Freitag, 7. Juli 2023

Marianne Cohn: Ich werde morgen verraten, heute nicht

 



Ich werde morgen verraten, heute nicht


Ich werde morgen verraten, heute nicht.
Heute reißt mir die Nägel raus.
Ich werde nichts verraten.

Ihr kennt die Grenze meines Mutes nicht.
Ich kenn sie.
Ihr seid fünf harte Pranken mit Ringen.
Ihr habt Schuhe an den Füßen:
Mit Nägeln beschlagen.

Ich werde morgen verraten, heute nicht.
Morgen.
Ich brauch die Nacht, um mich zu entschließen,
Ich brauch wenigstens eine Nacht,
Um zu leugnen, abzuschwören, zu verraten.
Um meine Freunde zu verleugnen,
Um dem Brot und Wein abzuschwören,
Um das Leben zu verraten,
Um zu sterben.

Ich werde morgen verraten, heute nicht.
Die Feile ist unter der Kachel,
Die Feile ist nicht fürs Gitter,
Die Feile ist nicht für den Henker,
Die Feile ist für meine Pulsader.
Heute habe ich nichts zu sagen.
Ich werde morgen verraten.

Marianne Cohn, auch in: Frankreich meines Herzens. Die Résistance in Gedicht und Essay Hg. Irene Selle, Leipzig 1987

Marianne Cohn, geboren am 17. September 1922 in Mannheim, Freistaat Baden; ermordet am 8. Juli 1944 in Ville-la-Grand, Haute Savoie, Frankreich, Kinderfürsorgerin und Widerstandskämpferin. Sie studierte in München Nationalökonomie und war von 1914 bis 1916 mit Walter Benjamin verlobt gewesen. Bis zu seinem Todesjahr 1940 stand stand sie mit ihm in regelmäßigem Briefwechsel.

Am 31. Mai 1944 versuchte sie einen Transport von 32 jüdischen Kindern (zwischen drei und 19 Jahren) von Lyon – damals unter deutscher Besatzungsherrschaft – aus in die sichere Schweiz zu bringen. Auf diese Weise sollte die vorgesehene Deportation der Kinder in ein deutsches KZ (zum Zweck ihrer Tötung) verhindert werden. Kurz vor der Grenze scheiterte die Flucht. Cohn und die Kinder wurden ins Gefängnis gebracht. Der Bürgermeister Jean Deffaugt des Ortes Annemasse bot ihr an, ihr allein zur Flucht zu verhelfen, was sie ablehnte, um bei den Kindern zu bleiben. Schließlich wurden die Kinder gerettet, sie selbst aber bei der Befreiung des Ortes am 23. August 1944 tot unter einem Leichenhaufen gefunden. Mit ihr zusammen wurden am 8. Juli noch mehrere ebenso inhaftierte Widerstandskämpfer ermordet. (Wiki)

Das Foto zeigt sie im Juli 1944

Hier die französische Fassung des Gedichtes: 

Je trahirai demain, pas aujourd'hui
Aujourd'hui, arrachez-moi les ongles
Je ne trahirai pas !
Vous ne savez pas le bout de mon courage.
moi, je sais.
Vous êtes cinq mains dures avec des bagues.
Vous avez aux pieds des chaussures avec des clous.
Je trahirai demain. Pas aujourd'hui,

Demain.
Il me faut la nuit pour me résoudre.
Il ne me faut pas moins d'une nuit
Pour renier, pour abjurer, pour trahir.
Pour renier mes amis,
Pour abjurer le pain et le vin,
Pour trahir la vie,
pour mourir.
Je trahirai demain. pas aujourd'hui.
La lime est sous le carreau,
La lime n'est pas pour le bourreau,
La lime n'est pas pour le barreau,
Le lime est pour mon poignet.
Aujourd'hui, je n'ai rien à dire.
Je trahirai demain

Donnerstag, 6. Juli 2023

Julius Hart: Natur / Fichtenrauschen - Mondscheinleuchten. . .

 



Natur


Nacht fließt in Tag und Tag in Nacht,
der Bach zum Strom, der Strom zum Meer -
in Tod zerrinnt des Lebens Pracht,
und Tod zeugt Leben licht und her.
Und jeder Geist, der brünstig strebt,
dringt wie ein Quell in alle Welt,
was du erlebst, hab ich erlebt,
was mich erhellt, hat dich erhellt.
All´ sind wir eines Baums Getrieb,
ob Ast, ob Zweig, ob Mark, ob Blatt -
gleich hat Natur uns alle lieb,
sie, unser aller Ruhestatt.

Julius Hart, aus: Gedichte des Naturalismus, lernhelfer de


Fichtenrauschen – Mondscheinleuchten
heben an ein seltsam Singen,
und im lichten Glaste flimmert´s
wie von weißen Geisterschwingen ...

Wirfst du endlich ab die Hülle,
kehrst du wieder heim, Verlorner?
wachst du auf aus deinen Träumen,
nie Gestorbner – nie Geborner?!

Siehst du dich im goldnen Kahne
durch des Lebens Fluten gleiten,
nur gewichen sind die Ufer,
und erweitert sind die Weiten ...

Deine Flügel sind entfaltet
über Raum und alle Zeiten,
Tod und Leben sind nur Formen,
Träume dunkler Sinnlichkeiten.
Julius Hart, aus Totentanz

Julius Hart, geboren am 9. April 1859 in Münster; gestorben am 7. Juli 1930 in Berlin, Dichter und Literaturkritiker.

Zusammen mit seinem Bruder Heinrich Hart gab er die die Zeitschrift Kritische Waffengänge (1882–1884) heraus, die als ein Quellpunkt des literarischen Naturalismus in Deutschland angesehen werden kann. Weitere Zeitschriftengründungen dieser Jahre waren die Berliner Monatshefte für Literatur, Kritik und Theater (1885) und Kritisches Jahrbuch (1889–1890). Als Verfasser von Lyrik (Stimmen in der Nacht, 1898) und lyrischer Prosa (Träume der Mittsommernacht, 1905) war Julius Hart weniger erfolgreich. Seine Stärke lag in der Fähigkeit, Gleichgesinnte um sich zu scharen. (Wiki)

So waren die Brüder Hart zusammen mit Gustav Landauer Mitbegründer der Neuen Gemeinschaft in Berlin Schlachtensee, die von 1900 - 1904 bestand. Diese sollte eine freireligiöse und anarchistische Kommune bilden. Zu der kurzlebigen aber wirkungsreichen Gemeinschaft gehörten unter anderem Peter Hille, Else Lasker-Schüler und Erich Mühsam an. Die Neue Gemeinschaft wurde zu einem der wesentlichen Anreger der alternativen Lebensgemeinschaften, die sich nahe Ascona am Monte Verità entwickelten.

Mittwoch, 5. Juli 2023

Aus: Wir - Gedichte von Frieda Mehler

 



Ich aber habe Sehnsucht,
Sehnsucht nach Menschen,
Nicht nach dem maskenhaften Gaukelspiel,
Das uns umgibt.
Nach Menschen, blutvolll lebendig,
Die leiden, lieben und schaffen können,
Die wissen, dass sie leben.
Ich aber habe Sehnsucht, Sehnsucht nach Worten,
Die nicht abgegriffene Worte sind,
Nicht hunderttausend Mal gehörte,
Nach Worten, die überschäumen
Von Inhalt, von klingenden, singenden Tönen,
Die Gedanken haben und geben.
Ich aber habe Sehnsucht, Sehnsucht nach Liebe.
Nach stiller, leiser, feiner Zärtlichkeit,
Nach einer Seele, die meiner verwandt,
Die mich in ihrem Spiegel aufnimmt und zurückwirft
Und mit mir lacht und klagt.

* * *

Ich bin nur eine von den vielen,
Die unbeachtet ihres Weges ziehen,
Die unverzagt nach fernen, stillen Zielen
Sich sehnen, schreiten, unentwegt sich mühen.
Ich bin nur eine von den Frauen,
Die in der großen, dumpfen Masse gehen,
Verträumten Auges in die Weite schauen
Und dieser Zeiten Nöte nicht verstehen.
Ich bin nur eine von den allen,
Die eines Tages still am Wege bleiben,
Schatten, die schwinden, Schritte, die verhallen,
Wie Spuren, die im Sand wir spielend schreiben.

* * *

Wir sind der Menschheit Dünger,
Der zur Blüte treibt
Die kommenden Geschlechter, wenn wir gingen.
Wir sind die Asche, die von wilden Feuern bleibt,
Die wir gebrannt, das Schicksal und zu zwingen.
Wir sind ein Staub, der an den Wegen rastet,
Wenn wild in Stürmen junge Scharen ziehen.
Am Fuße haftend, der vorüberhastet,
Dem allgemeinen Sterben zu entfliehen.
Ihr seid der Keim, wir sind die warme Hülle,
Die Eure Wurzel mütterlich umschließt,
Wenn Ihr getrieben von der Kräfte Überfülle,
Der Zukunftssonne zu in Blüten schießt.
Wir müssen enden, dass Ihr werden könnt.
Den Fortschritt stark und kräftig sucht.
Wir sterben, dass zu leben Euch vergönnt.
Wir sind der Boden und Ihr seid die Frucht.

* * *

Einmal, ehe ich herniederstieg zu dieser Welt,
War ich der Sternenwelt verschwistert,
Wenn ein Stern aus seiner Höhe fällt,
Fühle ich sein Bruderwort mir zugeflüstert.
Was mir blieb, seitdem mich diese Erde trägt,
Ist die Sehnsucht nach dem ganz Erhabenen,
Wenn mein Herz im Gleichtakt mit den Sternen schlägt,
Fühl´ die Last ich des in Staub begrabenen.
Mensch ist höchstes, Mensch ist tiefstes Sein,
Mensch ist unvergänglich und doch endlich,
Menschsein schließet alle Höllen ein,
Mensch ist, was ewig unverständlich.

* * *

Man sollte geizen mit den letzten Stunden,
Die uns das Leben, die der Tod uns gönnt,
Man sollte eilen, bis man heimgefunden,
Eh´ noch der Lampe letztes Öl verbrennt.
Es blieb noch vieles ungetan am Wege,
Man hetzt ihm nach und holt es nicht mehr ein
Und fühlt: des Herzens letzte, wilde Schläge,
Sie werden immer um Versäumtes sein.
Ein Mund verstummt, ein Auge bleibt verschlossen,
Was Du auch bringen magst, es ist zu spät,
Und Du stehst schweigend vor dem Weggenossen,
Der Deinen Blick, Dein Wort nicht mehr versteht.

Aus: Wir - Gedichte von Frieda Mehler, Berthold Levy / Jüdischer Buchverlag, Berlin 1937

Frieda Mehler, Dichterin und Kinderbuchautorin, geboren am 20. Mai 1871 in Halberstadt. Am 28. Februar 1939 emigrierte sie in die Niederlande. Am 2. Juli 1943 wurde sie vom Lager Westerbork in das Vernichtungslager Sobibor deportiert, wo sie wahrscheinlich am 5. Juli 1943 ermordet wurde.

„Zu herzlichen Glückwünschen und Geburtstagsgrüßen scharen sich daher am 20. Mai viele große und kleine Kinder, die Märchengestalten ihrer Chanukahsagen, echt deutsche Feen und magische aus Phantasieländern, Luftgeister in wundersamer Schwebe zwischen Orient und Occident, Rehe aus den Heimatwäldern der Dichterin und die biblischen Herden, deren Urenkel noch heute am Kamelhang weiden, sowie unter zahlreichen Freunden aus Vergangenheit und Gegenwart auch als alter Märchenfreund.“

Auszug aus der Würdigung in den Posener Heimatblättern zu Frieda Mehlers 65. Geburtstag, von Arthur Silbergleit, Dichter der Breslauer Dichterschule, geboren Mai 1881 in Gleiwitz, ermordet März 1943 in Auschwitz.

Dienstag, 4. Juli 2023

Jean de Bourgeois (Carl Einstein): Ick sitze da un esse Klops. . .

 



Ick sitze da un esse Klops.
Uff eemal klopp’s.
Ick kieke, staune, wundre mir,
Uff eemal jeht se uff, de Tür.
Nanu denk’ ick, ick denk’ nanu,
Jetzt is se uff, erscht war se zu?
Un ick jeh raus un blicke
Un wer steht draußen? – Icke!

Mit dem Verfassernamen Jean de Bourgeois wurde dieses so volkstümlich wirkende Gedicht im Europa-Almanach, herausgegeben 1925 von Paul Westheim und Carl Einstein, veröffentlicht. Danach bekam es ein Eigenleben, und es wurde als original Berliner-Schnauze-Werk viel und gern nachgedruckt. Zuletzt 2017 im Band 387 in Die andere Bibliothek „Ich kieke, staune, wundre mir. . . - Berlinerische Gedichte von 1830 bis heute“, herausgegeben von Thilo Bock, Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki.

Doch es ist anzunehmen, dass hinter dem Pseudonym Jean de Bourgeois einer der Herausgeber des Almanaches von 1925 selber steckt: Der Dichter und Kulturphilosoph Carl Einstein.

Carl Einstein, eigentlich Karl Einstein, geboren am 26. April 1885 in Neuwied; gestorben am 5. Juli 1940 in Boeil-Bezing in Frankreich nahe der spanischen Grenze, Kunsthistoriker und Schriftsteller.

Einstein war mit dem Dichter und Kritiker Ludwig Rubiner seit der Universitätszeit befreundet, um 1910 machte ihn Franz Blei mit Kurt Hiller und Franz Pfemfert bekannt. Einstein veröffentlichte seine erste Kunstkritik in dem von Pfemfert betreuten Demokraten (1910), theoretische und literarische Texte erschienen seit 1912 regelmäßig in der berühmten politisch-expressionistischen Zeitschrift Pfemferts, der Aktion. Der Roman Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders (1912) löste eine kleine philosophisch-literarische Sensation aus (akausale „absolute Prosa“). Parallel zur literarischen Arbeit verfasste er zahlreiche kunstwissenschaftliche Studien.

Nach einigen Reisen durch Italien zog Einstein 1928 nach Paris. 1932 heiratete Einstein die Französin Lyda Guévrékian. Nach dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges ging er im Sommer 1936 nach Barcelona, seine Frau folgte ihm. Nach dem Sieg Francos im Spanischen Bürgerkrieg floh Einstein 1939 nach Paris. Einstein und seine zweite Frau kamen für eine Weile bei den Leiris unter. Als deutscher Staatsangehöriger im Frühjahr 1940 bei Bordeaux interniert und im Juni entlassen, nahm er sich nach der Niederlage Frankreichs das Leben. (Wiki)

Lili Grün: Man kann so tun. . . / Einzelhaftpsychose

 



Man kann so tun. . .

Man kann mit unerhörter Energie sich in die Arbeit stürzen,
Denn Arbeit ist, wie jeder weiß,
Die beste Medizin.
Man kann mit ungeheuer klugen Mienen sprechen:
Es gibt wahrhaftig wichtigeres als ihn.

Man kann stundenlang Gespräche führen
Mit Leuten, die uns fremd sind und egal,
Man kann mit einem halben Dutzend Männern kokettieren,
Zuguterletzt ist alles peinlich und fatal.

Man kann den Mund an fremde Lippen pressen,
Man kann versuchen in den Armen eines andren zu vergessen.
Das Resultat ist leider bloß, dass man sich doch an ihn erinnern muss,
Denn nichts ist schlimmer für gebrochene Herzen,
als ein fremder Kuss.

Man kann sich selber auf die Schulter klopfen
Und zu sich sagen: „Na siehst du, Kind, es geht ganz gut,
Was kann uns schließlich viel passieren
Wenn wir nur etwas nicht verlieren
Und das ist der Verstand und noch ein bisschen Mut.“

Man kann so tun, als ob schon alles ganz in Ordnung wäre,
Nur eines stört, und das ist, dass man Nachts nicht schlafen kann,
Und dass man weinen muss, so schrecklich weinen,
Als gäb es auf der ganzen weiten Welt nur einen,
Nur den Einen!

Lili Grün, aus: Der Tag, Wien 16. Juni 1937


Einzelhaftpsychose


Ich weiß nicht mehr, wie meine Stimme klingt,
Ich glaub, ich habe seit Tagen nicht gesprochen.
Ob man sich etwas aus der Zeitung liest?
„In Neukölln hat einer seine Frau erstochen - -“
Ach nein, es ist schon besser, wenn man etwas singt.

Ich lege fest meine beiden Arme um mich
Und sage ins dunkle Zimmer: Ich liebe dich -
Weißt du, es war an einem Sonntagnachmittag wie heut,
Da war ich ganz allein - und ich tat mir so leid -
Doch jetzt ist alles gut, denn jetzt bist du da -
Und du bist so gut und du bist so nah. . .

Ich warte, ob drauf niemand was sagen will,
Aber im Zimmer ist´s immer noch still,
Und ich höre keinen.
Da leg ich meine beiden Hände vors Gesicht
Und kann endlich weinen. . .

Lili Grün, aus der Zeitschrift Das Leben, Oktober 1930, das Foto wurde dem Gedicht vorangestellt.

Lili Grün wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit Freundinnen und Freunden aus der Künstlerszene ein literarisch-politisches Kabarett eröffnete. Zurück in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz über Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Mit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und am 1. Juni 1942 mit anderen Opfern, darunter die Dichterin Alma Johanna Koenig, im weißrussischen Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.

Sonntag, 2. Juli 2023

Nadja Strasser: Die Einsame

 



Die Einsame

Ich habe mich nach Dir den langen Tag gesehnt - und Du? . . .
Hast Du auch träumend  -  wachend  -  bang gehorcht
wie die Sekunden rannen
eine nach der andern, müden Tropfen gleich? . . .
Spannten sich auch Deine Arme zuckend in der Luft?
                                  und bebten Deine Lippen
den Schatten anderer Lippen suchend?
Fühltest Du, wie Deine Nerven riefen: komm, ach komm!
Saßest Du, die Augen müd geschlossen,
im weichen Lehnstuhl  -  wartend  -  wartend  -
schauernd bei jedem leisen Klang . . .
Und hörtest Du wie Deine Sinne rauschten  -
gleich ferner Meeresbrandung  -
so tief, so weit. . .

Ich sehne mich nach Dir, wie sich der heiße Tag
nach Abendkühle sehnt  -
 -  und Du?. . .

Nadja Strasser, aus: Die Aktion, Heft 30, 12. Juli 1913

Nadja Strasser, geboren als Noema Ramm am 25. September 1871 in Starodub, Russisches Kaiserreich; gestorben am 19. August 1955 in Berlin, deutsch-russische Feministin, Schriftstellerin und Übersetzerin.

Das Bild ist von William McGregor Paxton (1869 - 1941)

Peter Baum: Wenn oft ich staune

 



Wenn oft ich staune

Wenn oft ich staune, daß ich nicht
Wie jener Baum im Winde bebe,
Daß selbst ich Stirn und Arme hebe
Und wandle wie das Sonnenlicht -

Dann ist ein Lachen über mir,
Und staunend fühl ich, was mich biegt
Und auf und nieder wiegt
Das helle Lachen über mir.

Peter Baum, aus: Aus seinen Werken, in Die weißen Blätter, Juli 1916, anlässlich seines Todes am 6. Juni 1916

Peter Baum (* 30. September 1869 in Elberfeld; † 6. Juni 1916 bei Keckau/Riga)

In Berlin gehörte er von 1892 bis zur Auflösung des Dichtervereins 1898 dem „Tunnel über der Spree“ an. Seit 1898 stand Baum in Verbindung zum Autorenkreis um Peter Hille. Eine Freundschaft verband ihn mit Herwarth Walden, an dessen Zeitschrift „Der Sturm“ er mitwirkte. Baum war Mitglied der lebensreformerischen Vereinigung „Die Kommenden“ und stand der „Neuen Gemeinschaft“ nahe. Er galt als engster Vertrauter von Else Lasker-Schüler. Nach der Scheidung seiner ersten Ehe mit Johanna Mathilde Stivarius im Jahre 1913 war er mit der Künstlerin Jenny Boese verheiratet. Peter Baum, der sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges als Freiwilliger gemeldet hatte, „fiel“ 1916 im Baltikum.

Das Bild ist von Julius Sergius von Klever (1850 - 1924)