Engelke und ist ein gewöhnlicher Stubenmaler (Anstreichergehilfe), 21 Jahre alt, ein wahres Wunder. Ich bin sonst immer mißtrauisch gegen sogenannte Naturpoeten und gehe mit Empfehlungen überhaupt sehr sparsam um, aber hier muß ich eine Ausnahme machen.“

Gerrit Engelke wurde am 21. Oktober 1890 in Hanover geboren. „Gewiß ist Engelke der Dichter des Maschinenzeitalters, doch unter dem Einfluß Whitmans erscheint bei ihm die Arbeitswelt in idealisierter Sicht.  . . . Trotz aller Faszination teilte er freilich den unreflektierten Fortschrittsglauben seiner Zeit nicht.“ , heißt es über ihn im Buch „Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen  -  Vergessene und verkannte Autoren des 20. Jahrhunderts“ von Hans J. Schütz.
Am 13. Oktober 1918 fiel er an der Westfront, kurz nachdem er einem Freund geschrieben hatte, er wolle über das „vom Krieg befreite, wieder menschlich-brüderlich werdende Völkereuropa der Städte, der Arbeit, des Lebens“ schreiben.
Dass Engelke dem städtischen Leben jedoch auch kritisch gegenüber stand zeigt sein Gedicht „Ich will heraus aus dieser Stadt“, in dem es unter anderem heißt: „Bald hab ich diese Straßenwochen, / bald diesen Stadtbann aufgebrochen / und ziehe hin, wo Ströme durch die Ewig-Erde pochen, / ziehe selig in die Welt!“

Leider lässt sich nicht sagen, wohin sich der frühverstorbene Dichter entwickelt hätte. Doch eines lässt sich gewiss sagen: Er ist zu Unrecht dem Vergessen anheim gefallen. 


            

Sonntag, 7. Dezember 2014

Adam Kuckhoff: Greta



Greta

Andern hab ich manchen Vers geschrieben,
Dir nur hier und da ein kleines Wort.
Zeugt das nicht von kleinrer Kraft im Lieben?
Geh ich nicht als Schuldner vor Dir fort?

O Geliebte, ungemessen
war die Liebe, die uns zwei verband.
Über ihr hab ich das Wort vergessen,
weil ein jeder Tag uns in ihr fand.

Denkst Du an das Blut in Deinen Lungen?
Sprichst Du von der Luft, die Dich umgibt?
Nein, ich habe Dich nicht besungen,
ich hab Dich nur geliebt.

Müsste ich Dir nicht noch vieles sagen?
Jede Stunde rinnt vom Letzten fort!
Und doch finde ich in diesen Tagen
kaum ein Wort.

Dir verschuldet in so vielen Dingen,
seh ich ruhig doch das Ende nahn.
Nichts blieb, so wie wir zusammengingen,
Von dem Größten bis zu dem Geringen
ungesagt und ungetan.

Dieses Gedicht schrieb der Schriftsteller Adam Kuckhoff im Februar 1943 für seine Frau Greta, während er, verhaftet von der Gestapo, in Berlin Plötzensee einsaß. Am 5. August 1943 wurde er hingerichtet.


Aus: Adam Kuckhoff zum Gedenken. Novellen, Gedichte, Briefe. Herausgegeben und eingeleitet von Greta Kuckhoff, Berlin, Aufbau Verlag 1946

Samstag, 6. Dezember 2014

Joachim Ringelnatz - Schenken


 


Schenken

Schenke groß oder klein,
Aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten
Die Gaben wiegen,
Sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei
Was in dir wohnt
An Meinung, Geschmack und Humor,
So dass die eigene Freude zuvor
Dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
Dass dein Geschenk
Du selber bist.

Joachim Ringelnatz

Freitag, 5. Dezember 2014

René Schickele - Hymne





                         Hymne

In ihren Umarmungen blühte die Erde,
ihr Herzschlag in diesen Nächten rührte die Welt.
Der Morgen hob mit sorgsamer Gebärde
den Vorhang von dem Himmelszelt,
worin unsre Herzen schliefen.

Ihre Augen im Tau der Frühe waren diamantne Schächte.

Wir horchten, wie in unserm Blut die Stunden liefen,
Hand in Hand, und durch den Abend dann, von Gluten triefend
in die grenzenlosen Ebenen der Nächte.

Sie stürzten umschlungen, als auf einmal Nachtigallen riefen.

Auf der Sanftmut ihrer Haare senkten Dämmerungen sich hernieder,
schimmernde, bestirnte Himmel waren ihre Glieder,
zwanzig Nachtigallen litten Lust in ihrer Kehle.

Unter der Berührung ihrer Hände bebte die verschlungne Seele.

Aus ihren Haaren stieg der große Mond.

René Schickele (1883 – 1940); Dichter aus dem Elsass, setzte sich nach dem ersten Weltkrieg engagiert für die deutsch-französische Aussöhnung ein. Schon 1932 ahnte er, was sich in Deutschland anbahnte und emigrierte nach Südfrankreich. Dort lebte er, bis er einige Monate nach Einmarsch der Wehrmacht an Herzversagen starb. Auch seine Werke wurden von den Nationalsozialisten den Flammen übergeben.

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Klabund - Ich baumle mit de Beene

Gefunden im Skulpturenpark Bremen-Gröpelingen


Ich baumle mit de Beene

Meine Mutter liegt im Bette,
Denn sie kriegt das dritte Kind;
Meine Schwester geht zur Mette,
Weil wir so katholisch sind.
Manchmal troppt mir eine Träne
Und im Herzen pupperts schwer;
Und ich baumle mit de Beene,
Mit de Beene vor mich her.

Neulich kommt ein Herr gegangen
Mit ’nem violetten Schal,
Und er hat sich eingehangen,
Und es ging nach Jeschkenthal!
Sonntag war’s. Er grinste: „Kleene,
Wa, dein Port’menée ist leer?“
Und ich baumle mit de Beene,
Mit de Beene vor mich her.

Vater sitzt zum ’zigsten Male,
Wegen „Hm“ in Plötzensee,
Und sein Schatz, der schimpft sich Male,
Und der Mutter tut’s so weh!
Ja, so gut wie er hat’s keener,
Fressen kriegt er und noch mehr,
Und er baumelt mit de Beene,
Mit de Beene vor sich her.

Manchmal in den Vollmondnächten
Is mir gar so wunderlich:
Ob sie meinen Emil brächten,
Weil er auf dem Striche strich!
Früh um dreie krähten Hähne,
Und ein Galgen ragt, und er . . .
Und er baumelt mit de Beene,
Mit de Beene vor sich her.


Klabund, das ist Alfred Henschke, (1890 - 1928) Für die Nazis, die seine Werke später verboten, seine Bücher verbrannten, war er ein „Asphaltdichter“, also in etwa ein entarteter und verjudeter Künstler, für die Kommunisten war er ein „bürgerlicher Individualitätstrottel“. Doch mit seinen Gedichten, die er in kleinen Heften, wie zum Beispiel der „Harfenjule“ veröffentlichen ließ, billig gedruckt und günstig zu haben, so wollte er es, traf er einen Volkston, der ihn bei den „kleinen Leuten“ beliebt machte.

Dienstag, 2. Dezember 2014

Gertrud Kolmar - Der Engel im Walde



Der Engel im Walde

Gib mir deine Hand, die liebe Hand, und komm mit mir;
Denn wir wollen hinweggehen von den Menschen.
Sie sind klein und böse, und ihre kleine Bosheit haßt und peinigt uns.
Ihre hämischen Augen schleichen um unser Gesicht, und
ihr gieriges Ohr betastet das Wort unseres Mundes.
Sie sammeln Bilsenkraut . . .
So laß uns fliehn
Zu den sinnenden Feldern, die freundlich mit Blumen und
Gras unsere wandernden Füße trösten,
An den Strom, der auf seinern Rücken geduldig wuchtende
Bürden, schwere, güterstrotzende Schiffe trägt,
Zu den Tieren des Waldes, die nicht übelreden.

Komm.
Herbstnebel schleiert und feuchtet das Moos mit dumpf
smaragdenem Leuchten.
Buchenlaub rollt, Reichtum goldbronzener Münzen.
Vor unseren Schritten springt, rote zitternde Flamme,
das Eichhorn nur.
Schwarze gewundene Erlen züngeln am Pfuhl empor in
kupfriges Abendglasten.

Komm.
Denn die Sonne ist nieder in ihre Höhle gekrochen, und ihr
warmer rötlicher Atem verschwebt.
Nun tut ein Gewölb sich auf.
Unter seinem graublauen Bogen zwischen bekrönten Säulen
der Bäume wird der Engel stehn,
Hoch und schmal, ohne Schwingen.
Sein Antlitz ist Leid.
Und sein Gewand hat die Bleiche eisig blinkender Sterne
in Winternächten.
Der Seiende,
Der nicht sagt, nicht soll, der nur ist,
Der keinen Fluch weiß noch Segen bringt und nicht in
Städte hinwallt zu dem, was stirbt :
Er schaut uns nicht
In seinem silbernen Schweigen.
Wir aber schauen ihn,
Weil wir zu zweit und verlassen sind.

Vielleicht
Weht ein braunes, verwelktes Blatt an seine Schulter,
entgleitet;
Das wollen wir aufheben und verwahren, ehe wir weiterziehn.

Komm, mein Freund, mit mir, komm.
Die Treppe in meines Vaters Haus ist dunkel und krumm
und eng, und die Stufen sind abgetreten;
Aber jetzt ist es das Haus der Waise, und fremde Leute wohnen darin.
Nimm mich fort.
Schwer fügt der alte rostige Schlüssel im Tor sich meinen
schwachen Händen.
Nun knarrt es zu.
Nun sieh mich an in der Finsternis, du, von heut meine Heimat.
Denn deine Arme sollen mir bergende Mauern baun,
Und dein Herz wird mir Kammer sein und dein Auge mein
Fenster, durch das der Morgen scheint.
Und es türmt sich die Stirn, da du schreitest.
Du bist mein Haus an allen Straßen der Welt, in jeder
Senke, auf jedem Hügel.
Du Dach, du wirst ermattet mit mir unter glühendem
Mittag lechzen, mit mir erschauern, wenn Schneesturm
peitscht.
Wir werden dürsten und hungern, zusammen erdulden,
Zusammen einst an staubigem Wegesrande sinken und weinen ...

Gertrud Kolmar, Dichterin, geboren 10. 12. 1894, ermordet März 1943 im Konzentrationslager Auschwitz.

Ich habe noch ein zweites Gedicht mit dem Titel "Der Engel im Walde" von ihr gefunden:

Der Engel im Walde

Ich aber traf ihn nachmittags im Wald.
Ein Wunder, das durch Buchenräume ging,
So menschenfern, so steigend die Gestalt,
Das blaue Luft im Fittich sich verfing;

Das Antlitz schien ein reines, stilles Leid,
Sehr sanft und silbrig rieselte das Haar,
In großen Falten schritt das weiße Kleid.
Er schaffte nichts, er sagte nichts: Er war.

Und nichts an ihm, was schreckte, was verbot.
Und dennoch: keines Sterbens Weggenoss,
Dass meine Lippe, ob auch unbedroht,
Erstaunten Ruf, die Frage stumm verschloss.

Ein Blatt entwehte an sein Gürtelband,
Vergilbt und schon ein wenig krausgerollt;
Er fing und trug es in der schmalen Hand
Wie ein Geschenk aus Bronze und aus Gold.

Wer sah ihm zu? Das Eichhorn, rot am Ast,
Und Rehe, die das Buschwerk schnell verlor.
Und Erlen wandern schon im Abendglast
Wie schwarze Schlangen züngelnd sich empor.

Er regte kaum die dünne Blätterschicht
Mit weichem Fuß. Er hatte ewig Zeit
Und zog: wohin? In Stadt und Dörfer nicht.
Er wallte außer aller Wirklichkeit.

Nicht unsre Not, nicht unser armes Glück,
Nur keusche Ruhe barg sein Schwingenpaar.
Ich folgte nach und stand und blieb zurück.
Er brachte nichts, er sagte nichts: er war.