
Deine Augen sind ein Korngrün weit . . .
Deine Augen sind ein Korngrün weit,
Zart Gewordnes, das den Mai erfuhr.
Jeder Tag weckt eine neue Gnade,
ein Erlösen mehr im Blickgelände
mit dem weißen Lerchenlied der Hände.
Deine Augen sind ein Korngrün weit
und ein Lächeln zieht darin die Spur
süßverliebter Pfade.
Jede Bitte, die ich heiß in Deine Augen strahle,
schwillt zur Frucht,
zwängt sich reif durch eine schmale
kußbereite Bucht.
Deine Augen sind ein Korngrün weit.
Spannt die Nacht darüber sternbestickte Tücher,
wächst verschwistertes Erglühn
aus dem Dom gewordnen Grün
und singt Psalme gottverbrämter Bücher.
Aus: Die eiserne Brücke , Neue Gedichte von Paul Zech, Verlag der Weißen Bücher Leipzig 1914
Paul Zech, geboren am 19. Februar 1881 in Briesen (Westpreußen), gestorben am 7. September 1946 in Buenos Aires, bevor er aus dem Exil nach Deutschland zurück kehren konnte.
Das Bild „Mädchen mit blaugrünen Augen“ ist von Julie Wolfthorn, (auch Wolf-Thorn, geborene Wolf oder Wolff), geboren am 8. Januar 1864 in Thorn, Westpreußen; gestorben am 29. Dezember 1944 im KZ Theresienstadt) war eine deutsche Malerin, Zeichnerin und Grafikerin der Moderne. Als Jüdin wurde sie ein Opfer der Shoa. Bis auf wenige Bilder in den Depots deutscher Museen galt ihr umfangreiches Werk lange Zeit als verschollen und wurde erst Anfang 2000 wiederentdeckt.
In jedem Lichte hoff ich Dich zu lernen.
Ich weine, um Dir nah zu sein.
Und abends späh ich nach den Sternen
Und glaube Schein von Deinem Schein.
Ich bin das Kind in dunkler Fensterstufe
Und sage mir ein klein Gebet:
Hörst Du es auch, wie ich Dich rufe?
Und dann sinkt sachte der Komet.
Fällt in den See und rauscht so leise.
Ach, an den Fernen hab ich mich versehn.
Ein blindes Licht singt seine Weise
Und willenlose Zweige wehn. . .
Am dunklen Himmel kreisen Sterne
Sie wandern leise um die Ruh.
Es wacht der Fremdling in der Ferne
Hört einem Brunnenliede zu. . .
Emmy Hennings, aus: Emmy Ball-Hennings: Hugo Ball - Sein Leben in Briefen und Gedichten; Mit einem Vorwort von Hermann Hesse; S. Fischer Verlag Berlin 1930
Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich.

Doch erzähle davon nicht
Über Liebe, über Ehe,
Denke wie Du willst und magst;
Doch erzähle davon nicht.
Denn wie ich das übersehe,
Ist doch Irrtum, was Du sagst,
Ist doch Irrtum, was man spricht.
Was man sieht aus großer Nähe,
Was Du tust, und was Du wagst,
Zeigt ein wechselndes Gesicht.
Alles strömt, nichts ist zu halten,
Wo Gefühl und Leidenschaft,
Auf und nieder schwankend gehn.
Sich erhitzen, und erkalten,
Sind wir frei bald, bald in Haft.
In dem fließenden Geschehn,
Wird doch das, was wir gestalten,
Was wir tun, was wir geschafft,
Untergehen und verwehn.
Alles treibt und wird getrieben,
Gleitet, strömt, man merkt es kaum,
Füge schweigend Dich hinein.
Was wir sind, was uns geblieben,
Und was echt war, oder Schaum,
Sehen wir sehr spät erst ein.
Wenn wir wissen, dass wir lieben,
Zarte Tönung, schöner Traum,
Soll man still und glücklich sein.
Aus: Tag- und Nachtgedichte von Lessie Sachs
Ausgewählt und eingeleitet von Heinrich Mann
New York City 1944
Am 5. 9. 1897 wird die Dichterin Lessie Sachs in Breslau geboren. Sie besuchte zunächst die Kunstgewerbeschule in ihrer Heimatstadt Breslau, dann in München. Dort wird sie wegen pazifistischer Aktionen in der Zeit der Räterepublik vorübergehend inhaftier. Sie kehrt nach Breslau zurück und leitet dort ein Atelier für Seidenmalerei.
Ihre Gedichte und Prosatexte erscheinen in Zeitschriften wie dem Simplizissimus, Uhu und der Vossischen Zeitung, als auch in Anthologien. 1933 heiratet sie den 12 Jahre jüngeren Breslauer Pianisten Josef Wagner.
Im Dezember 1932 präsentiert Josef Wagner in Breslau seine Kompositionen zu Gedichten von Lessie Sachs.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kann Josef Wagner seinen Beruf nicht mehr ausüben; Gedichte von Lessie Sachs dürfen nicht mehr erscheinen. 1937 verlassen beide Deutschland und emigrieren nach Amerika.
Über die wenigen Jahre bis zu ihrem frühen Tod 1942 gibt es kaum biographische Hinweise. In den USA schreibt Lessie Sachs für die deutschsprachige jüdische Wochenzeitung Aufbau.
Lessie Sachs stirbt Anfang 1942 nach langjähriger Krankheit.
Zwei Jahre später veröffentlicht das von Friederike Zweig geleitete "Writers Service Center" posthum die Tag- und Nachtgedichte, eine kleine Auswahl aus ihrem lyrischen Werk.

Blüten
In deinem lichten Garten standest du
zur Blütezeit.
Die braunen Flechten wandest du
zu einer Krone um dein Haupt.
Dann nahmst du in die frischen Hände
voll junger Kraft und Fröhlichkeit
den blütenroten Pfirsichbaum
und schütteltest den schwanken Stamm.
Es fielen Blüten ohne Ende
auf dich herab und in den Raum
der Flechtenkrone über deiner Stirn.
Du freutest dich und sprangst zum Apfelbaum,
der meiste Blüten trug,
und fülltest höher deinen Kronenkorb.
Und so beim dritten, vierten Blütenbaum.
Und hattest nie genug. . .
Doch wie du nach der Gartenmauer kamst,
von der ich lang dein seltsam Spiel betrachtet,
da sahst du mich. Und hurtig nahmst
du eine Handvoll Blüten aus der Kron
Und botst sie mir: „Ich will mir neue schütteln,
mein Garten ist noch übervoll davon!“ -
Ich wehrte ab und schalt dich kühn:
Die Bäume, die so üppig blühn,
sie tragen dir, wenn's herbstet, keinen Lohn.
„Wenn's herbstet -?“ lachtest laut du. da,
wie ich noch nimmer lachen sah -
„wenn's herbstet -! O, das mag ich nicht,
dass man die leichten Frühlingsblüten
im Herbst als schwere Früchte bricht.
Ich will nicht, das die Blüten reifen!“
- Und liefst zurück zu neuem Spiel,
Dass Blut' auf Blüt' in deine Krone fiel.
- Ich aber lernte dich begreifen.
Theodor Etzel, geboren am 9. 1. 1873 in Gelnhausen, starb am 3. 9. 1930 in Bad Aibling.
Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)

Sehnsucht
In meinen Adern häufet sich Blütenstaub:
Wie alles Blut in ihm versiegt!
Von Sehnsucht erklingend begatten sich gläserne
Blumen in meinem Herzen. . .
Fallen welkend aus den Schatten der Schläfen
Meiner Finger enge Fünfblattblüten
Und verlieren sich in reißenden Strömen. . .
Da weht aus des Gaumens Wüste so müder Wind.
Da beugen sich zitternde Zweige zu mir herab
Und trinken heißen Wein aus den Kelchen meiner Augen.
Mit flaumiger Pfirsichhaut sind Himmel und Steine bekleidet.
Vom Sonnenfelsen höhnt mich begreifendes Lächeln von Schlangen:
Das verglättet alle Kanten zu weicher Rundheit.
Dürstendes Dickicht warf sich über den Schoß der Sommernacht:
Nun ist des Tages Hauch eine zimtduftende Orchidee,
In der ich betäubter Falter flattre.
In meinem Haupte rauscht ein Garten,
Auf dessen Kronen schwelender Abend drückt.
Grellrote große Früchte schwingen tönend im Sturm.
Nachts neigen sie sich von den Stielen und fallen.
Wie Flammen von Fackeln. Ertrinken im Tau einer Lider.
Hastet der Sturm durchs phosphorleuchtende Schilf meiner Wimper. . .
Isidor Quartner, geboren 1891, „gefallen“ im September 1915, aus: Der Sturm, Juli 1913
Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)
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Die Industriestadt
Ketten klirren, Menschen hasten;
Mörderisch ist die Schlacht der Lasten, . . .
Keine Seele wird geschont.
Doch ein Licht fällt in den Jammer:
Irgendwo ist eine Kammer,
Wo die Liebe wohnt.
Fritz Droop – geboren am 1. März 1875 als Friedrich Wilhelm Droop in Minden/Westfalen; gestorben am 2. September 1938 in Frankfurt am Main – war ein deutscher Pädagoge, Journalist und Schriftsteller.
Fritz Droop war der Sohn eines in der Bergverwaltung tätigen Beamten. Er besuchte die Oberrealschule in Dortmund und absolvierte anschließend eine Ausbildung am Lehrerseminar in Herdecke. Danach arbeitete er als Volksschullehrer in Schwelm und studierte parallel dazu Literaturgeschichte und Philosophie an den Universitäten in Breslau, Heidelberg und Gießen. Später gehörte Droop der Redaktion von Zeitungen in Dortmund, Essen und Danzig an. In Danzig lehrte er außerdem als Dozent für neuere Literatur und Musikästhetik am Westpreußischen Konservatorium. Ab 1914 war Droop in Mannheim ansässig, wo er für das Feuilleton des „Mannheimer Tageblatts“ schrieb. Droop nahm als Soldat am Ersten Weltkrieg teil; nach 1918 hielt er zeitweise Vorlesungen an einem Seminar für Mitarbeiter der Sozialverwaltung in Weißenfels/Saale. 1931 promovierte er an der Universität Gießen mit einer Arbeit über das Jesuitendrama zum Doktor der Philosophie.
Fritz Droop verfasste neben pädagogischen Fachveröffentlichungen auch erzählende Werke, Gedichte und Theaterstücke. Daneben war er als Herausgeber tätig; u. a. gab er 1920 eine der ersten Anthologien mit Texten dichtender Arbeiter heraus.(wiki)
Das Bild ist von Hans Baluschek (1870 - 1935)

Siede
Meine Schwäche hält sich mühsam
An den eigenen Händen
Mit meinen Kräften
Spielen deine Knöchel
Fangeball!
In deinem Schreiten knistert
Hin
Mein Denken
Und
Dir im Abgrund
Stirbt
Mein letztes Will!
Dein Hauch zerweht mich
Schreivoll in Verlangen
Kühl
Kränzt dein Tändeln
In das Haar
Sich
Lächelnd
Meine Qual!
Traum
Durch die Büsche winden Sterne
Augen tauchen blaken sinken
Flüstern plätschert
Blüten gehren
Dürfen spritzen
Schauer stürzen
Winde schnellen prellen schwellen
Tücher reißen
Fallen schrickt in tiefe Nacht
Aus: August Stramm „Du - Liebesgedichte“, Verlag Der Sturm, Berlin 1922
Die Sterne klagen
Der Windhauch raunt
Woher? Wohin?
Du du? Ich Du?
Aus: Die Haidebraut, Verlag Der Sturm, Berlin 1914
Kriegsgrab
Stäbe flehen kreuze Arme
Schrift zagt blasses Unbekannt
Blumen frechen Staube schüchtern
Flimmer
tränet
glast
Vergessen.
Aus: Der Sturm, Nr. 11/12, 1. u. 2. Septemberheft 1915
Am 1. September 1915 fiel der Dichter August Stramm beim Angriff auf russische Stellungen bei Horodec, heute Weißrussland. Geboren am 28. Juli 1874 in Münster, war er wegweisender Dichter und Dramatiker des Expressionismus durch damals unerhört neue Sprachexperimente. Einer der vielen Dichter der expressionistischen Generation, die aus diesem sinnlosen Krieg nicht zurück kamen.
Das Foto zeigt den Dichter 1915