Samstag, 16. März 2024

Paul Boldt: Vormorgens

 



Vormorgens

Schneeflocken klettern an den Fensterscheiben,
Auf meinem Schreibtisch schläft der Lampenschein,
Und hingestreute Bogen, weiß und rein,
Ich wollte wohl etwas von Versen schreiben.

Der Tag ist nah. Die Jalousien schurr’n,
Die letzten Sterne torkeln von den Posten.
Der Tag ist nah, den unbesternten Osten
Bevölkern Morgenwinde schon purpurn.

Und mich bewachsen Abende, beschatten
Die Jahre! O ich dunkle ein.
Das Gas singt in den Gassen Litanein,
Dass meine Augen so sehr früh ermatten.

Paul Boldt, aus: Junge Pferde! Junge Pferde!, Kurt Wolff Verlag Leipzig 1914
Auch in: Junge Pferde, junge Pferde. Das Gesamtwerk; Lyrik, Prosa, Dokumente, Verlag Walter, 1979

Am 16. März 1921 starb der 1885 geborene Dichter Paul Boldt in Freiburg im Breisgau an einer Embolie nach einer Operation. Er hinterließ nur einen Gedichtband, schon 1918 hatte er aufgehört zu schreiben. Doch durch sein Gedicht „Junge Pferde“ wurde er 1914 in Künstlerkreisen berühmt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen