Nocturno
Der Abend sinkt herab.
Die Seele, die tagsüber hastend und jagend
Dem Lauf der Ereignisse folgt,
Sinkt in dämmernde Ruh.
Die Kanten verschmelzen,
Eintöniges, wohltuendes Dunkel herrscht ringsum überall.
Aus dem Kampfe gezogen,
Vom Widerstande befreit
Klingen wieder die Saiten des entspannten Gemüts.
Zartfühlender wird die Seele
Und schluchzt manchmal
Ganz unbewusst
Im Traum.
Eugen Domansky, Lebensdaten nicht bekannt, aus der Zeitschrift Ver!, Herausgeber Karl F. Kocmata, Doppelheft 28/29 Dezember 1918 / Januar 1919
Das Bild ist von Odilon Redon (1840 - 1916)
Die Zeit
Noch kommt mit der Unsterblichkeit gepaart
die Zukunft ewig strömend zu dir her
und schafft auf ihrem unbewegten Meer
in dir den Wellenschaum der Gegenwart;
sie prallt in unergründlich schneller Fahrt
aufgischend an an deiner Seele Wehr
und bricht durch dich in einem Sturze, der
schon als Vergangenheit sich offenbart.
Bis eines Tages sich der Schaum zerstreut
und deiner Seele Balkenwerk zerfällt -
und Strom ist nicht mehr Strom, still steht die Zeit:
fort strömt die Zeit und trägt die tote Welt
auf ungeteilter Flut zur Ewigkeit,
wo sie mit ihrer Last als Wort zerschellt.
Gustav Sack, aus: Gesammelte Werke in zwei Bänden, herausgegeben von Paula Sack, Zweiter Band, S. Fischer Verlag, Berlin 1920
Gustav Sack, geboren am 28. Oktober 1885 in Schermbeck; „gefallen“ am 5. Dezember 1916 bei Finta Mare, Rumänien), Schriftsteller, Lyriker und Dramatiker.
Die Illustration ist von Cristoforo de Predis (1440 - 1486)
Der Traum
Er kam von Nirgendwo, er nahm mir leise
der Dinge Metermaß und Stundenglas
und gab mir, was ich lange schon vergaß,
zurück in wundersam verzerrter Weise:
Was einst ich stammelnd schrieb zu deinem Preise,
wird jetzt ein Jauchzen ohne Ziel und Maß -
ob deine Nacktheit, die ich nie besaß,
tanzt um mich weiße, fieberwilde Kreise!
Sie tanzt - ! du rast, du bist ganz tolle Glut,
umwogt von deines Haars wildgoldnen Strähnen
umkreist mich deine liebesgierge Wut
gleich einem Roß mit strumzerzausten Mähnen - -
oh schönen Traumes heiße Bilderflut,
aus der ich aufwach unter bitteren Tränen!
Gustav Sack, aus: Gesammelte Werke in zwei Bänden, herausgegeben von Paula Sack, Zweiter Band, S. Fischer Verlag, Berlin 1920
Gustav Sack, geboren am 28. Oktober 1885 in Schermbeck; „gefallen“ am 5. Dezember 1916 bei Finta Mare, Rumänien), Schriftsteller, Lyriker und Dramatiker.

Sonett auf das Revier im KZ Buchenwald
Da liegen sie in ihren weißen Betten,
Ein leises Atmen geistert durch den Raum,
In scheuen Augen glänzt ein schwerer Traum,
Was träumen sie? Von Brot und Zigaretten!
Von fernher klirren nur des Tages Ketten,
Des Lagers Schrei ebbt an des Hauses Saum.
Durchs Fenster blinzelt ein verschneiter Baum.
Zeitweilig schlägt der Tod die Kastagnetten.
Der Mann in Weiß, der seine Kranken pflegt,
Geht durch den Saal mit freundlichen Gebärden.
Unsichtbar ist die Bürde, die er trägt.
Ward solches Schicksal je gelebt auf Erden?
Da liegen Fiebernde, vom Schmerz zersägt,
Und zittern angstgepeitscht, gesund zu werden!
(Winter 1940)
Fritz Löhner-Beda, am 24 Juni 1883 als Fritz Löwy in Wildenschwert geboren. Er studiert Jura und promoviert 1905 an der Universität Wien zum Dr. jur. Vor dem Ersten Weltkrieg schreibt er Satiren, 1920 erscheint der Lyrikband „Ecce ego“. Als Librettist von Franz Lehárs Operette "Land des Lächelns" erlangt er 1928 Weltruhm.
Ende März 1938, nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich, wird er sofort verhaftet und am 1. April mit dem sogenannten "Prominententransport", dem ersten Transport von Österreichern, ins KZ Dachau eingeliefert. Im September 1938 wird er nach Buchenwald überstellt, arbeitet in der Strumpfstopferei und ab September 1939 im Gärtnerei-Kommando. Vergeblich hofft er, Franz Lehár werde sich für seine Freilassung einsetzen. Im Lager beteiligt er sich an Kleinkunst-Aufführungen für Mithäftlinge. 1938 dichtet er den Text des "Buchenwald-Liedes", den Hermann Leopoldi vertont. Im Oktober 1942 wird Fritz Löhner-Beda in das KZ Auschwitz-Monowitz deportiert. Beim Morgenappell wird er durch Schläge eines SS-Mannes so schwer verletzt, daß er am 4. Dezember 1942 stirbt.
Dein Name
Ich bin durch die einsame Nacht gegangen,
Als alles schlief.
Da erwachte die Erle, da erwachte die Eule,
Als ich deinen Namen rief.
Deinen Namen,
Den niemand kannte
Als ich allein.
Aber es hörten ihn alle, alle,
Und an Fenstern und Laden,
Auf Treppen und Stufen
Fragt jeder, ob jemand um Hilfe gerufen.
Und ich habe deinen Namen doch nur geflüstert
In der grenzenlos einsamen Nacht.
Lilli Haller, geboren am 3. Dezember 1874 als Elisabeth Gertrud Haller in Kandergrund; gestorben am 20. April 1935 in Zollikon, Schweizer Schriftstellerin.
Das Bild ist von Léon Spillaert (1881 - 1946)

Ich aber weiß. . .
. . . Ich aber weiß, ich seh dich manche Nacht,
In meine Träume klingt dein holdes Lachen,
Und meine Lippen murmeln oft im Wachen
Verlor'ne Wünsche, die an dich gedacht.
Und unaufhörlich legt sich Zeit zu Zeit ...
Verweht wie deine sind dann meine Spuren,
Bis zu den Mauern jener stillen Fluren,
Wo schweigsam Hügel sich an Hügel reiht.
Dann wird der Sturmwind um die Gräber weh'n,
Der wird mit seinen regenfeuchten Schwingen
Von Menschenglück und junger Liebe singen ...
Wir aber ruh'n und werden's nicht versteh'n.
aus: Leuchtende Tage. Neue Gedichte von Ludwig Jacobowski, Dritte Auflage Berlin 1908
Ludwig Jacobowski, geboren am 21. Januar 1868 in Strelno (Provinz Posen), gestorben am 2. Dezember 1900 in Berlin, war Lyriker, Schriftsteller und Publizist.
Über das literarische Schaffen hinaus liegt die Bedeutung von Ludwig Jacobowskis in seinem repräsentativen Wirken im Berlin der Jahrhundertwende. Die Verschmelzung jüdischer und abendländischer Kulturimpulse führten zu einem außergewöhnlich reichen Schaffen auf verschiedensten gesellschaftlichen Gebieten. Neben der reichhaltigen publizistischen Begleitung seiner Zeit ist hier auch sein volkspädagogisches Engagement zu nennen, besonders sein Versuch, mit „Zehnpfennig-Heften“ wertvolle Literatur für die breite Masse verfügbar zu machen. Seine Mitarbeit im 1890 gegründeten Verein zur Abwehr des Antisemitismus schlug sich auch in seinem Werk nieder.

Was ich von dir nicht weiß und nicht erriet
aus Worten und Gebärden - die noch keiner
gedeutet hat wie ich! - weil ich vermied,
an dir zu rätseln und dich so viel reiner
begriff in deinem Abgeschlossensein,
brach über mich in einem Traum herein:
da sah ich, wie du bist, wenn du dich gibst.
Und deine sanfte Hoheit, wenn du liebst,
war still und spendend über mich geneigt.
Die Schale war ich, die empfängt und schweigt. -
Nun kenn ich dich! Was du mir nie gegeben,
nie geben wirst, ist doch in meinem Leben!
Und ist, - ich stahl nicht, hab es nicht erschlichen! -
als hätte ich's geraubt und wär entwichen,
und straft mich schwer, wie Heiliges ergrimmt,
das freche Hand von seiner Stätte nimmt.
Und ward mir doch gereicht und offenbart,
als meine Seele dalag unbewahrt
und ungewarnt, - und hilflos, tagvergessen
hinnahm, was ihrem Los nicht zugemessen.
Ite Liebenthal, aus: Gedichte, Erich Lichtenstein Verlag, Jena 1921
Ite Liebenthal, Lyrikerin, geboren am 15. Januar 1886 in Berlin. Auch als ihre Schwester Erna und ihr Bruder Werner nach der Machtergreifung der Nazis emigrierten, blieb Liebenthal in Berlin. Zuletzt wohnte sie als Untermieterin in der Hektorstraße 3 in Berlin-Halensee. Am 27. November 1941 wurde sie zusammen mit 1052 anderen deutschen Juden vom Bahnhof Grunewald aus nach Riga deportiert.
Auch die Dichterin Marianne Rein wird am 27. November 1941 zusammen mit ihrer Mutter mit dem ersten aus Würzburg abgehenden Transport zusammen mit weiteren 200 Personen, darunter 40 Kindern und Jugendlichen, deportiert.
Die Deportierten wurden, so eine Überlebende, in den eiskalten Wirtschaftsgebäuden des Jungfernhofes bei Riga untergebracht. Von dort gingen ab Februar 1942 Transporte ab, zuletzt am 26. März 1942 ein Transport mit ca. 1700 Menschen. Alle Abtransportierten wurden am gleichen Tag in einem Wald bei Riga erschossen.
Der Dulder
Alle Worte haben mich verlassen.
Alle Seufzer werden stumm in meinem Munde.
Ach, ich leide.
Wüssten es die andern, wie ich leide,
weiser würden sie an meinen Schmerzen.
Doch ich schweige.
Marianne Dora Rein
Auch die Dichterinnen Margarete Eloesser und Gertrud Epstein wurden nach Riga deportiert.
Das Ziel des Deportationszuges, der am 25. Januar 1942 den Bahnhof Berlin-Grunewald verließ, hieß nicht Theresienstadt, sondern Riga. Die Fahrt dauerte zwei bis drei Tage. Historiker haben das Schick sal der Deportierten nach der Ankunft des Zuges auf dem Rangierbahnhof Skirotawa, etwa acht Kilometer nordöstlich von Riga, rekonstruiert. Nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft wurden die Deportierten zunächst ins Ghetto gebracht. Was danach mit ihnen geschah, liegt nach wie vor im Dunklen.
Trüber Tag
Grau ist der Himmel und so nah;
Leise Klage tropft der Regen –
Als ich aus dem Fenster sah,
Sprüht’s durchschaudernd mir entgegen –
Als ich still das Fenster schloß,
Fühlt ich dumpf mich und gefangen –
Und in meine Augen schoß
Jenes Nass, dem ich entgangen –
Und mit Augen – tränenblind –
Seh‘ ich durch getrübte Scheiben
Regenschleier, die vom Wind
Umgewirbelt ziellos treiben.
Margarethe Eloesser, aus: Vossische Zeitung, 1. August 1926
November
Ein Novembertag ist’s, grau in grau,
Und die ersten Flocken fallen –
Leise, leise tropft der weiße Tau,
Zögernd – feuchte Nebel wallen –
Schnell verschlungen ist der weiße Glanz,
Traurig starrt die nackte Erde –
Und mit fröstelnder Gebärde
Hüllt sie sich in Nebelschleier ganz.
Margarethe Eloesser, aus: Vossische Zeitung 14. November 1929
Verona
Am dunklen Bahnhof quillt die helle Stadt,
die um dich rauscht wie altes Seidenkleid.
Der Himmel ist ein blaues Jenseits;
weit umrundet Römerstein dich jäh; und glatt
und steil umkerkern dich die ew‘gen Stufen. –
Doch daß du nicht erstarrst in Rom und Stein,
steh’n Tische auf der Straßen Gegenwart,
und bieten dir den weichen, roten Wein,
Musik und Eis. Doch schon fällt hart
und dunkel dir ein Danteschatten drauf,
von dem hinweg dich lachend rufen
nach ihrem Markt des Südens pralle Früchte. –
In Blumen träumt ein graues Liebesgrab.
Und alles glüht noch himmlischer erhöht,
wenn von der Adria ein Windhauch weht,
dem sie das blaue Wort „Venedig“ gab.
Gertrud Epstein, aus: Vossische Zeitung, 12. August 1928
„Eine besondere Anlage besitze ich in künstlerischer Hinsicht. Es sind lyrische Gedichte von mir in der Vossischen Zeitung und anderen Zeitschriften veröffentlicht, auch Märchenstücke für Kinder wurden von mir verfasst und mit gutem Erfolg aufgeführt. Diese Tätigkeit werde ich auch in Montevideo fortsetzen.“
Diese Auskunft über das eigene literarische Schaffen enthält der Lebenslauf, den Margarete Eloesser am 24. Juni 1939 in der Hoffnung niederschrieb, ihrer 1937 nach Uruguay emigrierten Tochter Elisabeth nachfolgen zu können. Doch Am 23. Oktober 1941 unterbindet das Reichssicherheitshauptamt die Auswanderung von Juden durch ein allgemeines Ausreiseverbot. Bereits kurz vor diesem Verbot werden am 18. Oktober 1941 die ersten Juden aus Berlin deportiert. Drei Monate später befindet sich Margarete Eloesser unter den 1000 Berliner Juden, die am 25. Januar 1942 mit dem „10. Osttransport“ vom Bahnhof Grunewald aus nach Riga deportiert werden. Dort wurde sie kurz nach ihrer Ankunft ermordet.
Als „schüchterne, dunkle, junge Frau“ beschreibt die Vossische Zeitung Gertrud Epstein 1928, als ihre Erzählung „Hiob“ im Rahmen der „Morgenfeier der Jugend“ in der Funkstunde übertragen wurde. Die Erzählung ist bereits 15 Jahre vorher erschienen, Gertrud Epstein 43 Jahre alt. Es ist ihr einziger bekannter Auftritt in der Öffentlichkeit. Weitere Buchveröffentlichungen nach „Hiob“ sind bisher nicht nachweisbar, auch kein Bild von ihr, Einzelheiten über ihr Leben nur sehr spärlich überliefert. Dass sie vom Judentum zum Christentum konvertiert sei, meldet das „literarische Echo“ in seiner Besprechung von Hiob 1913. Dass sie Kindergärtnerin ist, kann man dem Fragebogen zu ihren Vermögensverhältnissen entnehmen, den sie ein paar Tage vor ihrer Deportation am 2. Januar 1942 ausfüllen musste.
Was bleibt sind zwei Bücher mit Erzählungen, etwas mehr als 20 Texte und Gedichte in der Vossischen Zeitung und Andeutungen darüber, dass es mehr Texte geben muss, irgendwo in alten Zeitungen verborgen.
Das Bild „Le damnés“ (1945) ist von dem Maler Felix Nussbaum, geboren am 11. Dezember 1904 in Osnabrück, ermordet nach dem 20. September im KZ Auschwitz – Birkenau.