Donnerstag, 28. Dezember 2017

Irene Forbes Mosse: Zugvögel / Auf der Düne / In die Luft gesungen / Aus: Der kleine Tod




Zugvögel

So laß mich mit Dir ziehn
Im stillen Sternenscheine,
O nur wir zwei alleine
Im menschenleeren Raum.

In fremden Städten gehn
Wir abends durch die Gassen,
Die Brunnen sind verlassen,
Wir gehen wie im Traum.

An dunkler Kirchentür,
Auf grauen Treppensteinen,
An Deiner Brust zu weinen . . .
Was gibst Du, Welt, dafür?

Wenn rings der Abend quillt
Hört man die Wasser rauschen,
Ich will dem Brunnen lauschen,
Der all mein Dürsten stillt.


Auf der Düne

Als Deine Linke
Unter dem Haupt mir lag,
Und Deine Rechte
Mich wiegte und herzte,
War es wohl sonnige Zeit . . .
Als ich, die Augen voll Tränen,
Immer ins Blaue starrte,
In die schüchtern grünenden Wipfel,
Sang mir's im Herzen:
Gesegnet, gesegnet
Seien die länger werdenden Tage!


In die Luft gesungen

Wie eine Rose, Blüte um Blüte,
Hin in den sterbenden Sommer verschenkt,
Blüht meine Seele, denn zaubernde Güte
Hat ihr auf's neue die Wurzeln getränkt.

Was ich auch wurde, ist alles Dein eigen,
Was mich beseligt und was mich betrübt,
Sehnen und Wähnen und schmerzliches Neigen . . .
Segen um Segen . . . wir haben geliebt!

Aus: Das Rosenthor Gedichte von
Irene Forbes Mosse
Insel Verlag Leipzig 1905

Irene Forbes-Mosse, geb. von Flemming, geboren am 5. August 1864 in Baden-Baden; gestorben am 26. Dezember 1946 in Villeneuve, Schweiz, Schriftstellerin. Sie schrieb Gedichte und Erzählungen und arbeitete als Übersetzerin. Im Dritten Reich wurden ihre Bücher verboten.

Der Dichter Karl Wolfskehl, wie sie nach 1931 im Exil, schreibt 1935 über ihre Erzählungen:

"(…) entzückt und bewegt mich der märchenhafte Reichtum, der aus so viel sicheren und originellen Einzelzügen, so viel farbigen Tupfen, Bildern und Bilderfolgen zusammenschmilzt, die, zart und stark zugleich, in sich selber bestehen, aus sich selber zu wachsen scheinen. Was Sie alles wissen, sehen und aufspüren! Das ist nicht mehr Beobachtung oder bloßes Wissen um Charaktere, Altersstufen, menschliche Bezüge, Toilettengeheimnisse und Gastronomie (…): es ist bei Ihnen immer, als erfaßten Sie die geheimnisvollen Fäden, das gesamte Astralgewebe, aus dem Situationen und Begebnisse erst ihren Sinn erhalten. Alles Halbtonige, das "Zwischen", der abschattende Hauch, den der Gang der Dinge rückläßt, das Unausweichliche eines Schicksalswegs und das süße Mitfühlen des Lieblich-Unzulänglichen alles Erdendaseins: das sind die Elemente, aus denen Ihre Figuren gehoben und gestaltet sind, daraus sie wachsen und welken. Dabei als Gefühlsstand eine warme, mitzitternde Klarheit, sie verbirgt sich und andern nicht die kleinste Falte, verbietet sich kein Lächeln und keine Ironie –– wer kann heut noch so wundervoll boshaft sein, so fein und selbstgewiß doch auch des andern, des Angeschauten Teil und Recht mit freundlichem Achselzucken wahrend, die armen, tölpischen Kinder, genannt Erwachsene, also auf ihr Getue und Getapse hin ansehen und rubrizieren! Eigentlich gilt Ihr stärkstes, Ihr ganz mitzitterndes Schauen und Erkennen ja doch jener unheimlichen, aus Frohlocken und Trübsinn gewobenen, noch halb jenseitigen Zwischenwelt kurz vor Tage."

Nun gib zurück, was von der Erde war,
Die dunklen Stunden und die hellen Stunden,
Die Rosen tiefverwurzelt in den Wunden,
Der Arbeit Krone auf gebleichtem Haar ...
Der Schönheit Hornruf, zauberndes Geläute,
Der Wahrheit Schauern, ihren Geisterschritt,
Die Glut der Seele, die gefangen litt ...
Das Unvergeßne ... und das Unbereute.

Wenn du ein grünes Blatt gegen die Sonne hältst, siehst du die zarten Äderchen, durch die doch des ganzen Baumes, des ganzen Waldes Lust und Leben geflossen ist. Und du denkst an die winzigen Pflanzen, die der Windausgesät hat,wie sie zwischen Farnen und Weidenröschen und dem wilden gelben Löwenmaul stehen, wo die Sonne brütet und die Hummeln in den Distelköpfen einduseln ... aber fern tönt der Axtschlag, wo die Riesen gefällt werden.

Oder du siehst sie, wie sie dann zu Wäldern wurden, in denen immer, ob Frühling oder Herbst, der Boden rostbraun ist vom Laub des Vorjahres. Oben säuseln die Kronen; es wird dunkel, wenn eine Wolke vorbeizieht, aber dann kommt die Sonne wieder, schräg und duftig, und die Stämme leuchten auf, silbern und fremd. Es müßten Hexen zwischen ihnen hergehen, schöne, unselige Hexen, mit schönen, schlimmen Blumen in den Armen, Nachtschatten und Hellebore und Fingerhut.

Und dann ist's wieder die lässige Rosenpracht grauer toskanischer Mauern, wo der Schatten der Oliven auf dem Pflaster zuckt und zittert, und der Überfluß niederträuft, und man dazwischen aufsteigt, der Schönheit so gewohnt wie der Luft, die man atmet. Darum, meine ich, schenkt das Wort reicher als das Bild. Denn das Bild zieht an sich, will uns nicht loslassen, will, daß wir in ihm wohnen bleiben; aber das Wort weist hinaus auf andere Wege und führt jeden dahin, wo es ihm gefällt.

Die große Buche mitten im Weg: ganz hohl; zwei Menschen könnten in ihr aufrecht stehen wie in einem Schilderhaus. Die Krone ist noch grün; aber das meiste an ihr ist hohler, verwitterter Stamm. Darum wird sie nur wenig Geld bringen. Und ist doch gezeichnet: diesen Winter muß sie fallen. So alt. Wie lange schon steht sie hier, ernsthaft, geduldig im lastenden
Schnee, im ersten zitternden Frühlingshauch erwachend, grüngolden, säuselnd im Sommer; und dann im Herbst, rostbraun, mit sinkenden Blättern. Man könnte sie wohl Alters sterben lassen; die Walderde gäbe ihrein mildes Gnadenbrot, der Wind streichelte leise den letzten Seufzer aus ihrem Wipfel.

Aus: Der kleine Tod, 1912, S. Fischer, Verlag, Berlin

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