"Wenn mir einer sagte,
Ein Freund hätte gesagt,
Daß ein anderer Freund gesagt hätte,
Ich hätte zu einem dritten Freunde gesagt,
Daß ein vierter Freund gesagt hätte,
Ein fünfter Freund hätte gesagt,
Daß ein sechster Freund gesagt hätte,
Ich sollte gesagt haben,
Was ich nicht gesagt habe,
So sage er hier getrost an alle Freunde,
Ich hätte gesagt,
Ich hätte nichts gesagt."
"Man kann auch mit Müllabfällen schreien, und das tat ich, indem ich sie
zusammenleimte und -nagelte. Ich nannte es Merz, es war aber mein Gebet
über den siegreichen Ausgang des Krieges, denn noch einmal hatte der
Frieden wieder gesiegt. Kaputt war sowieso alles, und es galt aus den
Scherben Neues zu bauen. Das aber ist Merz."
Kurt Schwitters
Dann wäre Merz auch wieder eine Art Dingefinderkunst, und so schließen sich die Kreise. Am 6. Oktober 1967 trugen Hippes in San Francisco ihre Bewegung zu Grabe, in einem Sarg voll mit Blumen. Danach verstreuten sich die Hippies in alle Welt. Als das Salz der Erde.
Am 6. Oktober 2016 verfertigte sich unter meinen staunenden Augen und Ohren ein Video: Kinder der Ewigkeit.
"Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache" (Kurt Schwitters)
Doch vielleicht ist die Collage die Kunstform der allgegenwärtigen Ewigkeit. . .
Eine Hommage an Kurt Schwitters (es ist immer Merz), Hugo Ball, Marcel Duchamp, George Méliès, Fernand Leger, Alan Ginsberg, Timothy Leary, The Fugs, Ash Ra Tempel, Tomorrow Never Nows John Lennon und die Kirchenglocken vom Töpferdorf Fredelsloh.
Es sind Bilder der Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch in diesem Video verwendet worden. Ich danke der Künstlerin für ihre Freigiebigkeit.
Wenn Collage eine Kunstform ist, dann ist das hier Kunst. Merz ist es sowieso. Es grüßt der Dingefinder.
Ich möchte in diesem Blog Werke von Dichterinnen und Dichtern einstellen, welche mir bei meinen Streifzügen durch die Welt der Poesie begegnet sind, und die mir gefielen. So wird dies ein ganz persönliches Kompendium, von dem ich mir dennoch erhoffe, dass es auch anderen Menschen Freude macht. Also, viel Spaß beim Stöbern wünscht Dingefinder Jörg Krüger.
Sonntag, 20. November 2016
Dienstag, 12. Juli 2016
Novalis - Monolog
Novalis -
Monolog
Es ist
eigentlich um das Sprechen und Schreiben eine närrische Sache; das rechte
Gespräch ist ein bloßes Wortspiel. Der lächerliche Irrtum ist nur zu bewundern,
daß die Leute meinen - sie sprächen um der Dinge willen. Gerade das
Eigentümliche der Sprache, daß sie sich bloß um sich selbst bekümmert, weiß
keiner. Darum ist sie ein so wunderbares und furchtbares Geheimnis, - daß
wenn einer bloß spricht, um zu sprechen, er gerade die herrlichsten,
originellsten Wahrheiten ausspricht. Will er aber von etwas Bestimmten
sprechen, so läßt ihn die launige Sprache das lächerlichste und verkehrteste
Zeug sagen. Daraus entsteht auch der Haß, den so manche ernsthafte Leute gegen
die Sprache haben. Sie merken ihren Mutwillen, merken aber nicht, daß das
verächtliche Schwatzen die unendlich ernsthafte Seite der Sprache ist. Wenn man
den Leutennur begreiflich machen könnte, daß es mit der Sprache wie mit einer
mathematischen Formel sei. - Sie machen eine Welt für sich aus - sie
spielen nur mit sich selbst, drücken nichts als ihre wunderbare Natur aus, und
eben darum sind sie so ausdrucksvoll - eben darum spiegelt sich in ihnen das
seltsame Verhältnisspiel der Dinge. Nur durch ihre Freiheit sind sie Glieder
der Natur, und nur in ihren freien Bewegungen äußert sich die Weltseele und
macht sie zu einem zarten Maßstab und Grundriß der Dinge. So ist es auch mit
der Sprache - wer ein feines Gefühl ihrer Applikatur, ihres
Taktes, ihres musikalischen Geistes hat, wer in sich das zarte Wirken ihrer
inneren Natur vernimmt, und danach seine Zunge oder seine Hand bewegt, der wird
ein Prophet sein, dagegen wer es wohl weiß, aber nicht Ohr und Sinn genug für
sie hat, Wahrheiten wie diese zu schreiben, aber von der Sprache selbst zum
besten gehalten und von den Menschen, wie Kassandra von den Trojanern,
verspottet werden wird. Wenn ich damit das Wesen und Amt der Poesie auf das
deutlichste angegeben zu glauben habe, so weiß ich doch, daß es kein Mensch
verstehen kann, und ich ganz was Albernes gesagt habe, weil ich es habe sagen
wollen, und so keine Poesie zustande kommt. Wie, wenn ich aber reden müßte? und
dieser Sprachtrieb zu sprechen das Kennzeichen der Eingebung der Sprache, der
Wirksamkeit der Sprache in mir wäre? und mein Wille nur auch alles wollte, was
ich müßte, so könnte das ja am Ende ohne mein Wissen und Glauben Poesie sein
und ein Geheimnis der Sprache verständlich machen? Und wär ich ein berufener
Schriftsteller, denn ein Schriftsteller ist wohl nur ein Sprachbegeisterter? –
(1798)
Mittwoch, 20. April 2016
10. 5. 2016: Lesung "Die verbrannten Dichterinnen und Dichter" in Fredelsloh
Dienstag, 10. 5. 2016 - Lesung mit Musik "Die verbrannten Dichterinnen und Dichter" im Café Klett in Fredelsloh
Beginn 19:30, Eintritt ist frei, eine Spende wäre nett
Anlässlich des Jahrestages der Bücherverbrennung werde ich aus Werken von verbrannten Dichterinnen und Dichtern lesen. Unter anderem Jura Soyfer, Gertrud Kolmar, Klabund, Kurt Tucholsky, HaHuBaley
Jura Soyfer: Menschwerdung
Menschen
sind wir einst vielleicht gewesen
Oder werden's eines Tages sein,
Wenn wir gründlich von all dem genesen.
Aber sind wir heute Menschen? Nein!
Wir sind der Name auf dem Reisepaß,
Wir sind das stumme Bild im Spiegelglas,
Wir sind das Echo eines Phrasenschwalls
Und Widerhall des toten Widerhalls.
Oder werden's eines Tages sein,
Wenn wir gründlich von all dem genesen.
Aber sind wir heute Menschen? Nein!
Wir sind der Name auf dem Reisepaß,
Wir sind das stumme Bild im Spiegelglas,
Wir sind das Echo eines Phrasenschwalls
Und Widerhall des toten Widerhalls.
Längst
ist alle Menschlichkeit zertreten,
Wahren wir doch nicht den leeren Schein!
Wir, in unsern tief entmenschten Städten,
Sollen uns noch Menschen nennen? Nein!
Wir sind der Straßenstaub der großen Stadt,
Wir sind die Nummer im Katasterblatt,
Wir sind die Schlange vor dem Stempelamt
Und unsre eignen Schatten allesamt.
Wahren wir doch nicht den leeren Schein!
Wir, in unsern tief entmenschten Städten,
Sollen uns noch Menschen nennen? Nein!
Wir sind der Straßenstaub der großen Stadt,
Wir sind die Nummer im Katasterblatt,
Wir sind die Schlange vor dem Stempelamt
Und unsre eignen Schatten allesamt.
Soll der Mensch in uns sich einst befreien,
Gibt's dafür ein Mittel nur allein:
Stündlich fragen, ob wir Menschen seien?
Stündlich uns die Antwort geben: Nein!
Wir sind das schlecht entworfne Skizzenbild
Des Menschen, den es erst zu zeichnen gilt.
Ein armer Vorklang nur zum großen Lied.
Ihr nennt uns Menschen? Wartet noch damit!
Gibt's dafür ein Mittel nur allein:
Stündlich fragen, ob wir Menschen seien?
Stündlich uns die Antwort geben: Nein!
Wir sind das schlecht entworfne Skizzenbild
Des Menschen, den es erst zu zeichnen gilt.
Ein armer Vorklang nur zum großen Lied.
Ihr nennt uns Menschen? Wartet noch damit!
(1936)
Hier geht´s zum Café Klett:
Sonntag, 21. Februar 2016
Friedrich Hölderlin - Die Eichbäume
| Naturdenkmal "Dicke Eiche" bei Fredelsloh |
Aus den Gärten komm ich zu euch, ihr Söhne des Berges!
Aus den Gärten, da lebt die Natur geduldig und häuslich,
Pflegend und wieder gepflegt mit dem fleißigen Menschen zusammen.
Aber ihr, ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen
In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel,
Der euch nährt` und erzog, und der Erde, die euch geboren.
Keiner von euch ist noch in die Schule der Menschen gegangen,
Und ihr drängt euch fröhlich und frei, aus der kräftigen Wurzel,
Unter einander herauf und ergreift, wie der Adler die Beute,
Mit gewaltigem Arme den Raum, und gegen die Wolken
Ist euch heiter und groß die sonnige Krone gerichtet.
Eine Welt ist jeder von euch, wie die Sterne des Himmels
Lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen.
Könnt ich die Knechtschaft nur erdulden, ich neidete nimmer
Diesen Wald und schmiegte mich gern ans gesellige Leben.
Fesselte nur nicht mehr ans gesellige Leben das Herz mich,
Das von Liebe nicht läßt, wie gern würd ich unter euch wohnen.
(Friedrich Hölderlin, 1796/8)
Mittwoch, 3. Februar 2016
Klabund - Ein Philosoph
Ein
Philosoph
Ein Philosoph schlug einen Kreis.
Wer weiß,
Was er damit bedachte.
Und siehe da
- wie hingeschnellt
Hat sich ein zweiter zugesellt,
Da war es eine Achte.
So geht´s den Philosophen meist,
Daß sie zwei nackte Nullen dreist
Zu einer Acht erheben.
Doch sehn sie das Exempel ein?
Nein.
Wo bliebe sonst ihr Leben?
Klabund (1890 – 1928)
Erschienen in der Satire-Zeitschrift „Das
Stachelschwein“ 3 / 1927.
„Das
Stachelschwein“ erschien von 1924 bis 1929 in Frankfurt am Main, Gründer war
der Kabarettist und Zeichner Hans Reimann. In der letzten Lebensphase des
„Stachelschwein“s organisierte er auch Autorenabende in Berlin. Die
zeitgenössische Presse berichtete: „Hans Reimanns piekende Monatsschrift hatte
in die Kunstkammer Wasservogel eingeladen. Bei einem Tee und anderen leiblichen
Genüssenstellten sich die Hauptmitarbeiter vor. Um es gleich zu sagen: der
Nachmittag war entzückend . . . Karl Schnog hatte die Conférence dieses
bissigen Kabaretts übernommen und plauderte witzig drauflos. Max Herrmann-Neiße
sprach ironisch-bittere und dennoch gefühlsstarke, von Musik getragene Gedichte
aus einer Kleinstadt und endete bei einem hymnischen, das Herz fast sprengenden
Liebeslied. Politisch-sarkastisch und Aktualitäten glossierend, kam Erich
Weinert. Den Vogel schoß der Chef ab. Schüchtern trat er mit einem
Electrola-Apparat aufs Podium, und zu untextierten Platten sprach er seine
Texte, inhaltlich unsere Zeit spiegelnd und musikalisch auf die Klänge aus dem
Koffer eingestellt. . . „
(Zitiert aus: „Bis
fünf nach zwölfe kleine Maus - Streifzug durch siebzehn satirische
Zeitschriften der Weimarer Republik“, herausgegeben von W. U. Schütte,
Buchverlag Der Morgen Berlin 1986)
Freitag, 1. Januar 2016
Friedrich Hebbel - Ich und Du
Ich
und Du
Wir träumten voneinander
Und sind davon erwacht.
Wir leben, um uns zu lieben,
Und sinken zurück in die Nacht.
Und sind davon erwacht.
Wir leben, um uns zu lieben,
Und sinken zurück in die Nacht.
Du tratst
aus meinem Traume,
Aus deinem trat ich hervor,
Wir sterben, wenn sich Eines
Im andern ganz verlor.
Aus deinem trat ich hervor,
Wir sterben, wenn sich Eines
Im andern ganz verlor.
Auf einer
Lilie zittern
Zwei Tropfen, rein und rund,
Zerfließen in Eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.
Zwei Tropfen, rein und rund,
Zerfließen in Eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.
Friedrich Hebbel, 1813 - 1863
Dienstag, 29. Dezember 2015
Klabund - Die Harfenjule
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| Die Harfenjule: Luise Nordmann mit ihrer Harfe |
Die Harfenjule
Emsig dreht sich meine Spule,
Immer zur Musik bereit,
Denn ich bin die Harfenjule
Schon seit meiner Kinderzeit.
Niemand schlägt wie ich die Saiten,
Niemand hat wie ich Gewalt.
Selbst die wilden Tiere schreiten
Sanft wie Lämmer durch den Wald.
Und ich schlage meine Harfe,
Wo und wie es immer sei,
Zum Familienbedarfe,
Kindstauf oder Rauferei.
Reich mir einer eine Halbe
Oder einen Groschen nur,
Als des Sommers letzte Schwalbe
Schwebe ich durch die Natur.
Und so dreht sich meine Spule,
Tief vom Innersten bewegt,
Bis die alte Harfenjule
Einst im Himmel Harfe schlägt.
Klabund (1890 - 1928) Für die Nazis, die seine Werke später verboten, seine Bücher verbrannten, war er ein „Asphaltdichter“, also in etwa ein entarteter und verjudeter Künstler, für die Kommunisten war er ein „bürgerlicher Individualitätstrottel“. Doch mit seinen Gedichten, die er in kleinen Heften, wie zum Beispiel der „Harfenjule“ veröffentlichen ließ, billig gedruckt und günstig zu haben, so wollte er es, traf er einen Volkston, der ihn bei den „kleinen Leuten“ beliebt machte.
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